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Edgar Wasser – Live-​Reportage und Analyse

Ähnlich, aber nicht gleich dem wütenden Rap-Battle-Mönch Absztrakkt gibt auch Herr Wasser keine Auskünfte und Interpretationshilfen durch Interviews. Es bleibt uns als Zuhörenden und Zusehenden somit überlassen, sein Werk zu hinterfragen: Was will die Person, die sich hinter dem mit "EW" bedruckten Superhelden-Umhang verbirgt, eigentlich? Spaß haben, Provokation schleudern, zum Nachdenken anregen, Geld verdienen, sich selbst therapieren – oder all das gleichzeitig und abwechselnd unterschiedlich gewichtet?

Der Prozess der Resonanz-Entsendung und -Annahme – feedback giving and recepting – ist erweiterter Teil des prozesshaften Kunstwerks selbst. Das weiß auch der Künstler, der, wie in Berlin am 18. März zum Ende der Aufführung hin passiert, die Zugeschaut-Habenden auffordert, ihm Resonanz beziehungsweise Rückkopplung entgegenzubringen. Hier soll das nach einmal Schlafen passieren – in schriftlicher, anstatt verbaler Form auf dem Konzert selbst.

Edgar Wasser ist der Krankeste, ... ein Mütter penetrierendes Rap-Phänomen.

Mit diesem Zitat präsentiert Edgar Wasser sich selbst, unterstützt von collagenhaft zusammengehefteten Stimmausschnitten anderer Rap-Klassiker, die DJ Explizit vom Plattenspieler in die Menge feuert. Am Rande: Explizit selbst könnte Edgars Onkel sein, ist Rückhalt und Fundament im Zweier-Live-Gespann und selbst ursprünglich ein Drittel der Münchner Traditionscombo "Main Concept".

Es ist ein eigentlich noch kalter Abend kurz vor Frühlingsanfang in Berlin. Beziehungsweise sind es bereits Morgenstunden: Der Hauptact der Rap-Area einer Großraumparty war eigentlich für zwei Uhr nachts angekündigt, dann für drei Uhr, dann wollte der Kölner Voract VierSpurJunge aber noch einen politischen Track über das Offline-Dasein rappen und der Ablauf verzögerte sich weiter. Am Eingang wurde nicht umsonst jede zweite Person nach dem Ausweis gefragt. Wir befinden uns hier dieses Mal aber nicht an den EU-Außengrenzen, sondern an den Grenzen der Volljährigkeit.

Edgar Wasser beherrscht sein Handwerk grandios. Der Studentenrapper, der laut eigener Analyse weniger Komplexe hätte, wenn er nicht so klein wäre, besitzt eine immense Bühnenpräsenz und wirkt wie genau in seinem Element, sobald er die Bühne betritt und der Beat einsetzt. Keinen Moment lässt er die Menge außer Blick, strahlt und greift mit weit geöffnetem Gesicht gleichzeitig fordernd und liebevoll keck in das Publikum, welches Texte mitruft oder auf die nächste Pointe wartet. Die Pointen – bitte in richtiger Aussprache im Kopf mitlesen – verstecken sich nämlich bei einem solchen Live-Erlebnis nicht nur in den ausgefeilten, schon von Aufnahmen bekannten Texten des Künstlers. Man findet sie auch in dessen dazukommenden Gesten, der Körpersprache, den Pausen, den meist offen gestellten, manchmal vorbereiteten und manchmal wohl auch improvisierten Fragen und Ansagen an die Anwesenden unterhalb des Bühnenrandes.

Der Rapper, dessen Arbeit nicht nur für Studierende der Kommunikationswissenschaften, Philosophie und Politik, sondern für alle Menschen mit geeigneten und genutzten Aufmerksamkeitsressourcen eine explodierende Schatzkiste darstellt, schafft es, seinen Textarbeiten live weitere Dimensionen zu verleihen. So werden auch sowieso schon herausfordernde Arbeiten wie zum Beispiel "Bad Boy" nochmals erweitert und dem Praxistest unterzogen. Zu jenem Track und Video hatte Edgar Wasser im Zuge einer als Promo-Track getarnten Selbstreflexion und -kritik schon vermerkt, dass er ins Nachdenken darüber komme, ob Stilmittel der Parodie und Satire immer zielführend sind oder auch in Selbstzweifel und Verachtung für das Publikum führen können. Damals, Ende 2014, zeitnah zur Veröffentlichung des Werks "Tourette-Syndrom", stellte er fest, dass ihm Zuhörende tatsächlich zustimmten, was dargestellte Sichtweisen und den Standpunkt gegenüber Frauen in der Rapwelt angingen.

Und auch hier, um vier Uhr morgens, erlebe ich als gereifter Sozialarbeiter und männlichkeitskritischer Feminist heranwachsende Männer um mich herum, die energisch und mit voller Inbrunst gerade jene Stellen von "Bad Boy" mitsprechen, die am brutalsten ausdrücken, was Frauen in der Rap-Welt und Restgesellschaft an Vorwürfen gemacht werden. Zum Beispiel, dass sie selbst schuld an Vergewaltigungen seien. Das Ganze bekommt eine noch ironischere – und je nach Blickwinkel auch tragischere – Note, wenn als zweiter Hit nach Beendigung des Sets von DJ Explizit und Edgar Wasser vom nachfolgenden DJ die originäre Version von "Bad Boy" von P. Diddy und Partnern und im Anschluss Snoop Dogg aufgelegt wird, was von den weiterfeiernden Massen ähnlich euphorisch aufgenommen wird wie davor jene Meta-Reflexionen des Rap-Journalisten Edgar Wasser.

Alles in allem empfehle ich so ein Spektakel möglichst jeder Person. Edgar Wasser interpretiert seine Werke nicht nur, sondern erweitert sie, interagiert wahrhaftig mit dem Publikum. Und zwar nicht nur, wenn er in einer Mischung aus vielleicht echtem Interesse und gleichzeitiger Parodie basisdemokratisch wirkender Volksbefragungen am Ende des Auftritts offen stellt, "jetzt Feedback und konstruktive Kritik" vom Publikum aus ins Mikro sprechen zu lassen – und das auch wirklich angenommen, aber durch die Inszenierung und Wiederherstellung der Macht-Asymmetrie durch den Mikrofon-Kontrolleur gebrochen wird. Sondern auch dann, wenn der Künstler den Pöbel fragt, wonach ihm gelüste: "Jetzt erst mal ein paar Witze zur Auflockerung, ein soziales Experiment oder einfach weiter mit Musik?"

 

Selbstinszenierung, Medienreflexion, Blitzkonsum und Soziologieseminar reichen sich hier nicht nur die Hände, sondern überkreuzen die Finger zu einem exorbitanten Gang Sign, welches aufgrund der selbstverschuldeten Verkrüppelung sowie des zur Schau gestellten Selbstbewusstseins und der provozierenden Schönheit zu faszinieren vermag.

Hier könnten noch mehr Details erwähnt werden, die Edgar Wasser erfrischend wie Wasser aus der Masse an Standardrappern emporragen lassen. Zum Beispiel, dass er in Brechtscher Art und Weise die beim Auftritt oft wenig wahrgenommenen Arbeiter und Arbeiterinnen – von Barpersonal bis zu Sound- und Lichtmischern – dankend ins Licht rückt und sie vom Publikum beklatschen lässt. Oder dass sein DJ tatsächlich macht, was wenige heute noch machen: Instrumentals auch mal mischen, überraschend ineinandergreifen und sich für einzelne Strophen abwechseln zu lassen. Aber all das, noch mehr und Neues sollte und kann hoffentlich selbst erlebt werden. Wir freuen uns auf kommende neue Veröffentlichungen. Und auch abseits davon auf weitere Live-Auftritte vom "Hannibal Lecter ohne Küchenuhr".

 

Wo und Wann? Berlin, Ritter Butzke, 18. März 2017

Wer? Edgar Wasser & DJ Explizit inklusive zweier Gäste: Juse Ju für "Übertreib nicht deine Rolle" und Mine für "Aliens"

Was? Intelligenter funky Boom bap-Rap mit Schaustellung, Provokation und Interaktion

Disclaimer: Meine Perspektive wird womöglich dadurch beeinflusst sein, dass ich als weiß und männlich gelesener 1984er-Jahrgang selbst (Backup-)Rapper, DJ, Veranstalter, Journalist, Sozialwissenschaftler, Gästelistenplatz-Privilegierter et cetera war und bin.

(Gastbeitrag von Politikwissenschaftler, HipHop-Aktivist und freiem Autor Lion Häbler)
(Bild von Daniel Fersch)