Wenn Zeilen le­ben­dig wer­den: Puffy Punchlines

HipHop gleich Rap – oder? Zugegeben: Rapmusik nimmt ei­nen gro­ßen Teil der Subkultur ein, was wohl auch ein Stück weit am stark an­ge­stie­ge­nen "me­dia­len Hype" der letz­ten Jahre liegt. Doch in Zeiten, in de­nen Sprechgesang re­gel­mä­ßig die Charts an­führt, rückt der ur­sprüng­li­che Community-Gedanke – zu­min­dest ober­fläch­lich be­trach­tet – zu­se­hends in den Hintergrund. Dabei gibt es nach wie vor ge­nug Menschen, de­ren Schaffen fernab von Booth und MPC statt­fin­det und die ih­rer­seits ei­nen nicht un­er­heb­li­chen Beitrag zur HipHop-Kultur leis­ten. In dem MZEE.com-Format "Das hat mit HipHop was zu tun" wol­len wir eben­diese Leute zu Wort kom­men las­sen, die sich in ir­gend­ei­ner Form, viel­leicht so­gar aus ei­ner tat­säch­li­chen Leidenschaft her­aus, mit HipHop aus­ein­an­der­set­zen, als "Nicht-Rapper" je­doch sel­ten im Rampenlicht ste­hen.

 

Puffy Punchlines ist und bleibt ein Phantom. Der Künstler hinter den grafischen Darstellungen deutsch- und englischsprachiger Rap-Zitate begründet den Fakt, dass man sein Gesicht in den sozialen Medien nicht zu sehen bekommt, ganz simpel: "Weil ich kackhässlich bin." Darüber hinaus amüsiert es ihn ungemein, dass die meisten Leute, die seine Arbeit verfolgen, bezüglich seiner Person voreilige Schlüsse ziehen – ein Umstand, der durchaus komische Früchte trägt. Es gäbe momentan nichts Besseres für ihn als den Inhalt seines Mail-Postfachs, erzählt er uns. Immer wieder werde er von Leuten voreilig abgestempelt und in Schubladen gesteckt. So erhalte er beispielsweise häufig Mails von wütenden Frauen, die ihn als fürchterlichen Sexisten sehen. "Dass es sich hier um Zitate handelt, sei mal dahingestellt", merkt er an. Außerdem müsse er sich regelmäßig mit Menschen beschäftigen, die Grundsatzdiskussionen über HipHop mit ihm führen wollen, was mitunter darin mündet, dass er wüst beschimpft wird. "Was für eine Scheiße. Dann erhalt' ich immer wieder Mails, in denen mir Dates angeboten werden, manchmal verschönert durch ein nettes Nacktbild." Es komme auch vor, dass er Mails von Rappern bekomme, die sich Feedback von ihm dazu erhoffen. Um eine fundierte Meinung zu erhalten, seien diese bei ihm jedoch an der falschen Adresse, merkt er an. "Und dann stehst du da und fragst dich, ob du sagen sollst, ob du Frau oder Mann bist. Alt oder jung. Hübsch oder hässlich. Dann wäre es doch nicht mehr so lustig. Und wie du aussiehst interessiert doch nicht. Eigentlich will ich das noch nicht, ich möcht' weiter die vielen Mails kriegen und mich amüsieren. Und Nacktbilder anschauen." – So resümiert er seine Entscheidung, weiterhin anonym zu bleiben.

Seit geraumer Zeit beglückt Puffy das Netz regelmäßig mit seinen Illustrationen. Den Output können seine Follower dabei stets über Instagram und Facebook verfolgen. Auch wenn man seine Werke erst seit knapp drei Jahren über die sozialen Medien bewundern kann, ist er bereits um einiges länger mit der Rapszene verbunden. Alles begann mit einem selbst aufgenommenen Tape von Cypress Hills Album "Black Sunday". "Da war ich 11 oder 12, als mir das in die Hände gedrückt wurde. Ab da war ich drin. Ich bin mit meinem 4You nach der Schule zum CD-Laden und hab' mein Taschengeld nicht mehr für Knoppers ausgegeben", erinnert sich Puffy. Neben der Liebe zur Musik kristallisierte sich auch schon sehr früh seine Leidenschaft für die Arbeit mit Stift und Papier heraus. Lange Zeit bevor er damit im April 2014 online gegangen ist, fertigte er bereits seine Zeichnungen an. Die Entscheidung, diese über die sozialen Netzwerke zu veröffentlichen, traf Puffy letztendlich, da er und sein Umfeld regelmäßig über seine Werke lachen mussten. Auf diese Weise würden auch andere etwas davon haben, begründet er den Schritt in die Öffentlichkeit.

Passend zu seinem Wunsch nach Anonymität ist Puffy Punchlines nicht primär darauf aus, möglichst bekannt zu werden. Auf die Frage, ob er auch weitermachen würde, wenn seine Illustrationen auf keinerlei Anklang stoßen würden, antwortet er: "Das ist eine gute Frage. Ich bin da vor zwei Jahren gestartet und hatte lange nur 50 Follower. Das war cool für mich. 50 ist eine gute Zahl. Natürlich waren das eigentlich nur Freunde." Dennoch entwickelte sich in ihm der Wunsch, mit seinen Arbeiten neben den eigenen Freunden auch noch andere Leute zu erreichen. Dank Falk Schacht, der als erster prominenter Vertreter der Rapszene eines seiner Bilder geteilt hat, gingen die Likes dann schnell durch die Decke. "Ich hab' gehört, kL52 hat ihm das gesteckt – danke! Und dann ging es los. Es kamen Mails, Anrufe ... Und seitdem hab' ich eigentlich durchgehend zu tun. Und wenn dann die Beginner, Tua, Curse, Savas und noch viele weitere einfach sagen: 'Yeah, wir mögen das', bin ich cool."

Über das Feedback der Beginner hat er sich dabei besonders gefreut. Sie waren so begeistert von Puffys Illustrationen, dass sie ihn angefragt haben, ob er das offizielle Merchandising für die anstehende Tour designen wolle. Die Hamburger Urgesteine traten an ihn heran, als das Motiv für die Shirts bereits existierte. "Das war natürlich mega! Und dann stehst du da auf dem Konzert und hunderte Leute tragen das. Ich weiß nicht, aber gerade gibt es nichts Geileres", gibt der Künstler stolz zu. Neben der Arbeit für Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad zählt Puffy eine seiner ersten Verlosungen zu den schönsten Erlebnissen rund um seine Illustrationen – wegen der mehr als 300 Nachrichten, die in diesem Zusammenhang bei ihm ankamen. Auch ein kurzer Film, der gerade bis ins kleinste Detail geplant und von Jacco Kliesch realisiert wird, markiert ein persönliches Highlight. Der Nürnberger Filmemacher legt dabei das Hauptaugenmerk besonders auf den Inhalt und die Realisierung der gezeichneten Lines. Zudem wird die Person Puffy Punchlines näher beleuchtet. Die Dokumentation soll Mitte 2017 das Licht der Welt erblicken, es könne jedoch auch bis zum Ende des Jahres dauern, merkt Puffy an. Durch die vielen Mitwirkenden wäre ein recht großer Aufwand vonnöten, welcher sich letztendlich jedoch lohnen würde.

Auch wenn er hin und wieder Geld mit seinen Arbeiten verdient, ist es primär der Spaß an der Sache, der Puffy antreibt. Hauptberuflich ist er in der Werbebranche tätig, weshalb er keinen Druck verspürt, kommerziell mit seiner Kunst umgehen zu müssen. "Puffy ist mein Hobby und soll das auch bleiben", erklärt er. Darum verteilt er seine Werke auch zumeist, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Die Werke werden verlost oder zum Selbstkostenpreis angeboten. Außerdem könne er seine Werke nicht ohne Erlaubnis der jeweiligen Rapper verkaufen, wie er anmerkt: "Alleine schon um des Friedens willen." Doch im Umgang mit den zitierten Künstlern verläuft trotzdem nicht immer alles völlig reibungslos. Denn obwohl es sich lediglich um Zitate handele, habe er auch schon Abmahnungen erhalten. "Von wem, sag ich nicht, aber: Danke, Pisser!", äußert er sich zu dieser Problematik. Es geht Puffy nicht darum, sich eine goldene Nase zu verdienen. Stattdessen steht bei ihm die Liebe zur HipHop-Kultur sowie die Hommage an den jeweiligen Künstler im Mittelpunkt.

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Mit dem Merchandise-Design für die Comeback-Tour der Beginner konnte Puffy Punchlines 2016 seine Bekanntheit weiter steigern.

Über die vielen Jahre des Konsums von Rapmusik hat sich bei Puffy ein Faible für eine spezielle Art von Künstlern herauskristallisiert. Gemeint sind Rapper wie K.I.Z, Retrogott, Audio88 & Yassin oder Edgar Wasser – um nur einige zu nennen, deren Texte besonders durch den Einsatz einer Kombination aus kritischen Inhalten, Humor und Ironie auffallen. "Die sind die beste Mischung aus Cleverness und Wortgewandtheit", umschreibt der Illustrator diese Vorliebe. "Das ist das, was ich am meisten feier': Zu sehen, wie scheiße der Großteil der Menschen ist, und das Beste daraus machen. Und dazu die Unangepasstheit, so zu reden, wie man Bock hat. Ein Rhetorik-Professor sagte mal zu mir: 'Wenn du genügend in der Birne hast, kannst du auch mit Ausdrücken um dich werfen.' Das ist mein Leitsatz fürs Leben." Ein Freund mittelmäßiger Texte ist Puffy jedenfalls nicht. Die Zeilen, die er grafisch darstellt, müssen schon besonders gut sein. "Oder so stumpf, dass es weh tut. Dazwischen existiert für mich eigentlich nichts. Es gibt nichts Ekligeres als Einfallslosigkeit in dieser Hinsicht. Rap bleibt immer noch Musik. Gute Musik zu machen, ist ein Talent. Und das kann einfach nicht jeder."

Bei der Auswahl der einzelnen Zitate geht Puffy alles andere als wahllos vor. Die Kriterien, auf die er dabei besonders achtet, sind Durchdachtheit, Verständlichkeit und Illustrierbarkeit der jeweiligen Zeilen. Darunter fällt für ihn sogar Yung Hurns "Nein" – eine Arbeit, die trotz ihrer enormen Einfachheit durchaus gut angekommen ist. Hin und wieder versucht Puffy jedoch, auch den Wünschen seiner Freunde und Follower gerecht zu werden. "Ich geh' natürlich auch auf Vorschläge ein, ich habe hier einen riesigen Stapel neben mir liegen und versuch', nichts zu vergessen. Ich nehm' normalerweise nur die Zeilen, die ich auch feier'. Manche wenige kenn' ich noch nicht und dann bleib' ich erst mal auf den Liedern hängen." In den seltenen Fällen, in denen er in der Vergangenheit Zeilen von Rappern illustriert hat, deren Musik er persönlich gar nicht schätzt, war er stets unzufrieden mit dem Endresultat. Dann fühle er sich unbehaglich und wie ein Verräter seine Musikgeschmacks – so beschreibt er das Gefühl, das er dabei empfindet. Manche Rapper werden von ihm jedoch bewusst außer Acht gelassen, wenn es um die umsetzbaren Zitate geht. Namen möchte er allerdings keine nennen, denn auf einen spontanen Hausbesuch habe er keine Lust, merkt er scherzhaft an.

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Puffy legt bei der Zitatauswahl Wert auf eine gute Mischung aus Humor und Inhalt – gerne auch gesellschaftskritisch, wie man an den Illustrationen der Lines von Slowy und K.I.Z sehen kann.

Auch wenn es sich bei Puffy um eine Person handelt, die in der HipHop-Szene unterwegs ist und mit der optischen Ausarbeitung geschriebener Sprache arbeitet, sieht er sich nicht in einer Linie mit Graffiti Writern. "Ich hab' sehr viele Freunde aus dem Bereich und feier' das natürlich ohne Ende, aber ich bin eine absolute Null auf dem Gebiet", behauptet er. Stattdessen sieht er bezüglich seiner Arbeiten eher Parallelen zu Produkten alter Handwerkskunst, die nicht unbedingt mit der HipHop-Kultur in Verbindung gebracht werden. Die explizite Natur seiner Werke ist dabei jedoch das Zünglein an der Waage für den Künstler. Er komme aus der klassischen Zeichnerei, wie er uns erzählt. Und es sei genau das, was er auch machen wolle. "Bilder, die da so schön einfach geschrieben hängen, die die Omas mögen und in die Küche neben ihre Stickbilder hängen. Und dann die dazugehörige Schamesröte. Das bin einfach ich. Ein Reaktionen-Rauskitzler. Der, der in der Kirche Penis-Lieder dichtet. Ich hab' letztes Jahr mal das 'Mein Block'-Poster ausgestellt und die Reaktionen haben mich fast in die Hose machen lassen. Es gibt nichts Geileres. Das Gesicht eines Freundes meiner Eltern, der die Tittenfick-Braut im 3. Stock entdeckt hat, werd' ich nie vergessen."

Trotz des Nervenkitzels, den er in solchen Situationen empfindet, möchte er mit seinen Werken lediglich unterhalten, ganz anders als beispielsweise sein satirisch arbeitender Kollege Graphizzle Novizzle. Nichtsdestotrotz kann er dieser Herangehensweise eine Menge abgewinnen. "Wenn ich was feier', dann Satire", merkt er an. Seine Bilder ließen dazu jedoch keinen Raum. Er zitiere nur, erklärt er, und sei lediglich zur Unterhaltung da und nicht zur Meinungsbildung. Hin und wieder lässt er jedoch auch mal seine politische Meinung durchscheinen. Dies sei wichtig, satirisch könne man jedoch nur dann arbeiten, wenn man explizit Bezug auf nehme. "Graphizzle macht das ja mit dem Geschehen im und um Rap. Da muss ich passen. Ich les' bewusst keine News über Deutschrap oder die Szene allgemein. Warum denn auch? Das Einzige, was ich in letzter Zeit mitbekommen hab', ist, dass sich Fler irgendeine Unterhose über den Kopf gezogen hat und dass Bass Sultan Hengzt getriggert wurde wegen dem Titel eines Jennifer Rostock-Songs, der zufällig eine ähnliche Version seines zweiten Namenszusatzes ist. Was für eine lächerliche Scheiße. Wahrscheinlich würd' ich mich viel zu sehr aufregen. Ich bleib' lieber bei den Lines", erklärt er seine Sicht auf das Geschehen rund um die hiesige Szene.

Puffy geht es bei seinen Illustrationen primär um die Musik. Es gebe zwar durchaus noch weitere Musikgenres, die er nebenbei höre, Rap sei jedoch schon immer das größte Stück des Kuchens gewesen. Und das würde auch in Zukunft so bleiben, betont er. Für seine Zeichnungen wäre außer Rap ohnehin nichts infrage gekommen, schließlich werde hier die größte Textmenge transportiert. Außer seiner Liebe zur Musik gebe es allerdings auch noch einen weiteren Grund, mit den Illustrationen anzufangen: "Ich konnt' diese behinderten Carpe-Diem- und Be-Happy-Larifari-Fuck-You-Zitate nicht mehr sehen. Verpackt in perfekter, schnörkeliger Handschrift. Jetzt mal ernsthaft: Braucht man eine Anweisung, die da heißt: 'Positive Gedanken sind der Schlüssel zu einem positiven Leben'? Oder: 'Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum'? Ernsthaft? Das ist doch Hausmütterchen-Psychologie. Dann lieber ein gut ausgewähltes Zitat, bei dem man lachen muss oder schockiert ist oder irgendwas empfindet. Typografisch dann etwas mehr hingerotzt und schon passt das doch besser." Wer also auf der Suche nach Pseudo-Tiefsinnigem ist, wird bei Puffy nicht fündig. Und solange den Rappern dieser Welt die guten Ideen nicht ausgehen, hat der Illustrator auch in Zukunft stets genügend Material, um seine Follower mit hausgemachten Grafiken zu versorgen. Man kann sich also weiterhin auf Lines freuen, die von Puffy Punchlines um eine unterhaltsame optische Komponente erweitert wurden.

(Steffen Bauer)
(Fotos: Jacco Kliesch)