High Five: 02 /​​ 17 – mit u.a. Pimf, Xatar, Ahzumjot

Der Deutschrap­zir­kus ist ein um­trie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir je­den Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die ab­seits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren un­sere Redak­teu­re hand­ver­le­sene Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein be­son­ders per­sön­li­cher Bezug, ei­ne wich­tige Messa­ge oder ein run­des mu­si­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zelne Facet­ten der Rap­welt ge­bo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für un­sere "High Five"!

 

State­ment: Xatar

In Sachen Stra­ßen­rap gibt es die­se immer wie­der­keh­ren­de Authen­ti­zi­täts­fra­ge: Pas­sie­ren die Geschich­ten, die Künst­ler in ihren Tex­ten erzäh­len, auch wirk­lich so? Die Ant­wort: Ja – zumin­dest bei Xatar, der sei­ne Tex­te schein­bar lebt wie kein ande­rer. Nach­dem er sei­ne Stra­fe wegen Gold­raub im Gefäng­nis abge­ses­sen hat­te, folg­te kürz­lich der nächs­te Vor­fall. Vor der Köl­ner Bar "Noon" kam es zu einer Schie­ße­rei. Schnell wur­de klar, dass nicht nur Giwar, son­dern auch der Ban­ger Musik-​Künstler KC Rebell dar­in ver­wi­ckelt war. Es ist trau­rig genug, dass sich sol­che Sze­nen auf den Stra­ßen abspie­len. Umso erfreu­li­cher ist, dass es hier nun ein posi­ti­ves Ende gab. Die Nach­richt kam aus dem Nichts: Xatar ent­schul­digt sich in einem aus­führ­li­chen State­ment auf Face­book bei KC Rebell. Das AoN-​Oberhaupt plä­diert für mehr Frie­den und eine HipHop-​Szene, die sich frei­ma­chen sol­le von Gewalt, unnö­ti­gem Streit und Geil­heit auf Beef. Es gin­ge um mehr als Musik. Damit geht Xatar mit gutem Bei­spiel vor­an. In einer Welt, die von Ter­ror und Krieg über­schat­tet wird, soll­te der Zusam­men­halt stär­ker denn je sein und genau das beweist die­ses State­ment: "Ich las­se nicht mehr zu, dass wir uns unter­ein­an­der bekämp­fen."

 

Video: 257ers – Frü­her war bes­ser

"Frü­her war bes­ser." – Eine Aus­sa­ge, die man heut­zu­ta­ge fast schon mit Vor­sicht tref­fen muss. Zu schnell bekommt man den Stem­pel des Nörg­lers auf­ge­drückt oder befin­det sich in einem Kreis von augen­schein­lich Hän­gen­ge­blie­be­nen. Doch manch­mal staut es sich ein­fach zu sehr auf und muss raus. Der Trop­fen, der die­ses Fass zum Über­lau­fen bringt, kommt die­ses Mal von den 257ers. Von Anfang an gibt es in ihrem Musik­vi­deo die vol­le Ladung an Kind­heits­er­in­ne­run­gen: SNES, Nokia-​Fernseher, Video-​Recorder, Action­fi­gu­ren. Der Bild­schirm scheint unter die­ser Fül­le an lie­be­vol­len Details zu plat­zen. Das Kot­bur­schi Kol­lek­tiv nimmt den Zuschau­er mit auf eine Rei­se durch unzäh­li­ge neu inter­pre­tier­te Video­spiel­klas­si­ker. Eine Auf­zäh­lung wür­de an die­ser Stel­le den Rah­men spren­gen, doch gewiss wird selbst für Leu­te, die nicht zu 8-​Bit-​Fanatikern zäh­len, die eine oder ande­re Erin­ne­rung dabei sein. Nach gut vier Minu­ten rei­nem Nost­al­gie­wahn ist es dann auch schon vor­bei. Eine wun­der­vol­le Zeit­rei­se.

 

Song: Pimf – Ein­fach wie­der Muk­ke hören

Im Früh­jahr 2017 wagen sich nicht nur lang­sam die ers­ten Blu­men ans Tages­licht, son­dern auch eine deut­sche Rap-​Single nach der ande­ren. Und selbst wenn Bau­sa oder Ahzum­jot im Febru­ar wohl musi­ka­lisch mehr über­zeugt haben, ist es Pimf, der für mich den Track des Monats lie­fer­te. Weil er in zwei kur­zen 16ern auf den Punkt bringt, was auch mich im ver­gan­ge­nen Jahr enorm stör­te: Beef "zwi­schen Rap­per X und Rap­per Y", über­zo­ge­ne Promo-​Aktionen und die Gier nach lila Schei­nen. Ja, man hat wirk­lich bei vie­len das Gefühl, es "geht nur noch um Vor­schuss und Umsatz". Genau dem stellt Pimf sich ent­ge­gen und unter­streicht das ganz mit einem "Lasst uns ein­fach wie­der Muk­ke hören". Qua­si zurück zum Wesent­li­chen, weg vom Promo-​Getue für im Jah­res­takt erschei­nen­de Alben. Unter­stützt von einem atmo­sphä­ri­schen Marq Figu­li-Beat sagt der Hof­geis­ma­rer damit genau das aus, was sich manch ande­rer Rap­per zu Her­zen neh­men soll­te. Mög­lichst bevor sie sich Gedan­ken machen, mit wem man den Beef fürs nächs­te Album anfängt …

 

Instru­men­tal: Ahzum­jot – Trai­ning (prod. Ahzum­jot)

Seit Ahzum­jot mit der "Minus"-EP sei­nen Ansatz an Rap in gewis­ser Wei­se zurück­ge­setzt hat, scheint er pau­sen­los am Ackern zu sein. Mit "Luft & Lie­be" stand im März bereits sein vier­tes Release inner­halb nur eines Jah­res an. Doch damit nicht genug. "Trai­ning" fun­gier­te als groß­spu­ri­ge Ankün­di­gung, dass dies alles nur der Anfang sei. Die­se Ambi­ti­on unter­streicht der Rap­per mit dem star­ken Song über­zeu­gend. Es ist aber das pom­pö­se Instru­men­tal, das dem Track über­haupt erst das über­le­bens­gro­ße Gewicht ver­leiht, wel­ches er aus­strahlt. Klang­lich irgend­wo zwi­schen Dra­kes "Tro­phies" und Flie­ger­alarm­si­re­ne ange­sie­delt, klingt der von Ahzum­jot selbst pro­du­zier­te Beat ange­nehm unge­wöhn­lich. Deutschrap-​typische Hör­ge­wohn­hei­ten wer­den regel­recht gesprengt, sodass sich das Sound­bild per­fekt mit der trans­por­tier­ten Igno­ranz in Flow und Lyrics ver­bin­det. Das Ergeb­nis ist ein Ban­ger ganz neu­er Güte­klas­se. Man merkt, dass Ahzum­jot sei­nen eige­nen Kopf hat, was Musik angeht. Und dank sei­ner Fer­tig­kei­ten als Rap­per wie Pro­du­cer kann er die­sen immer wie­der ein­drucks­voll durch­set­zen.

 

Line: Mar­vin Game Klei­ne (feat. Bau­sa)

Ich bin der Bau­sa, der Typ, den du nicht als dein' Nach­bar willst – à la Jérô­me Boateng.

Rück­blick ins Jahr 2016. Der stell­ver­tre­ten­de AfD-​Vorsitzende Alex­an­der Gau­land löst eine bun­des­wei­te Dis­kus­si­on aus, indem er sagt: "Die Leu­te fin­den ihn als Fuß­ball­spie­ler gut. Aber sie wol­len einen Boateng nicht als Nach­barn haben." Wie abso­lut grenz­wer­tig und men­schen­ver­ach­tend eine sol­che Aus­sa­ge per se ist, soll dabei gar nicht zur Debat­te ste­hen. Viel wich­ti­ger ist, dass so etwas nicht in Ver­ges­sen­heit gerät. Und manch­mal reicht dafür eben auch schon eine Zei­le: "Ich bin der Bau­sa, der Typ, den du nicht als dein' Nach­bar willst – à la Jérô­me Boateng." Was an die­ser Zei­le von Bau­sa so groß­ar­tig ist? Die Line ver­bin­det die für Rap typi­sche Reprä­sen­ta­ti­on des eige­nen Stan­dings mit einem zeit­be­zo­ge­nen, augen­zwin­kern­den Ver­gleich, der genü­gend Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum bie­tet. Das alles vor­ge­tra­gen in klas­si­scher Baui-Manier, per­fekt poin­tiert durch eine epo­cha­le "Boateng"-Adlib – et voi­là, bes­ser geht es fast nicht.

(Fabri­zio Per­ri, Ben­ja­min Boro­witza, Lukas Päck­ert, Flo­ri­an Peking, Lukas Mai­er)
(Foto von Ste­phen Flad (Xatar))