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Pimf

Ein Samstagnachmittag Ende Januar. Ich sitze gemütlich bei einer Tasse Tee zu Hause und denke mir nichts Böses, als mein Telefon klingelt. Ein Redaktionskollege ist krank geworden und ich darf ihn beim Pimf-Interview vertreten. "Okay. Wann denn?" – "Jetzt." – "Jetzt?!" Alles klar. Aufgesprungen, zum Tengelmann geflitzt, um Batterien für das Diktiergerät zu kaufen. Nachricht von Pimf, als ich in einer ewigen Schlange an der Kasse stehe: "Hallo. Ich hab' nur noch eine Stunde Zeit. Dann beginnt die Bundesliga." – "Wir brauchen eh nur 30 Minuten." – "20 Euro dagegen." Er sollte Recht behalten. Das Interview dauert exakt 47 Minuten – aber endet pünktlich zwei Minuten vor Anpfiff Augsburg – Wolfsburg. Zu Beginn des Interviews stellen wir fest, dass es bereits unser sechstes gemeinsames Gespräch ist und ich vermutlich niemanden in den vergangenen zehn Jahren so oft wie Pimf interviewt habe. Dementsprechend persönlich fallen auch seine Antworten zu Themen wie Politik im deutschen Rap und dem Status hiesiger Rapmedien aus. Wir sprechen über sein Debütalbum "Memo", nachfolgende Schreibblockaden und die in wenigen Tagen folgende Platte "Justus Jonas". "Wahrscheinlich muss man das Ganze EP nennen, weil es nur acht Tracks sind", meint Pimf zwischendrin – und fügt hinzu: "Aber das Wort EP kann ich nicht leiden. Ich nenne es 'Platte'!" Außerdem dreht sich das Interview um Pimfs Unlust, am Deutschrap-Business zu partizipieren, aktuelle Entwicklungen wie Cloudrap sowie Live Battle-Formate, das Kinderhörspiel "Die drei ???" sowie die vier wichtigsten Deutschrap-Platten, die beim Hofgeismarer MC zu Hause im Regal stehen.

MZEE.com: Seit deinem letzten Album sind erst eineinhalb Jahre vergangen. Dennoch reflektierst du viel über die vergangene Zeit auf deiner aktuellen Single "So weit so gut". Was hat sich denn seit "Memo" alles bei dir geändert?

Pimf: (überlegt) Die Herangehensweise an Musik ist etwas lockerer und entspannter geworden. Ich sag' in dem Track ja auch: "Alles ist cool – egal, wohin es geht: passt schon." Ich denke, das hört man der Musik auch an. Der Hauptpunkt ist, nicht mehr so verkopft an Musik heranzugehen und alles todernst zu nehmen. Ansonsten ist alles beim Alten. Ich bin viel unterwegs gewesen, hab' viel gemacht, viel gechillt, viel gereist und mich inspirieren lassen. Einfach rummusiziert.

MZEE.com: Passend dazu hab' ich ein Zitat von deinen "SchneeBars": "Ich hab' locker ein halbes Jahr nicht mehr gerappt, denn ich hatte keinen Bock und keinen Spaß mehr an Rap." Wie kam es, dass nach einem erfolgreichen Album der Spaß am Rappen verloren ging? Eigentlich hättest du dadurch ja richtig Bock haben müssen.

Pimf: Ja, das stimmt. Das ist eine Frage, die ich mir auch oft gestellt hab'. Ich glaube, ich hab' mir selber ein bisschen Druck gemacht und mich verkrampft. Ich hatte direkt nach dem Album eine kleine Schreibblockade und bin in ein Loch gefallen. Ich war erst mal völlig euphorisiert: "Geil, jetzt geht's weiter". Und hab' dann gemerkt: Ich brauch' ein bisschen Abstand. Neue Inspiration und neue Eindrücke – denn ohne die kommt halt nichts Neues. Dann hat es ein Weilchen gedauert, bis ich aus diesem Loch wieder rausgekommen bin. Ich hab' wirklich ein halbes Jahr keine Texte geschrieben und Zeit gebraucht, um neuen Input zu sammeln.

MZEE.com: Du hast also nach "Memo" versucht, direkt weiter Musik zu machen, und dabei festgestellt, dass das nicht funktioniert.

Pimf: Ich hab' gedacht: "Es muss weitergehen, es muss jetzt was kommen." Weil ich mir den Druck gemacht habe, dass alles so schnelllebig ist. "Memo" kam ganz gut an und ich dachte, ich muss direkt wieder abliefern, sonst vergessen die mich alle. Ich bin auch ein sehr großer Skeptiker und zweifle an mir selbst. Ich hätte schon Sachen gehabt, die ich hätte sagen können. Und es gab auch noch Tracks, die ich geil fand und an denen ich jetzt zum Beispiel wieder arbeite. Manchmal tut es mir aber ganz gut, vom Musikmachen und der Szene Abstand zu nehmen. Weil ich auch kein großer Fan von den ganzen szeneinternen Abläufen bin und davon, wie das Business funktioniert. Ich war ein bisschen überfordert damit, das alles kennenzulernen, und brauchte einfach wieder ein bisschen Abstand.

MZEE.com: Wann kam der Punkt, an dem du dachtest: "Jetzt hab' ich wieder Bock, 'ne neue Platte zu machen"?

Pimf: Der erste Track der EP ist tatsächlich in der Promophase zu "Memo" entstanden. Und dann hab' ich über die Zeit hinweg immer mal wieder Songs gemacht. Ohne zu sagen: "Jetzt mach' ich ein Album". Es hat sich dann mit der Zeit herauskristallisiert, was das wird. Ich hab' auch noch mehr Songs gemacht, aber das Ganze war für mich in dieser Zusammenstellung stimmig. Dann hab' ich die Tracks gebündelt und hau' sie jetzt einfach raus.

MZEE.com: Und wann war deine neue EP "Justus Jonas" endgültig fertig?

Pimf: Das ist tatsächlich ein Weilchen her. Ich denke, das war vor bestimmt drei, vier Monaten. Es war fertig und lag einfach rum. Da hat es mich wieder gegraust vor dem ganzen Business-Kram. Am liebsten mach' ich halt einfach nur Musik ... Es macht mir furchtbar viel Spaß, zu Hause rumzusitzen und Musik zu machen. Das Drumherum macht mir jetzt gerade auch sehr viel Spaß, weil ich alles selber in der Hand habe, nah am Feedback der Leute bin und es sehr persönlich und angenehm ist. Aber grundsätzlich denke ich mir schon: "Och nö! Jetzt musst du wieder nach Berlin und da ein Interview machen ... Und dann musst du ein Video drehen, das Cover machen, es pressen lassen ..." Also hab' ich es erst mal liegen gelassen.

MZEE.com: Ist es nicht das Beste, eine Platte rauszubringen und Feedback von tausend Leuten zu bekommen?

Pimf: Ja, schon.

MZEE.com: Wie kann man dann zu faul sein, den Weg von "Es ist fertig" zu "Jetzt dürfen es alle hören" zu gehen?

Pimf: (überlegt) Es ist einfach Spaß. Was macht mir grad Spaß? Es hat mir superviel Spaß gemacht, das Ding fertig zu machen. Dann hatte ich Bock, Musik zu machen, und hab' einfach weiter Musik gemacht. Und weiter Musik gemacht. Und dachte: "Och, das jetzt rausbringen, verkaufen, bewerben ...". Das fällt mir schwer. Auch, nach draußen zu gehen: "Yo, Leute, jetzt geht's ab!" Es fällt mir sehr schwer, mich hinzustellen und zu sagen: "Leute, das ist krass. Kauft das mal."

MZEE.com: Das Gute ist ja: Wenn du die Platte dann rausgebracht hast, kannst du auch wieder live spielen.

Pimf: Hoffentlich. Aber: Mich juckt's gerade schon wieder in den Fingern, Mucke zu machen. Ich hab' zur Zeit megaviel Energie. Das kommt davon, dass ich so nah am Feedback bin, alles selber steuere und merke, dass es sehr simpel geht – ohne das ganze Amazon-Business und den Boxen-Kram. Ich kann Mucke machen und sie rausbringen – fernab von diesen ganzen Strukturen. Ich kann mir vorstellen, mich direkt nach "Justus Jonas" wieder im Studio einzubunkern. Und das Live-Spielen hab' ich nicht in der Hand. Wenn wer Bock hat, sehr gerne. Aber ich renn' nicht rum und bewerb' mich überall, dass ich auftreten darf. Wenn es nicht kommt, kommt es nicht. Dann mach' ich weiter Musik.

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MZEE.com: Hört man sich "Justus Jonas" an, hat man das Gefühl, dass du mit einigen Entwicklungen der deutschen Rapszene nicht ganz einverstanden bist – zum Beispiel mit Cloudrap oder dass politische Themen, die im Raum stehen, oft nicht aufgegriffen werden. Wie siehst du den allgemeinen Status der Deutschrapszene in diesen Tagen?

Pimf: Grundsätzlich ganz cool. Es gibt sehr viel guten deutschen Rap. Ich mag auch die Vielfalt und bin keiner, der grundsätzlich sagt, Cloudrap oder Trap ist scheiße. Da gibt's auch Sachen, die ich sehr geil finde. Ich bin kein hängengebliebener Backpacker, der grundsätzlich alles ablehnt. Aber ich bin schon einer, der eher klassischeres Zeug mag, hört und macht. Und ich finde, dass dadurch, dass es viel geilen Shit gibt, auch viel Müll davon abgekupfert wird. Ich finde es entspannter, in einem eigenen Kosmos zu musizieren und das ein bisschen zeitlos und unabhängig zu machen. Anstatt mit der Zeit zu gehen, weil genau das jetzt funktioniert. Es wirkt bei vielen Leuten aufgesetzt und das finde ich ein bisschen schade. Vor drei Jahren war das alles noch gar nicht da und wurde gehatet. Jetzt haben es zwei, drei Leute salonfähig gemacht und auf einmal ist es so: "Wow, krass, wir machen das jetzt auch." Ist ja auch cool, macht das ruhig alle. Aber da gibt es Leute, die vor vier Jahren noch übelst den Realkeeper-Boom bap-Rap gemacht haben. Auf einmal gibt es eine 180-Grad-Wendung und sie sind voll mit dem Hype gegangen. Das ist etwas, das ich – doof gesagt – einfach nicht real finde.

MZEE.com: Glaubst du, dass sich diese neue Bewegung sehr lange halten wird oder dass sie in ein paar Jahren wieder vorbei ist?

Pimf: Nee, ich glaub' schon, dass es eine neue Facette ist, die dazugekommen ist, sich etabliert hat und bleiben wird. Und wie gesagt: Ich find' cool, dass sie da ist.

MZEE.com: Auf "SchneeBars" erwähnst du auch, dass du niemals ein "verdammtes Kapitalgesicht" werden willst. Oftmals dreht es sich in der deutschen Rapszene um Charts und den monetären Erfolg. Wann kamst du an den Punkt, dass das nichts für dich ist?

Pimf: Das war für mich eigentlich schon immer klar. Natürlich möchte ich mit meiner Mucke auch Geld verdienen. Denn: Wenn ich Geld verdiene, kann ich weiter Musik machen und das ist, was mir Spaß macht. Es ist mein Hobby, aber gleichzeitig auch mein Job. Aber dieses Sellout-auf-Teufel-komm-raus-mäßige, das hat mich einfach schon immer angekotzt. Völlig unabhängig von Charts, Platzierungen und künstlichem Hype. Es gibt Rapper XY, der signt halt dort. Und dann wird er auf einmal von dem und dem gepostet und hier und da supportet. Plötzlich sagen die Leute: "Okay, das ist krass – weil mein großes Idol sagt, dass es krass ist." Das sind Anhängsel von größeren Rappern, die aufgebauscht werden. Auch von Medien. Unabhängig davon: Für mich als Künstler ist es keine Option, mich in ein gemachtes Nest zu legen und von anderen mittragen zu lassen, damit es funktioniert. Oder: "Ich leg' jetzt meine Mucke auf Hits aus, ich will da und da hin und das und das verkörpern." – Also, ich verkörper' gar nichts, Alter. Ich mach' meine Mucke, die ich bin. Und was du da reininterpretierst oder als mein Image siehst, das machst du daraus. Das will ich dir nicht aufzwingen.

MZEE.com: Ich würde gerne noch mal zum Punkt "Politik" zurückkommen. Du hast geäußert, dass du dir mehr politische Themen in deutschen Rapsongs wünschst. Es gibt einige Rapper, die öffentlich politische Standpunkte einnehmen. Dennoch wird kritisiert, dass Künstler oft über zu wenig politisches Hintergrundwissen verfügen. Wie stehst Du dazu?

Pimf: Ich bin ja grundsätzlich auch nicht der politischste Rapper. Ich interessier' mich aber einfach für die Welt und das Geschehen. Für das Wohl auf der Welt, wie sie sich verändert und wie es Menschen geht. Und das hängt natürlich auch mit Politik zusammen. Manche Sachen, finde ich, kann man nicht einfach so stehen lassen und da sollte man sich schon zu äußern. Ich will nicht, dass alle Rapper auf einmal voll den Politik-Rap machen. Ich sag' ja auch: "Ich wünsche mir ein bisschen Politik." Nicht, dass jeder Rapper alles bis ins letzte Detail ausdiskutiert. Aber ich wünsche mir von mehr Leuten klare Statements – zum Beispiel zur AfD-Scheiße. Ich finde, das ist ein Thema, bei dem man ganz klar sagen kann, dass es einfach bescheuert ist. Ich glaube, viele machen das nicht, weil sie denken: "Nicht, dass ich damit jemandem vor den Kopf stoße." Aber dafür brauchst du ja kein krass fundiertes Hintergrundwissen, um zu sagen: "Ey, das ist scheiße." Und das sollte man dann auch sagen. Das brannte mir einfach auf der Seele und ist das, was ich gerne möchte – dass Rapper sich nicht 'nen Kopf machen: "Okay, wenn ich mich gegen irgendwas stelle, dann kommt auch wieder Gegenwind." – Scheiß auf den Gegenwind! Es ist wichtig, dass sich ein paar Leute positionieren und Statements abgeben.

MZEE.com: Sieht man aber daran nicht auch, wie sehr sich die Rapszene in den letzten Jahrzehnten verändert hat? Wenn wir weit zurückblicken, geht es im Rap auf jeden Fall um politische und sozialkritische Themen. Das Ganze hat sich über die Jahre hinweg so sehr verändert, dass wir heute an dem Punkt stehen, an dem es nahezu etwas Besonderes ist, wenn ein Rapper politische Themen aufgreift. Ich finde es total absurd, dass wir jetzt darüber sprechen, dass manche Leute nur Musik machen, um Platten zu verkaufen, die jeder Trottel verstehen kann, nicht schwierig und weniger anspruchsvoll sind.

Pimf: Es gibt auch andere Situationen. Manche Leute rappen einfach und haben ihren Spaß. Bei denen würde ich nicht mal sagen, dass sie rappen, weil sie Geld verdienen wollen. Das ist auch vollkommen okay und geht mit der Vielfalt einher. Es ist ja Gott sei Dank nicht komplett ausgestorben, dass es politische oder sozialkritische Sachen gibt. Ich wünsche mir das aber auch viel mehr von Leuten, die groß sind und Einfluss haben. Da geht's mir nicht mal rein ums Politische. Gerade, wie du es gesagt hast: Musik muss mich auch als Hörer fordern und was in mir auslösen. Wenn ich mich hinsetze und einen Track schreibe, den jeder nachvollziehen kann, dann habe ich zwar eine Käuferschaft von 7 bis 77. Aber es catcht mich auf keiner Ebene. Ich will über Musik nachdenken, diskutieren und sie muss mir Anstöße geben, die noch nicht da sind. Wirklich große Künstler fordern mich da zu wenig.

MZEE.com: Ich hatte gestern ein Gespräch über deutsche Rapmedien und mich darüber beschwert, dass mir alles viel zu oberflächlich ist. Da wurde gesagt, dass die Konsumenten heute aber ganz andere als noch vor fünf Jahren sind, sich Magazine natürlich danach richten – und somit keine tiefgreifenden Inhalte mehr machen. Im Zuge dessen wüsste ich gerne, wie du den aktuellen Stand deutscher Rapmagazine empfindest.

Pimf: Ich finde es nachvollziehbar, dass Magazine Inhalte schaffen, die auf Resonanz stoßen. Ehrlich gesagt erwische ich mich selber auch manchmal, wie ich auf reißerische Headlines klicke. Ich verstehe, dass sie Geld verdienen wollen, Reichweite und Resonanz brauchen. Aber ich finde es schade, dass viele Rapmedien nur noch darauf ausgelegt sind: "Wir schaffen Content und legen nach Klicks fest, was relevant ist." Dann bringt halt das zwanzigste Fler-Interview immer noch mehr Klicks als ein Interview mit 'nem interessanten Untergrundkünstler. Das ist halt nicht relevant und da wird dann nur was Kleines zu gemacht. Da könnten die Medien viel mehr eingreifen und sich nicht nur nach Relevanz richten, sondern die Relevanz selber ein bisschen steuern. Ansonsten gibt es halt Medien, bei denen du immer die gleichen Leute siehst, weil es Homies von den Typen sind, die das machen. Obwohl das totaler Mumpitz ist. Während andere Leute komplett nicht existent sind. Dann sitzen sie im Jahresrückblick und es kommen Namen auf den Tisch, die letztes Jahr alles rasiert haben. Sie sitzen da und sagen: "Keine Ahnung, wer ist das?!" Es gibt Medien, die einfach in einem Mikrokosmos sind – und das ist dann leider auch der Mikrokosmos der Konsumenten. Es ist schade, dass das alles irgendwie so beschränkt wird.

MZEE.com: Vor ein paar Jahren hat Juse Ju in einem Interview gesagt, dass für ihn die "alte" Szene – wir fahren zu Jams in Buxtehude und spielen vor 20 Leuten – noch als "Szene in der Szene" existiert. Wie empfindest du das?

Pimf: Ich hab' das Gefühl, dass sie noch existiert – und das ist auch wieder das beste Beispiel. Diese Menschen finden einfach in zu wenigen Medien statt. Die Magazine werden bemustert, berichten vielleicht darüber oder über das, was gerade 'nen Hype hat. Aber dass sie sich selber mal auf die Suche machen und sagen: "Was geht noch? Wo gibt’s noch was? Was macht uns selber Spaß und worüber können wir berichten?" – das gibt es viel zu selten. Und die Szene gibt es auf jeden Fall, aber sie muss viel mehr Raum bekommen. Es gibt für außenstehende Leute kaum noch Andockpunkte an diese Szene. Du brauchst immer irgendeinen Kollegen, der sie feiert, kennt und dir was zeigt. Sonst hast du ganz schwer 'nen Zugang dazu und findest kaum rein. Da musst du dich richtig auf die Suche begeben und tief im Internet oder Plattenshops forsten, um sowas zu finden. Das finde ich sehr schade.

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MZEE.com: Guckst du eigentlich Live Battle-Formate?

Pimf: Nee, hab' ich früher mal geguckt. Ab und an gucke ich heute noch ein DLTLLY-Battle, aber bin ehrlich gesagt ein bisschen reizüberflutet. Es gibt zu viel und ich komm' nicht mehr hinterher. Vor 'nem Jahr hab' ich 'nen Flash gehabt und viel gesehen. Dann fand ich das Niveau nicht mehr so geil. Vor ein paar Monaten hab' ich wieder was gesehen, was ich richtig krass fand. Aber ich bin voll überfordert: Was soll ich gucken? Welche Rapper sind geil? Wenn ich schon reingucke, will ich alles auf dem Schirm haben – aber das ist mir gerade zu viel. Ich hör' dafür auch zu gerne Musik. Ich bin kein großer Acapella-Fan, sondern brauch' auch Beats.

MZEE.com: Kommen wir mal auf deine neue EP zu sprechen: Kannst du inhaltlich zusammenfassen, worum es geht? Bekommt man auch politische Themen zu hören?

Pimf: Es geht um mich. Um das, was mich beschäftigt, meine Sorgen, meine Probleme, mein Umfeld. Und es gibt eher weniger politische Themen zu hören. Ich hab' ja vorhin gesagt, dass ich schon wieder an neuen Sachen schreibe – die werden etwas politischer und sozialkritischer. "Memo" war rein autobiografisch, bei "Justus Jonas" blicke ich auch auf andere Dinge – ich gebe meiner Meinung auch zu szeneinternen Sachen Platz. Bei "Memo" habe ich mich gar nicht mit Rap und der Szene auseinandergesetzt. Und die neuen Sachen sind sozialkritischer und politischer – einfach auch, weil es ein Thema ist, das mich gerade beschäftigt.

MZEE.com: Mit dem EP-Namen "Justus Jonas" verbindet man ja verschiedene Personen: einen Reformator des 16. Jahrhunderts – der mir bis dato noch kein Begriff war –, eine Hauptfigur der drei ??? und ein M.O.R.-Mitglied. Hat dich eine dieser Personen dazu bewegt, den Titel zu wählen?

Pimf: Den Reformator habe ich ehrlich gesagt auch noch nicht gehört. Aber ja, es war eine  der Personen: Justus Jonas von den drei ???. Einfach, weil ich ein großer Fan bin, selber Jonas heiße und speziell den Justus Jonas-Charakter sehr geil finde. Das war eigentlich mehr oder weniger eine Schnapsidee. Ich fand den Namen irgendwie geil und dann haben wir das Ganze halt so genannt.

MZEE.com: Die Redaktion hat Charakterzüge vom "drei ???"-Jonas zusammengesucht, die du vermutlich alle kennen wirst: Er liebt es, zu essen, redet geschwollen, hält gerne Vorträge, ist clever, verabscheut Gewalt und jegliche Art der Bewegung ... Ist Justus Jonas der Dickere? Ich hab' das tatsächlich nie angehört.

Pimf: Ja, er ist der Chefdetektiv, der dicke, clevere, der am Ende alles auflöst. Peter Shaw ist der Sportliche, Bob Andrews derjenige, der für Recherchen zuständig ist. Und Justus ist der Kopf der Bande ... Ich finde, Justus Jonas ist ein sehr bedachter Typ, der sich gerne mal rauszieht, in seinem Kopf arbeitet, arbeitet, arbeitet. Und am Ende kommt er – bumm! – und löst den Fall. Ich würde mich in der Musikszene so beschreiben: "Ich zieh' mich zurück, mach' meine Musik. Und hier komm' ich, hier ist meine Musik und tschüss." Das ist bei Justus Jonas ähnlich. Er komponiert in seinem Kopf was zusammen, steht am Ende da und präsentiert die Lösung. Wenn du eine Gemeinsamkeit suchen willst, würde ich das nennen. Aber am Ende hat es nichts mit den Eigenschaften von Justus Jonas zu tun.

MZEE.com: Für "Justus Jonas" bist du kürzlich bei Lagunenstyles untergekommen. Worum genau handelt es sich dabei – ein Kollektiv, ein Label? Wer gehört alles dazu?

Pimf: Nenn es, wie du willst. Wir sind die Freundeskreis-Konstellation, mit der wir seit Jahren unterwegs sind und Musik machen. Kein Kollektiv im Sinne von: Wir sind Producer, Fotografen, Video-Menschen und coole Szene-Leute. Wir sind einfach Kumpels. Vorrangig sind das Kico und ich. Dazu gehören noch Schnürer, Grinch und Fritti. Die Jungs, die uns live seit Jahren begleiten. Wir bringen neue Musik einfach über unsere Webseite raus. Man kann es gerne Label oder Kollektiv nennen. Aber wir sitzen in keinem Friedrichshainer Büro und schlürfen unseren Caffè Latte. Sondern einfach ein paar Kumpels, die Mucke machen und sie auf Hobbybasis selbst rausbringen wollen. Dann haben wir das Ganze einfach Lagunenstyles genannt und uns von allem rausgelöst.

MZEE.com: Du hast vorhin schon gesagt, dass du richtig Bock hast, Musik zu machen und am liebsten direkt wieder ins Studio würdest. Besteht dennoch die Gefahr, dass du wieder die Lust auf Rap verlierst und die EP das letzte Pimf-Release war?

Pimf: (grinst) Also, erst mal: Ich muss nicht ins Studio gehen, ich hab' hier ein Mikro in meinem Zimmer stehen – und das ist mein Studio. Und, nee, das kann ich mir gerade schwer vorstellen. Weil ich das wieder zu meinem Hobby gemacht habe und es mir sehr viel Spaß macht, völlig losgelöst von allem Musik zu machen. Deshalb denke ich nicht, dass es mein letztes Release sein wird.

MZEE.com: Ganz anderes Thema: Wenn du so wie Savas unterwegs bist und noch mit 40 rappend auf Bühnen stehst – nennst du dich dann immer noch "Pimf"?!

Pimf: Das ist richtig bescheuert, ne? (lacht) Ich weiß es nicht. Wenn es so sein sollte, dann machen die Leute das auch mit und gewöhnen sich an den Namen. Für mich ist es nur ein Name, der draufsteht, damit du mich bei "P" in deiner iTunes-Mediathek finden kannst.

MZEE.com: Kommen wir langsam zum Ende: Es ist ja bekannt, dass du ein Nerd in Sachen deutscher Rap bist und leidenschaftlich CDs sammelst. Ich würde gerne wissen, welche CD das wichtigste Stück deiner Sammlung ist und woher du sie hast.

Pimf: Deutschrap? Wirklich jetzt? (überlegt) Das kann man doch so nicht sagen.

MZEE.com: Doch, ich wüsste sofort, was ich sagen würde.

Pimf: Das ist die beschissenste Frage der Welt. Wenn ich nur eine Sache sage, gibt es doch andere, die ich auch gerne sagen würde.

MZEE.com: Na gut, du darfst fünf sagen.

Pimf: Okay. Als erstes würde ich "Kamp & Whizz Vienna – Versager ohne Zukunft" sagen. Die CD hab' ich erst letztes Jahr von Sherin (Sherin Kürten, Managerin/Promoterin, Anm. d. Red.) zu Weihnachten geschenkt bekommen. Sie hat die mir klargemacht, weil ich sie noch nicht gekauft hatte. Jetzt steht die CD in meinem Regal und ich bin sehr, sehr glücklich darüber. Was noch sehr wichtig für mich ist, ist "Grau" von Tua. Und ein Album, das ich auch immer noch gerne und regelmäßig hör' und das mich sehr beeinflusst hat, ist "Zeit ist Geld" von Prinz Pi. Oder Prinz Porno, so hieß er ja damals noch. Ein weiteres wichtiges Album für mich ist "Von Innen nach Außen" von Curse. Boa, das sind jetzt voll die Classics. Aber belassen wir es mal bei denen ... Das sind CDs – wenn du die aus meinem Schrank nehmen willst, musst du dir vorher auf jeden Fall die Hände putzen. (beide lachen) Wirklich! Letztens sitzt Kico hier, frisst 'ne Tüte Chips, sagt: "Ich will mal das und das hör'n" – und geht an mein Regal. Und ich sag': "Ich kick' dich um, wenn du jetzt mit deinen Chips-Fingern da rumwühlst!"

MZEE.com: Wenn du noch etwas loswerden möchtest, kannst du es gerne jetzt sagen.

Pimf: Hm. Kannst Du mir Tipps geben für Tipico heute?

MZEE.com: Nein.

Pimf: Wolfsburg gegen Augsburg – wer gewinnt?

MZEE.com: Wolfsburg.

Pimf: Augsburg, oder?

MZEE.com: Nein.

Pimf: Auf jeden Fall! Das wollte ich noch sagen: Ich wette 'nen 10er auf Augsburg.

(Florence Bader)
(Bild 2 von Tobias Schnürer)