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Pimf

Ein Sams­tag­nach­mit­tag Ende Janu­ar. Ich sit­ze gemüt­lich bei einer Tas­se Tee zu Hau­se und den­ke mir nichts Böses, als mein Tele­fon klin­gelt. Ein Redak­ti­ons­kol­le­ge ist krank gewor­den und ich darf ihn beim Pimf-​Interview ver­tre­ten. "Okay. Wann denn?" – "Jetzt." – "Jetzt?!" Alles klar. Auf­ge­sprun­gen, zum Ten­gel­mann geflitzt, um Bat­te­ri­en für das Dik­tier­ge­rät zu kau­fen. Nach­richt von Pimf, als ich in einer ewi­gen Schlan­ge an der Kas­se ste­he: "Hal­lo. Ich hab' nur noch eine Stun­de Zeit. Dann beginnt die Bun­des­li­ga." – "Wir brau­chen eh nur 30 Minu­ten." – "20 Euro dage­gen." Er soll­te Recht behal­ten. Das Inter­view dau­ert exakt 47 Minu­ten – aber endet pünkt­lich zwei Minu­ten vor Anpfiff Augs­burg – Wolfs­burg. Zu Beginn des Inter­views stel­len wir fest, dass es bereits unser sechs­tes gemein­sa­mes Gespräch ist und ich ver­mut­lich nie­man­den in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren so oft wie Pimf inter­viewt habe. Dem­entspre­chend per­sön­lich fal­len auch sei­ne Ant­wor­ten zu The­men wie Poli­tik im deut­schen Rap und dem Sta­tus hie­si­ger Rap­me­di­en aus. Wir spre­chen über sein Debüt­al­bum "Memo", nach­fol­gen­de Schreib­blo­cka­den und die in weni­gen Tagen fol­gen­de Plat­te "Jus­tus Jonas". "Wahr­schein­lich muss man das Gan­ze EP nen­nen, weil es nur acht Tracks sind", meint Pimf zwi­schen­drin – und fügt hin­zu: "Aber das Wort EP kann ich nicht lei­den. Ich nen­ne es 'Plat­te'!" Außer­dem dreht sich das Inter­view um Pimfs Unlust, am Deutschrap-​Business zu par­ti­zi­pie­ren, aktu­el­le Ent­wick­lun­gen wie Clou­d­rap sowie Live Battle-​Formate, das Kin­der­hör­spiel "Die drei ???" sowie die vier wich­tigs­ten Deutschrap-​Platten, die beim Hof­geis­ma­rer MC zu Hau­se im Regal ste­hen.

MZEE​.com: Seit dei­nem letz­ten Album sind erst ein­ein­halb Jah­re ver­gan­gen. Den­noch reflek­tierst du viel über die ver­gan­ge­ne Zeit auf dei­ner aktu­el­len Sin­gle "So weit so gut". Was hat sich denn seit "Memo" alles bei dir geän­dert?

Pimf: (über­legt) Die Her­an­ge­hens­wei­se an Musik ist etwas locke­rer und ent­spann­ter gewor­den. Ich sag' in dem Track ja auch: "Alles ist cool – egal, wohin es geht: passt schon." Ich den­ke, das hört man der Musik auch an. Der Haupt­punkt ist, nicht mehr so ver­kopft an Musik her­an­zu­ge­hen und alles tod­ernst zu neh­men. Ansons­ten ist alles beim Alten. Ich bin viel unter­wegs gewe­sen, hab' viel gemacht, viel gechillt, viel gereist und mich inspi­rie­ren las­sen. Ein­fach rum­mu­si­ziert.

MZEE​.com: Pas­send dazu hab' ich ein Zitat von dei­nen "Schnee­Bars": "Ich hab' locker ein hal­bes Jahr nicht mehr gerappt, denn ich hat­te kei­nen Bock und kei­nen Spaß mehr an Rap." Wie kam es, dass nach einem erfolg­rei­chen Album der Spaß am Rap­pen ver­lo­ren ging? Eigent­lich hät­test du dadurch ja rich­tig Bock haben müs­sen.

Pimf: Ja, das stimmt. Das ist eine Fra­ge, die ich mir auch oft gestellt hab'. Ich glau­be, ich hab' mir sel­ber ein biss­chen Druck gemacht und mich ver­krampft. Ich hat­te direkt nach dem Album eine klei­ne Schreib­blo­cka­de und bin in ein Loch gefal­len. Ich war erst mal völ­lig eupho­ri­siert: "Geil, jetzt geht's wei­ter". Und hab' dann gemerkt: Ich brauch' ein biss­chen Abstand. Neue Inspi­ra­ti­on und neue Ein­drü­cke – denn ohne die kommt halt nichts Neu­es. Dann hat es ein Weil­chen gedau­ert, bis ich aus die­sem Loch wie­der raus­ge­kom­men bin. Ich hab' wirk­lich ein hal­bes Jahr kei­ne Tex­te geschrie­ben und Zeit gebraucht, um neu­en Input zu sam­meln.

MZEE​.com: Du hast also nach "Memo" ver­sucht, direkt wei­ter Musik zu machen, und dabei fest­ge­stellt, dass das nicht funk­tio­niert.

Pimf: Ich hab' gedacht: "Es muss wei­ter­ge­hen, es muss jetzt was kom­men." Weil ich mir den Druck gemacht habe, dass alles so schnell­le­big ist. "Memo" kam ganz gut an und ich dach­te, ich muss direkt wie­der ablie­fern, sonst ver­ges­sen die mich alle. Ich bin auch ein sehr gro­ßer Skep­ti­ker und zweif­le an mir selbst. Ich hät­te schon Sachen gehabt, die ich hät­te sagen kön­nen. Und es gab auch noch Tracks, die ich geil fand und an denen ich jetzt zum Bei­spiel wie­der arbei­te. Manch­mal tut es mir aber ganz gut, vom Musik­ma­chen und der Sze­ne Abstand zu neh­men. Weil ich auch kein gro­ßer Fan von den gan­zen szenein­ter­nen Abläu­fen bin und davon, wie das Busi­ness funk­tio­niert. Ich war ein biss­chen über­for­dert damit, das alles ken­nen­zu­ler­nen, und brauch­te ein­fach wie­der ein biss­chen Abstand.

MZEE​.com: Wann kam der Punkt, an dem du dach­test: "Jetzt hab' ich wie­der Bock, 'ne neue Plat­te zu machen"?

Pimf: Der ers­te Track der EP ist tat­säch­lich in der Pro­mo­pha­se zu "Memo" ent­stan­den. Und dann hab' ich über die Zeit hin­weg immer mal wie­der Songs gemacht. Ohne zu sagen: "Jetzt mach' ich ein Album". Es hat sich dann mit der Zeit her­aus­kris­tal­li­siert, was das wird. Ich hab' auch noch mehr Songs gemacht, aber das Gan­ze war für mich in die­ser Zusam­men­stel­lung stim­mig. Dann hab' ich die Tracks gebün­delt und hau' sie jetzt ein­fach raus.

MZEE​.com: Und wann war dei­ne neue EP "Jus­tus Jonas" end­gül­tig fer­tig?

Pimf: Das ist tat­säch­lich ein Weil­chen her. Ich den­ke, das war vor bestimmt drei, vier Mona­ten. Es war fer­tig und lag ein­fach rum. Da hat es mich wie­der gegraust vor dem gan­zen Business-​Kram. Am liebs­ten mach' ich halt ein­fach nur Musik … Es macht mir furcht­bar viel Spaß, zu Hau­se rum­zu­sit­zen und Musik zu machen. Das Drum­her­um macht mir jetzt gera­de auch sehr viel Spaß, weil ich alles sel­ber in der Hand habe, nah am Feed­back der Leu­te bin und es sehr per­sön­lich und ange­nehm ist. Aber grund­sätz­lich den­ke ich mir schon: "Och nö! Jetzt musst du wie­der nach Ber­lin und da ein Inter­view machen … Und dann musst du ein Video dre­hen, das Cover machen, es pres­sen las­sen …" Also hab' ich es erst mal lie­gen gelas­sen.

MZEE​.com: Ist es nicht das Bes­te, eine Plat­te raus­zu­brin­gen und Feed­back von tau­send Leu­ten zu bekom­men?

Pimf: Ja, schon.

MZEE​.com: Wie kann man dann zu faul sein, den Weg von "Es ist fer­tig" zu "Jetzt dür­fen es alle hören" zu gehen?

Pimf: (über­legt) Es ist ein­fach Spaß. Was macht mir grad Spaß? Es hat mir super­viel Spaß gemacht, das Ding fer­tig zu machen. Dann hat­te ich Bock, Musik zu machen, und hab' ein­fach wei­ter Musik gemacht. Und wei­ter Musik gemacht. Und dach­te: "Och, das jetzt raus­brin­gen, ver­kau­fen, bewer­ben …". Das fällt mir schwer. Auch, nach drau­ßen zu gehen: "Yo, Leu­te, jetzt geht's ab!" Es fällt mir sehr schwer, mich hin­zu­stel­len und zu sagen: "Leu­te, das ist krass. Kauft das mal."

MZEE​.com: Das Gute ist ja: Wenn du die Plat­te dann raus­ge­bracht hast, kannst du auch wie­der live spie­len.

Pimf: Hof­fent­lich. Aber: Mich juckt's gera­de schon wie­der in den Fin­gern, Mucke zu machen. Ich hab' zur Zeit mega­viel Ener­gie. Das kommt davon, dass ich so nah am Feed­back bin, alles sel­ber steue­re und mer­ke, dass es sehr sim­pel geht – ohne das gan­ze Amazon-​Business und den Boxen-​Kram. Ich kann Mucke machen und sie raus­brin­gen – fern­ab von die­sen gan­zen Struk­tu­ren. Ich kann mir vor­stel­len, mich direkt nach "Jus­tus Jonas" wie­der im Stu­dio ein­zu­bun­kern. Und das Live-​Spielen hab' ich nicht in der Hand. Wenn wer Bock hat, sehr ger­ne. Aber ich renn' nicht rum und bewerb' mich über­all, dass ich auf­tre­ten darf. Wenn es nicht kommt, kommt es nicht. Dann mach' ich wei­ter Musik.

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MZEE​.com: Hört man sich "Jus­tus Jonas" an, hat man das Gefühl, dass du mit eini­gen Ent­wick­lun­gen der deut­schen Rap­sze­ne nicht ganz ein­ver­stan­den bist – zum Bei­spiel mit Clou­d­rap oder dass poli­ti­sche The­men, die im Raum ste­hen, oft nicht auf­ge­grif­fen wer­den. Wie siehst du den all­ge­mei­nen Sta­tus der Deutschrap­sze­ne in die­sen Tagen?

Pimf: Grund­sätz­lich ganz cool. Es gibt sehr viel guten deut­schen Rap. Ich mag auch die Viel­falt und bin kei­ner, der grund­sätz­lich sagt, Clou­d­rap oder Trap ist schei­ße. Da gibt's auch Sachen, die ich sehr geil fin­de. Ich bin kein hän­gen­ge­blie­be­ner Back­pa­cker, der grund­sätz­lich alles ablehnt. Aber ich bin schon einer, der eher klas­si­sche­res Zeug mag, hört und macht. Und ich fin­de, dass dadurch, dass es viel gei­len Shit gibt, auch viel Müll davon abge­kup­fert wird. Ich fin­de es ent­spann­ter, in einem eige­nen Kos­mos zu musi­zie­ren und das ein biss­chen zeit­los und unab­hän­gig zu machen. Anstatt mit der Zeit zu gehen, weil genau das jetzt funk­tio­niert. Es wirkt bei vie­len Leu­ten auf­ge­setzt und das fin­de ich ein biss­chen scha­de. Vor drei Jah­ren war das alles noch gar nicht da und wur­de geha­tet. Jetzt haben es zwei, drei Leu­te salon­fä­hig gemacht und auf ein­mal ist es so: "Wow, krass, wir machen das jetzt auch." Ist ja auch cool, macht das ruhig alle. Aber da gibt es Leu­te, die vor vier Jah­ren noch übelst den Realkeeper-​Boom bap-​Rap gemacht haben. Auf ein­mal gibt es eine 180-​Grad-​Wendung und sie sind voll mit dem Hype gegan­gen. Das ist etwas, das ich – doof gesagt – ein­fach nicht real fin­de.

MZEE​.com: Glaubst du, dass sich die­se neue Bewe­gung sehr lan­ge hal­ten wird oder dass sie in ein paar Jah­ren wie­der vor­bei ist?

Pimf: Nee, ich glaub' schon, dass es eine neue Facet­te ist, die dazu­ge­kom­men ist, sich eta­bliert hat und blei­ben wird. Und wie gesagt: Ich find' cool, dass sie da ist.

MZEE​.com: Auf "Schnee­Bars" erwähnst du auch, dass du nie­mals ein "ver­damm­tes Kapi­tal­ge­sicht" wer­den willst. Oft­mals dreht es sich in der deut­schen Rap­sze­ne um Charts und den mone­tä­ren Erfolg. Wann kamst du an den Punkt, dass das nichts für dich ist?

Pimf: Das war für mich eigent­lich schon immer klar. Natür­lich möch­te ich mit mei­ner Mucke auch Geld ver­die­nen. Denn: Wenn ich Geld ver­die­ne, kann ich wei­ter Musik machen und das ist, was mir Spaß macht. Es ist mein Hob­by, aber gleich­zei­tig auch mein Job. Aber die­ses Sellout-​auf-​Teufel-​komm-​raus-​mäßige, das hat mich ein­fach schon immer ange­kotzt. Völ­lig unab­hän­gig von Charts, Plat­zie­run­gen und künst­li­chem Hype. Es gibt Rap­per XY, der signt halt dort. Und dann wird er auf ein­mal von dem und dem gepos­tet und hier und da sup­por­tet. Plötz­lich sagen die Leu­te: "Okay, das ist krass – weil mein gro­ßes Idol sagt, dass es krass ist." Das sind Anhäng­sel von grö­ße­ren Rap­pern, die auf­ge­bauscht wer­den. Auch von Medi­en. Unab­hän­gig davon: Für mich als Künst­ler ist es kei­ne Opti­on, mich in ein gemach­tes Nest zu legen und von ande­ren mit­tra­gen zu las­sen, damit es funk­tio­niert. Oder: "Ich leg' jetzt mei­ne Mucke auf Hits aus, ich will da und da hin und das und das ver­kör­pern." – Also, ich ver­kör­per' gar nichts, Alter. Ich mach' mei­ne Mucke, die ich bin. Und was du da rein­in­ter­pre­tierst oder als mein Image siehst, das machst du dar­aus. Das will ich dir nicht auf­zwin­gen.

MZEE​.com: Ich wür­de ger­ne noch mal zum Punkt "Poli­tik" zurück­kom­men. Du hast geäu­ßert, dass du dir mehr poli­ti­sche The­men in deut­schen Rap­songs wünschst. Es gibt eini­ge Rap­per, die öffent­lich poli­ti­sche Stand­punk­te ein­neh­men. Den­noch wird kri­ti­siert, dass Künst­ler oft über zu wenig poli­ti­sches Hin­ter­grund­wis­sen ver­fü­gen. Wie stehst Du dazu?

Pimf: Ich bin ja grund­sätz­lich auch nicht der poli­tischs­te Rap­per. Ich inter­es­sier' mich aber ein­fach für die Welt und das Gesche­hen. Für das Wohl auf der Welt, wie sie sich ver­än­dert und wie es Men­schen geht. Und das hängt natür­lich auch mit Poli­tik zusam­men. Man­che Sachen, fin­de ich, kann man nicht ein­fach so ste­hen las­sen und da soll­te man sich schon zu äußern. Ich will nicht, dass alle Rap­per auf ein­mal voll den Politik-​Rap machen. Ich sag' ja auch: "Ich wün­sche mir ein biss­chen Poli­tik." Nicht, dass jeder Rap­per alles bis ins letz­te Detail aus­dis­ku­tiert. Aber ich wün­sche mir von mehr Leu­ten kla­re State­ments – zum Bei­spiel zur AfD-​Scheiße. Ich fin­de, das ist ein The­ma, bei dem man ganz klar sagen kann, dass es ein­fach bescheu­ert ist. Ich glau­be, vie­le machen das nicht, weil sie den­ken: "Nicht, dass ich damit jeman­dem vor den Kopf sto­ße." Aber dafür brauchst du ja kein krass fun­dier­tes Hin­ter­grund­wis­sen, um zu sagen: "Ey, das ist schei­ße." Und das soll­te man dann auch sagen. Das brann­te mir ein­fach auf der See­le und ist das, was ich ger­ne möch­te – dass Rap­per sich nicht 'nen Kopf machen: "Okay, wenn ich mich gegen irgend­was stel­le, dann kommt auch wie­der Gegen­wind." – Scheiß auf den Gegen­wind! Es ist wich­tig, dass sich ein paar Leu­te posi­tio­nie­ren und State­ments abge­ben.

MZEE​.com: Sieht man aber dar­an nicht auch, wie sehr sich die Rap­sze­ne in den letz­ten Jahr­zehn­ten ver­än­dert hat? Wenn wir weit zurück­bli­cken, geht es im Rap auf jeden Fall um poli­ti­sche und sozi­al­kri­ti­sche The­men. Das Gan­ze hat sich über die Jah­re hin­weg so sehr ver­än­dert, dass wir heu­te an dem Punkt ste­hen, an dem es nahe­zu etwas Beson­de­res ist, wenn ein Rap­per poli­ti­sche The­men auf­greift. Ich fin­de es total absurd, dass wir jetzt dar­über spre­chen, dass man­che Leu­te nur Musik machen, um Plat­ten zu ver­kau­fen, die jeder Trot­tel ver­ste­hen kann, nicht schwie­rig und weni­ger anspruchs­voll sind.

Pimf: Es gibt auch ande­re Situa­tio­nen. Man­che Leu­te rap­pen ein­fach und haben ihren Spaß. Bei denen wür­de ich nicht mal sagen, dass sie rap­pen, weil sie Geld ver­die­nen wol­len. Das ist auch voll­kom­men okay und geht mit der Viel­falt ein­her. Es ist ja Gott sei Dank nicht kom­plett aus­ge­stor­ben, dass es poli­ti­sche oder sozi­al­kri­ti­sche Sachen gibt. Ich wün­sche mir das aber auch viel mehr von Leu­ten, die groß sind und Ein­fluss haben. Da geht's mir nicht mal rein ums Poli­ti­sche. Gera­de, wie du es gesagt hast: Musik muss mich auch als Hörer for­dern und was in mir aus­lö­sen. Wenn ich mich hin­set­ze und einen Track schrei­be, den jeder nach­voll­zie­hen kann, dann habe ich zwar eine Käu­fer­schaft von 7 bis 77. Aber es catcht mich auf kei­ner Ebe­ne. Ich will über Musik nach­den­ken, dis­ku­tie­ren und sie muss mir Anstö­ße geben, die noch nicht da sind. Wirk­lich gro­ße Künst­ler for­dern mich da zu wenig.

MZEE​.com: Ich hat­te ges­tern ein Gespräch über deut­sche Rap­me­di­en und mich dar­über beschwert, dass mir alles viel zu ober­fläch­lich ist. Da wur­de gesagt, dass die Kon­su­men­ten heu­te aber ganz ande­re als noch vor fünf Jah­ren sind, sich Maga­zi­ne natür­lich danach rich­ten – und somit kei­ne tief­grei­fen­den Inhal­te mehr machen. Im Zuge des­sen wüss­te ich ger­ne, wie du den aktu­el­len Stand deut­scher Rap­ma­ga­zi­ne emp­fin­dest.

Pimf: Ich fin­de es nach­voll­zieh­bar, dass Maga­zi­ne Inhal­te schaf­fen, die auf Reso­nanz sto­ßen. Ehr­lich gesagt erwi­sche ich mich sel­ber auch manch­mal, wie ich auf rei­ße­ri­sche Head­lines kli­cke. Ich ver­ste­he, dass sie Geld ver­die­nen wol­len, Reich­wei­te und Reso­nanz brau­chen. Aber ich fin­de es scha­de, dass vie­le Rap­me­di­en nur noch dar­auf aus­ge­legt sind: "Wir schaf­fen Con­tent und legen nach Klicks fest, was rele­vant ist." Dann bringt halt das zwan­zigs­te Fler-​Interview immer noch mehr Klicks als ein Inter­view mit 'nem inter­es­san­ten Unter­grund­künst­ler. Das ist halt nicht rele­vant und da wird dann nur was Klei­nes zu gemacht. Da könn­ten die Medi­en viel mehr ein­grei­fen und sich nicht nur nach Rele­vanz rich­ten, son­dern die Rele­vanz sel­ber ein biss­chen steu­ern. Ansons­ten gibt es halt Medi­en, bei denen du immer die glei­chen Leu­te siehst, weil es Homies von den Typen sind, die das machen. Obwohl das tota­ler Mum­pitz ist. Wäh­rend ande­re Leu­te kom­plett nicht exis­tent sind. Dann sit­zen sie im Jah­res­rück­blick und es kom­men Namen auf den Tisch, die letz­tes Jahr alles rasiert haben. Sie sit­zen da und sagen: "Kei­ne Ahnung, wer ist das?!" Es gibt Medi­en, die ein­fach in einem Mikro­kos­mos sind – und das ist dann lei­der auch der Mikro­kos­mos der Kon­su­men­ten. Es ist scha­de, dass das alles irgend­wie so beschränkt wird.

MZEE​.com: Vor ein paar Jah­ren hat Juse Ju in einem Inter­view gesagt, dass für ihn die "alte" Sze­ne – wir fah­ren zu Jams in Bux­te­hu­de und spie­len vor 20 Leu­ten – noch als "Sze­ne in der Sze­ne" exis­tiert. Wie emp­fin­dest du das?

Pimf: Ich hab' das Gefühl, dass sie noch exis­tiert – und das ist auch wie­der das bes­te Bei­spiel. Die­se Men­schen fin­den ein­fach in zu weni­gen Medi­en statt. Die Maga­zi­ne wer­den bemus­tert, berich­ten viel­leicht dar­über oder über das, was gera­de 'nen Hype hat. Aber dass sie sich sel­ber mal auf die Suche machen und sagen: "Was geht noch? Wo gibt’s noch was? Was macht uns sel­ber Spaß und wor­über kön­nen wir berich­ten?" – das gibt es viel zu sel­ten. Und die Sze­ne gibt es auf jeden Fall, aber sie muss viel mehr Raum bekom­men. Es gibt für außen­ste­hen­de Leu­te kaum noch Andock­punk­te an die­se Sze­ne. Du brauchst immer irgend­ei­nen Kol­le­gen, der sie fei­ert, kennt und dir was zeigt. Sonst hast du ganz schwer 'nen Zugang dazu und fin­dest kaum rein. Da musst du dich rich­tig auf die Suche bege­ben und tief im Inter­net oder Plat­ten­shops fors­ten, um sowas zu fin­den. Das fin­de ich sehr scha­de.

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MZEE​.com: Guckst du eigent­lich Live Battle-​Formate?

Pimf: Nee, hab' ich frü­her mal geguckt. Ab und an gucke ich heu­te noch ein DLTLLY-​Battle, aber bin ehr­lich gesagt ein biss­chen reiz­über­flu­tet. Es gibt zu viel und ich komm' nicht mehr hin­ter­her. Vor 'nem Jahr hab' ich 'nen Flash gehabt und viel gese­hen. Dann fand ich das Niveau nicht mehr so geil. Vor ein paar Mona­ten hab' ich wie­der was gese­hen, was ich rich­tig krass fand. Aber ich bin voll über­for­dert: Was soll ich gucken? Wel­che Rap­per sind geil? Wenn ich schon rein­gu­cke, will ich alles auf dem Schirm haben – aber das ist mir gera­de zu viel. Ich hör' dafür auch zu ger­ne Musik. Ich bin kein gro­ßer Acapella-​Fan, son­dern brauch' auch Beats.

MZEE​.com: Kom­men wir mal auf dei­ne neue EP zu spre­chen: Kannst du inhalt­lich zusam­men­fas­sen, wor­um es geht? Bekommt man auch poli­ti­sche The­men zu hören?

Pimf: Es geht um mich. Um das, was mich beschäf­tigt, mei­ne Sor­gen, mei­ne Pro­ble­me, mein Umfeld. Und es gibt eher weni­ger poli­ti­sche The­men zu hören. Ich hab' ja vor­hin gesagt, dass ich schon wie­der an neu­en Sachen schrei­be – die wer­den etwas poli­ti­scher und sozi­al­kri­ti­scher. "Memo" war rein auto­bio­gra­fisch, bei "Jus­tus Jonas" bli­cke ich auch auf ande­re Din­ge – ich gebe mei­ner Mei­nung auch zu szenein­ter­nen Sachen Platz. Bei "Memo" habe ich mich gar nicht mit Rap und der Sze­ne aus­ein­an­der­ge­setzt. Und die neu­en Sachen sind sozi­al­kri­ti­scher und poli­ti­scher – ein­fach auch, weil es ein The­ma ist, das mich gera­de beschäf­tigt.

MZEE​.com: Mit dem EP-​Namen "Jus­tus Jonas" ver­bin­det man ja ver­schie­de­ne Per­so­nen: einen Refor­ma­tor des 16. Jahr­hun­derts – der mir bis dato noch kein Begriff war –, eine Haupt­fi­gur der drei ??? und ein M.O.R.-Mitglied. Hat dich eine die­ser Per­so­nen dazu bewegt, den Titel zu wäh­len?

Pimf: Den Refor­ma­tor habe ich ehr­lich gesagt auch noch nicht gehört. Aber ja, es war eine  der Per­so­nen: Jus­tus Jonas von den drei ???. Ein­fach, weil ich ein gro­ßer Fan bin, sel­ber Jonas hei­ße und spe­zi­ell den Jus­tus Jonas-​Charakter sehr geil fin­de. Das war eigent­lich mehr oder weni­ger eine Schnaps­idee. Ich fand den Namen irgend­wie geil und dann haben wir das Gan­ze halt so genannt.

MZEE​.com: Die Redak­ti­on hat Cha­rak­ter­zü­ge vom "drei ???"-Jonas zusam­men­ge­sucht, die du ver­mut­lich alle ken­nen wirst: Er liebt es, zu essen, redet geschwol­len, hält ger­ne Vor­trä­ge, ist cle­ver, ver­ab­scheut Gewalt und jeg­li­che Art der Bewe­gung … Ist Jus­tus Jonas der Dicke­re? Ich hab' das tat­säch­lich nie ange­hört.

Pimf: Ja, er ist der Chef­de­tek­tiv, der dicke, cle­ve­re, der am Ende alles auf­löst. Peter Shaw ist der Sport­li­che, Bob Andrews der­je­ni­ge, der für Recher­chen zustän­dig ist. Und Jus­tus ist der Kopf der Ban­de … Ich fin­de, Jus­tus Jonas ist ein sehr bedach­ter Typ, der sich ger­ne mal raus­zieht, in sei­nem Kopf arbei­tet, arbei­tet, arbei­tet. Und am Ende kommt er – bumm! – und löst den Fall. Ich wür­de mich in der Musik­sze­ne so beschrei­ben: "Ich zieh' mich zurück, mach' mei­ne Musik. Und hier komm' ich, hier ist mei­ne Musik und tschüss." Das ist bei Jus­tus Jonas ähn­lich. Er kom­po­niert in sei­nem Kopf was zusam­men, steht am Ende da und prä­sen­tiert die Lösung. Wenn du eine Gemein­sam­keit suchen willst, wür­de ich das nen­nen. Aber am Ende hat es nichts mit den Eigen­schaf­ten von Jus­tus Jonas zu tun.

MZEE​.com: Für "Jus­tus Jonas" bist du kürz­lich bei Lagu­nenstyles unter­ge­kom­men. Wor­um genau han­delt es sich dabei – ein Kol­lek­tiv, ein Label? Wer gehört alles dazu?

Pimf: Nenn es, wie du willst. Wir sind die Freundeskreis-​Konstellation, mit der wir seit Jah­ren unter­wegs sind und Musik machen. Kein Kol­lek­tiv im Sin­ne von: Wir sind Pro­du­cer, Foto­gra­fen, Video-​Menschen und coo­le Szene-​Leute. Wir sind ein­fach Kum­pels. Vor­ran­gig sind das Kico und ich. Dazu gehö­ren noch Schnü­rer, Grinch und Frit­ti. Die Jungs, die uns live seit Jah­ren beglei­ten. Wir brin­gen neue Musik ein­fach über unse­re Web­sei­te raus. Man kann es ger­ne Label oder Kol­lek­tiv nen­nen. Aber wir sit­zen in kei­nem Fried­richs­hai­ner Büro und schlür­fen unse­ren Caf­fè Lat­te. Son­dern ein­fach ein paar Kum­pels, die Mucke machen und sie auf Hob­by­ba­sis selbst raus­brin­gen wol­len. Dann haben wir das Gan­ze ein­fach Lagu­nenstyles genannt und uns von allem raus­ge­löst.

MZEE​.com: Du hast vor­hin schon gesagt, dass du rich­tig Bock hast, Musik zu machen und am liebs­ten direkt wie­der ins Stu­dio wür­dest. Besteht den­noch die Gefahr, dass du wie­der die Lust auf Rap ver­lierst und die EP das letz­te Pimf-​Release war?

Pimf: (grinst) Also, erst mal: Ich muss nicht ins Stu­dio gehen, ich hab' hier ein Mikro in mei­nem Zim­mer ste­hen – und das ist mein Stu­dio. Und, nee, das kann ich mir gera­de schwer vor­stel­len. Weil ich das wie­der zu mei­nem Hob­by gemacht habe und es mir sehr viel Spaß macht, völ­lig los­ge­löst von allem Musik zu machen. Des­halb den­ke ich nicht, dass es mein letz­tes Release sein wird.

MZEE​.com: Ganz ande­res The­ma: Wenn du so wie Savas unter­wegs bist und noch mit 40 rap­pend auf Büh­nen stehst – nennst du dich dann immer noch "Pimf"?!

Pimf: Das ist rich­tig bescheu­ert, ne? (lacht) Ich weiß es nicht. Wenn es so sein soll­te, dann machen die Leu­te das auch mit und gewöh­nen sich an den Namen. Für mich ist es nur ein Name, der drauf­steht, damit du mich bei "P" in dei­ner iTunes-​Mediathek fin­den kannst.

MZEE​.com: Kom­men wir lang­sam zum Ende: Es ist ja bekannt, dass du ein Nerd in Sachen deut­scher Rap bist und lei­den­schaft­lich CDs sam­melst. Ich wür­de ger­ne wis­sen, wel­che CD das wich­tigs­te Stück dei­ner Samm­lung ist und woher du sie hast.

Pimf: Deutschrap? Wirk­lich jetzt? (über­legt) Das kann man doch so nicht sagen.

MZEE​.com: Doch, ich wüss­te sofort, was ich sagen wür­de.

Pimf: Das ist die beschis­sens­te Fra­ge der Welt. Wenn ich nur eine Sache sage, gibt es doch ande­re, die ich auch ger­ne sagen wür­de.

MZEE​.com: Na gut, du darfst fünf sagen.

Pimf: Okay. Als ers­tes wür­de ich "Kamp & Whizz Vien­na – Ver­sa­ger ohne Zukunft" sagen. Die CD hab' ich erst letz­tes Jahr von She­rin (She­rin Kür­ten, Managerin/​Promoterin, Anm. d. Red.) zu Weih­nach­ten geschenkt bekom­men. Sie hat die mir klar­ge­macht, weil ich sie noch nicht gekauft hat­te. Jetzt steht die CD in mei­nem Regal und ich bin sehr, sehr glück­lich dar­über. Was noch sehr wich­tig für mich ist, ist "Grau" von Tua. Und ein Album, das ich auch immer noch ger­ne und regel­mä­ßig hör' und das mich sehr beein­flusst hat, ist "Zeit ist Geld" von Prinz Pi. Oder Prinz Por­no, so hieß er ja damals noch. Ein wei­te­res wich­ti­ges Album für mich ist "Von Innen nach Außen" von Cur­se. Boa, das sind jetzt voll die Clas­sics. Aber belas­sen wir es mal bei denen … Das sind CDs – wenn du die aus mei­nem Schrank neh­men willst, musst du dir vor­her auf jeden Fall die Hän­de put­zen. (bei­de lachen) Wirk­lich! Letz­tens sitzt Kico hier, frisst 'ne Tüte Chips, sagt: "Ich will mal das und das hör'n" – und geht an mein Regal. Und ich sag': "Ich kick' dich um, wenn du jetzt mit dei­nen Chips-​Fingern da rum­wühlst!"

MZEE​.com: Wenn du noch etwas los­wer­den möch­test, kannst du es ger­ne jetzt sagen.

Pimf: Hm. Kannst Du mir Tipps geben für Tipi­co heu­te?

MZEE​.com: Nein.

Pimf: Wolfs­burg gegen Augs­burg – wer gewinnt?

MZEE​.com: Wolfs­burg.

Pimf: Augs­burg, oder?

MZEE​.com: Nein.

Pimf: Auf jeden Fall! Das woll­te ich noch sagen: Ich wet­te 'nen 10er auf Augs­burg.

(Flo­rence Bader)
(Bild 2 von Tobi­as Schnürer)