LUX, Cap Kendricks & Tom Doolie

Es ist dunkel und regnet. Da Winter in München für mich gleichzusetzen ist mit Schnee, habe ich natürlich keinen Regenschirm dabei und friere mir – gelinde gesagt – den, na ja, Dings, ab. 19:01 Uhr, Rotkreuzplatz. Ich schreibe eine wütende SMS an LUX: "Ich erfriere. Ich hab' kalte Füße und dann werde ich krank. Eure Schuld." Just im Moment des Abschickens entdecke ich die Umrisse von drei dick eingepackten Jungs. Mitten im Regen. Am vereinbarten Ort, während ich etwas entfernt unter einem Vordach stehe. Ich schäme mich kurz und steuere auf LUX, Cap Kendricks und Tom Doolie zu. Kurze Zeit später sitzen wir in einem sehr vollen und genauso lauten Lokal und schaffen es, uns für gute 50 Minuten anhand eines schönen Gesprächs weit weg zu beamen. Am Abend zuvor habe ich mir stundenlang die neue Platte "24|7 Powernap" der drei Mehr-oder-weniger-Münchner (Tom Doolie stammt aus Freising) angehört. Eine melancholische, entspannte Platte, welche ausschließlich nachts weit außerhalb der Stadt geschrieben, produziert und aufgenommen wurde. Pro Nacht ein Track, so lautet das Konzept am Ende. Passend zum Titel sprechen wir viel über Rap-ferne Themen wie Schlaf und Powernaps, Schlaflosigkeit und Träume: Was bedeutet Schlafen für die drei? Können Träume zu neuen Track-Ideen inspirieren? Und kann Schlaflosigkeit die Produktivität eines Künstlers steigern? Im Anschluss kommen wir auf die neue Platte zu sprechen, auf ihren jahrelangen Entstehungsprozess, auf Einflüsse und Vorbilder. Und zu guter Letzt findet sich bei einem der wenigen Münchner Rap-Interviews auch unsere gemeinsame Heimatstadt ein wenig wieder: Gibt es ihn, den München-typischen Sound? Was ist eigentlich mit der Münchner Rapszene und ihrem Ruf los und wie steht es um Lokalpatriotismus? Fragen über Fragen – und auf jede wurde eine Antwort gefunden. Auf dem Nachhauseweg erreicht mich eine SMS von LUX: "Scheinst ganz schön garstig zu werden, wenn dir kalt ist."

MZEE.com: Zu Beginn des Interviews wüsste ich gerne, passend zum Titel eurer Platte, von jedem von euch, was für ihn persönlich Schlafen bedeutet und ob es eher ein positiv oder negativ belegter Begriff ist.

LUX: (grinst) Schlafen ist für mich ein sehr positiv geprägter Begriff. Ich schlafe sehr gerne und sehr viel. Und ich hab' den Powernap perfektioniert. Das heißt, ich kann in jeder Situation, an jedem Ort und zu jeder Zeit einen kurzen Schlaf einlegen und bin danach wieder topfit.

MZEE.com: Sagst du das, weil es den Titel eurer Platte so schön widerspiegelt?

Tom Doolie: Nein, das ist wirklich so. Während dem Shooting zum Coverfoto unserer Platte ist er eingepennt ... (auf dem Bild ist LUX schlafend zu sehen, Anm. d. Red.) Einfach, während wir die Fotos gemacht haben. (LUX lacht)

Cap Kendricks: Ich finde, Schlafen ist Zeitverschwendung. Ich schlaf' eigentlich schon gern, aber am liebsten würde ich gar nicht schlafen. Es kommt aber immer auf die Situation an: Wenn ich schlafen muss, will ich nicht schlafen. Wenn ich nicht schlafen kann, bin ich müde und will schlafen. Und in Powernaps bin ich persönlich nicht so gut.

Tom Doolie: Also, was Powernaps angeht: Tagsüber pennen pack' ich gar nicht. Und ich finde es voll unangenehm, auszuschlafen. Ich hab' immer das Gefühl, ich verpass' irgendwas, und will immer raus. Schlafen ist deswegen schon ein bisschen Zeitverschwendung. Andererseits: Wenn mich keiner weckt, schlafe ich schon auch lang. Aber wenn ich länger als neun oder zehn Stunden schlaf', hab' ich immer das Gefühl, der halbe Tag ist schon vorbei. Klar, der Rhythmus verändert sich dann, du bist dann halt länger wach ... Und tagsüber schlafen geht sowieso gar nicht – da kann ich nicht einschlafen.

LUX: Bei mir ist es so: Wenn ich ausschlafe, wache ich auf und denk' mir: "Ja okay, jetzt wäre ich eigentlich fit und könnte aufstehen." – Und dann schlaf' ich trotzdem noch mal zwei Stunden. Einfach nur, weil ich ends Bock hab'. (grinst)

MZEE.com: Wie steht es um eure Erfahrungen mit Schlaflosigkeit? Kann sie zu besonderer Produktivität führen? Oder Produktivität umgekehrt zu Schlaflosigkeit?

Cap Kendricks: Ja, es kommt schon oft vor, dass man was macht und damit nicht aufhören kann. Dass man den Kopf nicht abschalten kann und dadurch nicht ins Bett geht. Oder, dass man im Bett liegt, drüber nachdenkt und nicht einschlafen kann. Dann ist es irgendwann morgens und dann muss man halt einfach mal schlafen. Was auch ein Thema ist: Wenn man lange nicht schläft, kommt man auf ganz andere Gedanken. Wenn du dich richtig auspowerst und nicht schläfst, denkst du auch anders. Vielleicht auch kreativer. Vor allem, wenn ich lange nicht geschlafen hab', fällt es mir noch schwerer  einzuschlafen. Dann wird's immer schlimmer.

MZEE.com: Ich würde zunächst gerne auf eure Dreierkonstellation eingehen. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit? Und woher und wie lange kennt ihr euch?

Tom Doolie: Es fing irgendwie so an: Ein Spezl von mir, auch ein alter Schwabinger, hat mir LUX gezeigt. Dann haben wir uns kontaktiert, er war zu der Zeit aber gerade in Madrid. Ich hab' ihm ein paar Beats geschickt und er hat auf einem der Beats einen sehr persönlichen Track zur Madrid-Geschichte geschrieben. Als er wiedergekommen ist, haben wir 'nen Song für unsere Platte gemacht – die Platte meiner vorherigen Crew. Dann hat sich bald eine Freundschaft entwickelt und es sind sehr schnell Songs entstanden. Bei denen wir dann auch zu dritt waren – bei den beiden (Cap und LUX, Anm. d. Red.) ist es ja so: Einer ohne den anderen geht nicht. (grinst) Die waren immer zu zweit. Und dann haben wir eben zu dritt Songs geschraubt. Es waren schnell mal ein paar da, die in einer ähnlichen Stimmung waren. Es war nicht so: Wir machen jetzt mal ein Album. Wir haben einfach Songs gemacht, alle in einer Stimmung und da hat sich die Platte rauskristallisiert.

MZEE.com: In welchem Jahr hast du ihm denn den ersten Beat geschickt?

Tom Doolie: (an LUX gerichtet) Wann warst du in Madrid?

LUX: 2012.

MZEE.com: Ach, Quatsch. Ich dachte, das wäre erst vor Kurzem gewesen.

LUX: Nee, nee. Das war tatsächlich vor bald fünf Jahren. Ich hab' zu dem Song sogar noch ein kleines Video in Madrid gemacht – das gibt es heute noch auf YouTube. Und 2013 waren wir das erste Mal im Studio. 2014 haben wir dann schon mit dem ersten Song für die neue Platte angefangen. Da sag' ich auch auf einem Song: "Ich bin jetzt 24 Jahre alt." Und heute bin ich 26.

Cap Kendricks: Das war der schnellste Arbeitsprozess ...

MZEE.com: Das heißt, ihr habt nicht durchgehend an dem Album gearbeitet, sondern über Jahre hinweg immer mal wieder einen Track gemacht.

Cap Kendricks: Genau. Es sind immer wieder einfach Songs entstanden.

MZEE.com: Kommen wir konkret auf die Platte zu sprechen: "24|7 Powernap" wurde ausschließlich nachts erschaffen. Wie groß war der Einfluss der Tageszeit auf den Sound?

LUX: Ziemlich stark. Die Tageszeit wirkt sich in meinen Augen tatsächlich sehr auf die Stimmung der Platte aus – es klingt dadurch wie "Nacht".

MZEE.com: Habt ihr eure Nächte über die Jahre hinweg immer im gleichen Studio verbracht oder ist die Platte an verschiedenen Orten entstanden?

Tom Doolie: Damals hatte Cap "nur" ein Bedroom-Studio bei sich zu Hause im WG-Zimmer. Das Headquarter hat sich zu der Zeit aber irgendwie aufgelöst. Und ich hab' halt ein ziemlich cooles Studio, in dem man auch recorden konnte. Die beiden waren ziemlich beeindruckt, als sie mal vorbeigekommen sind: "Boah, geil, hier kann man voll gut arbeiten!" Und so hat sich das dann ergeben: Dadurch, dass ich ein bisschen auswärts wohne (Freising, Anm. d. Red.), war es so, dass sie nicht immer wieder heimfahren konnten. Wenn sie mal da sind, sind sie da. Also war es so: Okay, machen wir einfach Sound – solange, bis wir einschlafen ...

LUX: ... Oder bis wir am nächsten Morgen mit der ersten S-Bahn heimfahren. Das war wirklich cool – es ist ein richtiges Haus mit Garten. Da ist eine Küche mit Wohnzimmer. Oben ist das Studio. Das war ein bisschen wie Kurzurlaub für uns. Man fährt mit dem Zug oder der S-Bahn raus, ist 'ne Nacht da und entspannt völlig. Man kann das ganze Leben, das in der Stadt ist, ein bisschen hinter sich lassen.

MZEE.com Es wurde in jeder Nacht, in der ihr drei zusammensaßt, ein Track geschrieben, produziert und aufgenommen. Saßt ihr wirklich ganze Nächte an den einzelnen Tracks oder sind manche auch in ein paar Stunden entstanden?

Tom Doolie: Es kommt immer drauf an. Der Beat steht ja immer in den ersten zwei Stunden, würde ich sagen ...

LUX: ... Und dann bastelt man noch drei Stunden weiter.

Tom Doolie: Da gibt's dann noch Kleinarbeit. Der Vibe, das Gerüst, steht nach der ersten Stunde. Da hat er dann meistens im Hintergrund schon angefangen, Texte zu schreiben.

LUX: Der Titel stand dann meistens auch schon. Dafür haben sie ein Wort, das ich im Hintergrund gemurmelt hab', genommen und die Datei dann so genannt.

MZEE.com: Stand das Konzept von Anfang an, sich pro Track nur eine Nacht Zeit zu lassen?

Tom Doolie: Das kam eigentlich aus der Situation heraus, dass sie eben immer den weiten Weg zu mir gefahren sind. Nachdem wir das zwei, drei mal gemacht hatten und in diesen Nächten gute Songs entstanden sind, haben wir irgendwann gesagt: "Morgen treffen wir uns wieder – und dann machen wir 'nen Song."

LUX: Einmal sind sogar zwei entstanden.

MZEE.com: Die Platte hat dadurch tatsächlich ein bisschen was von Urlaub ...

LUX: Wir bauen jetzt halt gerade ein Studio hier um die Ecke (in München, Anm. d. Red.), deshalb muss er (Tom, Anm. d. Red.) jetzt in die Stadt kommen. Dann wird der Sound auch bestimmt wieder anders ...

MZEE.com: Wenn man sich nur eine Nacht Zeit pro Track gibt – hat man nicht manchmal nach "einmal drüber schlafen" das Gefühl: "Oh man, ich will doch noch was ändern?"

LUX: Ein bisschen gehört diese Unperfektion auch zur Stimmung dazu, deshalb hab' ich es dann meistens so gelassen. Ich hab' im Nachinein kurz vor Abschluss des Ganzen nur noch ein paar Kleinigkeiten ausgetauscht. Drei, vier Songs sind auch gar nicht drauf, bei denen wir fanden, dass sie nicht so geil geworden sind oder von der Stimmung her nicht ganz dazu passen.

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MZEE.com: Ist euer Featurepartner Mikzn eigentlich auch mit aufs Land gefahren?

LUX: Ja. Und das ist der einzige Song, der nicht nachts entstanden ist, sondern tagsüber. Er heißt deshalb auch "Sonntags"; weil er an einem Sonntag entstanden ist ... Und das Video auch an 'nem Sonntag.

Tom Doolie: Das Witzige ist: Der Mikzn kommt eigentlich aus Freising. Und hat, als ich 14 war, auch noch da gewohnt. Er war für mich voll der Einfluss – ich fand ihn damals schon gut. Es ist echt witzig, dass wir jetzt – 13 Jahre danach – einen Song zusammen haben. Das ist schon ziemlich cool, muss ich sagen.

MZEE.com: Wie muss man sich den Produktionsprozess vorstellen – wie groß war der Einfluss untereinander? Gab es einen unter euch, der die kleine Ziege war und immer gesagt hat: "Was du da gemacht hast, geht gar nicht!"?

Cap Kendricks: (grinst) Joah, also ich bin eigentlich schon recht kritisch. Aber ich kann mich dann auch zurücknehmen. Es ist nicht so, dass ich dauernd sage: "Das ist voll scheiße, das kannst du gar nicht machen!" Vor allem beim Text sage ich aber vielleicht mal: "Komm, lass' mal ein bisschen in 'ne andere Richtung gehen ..."

LUX: Das ist ja auch im Prozess völlig okay.

Cap Kendricks: Und ich glaub', wir zwei (Tom und Cap, Anm. d. Red.) haben uns auf jeden Fall sehr stark beeinflusst. Wir haben verschiedene Herangehensweisen und das spornt mich schon immer sehr an. Es macht auf jeden Fall sehr Spaß, so zusammenzuarbeiten.

MZEE.com: Wenn man alleine an einer Platte sitzt, holt man sich oft Feedback von Leuten außerhalb. Wie war das bei euch, wo ihr zu dritt am Prozess beteiligt wart – wie viele Leute von außerhalb durften sich bei euren Tracks noch einmischen?

LUX: Gar keine. Das ist komplett unser Ding und das ist voll geil, weil es sich auch als Rapper viel mehr wie Musik machen anfühlt. Nicht so: Ich krieg' über's Internet irgendwas geschickt, schreib' dann und nehm' was auf, schick' es zurück und dann wird wieder weitergeschraubt. Man ist im ganzen Prozess mit drin und kann seinen Einfluss mit abgeben. Ich kann sagen: "Das würde ich anders machen ... Da gefällt mir der Sound, bring den doch noch mal rein." Dabei geht es um Details. Es ist nicht so, dass ich Drums einspiele, aber man hat trotzdem Einfluss und das ist voll geil.

Cap Kendricks: Ich find's auch voll wichtig, dass was gesagt wird. Im Raum. Da passiert einfach wieder was ganz Neues. Wenn du alleine dasitzt, bist es halt nur du. Aber so muss dir nur jemand sagen: "Hey, du könntest doch noch ..." Und dann passiert es halt einfach.

LUX: Und das ist textlich eben auch so – es ist voll geil, wenn dir jemand sagt: "Bist du dir bei der Zeile wirklich sicher?" Und wenn du dann nur 'ne Kleinigkeit veränderst, fühlst du dich danach selber besser. Wenn der Track schon fertig ist, dann ist das natürlich ein bisschen madig. Aber wenn das während dem Prozess passiert, ist es überhaupt nichts Negatives.

MZEE.com: Tom – ich habe gesehen, dass du das Artwork der Platte selbst gemacht und einen Instagram-Account mit ziemlich guten Bildern hast. Ist das Fotografieren nur Beiwerk oder schwankst du zwischen Produzieren und Fotografieren?

Tom Doolie: Boah, dankeschön. Also, das Fotografieren interessiert mich sehr stark und ich befasse mich privat damit viel. Ich mach' jetzt auch für Team Büro und das Estro-Kollektiv die Flyer und ein bisschen was für die Videos. Es taugt mir, ich mag's einfach voll gerne. Die Kamera und Fotos an sich sind auf jeden Fall eine große Leidenschaft von mir. Gelernt hab' ich's nicht – es ist learning by doing. Ich gehe privat auch ein bisschen den Weg in die Professionalität. Das heißt: Ich nehme mittlerweile auch Foto- und Grafik-Aufträge an.

MZEE.com: Apropos Artwork: LUX, wenn man sich mal mit deinem Auftritt in sozialen Medien beschäftigt und das Cover der neuen Platte sieht, kann man das Gefühl bekommen, dass du ständig auf Reisen bist. Gibt es grundsätzlich die Überlegung, mal eine Weile in der Ferne, in einem abgelegenen Haus Musik zu machen?

LUX: Wir beide (Cap und LUX, Anm. d. Red.) haben das letztes Jahr in der Schweiz tatsächlich gemacht.

Tom Doolie: Da war ich nicht dabei, ich bin den beiden immer noch sauer.

LUX: Wir haben dich eingeladen! Wir haben gesagt: "Komm mit dem Bus!"

Cap Kendricks: Wir haben das wirklich gemacht, das ist eigentlich das nächste Projekt ... Es sind sogar die nächsten zwei Projekte entstanden. Wie lange waren wir da? (überlegt) 13 Tage. Wir haben wirklich jeden Tag geschrieben und Beats gebaut.

MZEE.com: LUX, du bist schon ständig im Urlaub, oder?

LUX: Ich?! Ich bin nie im Urlaub! Ehrlich gesagt hab' ich das komplett organisiert. Also war das für mich auch Arbeit. Es war voll geil, aber ich hab' mich um alles gekümmert. Um alle Hotels, Flüge für alle, Yachten mieten ... (alle lachen) Und wenn wir da ein Album machen, dann ist das ja auch Arbeit. Wir haben jeden Tag Musik gemacht. Also gearbeitet.

Cap Kendricks: Es sind auch 18 Songs entstanden. Wir haben schon ... gearbeitet. Ich hab' mindestens 30 Beats gemacht. Aber vielleicht sollten wir das noch mal machen, damit wir das abschließen können.

LUX: Meine Familie hat auch ein Haus in Italien und da will ich das unbedingt auch mal machen. Das ist eigentlich der nächste Plan. Da hab' ich ends Bock drauf.

MZEE.com: Kommen wir auf den Sound von "24|7 Powernap" zu sprechen. Das Intro erinnert mich sehr an "Back" von Creme Fresh. Ist diese Zusammenstellung aus Melancholie, Sehnsucht und Entspannung ein München-typischer Sound?

Cap Kendricks: Also, ich würde nicht sagen, dass ich 'nen Münchner Sound hab'. Ich weiß auch gar nicht, wie ich den München-Sound einordnen soll und ob Creme Fresh München-Sound gemacht haben ... Das, was sie gemacht haben, war halt ein bestimmtes Gefühl zu einer bestimmten Zeit.

MZEE.com: Gibt es denn Einflüsse oder Vorbilder, die ihr bei der Platte hattet?

Tom Doolie: Ich hab' das nach dem letzten Interview ein bisschen reflektiert. Und ich glaub': Überhaupt gar nicht.

LUX: Ja, eigentlich überhaupt gar nicht. Klar, wir haben alle unsere Einflüsse. Aber es gab kein Konzept, das wir von Anfang an hatten. Oder dass wir gesagt hätten: "Wir machen jetzt die und die Richtung." Es ist alles einfach so entstanden.

Cap Kendricks: Ich würde immer sagen, Tom ist Einfluss auf mich gewesen. Und ich halt auch auf ihn.

LUX: Um noch mal zum München-Sound zu kommen: Also, ich hab' das auch früher alles richtig krass gefeiert, als kleiner Teenager. Und ich glaub' schon, dass man das bestimmt heute noch irgendwie hört und es immer auch Einfluss auf mich hatte und hat. Vielleicht rappe ich schon so, dass man merkt, dass ich ein Rapper aus München bin. Das kann ich mir gut vorstellen. Aber ich glaube, das war mal krasser und ich gehe davon immer weiter weg.

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MZEE.com: Der bayrische Einfluss war auf deinem letzten Release auf jeden Fall deutlicher zu hören.

LUX: Warum hat man das so krass gehört?

MZEE.com: Weil du auf jeden Fall andere Worte verwendet hast.

Tom Doolie: Ja, das stimmt schon.

Cap Kendricks: Das ist ja eigentlich auch gut. Wenn man hier aufgewachsen ist, dann übernimmt man halt meistens den Slang. Aber vielleicht ist Slang irgendwann nicht mehr so wichtig. Wenn man älter wird und sich auch mit anderen Menschen umgibt.

LUX: Mir wär' es halt viel zu langweilig, immer alles gleich zu machen.

Tom Doolie: "Des is so wie ich red" ist halt auch ziemlich voll mit Slang ...

LUX: Ja, ich weiß es nicht. Das war nicht bewusst. Ich hab' einfach immer Lust, neue und andere Sachen zu machen. Ich glaub', die nächsten Sachen, die kommen, sind auch wieder anders. Und ich will auch immer weiter weg von diesem ... Also, ich war halt früher schon krass lokalpatriotisch, mir war wichtig, woher ich komm'. Das wird mir immer unwichtiger. Denn darum geht's nicht. Es gibt wichtigere Geschichten. Es kann immer ein Einfluss sein, man kann's auch irgendwie raushören und ich mag's auch, wenn ich von anderen Rappern hör', dass sie ihren Lokalpatriotismus haben. Aber es ist einfach nicht so wichtig. Das habe ich vielleicht auch erst gelernt.

MZEE.com: Apropos Bayrisch: Findet ihr, dass es eine Münchner Rapszene gibt?

Tom Doolie: Also, es gibt Münchner Rap. Was ist 'ne Szene? Wenn man es von außen betrachtet, gibt es auf jeden Fall 'ne Münchner Szene, würd' ich sagen. Irgendwie kommt es mir schon so vor, dass viel passiert im Moment. Man würde sich irgendwie wünschen, dass mehr miteinander passiert – aber ich glaube, dass das irgendwie auch ein bisschen Wunschdenken ist. Im Endeffekt ist es gut, wenn verschiedene Baustellen entstehen. Und solange es keinen Streit untereinander gibt, finde ich es okay, wenn es sie gibt.

Cap Kendricks: In München gibt's nichts, über das man sich streiten kann.

Tom Doolie: Ich hab' manchmal schon den Eindruck, als gäbe es so eine Art unterschwelligen, nicht ausgesprochenen Streit. Weil man zum Beispiel nicht miteinander redet und sich nicht gegenseitig auf Veranstaltungen bookt.

Cap Kendricks: Weil auch viele Leute aus München mittlerweile sagen, es gibt wieder so 'ne Art Szene, muss ich wirklich dazu sagen: Ich finde schon, dass wir auch unseren Teil dazu beitragen. Wir versuchen, immer alle zu bedenken und irgendwas Cooles zu machen. Es gibt ja auch wirklich gute Rapper aus München.

MZEE.com: Nach außen hin hat die Szene ja meistens doch einen schlechten Ruf. Was denkt ihr, woran das liegt? Im Vergleich zu Berlin zum Beispiel.

Cap Kendricks: Na ja, das ist ja auch eine größere Stadt, sie hat mehr Rapper und alle ziehen da hin.

Tom Doolie: Ich glaube, dass es vielen – den Fans oder den Medien – einfach immer noch sehr wichtig ist, dass Rap dreckig, mit ekliger Sprache, Drogen und Bitches ist. Ich hab' das Gefühl, dass Leute, die über ein normales Leben rappen, daneben manchmal untergehen.

LUX: Es war ja noch nie so, dass man was Cooles über München gesagt hätte. Es ging immer nur um vereinzelte Bands. Natürlich Blumentopf vorangestellt, die den großen Mainstream-Sprung aus München raus geschafft haben. Es gab immer einzelne Crews oder Künstler. Und das liegt, glaube ich, am meisten daran, dass eine Struktur, um die Szene zu repräsentieren, in München fehlt. Das heißt, alle Städte, über die man sagt: "Die hatten 'ne Szene", hatten immer große und relevante Labels. Die sich zusammengeschlossen und Künstler als Szene-Verbund nach außen gebracht haben. Das hat es in München eigentlich nie gegeben.

Cap Kendricks: Das stimmt. Das gibt es einfach nicht. Sag mir ein großes HipHop-Label aus München ... Es gibt nur Universal oder so. Um aber als Künstler Aufmerksamkeit zu bekommen, brauchst du Medien und du brauchst Plattenfirmen. Es gibt vereinzelt Künstler in München, die was erreicht haben – aber die haben auch gute Leute hinter sich, die das ermöglichen. Die Künstler alleine würden das niemals auf die Reihe kriegen. Sie würden gar nichts schaffen und einfach nur Musik machen. Weil das nicht ihrem Naturell oder ihrem Aufgabenbereich entspricht.

LUX: Nach außen wirkt das aber halt dann so, als ob es hier nichts gibt. Weil die Leute in der Glockenbachwerkstatt bleiben, blöd gesagt. Wir sind da ja jetzt schon auf 'nem guten Weg, es auch raus zu schaffen. Deshalb versuchen wir es jetzt auch mit der Tour.

MZEE.com: Macht ihr Musik denn momentan beruflich? (alle schütteln den Kopf) Niemand?

Cap Kendricks: Ja, schon. Ich steck' die meiste Zeit da rein. Vom Gefühl her ist es irgendwie gerade schon mehr beruflich. Aber vom Geld ... Ich weiß ich nicht.

LUX: Vom Feeling her bin ich heute in diesem Jahr das erste Mal meiner anderen Arbeit nachgegangen. Ich hab' die letzten drei, vier Wochen full-time Musik gemacht. Aber es war eigentlich fast nur Business. Nur die Platte promoten. Wir haben nur wenig Neues in der Zeit gemacht. Es war hauptsächlich das Ganze drumherum, das halt auch wichtig ist.

MZEE.com: Zum Abschluss hin würde ich gerne noch mal auf das Thema "Schlaf" zurückkommen. Ich wüsste gerne, ob ihr in eurem Leben schon Träume hattet, die euch lange begleitet haben oder im Gedächtnis geblieben sind.

LUX: Ja, ich weiß einen. Ein krasser Traum, den ich auf jeden Fall schon öfter hatte, ist, dass wir auf einem fetten Festival spielen, das megapacked ist. Wir kommen auf die Bühne, fangen an, den ersten Song zu spielen – und alle gehen. (alle lachen) Also wirklich alle. Von Zehntausenden.

Tom Doolie: Vor der Releaseparty hast du doch auch geträumt, dass deine Stimme ausfällt und keiner kommt. (grinst) Und im Endeffekt rockst du die Stage dann.

Cap Kendricks: Also, ich würde meine Träume gerne mehr steuern können. Aber es geht irgendwie nicht.

Tom Doolie: Ich hatte als Kind manchmal Verfolgungs-Träume. Aber auch, wenn der Traum noch so intensiv ist, ist er bei mir nach zwei Tagen spätestens wieder weg. Einfach weg aus dem Gedächtnis. Ich kann mich aber an diese Träume tatsächlich erinnern – einmal hat mich ein Wolf verfolgt. Und einmal 'ne Kuh. (alle lachen) Da war ich noch endklein. Ich bin über den Kuhzaun gesprungen, hab' mich umgedreht und dachte: "Jetzt ist sie weg!" Und dann springt sie einfach auch über den Zaun. Damals war ich echt erstaunt. (grinst)

Cap Kendricks: Ich kann mich an meinen ersten Albtraum erinnern, aber ich kann ihn echt schwer in Worte fassen. Und ich kann mich auch nur vom Gefühl her dran erinnern. Das ist ganz komisch. Ich kann mich wirklich noch genau an diesen Tag erinnern. Ich war noch superklein. Und ich weiß, dass ich aufgewacht bin und super Schiss hatte.

MZEE.com: Sind Träume für Künstler eine Art Inspirationsquelle, sodass einem Text- oder Beat-Ideen im Schlaf einfallen und man beim Aufwachen die Idee hat?

Cap Kendricks: Ich träume manchmal schon solche Sachen. Zum Beispiel, dass ich einen richtig krassen Song hör'. Aber dann wache ich auf und er ist weg. Ich weiß dann: Es war voll geil, aber wahrscheinlich hast du nur irgendwas geträumt, das gar nicht reell oder wirklich da war. Etwas, das einfach nur im Traum geil war.

Tom Doolie: Ich glaube, bei mir ist es manchmal eher so: Wenn der Traum einen positiv in den Tag gehen lässt, dann wird die Musik, die man an dem Tag macht, positiver.

LUX: Also, bei meinem Traum denke ich, dass er eher einen positiven Einfluss auf mich hat. Weil ich dann auf der Bühne alles gebe und voll da bin, um zu verhindern, dass das aus dem Traum halt in echt passiert. Das ist ja auf jeden Fall auch positiv.

MZEE.com: Zu guter Letzt: Wie sieht es zukünftig aus: Werdet ihr nach der Tour weiter zu dritt Musik machen?

Tom Doolie: Ich mach' mit Cap gerade was Instrumentales. Und wenn das Studio fertig ist, werden bestimmt neue Songs entstehen. Wir werden auf jeden Fall keine getrennten Wege gehen. Ob es jetzt ein neues Album gibt? Schau'n mer mal.

LUX: An dem, was wir (LUX und Cap, Anm. d. Red.) in der Schweiz gemacht haben, wollen wir auf jeden Fall dran arbeiten und es fertig machen. Und unsere Crew Fellatricks Connection bringt dieses Jahr auf jeden Fall ihre erste EP raus.

MZEE.com: Möchtet ihr zum Abschluss noch irgendwas loswerden?

LUX: Ja: Beste Fragen zum Album auf jeden Fall von dir. Von allen Interviews, die wir bis jetzt gegeben haben.

(Florence Bader)