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High Five: 01 /​ 17 – mit u.a. Bausa, Lex Lugner, Lakmann

Der Deutschrapzirkus ist ein um­trie­bi­ger Schauplatz. Zwischen all den Promophasen und Albumveröffentlichungen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Deshalb stel­len wir je­den Monat an die­ser Stelle die klei­nen, fei­nen Highlights vor, die ab­seits des Album-Korsetts Beachtung ver­die­nen. In den Kategorien Statement, Video, Song, Instrumental und Line prä­sen­tie­ren un­sere Redakteure hand­ver­le­sene Schmuckstücke. Egal, ob nun ein be­son­ders per­sön­li­cher Bezug, ei­ne wich­tige Message oder ein run­des mu­si­ka­li­sches Gesamtpaket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Einblick in ein­zelne Facetten der Rapwelt ge­bo­ten. Fünf Höhepunkte – klatscht in die Hände für un­sere "High Five"!

 

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Statement: MC Smook – Deutschland schafft sich up – DER FILM

In unserer bunt gemischten Szene gibt es so ziemlich alles. Vom bierernsten Rapper, dem es hauptsächlich um Authentizität geht, bis hin zum Blödelrapper, bei dem man keine Aussage zu ernst nehmen sollte. MC Smook gehört, möchte man ihn zwischen diesen beiden Extremen einsortieren, wohl doch eher zu den Künstlern, deren Musik mit einem gewissen Augenzwinkern zu verstehen ist. Doch auch wenn weder Kunst noch Attitüde dabei wohl immer ganz für voll zu nehmen sind, weiß Smook durchaus ernstere Themen anzusprechen. So stellt er sich in Tracks und Posts immer wieder bewusst gegen rechtes Gedankengut und all jene, die davon profitieren. Was er mit "Wähl' nicht die AfD" begonnen hat, wurde nun mit einem kompletten Kurzfilm fortgesetzt: "Deutschland schafft sich up". Gute zwölf Minuten lang, bestehend aus gleich mehreren Tracks. Darin rechnet der Rapper, von entsprechenden Videosequenzen begleitet, mit dem braunen Gedankengut von AfD und Co., veralteten Frauenbildern und der deutschen Raplandschaft selbst ab. Dabei ist am Ende relativ egal, ob man MC Smook und seine Kunst ernst nimmt oder nicht. Was der Rapper zu erzählen hat, verdient in jedem Fall Gehör. Und es zeigt, dass man in einer Multikulti-Szene, die für jeden Geschmack etwas zu bieten hat, den Spaß an der Musik auch mit einer seriösen, positiven Message verbinden kann.

 

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Video: Meister Lampe & Funky Notes feat. LUX – Tindermatch

Deutscher Rap ist längst ein Business. Turntables und Mic in einem Hinterhof mit höchstens zehnköpfigem Publikum – das gehört für viele inzwischen der Vergangenheit an. Heute winken drölfstellige Vorschüsse, für die jeweiligen Soundanlagen maßgefertigte Hochglanzproduktionen und 4K-Videos mit Oscar-Preisträgern als Statisten. Gut, vielleicht etwas überspitzt. Doch dass nicht nur die Musik vieler Künstler technisch von Mal zu Mal aufwendiger wird, sondern auch die dazugehörigen Videos immer häufiger Blockbuster-Qualität annehmen, entspricht durchaus der Wahrheit. Dass es das eigentlich gar nicht braucht und selbst ein kleines Budget das Auge in Hochgenuss versetzen kann, solange die Idee stimmt, beweist "Tindermatch". Meister Lampe und Funky Notes, zwei Beatmaker aus Basel, liefern tiefentspannten Sound, auf dem der Münchner LUX über Erfahrungen mit der "App-sten" großen Liebe rappt. Soweit schon absolut vielversprechend – wirklich grandios wird das Ganze jedoch erst durch das Filmemacher-Kollektiv easyorange, dessen visuelle Untermalung des Tracks so simpel und doch so genial ist. Ein Mann mit Engelsflügeln, eine von Böllern und Raketen erhellte Silvesternacht, eine durchgängige Kamerafahrt, eine perfekt an den Trackverlauf angepasste Dramaturgie – ein wunderschönes Video. Hier beweisen nicht nur alle Beteiligten ihr Können auf dem jeweiligen Gebiet, sondern auch "Tindermatch" als Gesamtkunstwerk, dass deutscher Rap weit weg von Business und Moneten weiterhin funktioniert und lebt.

 

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Song: Bausa feat. Lativ – Baron

So ein bisschen unerwartet kommt er schon, der neue Hit von Bausa. Zwar konnte sich der Rapper schon durch seine Featureparts auf Alben von Capo und Haftbefehl einer größeren Hörerschaft vorstellen. Doch was er mit "Baron" abliefert, dürfte ihn auf einen Schlag vom Status des einfachen Azzlackz-Anhängsels loslösen. Ist der lockere erste Part des Songs durch Bausas präsente und verrauchte Gesangsstimme schon ziemlich atmosphärisch, leitet der Übergang zur Hook den spannenden Wendepunkt ein: "Sag der zugekoksten Bitch, ich will mein Blow! Sag den Hurensöhnen, ich bin der Baron!" Mit einer mitreißenden Energie grölt sich der Künstler durch den Refrain. Aus der anfänglichen Laidback-Stimmung erwächst ein Banger voller Power, der sich durch die Eingängigkeit in Lyrics und Vortragsweise direkt als Ohrwurm festsetzt. Bausa und Featuregast Lativ schaffen es, durch Stimmeffekte und eine adäquate Delivery einen überaus kolossalen Track aus dem von ILLthinker produzierten Trap-Brett zu zaubern. Das etwas klischeebehaftete Musikvideo kann mit dem Spektakel des Songs zwar nicht wirklich mithalten, aber egal. Der harmonische und furiose Soundentwurf von Bausa allein sorgt schon für ein fast endloses Betätigen des Repeat-Buttons. Die Lust auf ein großangelegtes Debütalbum ist hiermit geweckt.

 

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Instrumental: RIN – Blackout (prod. Lex Lugner)

Lex Lugner aus Wien mausert sich langsam aber sicher zum absoluten Top Notch der hiesigen Producer-Szene. Neben Yung Hurn, LGoony und Crack Ignaz versorgt er auch den Stuttgarter RIN regelmäßig mit Qualitätsware. Dessen neue Single "Blackout" stellt dabei keine Ausnahme dar. Ganz im Gegenteil: Das Instrumental, das auf einem hypnotischen Stimmfetzen-Sample basiert, unterstützt den Rapper mit den langen schwarzen Haaren perfekt bei seinem stylischen Angebertum. Die Produktion ist dabei absolut zeitgemäß, ohne jedoch wie der abertausendste Aufguss von amerikanischen oder französischen Trends zu klingen. Hier treffen 808- und Boom bap-Ästhetik aufeinander und gehen eine Symbiose ein, die einen trotz futuristischer Note ganz klassisch zum Kopfnicken animiert. Die Härte, die das Instrumental transportiert, ist keine rein brachiale, sondern eine stoische, die es RIN erlaubt, seine arrogant-hedonistischen Zeilen zu spucken und dabei wie die Coolness in Person zu wirken. "Blackout" ist die Art von Track, bei der es praktisch egal ist, was der Rapper zu erzählen hat, da er von seinem frischen, unverbrauchten Style lebt. Und dazu leistet Lex Lugners Instrumental einen entscheidenden Beitrag.

 

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Line: Lakmann – Propaganda

Denn die Bretter, die die Welt bedeuten, sind nur Sperrholz.

Sind wir mal ehrlich: Keiner wettert so schön gegen die deutsche Rapszene wie Lakmann One. Dass er das auch auf dem neuesten Album von Witten Untouchable wieder macht, versteht sich quasi von selbst. Dank der lockeren Delivery und seinem Legendenstatus im Untergrund wirkt jede Kritik authentisch und zugänglich, doch vor allem auch selbstreferenziell. Denn genau die Bretter, die er in dieser Line so fragil sieht, bestieg er einst selbst – "Thema YouTube, ich hab's kommen sehen" – und sie brachen auch unter ihm ein. Heute ist der Wittener jedoch mit sich im Reinen und gemeinsam mit AL Kareem und Mess zaubert er – vielleicht gerade deswegen – bessere Alben als die meisten seiner um einiges berühmteren Kollegen. Möglicherweise ist das auch genau der Weg, den er abseits von den beschriebenen Stelzen der Welt hat nehmen müssen. Denn "jede Szene kriegt die Helden, die sie halt verdient".

(Daniel Fersch, Florian Peking, Steffen Bauer, Sven Aumiller)
(Fotos von YouTube "Meister Lampe & Funky Notes – Tindermatch feat. LUX" (Meister Lampe & Funky Notes), YouTube "Bausa – Warum du mich hasst (Official Snippet Video)" (Bausa), Live From Earth (Lex Lugner))