"The Art of Artwork" – die Cover-​Designer Eric Ullrich & Jacob Roschinski

Hip­Hop gleich Rap – oder? Zuge­ge­ben: Rap­mu­sik nimmt ei­nen gro­ßen Teil der Sub­kul­tur ein, was wohl auch ein Stück weit am stark an­ge­stie­ge­nen "me­dia­len Hype" der letz­ten Jah­re liegt. Doch in Zei­ten, in de­nen Sprech­ge­sang re­gel­mä­ßig die Charts an­führt, rückt der ur­sprüng­li­che Community-​Gedanke – zu­min­dest ober­fläch­lich be­trach­tet – zu­se­hends in den Hin­ter­grund. Dabei gibt es nach wie vor ge­nug Men­schen, de­ren Schaf­fen fern­ab von Booth und MPC statt­fin­det und die ih­rer­seits ei­nen nicht un­er­heb­li­chen Bei­trag zur HipHop-​Kultur leis­ten. In dem MZEE.com-Format "Das hat mit Hip­Hop was zu tun" wol­len wir eben­diese Leu­te zu Wort kom­men las­sen, die sich in ir­gend­ei­ner Form, viel­leicht so­gar aus ei­ner tat­säch­li­chen Lei­den­schaft her­aus, mit Hip­Hop aus­ein­an­der­set­zen, als "Nicht-​Rapper" je­doch sel­ten im Ram­pen­licht ste­hen.

 

Von frü­hes­ter Kind­heit an wird einem ein­ge­trich­tert, wie wich­tig doch der ers­te Ein­druck sei. Ob nun beim Vor­stel­lungs­ge­spräch für den Traum­job, beim ers­ten Auf­ein­an­der­tref­fen mit den künf­ti­gen Schwie­ger­el­tern oder beim Blind Date: Ein Stück weit zählt immer das Bild am meis­ten, das man beim Gegen­über als Ers­tes hin­ter­lässt. Das gilt vor­wie­gend für die mensch­li­che Inter­ak­ti­on, aber auch für bana­le­re Akti­vi­tä­ten wie bei­spiels­wei­se das Shop­pen. Wenn einen aus dem Regal des hie­si­gen Multimedia-​Geschäfts der mus­kel­be­pack­te Vollblut-​Rapper anlacht, hat man schließ­lich ande­re Ansprü­che an die Musik, als wenn die Beat­les über die Abbey Road stol­zie­ren. Zwi­schen ober­kör­per­frei­er Selbst­dar­stel­lung und schmuck­lo­ser Land­schafts­in­sze­nie­rung fin­det sich unter den ers­ten Ein­drü­cken auch hin und wie­der ein Rap­per, der sich bei sei­nem tat­säch­li­chen Job ablich­ten lässt: dem Rap­pen. So stol­pert man viel­leicht sogar über die "Aura Live"-Pressung, die einen lei­den­schaft­lich per­for­men­den Kool Savas am Mic zeigt. Es ist das viel­leicht nach­hal­tigs­te Cover, das Eric Ull­rich je schuf, wie er uns spä­ter selbst erzählt.

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Zu Eric Ull­richs bekann­tes­ten Arbei­ten zäh­len die Cover ver­schie­de­ner Releases von Kool Savas und Xavier Nai­doo.

Eric ist einer, der mit die­sen ers­ten Ein­drü­cken spielt. Sei­ne Arbei­ten für Xavier Nai­doo, Kool Savas und wei­te­re hie­si­ge Künst­ler prä­gen das Bild eini­ger CD-​Regale mit. Die ers­ten Cover-​Entwürfe fer­tig­te er schon 2006 an, design­te bei­spiels­wei­se das Art­work zu Fran­ky Kubricks "Mein Money­fest". In der Bran­che ist er daher schon lan­ge Jah­re tätig; mitt­ler­wei­le arbei­tet er haupt­be­ruf­lich als Gra­fik­de­si­gner und ent­wirft Cover qua­si nur noch neben­bei. Der klas­si­sche Quer­ein­stei­ger, ähn­lich wie Jacob Roschin­ski.

"Die Gestal­tung von CD-​Covern war nie etwas, was ich mir für mich vor­ge­stellt hät­te. Tat­säch­lich war es ein­fach die logi­sche Kon­se­quenz, wenn man der ein­zi­ge im Freundes- und Bekann­ten­kreis ist, der in der Lage ist, Designs und Lay­outs auf einem gewis­sen gestal­te­ri­schen Level in einem vor­ge­ge­be­nen Zeit­fens­ter zu erstel­len", so Jacob, der seit fünf Jah­ren haupt­be­ruf­lich als Desi­gner und Foto­graf arbei­tet. Auch er mach­te sein Hob­by zum Beruf, design­te er doch vor der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung aus­schließ­lich für Freun­de und Bekann­te. Zuletzt stell­ten sich über 100 000 Men­schen sein Cover vom "Zuhäl­ter­tape Vol. 4" in den hei­mi­schen CD-​Schrank.

All das geschieht, obwohl "füh­ren­de Online- und Video-​Redakteure dei­nen Namen noch nie gehört haben", wie er selbst ergänzt. Die Design-​Abteilung ist eben nicht geeig­net für jene, die das gro­ße Ram­pen­licht suchen. Zwar fin­den sich ihre Namen auf den Innen­sei­ten der Hül­len, doch gro­ße Aner­ken­nung ern­ten sie für ihre Arbeit in der brei­ten Öffent­lich­keit eher sel­ten. Für bei­de ist das aber sowie­so irrele­vant: "Ich fin­de nicht, dass die­se Spar­te beson­ders gewür­digt wer­den muss, ohne jetzt mei­ne Arbeits­leis­tung mini­mie­ren zu wol­len. Letzt­end­lich zählt ja die Musik", befin­det Eric. Das macht den Job jedoch kei­nes­falls leich­ter, denn das Cover bestimmt schluss­end­lich gro­ße Tei­le der Außen­wir­kung. Ein idea­les Front­bild soll­te den Vibe der Musik ein­fan­gen kön­nen – lei­den­schaft­lich und emo­tio­nal bei Kool Savas, ver­spielt und spa­ßig bei den 257ers. Dabei steht bereits vor dem Album-​Mastering das Konzept-​Design. Eine kom­plet­te Vor­ab­ver­si­on der Musik bekom­men Jacob und Eric daher nie zu hören, sie haben allen­falls Zugriff auf ein­zel­ne Songs oder vor­an­ge­gan­ge­ne Foto­ses­si­ons. "Da bei mir aber meis­tens mit Fotos aus dazu­ge­hö­ri­gen Shoo­tings gear­bei­tet wird, bekommt man recht schnell einen Ein­druck davon, was der Artist sich vor­stellt", so Eric.

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Art­work von Jacob Roschin­ski zum 257ers-​Album "Boomshak­ka­lak­ka".

Häu­fig muss die­ser Ein­druck dann mit den Rap­pern abge­spro­chen wer­den, die natür­lich stets das letz­te Wort bei Design-​Fragen haben. Jacob sieht sich da selbst eher in der Rol­le des Dienst­leis­ters, für den die Wün­sche des Kun­den eben vor­ge­hen müs­sen – auch wenn ihm natür­lich Musi­ker lie­ber sind, "die pro­duk­tiv mit­ar­bei­ten und mir im Zwei­fels­fall den­noch das letz­te Wort las­sen". So gestal­tet sich die Arbeit an jedem Cover anders. Mal gibt es Pre-​Listening-​Sessions, in denen zumin­dest unge­mas­ter­te Tracks einen Erstein­druck fes­ti­gen, mal kommt der Rap­per selbst mit einer Idee auf den Gra­fi­ker zu – oder ihm wird ein­fach kom­plett freie Hand gelas­sen. "Das ist ganz unter­schied­lich. Es gibt Rap­per, die haben kei­nen blas­sen Schim­mer von Design, Kunst und Gestal­tung. Dann gibt es wie­der­um Rap­per, die wis­sen ganz genau, was funk­tio­niert und was nicht", erklärt Jacob. Erschwe­rend kom­men Marketing-​Abteilungen hin­zu, die "natür­lich ganz ande­re Vor­stel­lun­gen und Vor­ga­ben im Kopf haben als ein Desi­gner". Doch die größ­te Hür­de ist der Zeit­druck, das bestä­ti­gen bei­de.

Als geneig­ter Rap-​Hörer kennt man das Pro­ze­de­re: Noch bevor die ers­te Aus­kopp­lung eines Ton­trä­gers auf You­Tube lan­det, gibt es den Vorbestellungs-​Link zur Delu­xe Box auf Ama­zon und das kom­men­de Cover wird ganz schnell zum Pro­fil­bild bei Face­book. Dies führt dazu, dass der Groß­teil aller visu­el­len Arbei­ten noch vor der eigent­li­chen Musik ent­stan­den sein muss. Timing-​Probleme und Zeit­not sind vor­pro­gram­miert, wie Jacob berich­tet: "Mein Projekt-​Rekord liegt bei cir­ca 500 Arbeits­stun­den in vier Wochen. Der Tages­ab­lauf setz­te sich aus Arbei­ten, Fast Food bestel­len, etwas Schlaf und sehr viel Stress zusam­men." Auch Eric wür­de sich eine früh­zei­ti­ge­re Ein­bin­dung ins Gesche­hen und mehr Zeit im Arbeits­ab­lauf wün­schen. Kein Wun­der, bedenkt man den enor­men Druck, unter dem ein Cover-​Artist steht. Was ist, wenn die Mas­se sei­ne Arbeit nicht für gut befin­det? Schließ­lich ist spe­zi­ell in der heu­ti­gen Zeit nega­ti­ves Feed­back schnell gesam­melt. Den Geschmack aller kann man nicht tref­fen, doch nicht sel­ten fin­den sich nur weni­ge unter Tau­sen­den, denen das Cover auf Anhieb tau­gen will. Jeder Gra­fi­ker muss wohl sei­nen eige­nen Weg fin­den, damit umzu­ge­hen. Eric gibt sich in die­ser Hin­sicht gelas­sen: "Nega­ti­ve Kom­men­ta­re gibt es immer, Design ist halt Geschmacks­sa­che und jedem kann man es nicht recht machen, das muss man igno­rie­ren." Das Feed­back von ande­ren Desi­gnern ist bei­den da wich­ti­ger als das in den "YouTube-​Kommentaren irgend­wel­cher Kids", wie Jacob es benennt.

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Der Workspace von Jacob Roschin­ski wäh­rend der Arbei­ten am neu­en Cover von Wit­ten Untouch­a­ble.

Sie selbst beäu­gen eben­falls die Arbeit ihrer Kol­le­gen genau, wenn auch oft posi­tiv: "Was ich zuletzt sehr gut fand, war das Cover von Shin­dys 'FVCKB!TCHE$GETMONE¥'", ver­rät Eric, "vor allem, weil es sich so schön farb­lich für die unter­schied­li­chen Edi­tio­nen anpas­sen ließ." Eine wich­ti­ge Neue­rung für ihn, da sei­ne Arbei­ten mitt­ler­wei­le öfter auf dem Smart­pho­ne ange­se­hen wer­den als auf tat­säch­li­chen Ton­trä­gern. "Durch den star­ken Rück­gang der phy­si­schen Ver­käu­fe gibt es bei den Covern inzwi­schen ande­re Anfor­de­run­gen. Sie müs­sen auch in klei­nen Grö­ßen erkenn­bar, les­bar und ein­zig­ar­tig sein, um sich in der Mas­se der Online­por­ta­le aus­rei­chend abzu­he­ben." An genau die­ser Ein­zig­ar­tig­keit erkennt man die Erfah­rung und Pro­fes­sio­na­li­tät bei­der Gra­fi­ker. Sei es nun die Zusam­men­ar­beit von Eric Ull­rich mit dem Maler Onur Dinc für das XAVAS-​Artwork oder die Studio-​Ausstattung von Jacob Roschin­ski, um die "hun­dert­pro­zen­ti­ge Kon­trol­le über die Aus­leuch­tung" zu gewähr­leis­ten. Eine eige­ne Note fließt in die Arbeit dabei laut Jacob sowie­so immer ein: "Ich glau­be, das pas­siert auto­ma­tisch. Zumin­dest dann, wenn man nicht den Auf­trag bekommt, eins zu eins Ide­en von jemand ande­rem zu über­neh­men."

Was bei­de tei­len, ist der gro­ße Respekt vor den Kol­le­gen und der all­ge­mei­nen Artwork-​Arbeit hier­zu­lan­de: "Wir haben abso­lut her­vor­ra­gen­de Cover in Deutsch­land! Gefühlt aller­dings weit­aus häu­fi­ger im Unter­grund­seg­ment als im Main­stream", so Jacob. Eric schließt sich dem an: "Obwohl es viel gibt, was man schon woan­ders gese­hen hat oder lieb­los umge­setzt wur­de, so gibt es wirk­lich immer wie­der schö­ne Ide­en und gran­dio­se Designs." Zu ergän­zen gibt es dazu eigent­lich wenig. Die Sze­ne prä­sen­tiert sich so far­ben­froh, krea­tiv und ein­falls­reich wie nie, auch wenn sich ver­schie­de­ne Mus­ter für eben­so ver­schie­de­ne Sub­gen­res abbil­den. Sei es nun die Zur­schau­stel­lung der kör­per­li­chen Vor­zü­ge oder gar die Visua­li­sie­rung der Musik in Form eines simp­len Bil­des – dank Künst­lern wie Jacob oder Eric spie­gelt sich alles bereits beim ers­ten Anblick wider.

(Sven Aumil­ler)
(Fotos: Eric Ull­rich & Jacob Roschin­ski)