10 Produzenten gefragt: Zu wenig Anerkennung von den Rappern?

Das The­ma "Auf­merk­sam­keit" zieht sich vor allen Din­gen durch medi­al prä­sen­te Bran­chen wie bei­spiels­wei­se das Musik­ge­schäft. Heut­zu­ta­ge ist es wich­tig, im Mit­tel­punkt zu ste­hen – gera­de im Rap, der aktu­ell wohl erfolg­reichs­ten aller Musik­rich­tun­gen. Denn Woche für Woche erschei­nen deutsch­spra­chi­ge Rap-​Alben, über die vie­le Men­schen reden. Dabei gera­ten die dafür wich­tigs­ten Mit­ver­ant­wort­li­chen häu­fi­ger in den Hin­ter­grund: die Pro­du­zen­ten. Ihnen ver­dan­ken wir die oft her­aus­ra­gen­den Klän­ge, die einen Track unter­le­gen. Dafür fei­len sie manch­mal tage­lang an einem Stück, bis jedes Ele­ment stim­mig ist und ein per­fek­tes gro­ßes Gan­zes ergibt. Der Sound der Pro­du­zen­ten ist dem­nach min­des­tens genau­so wich­tig wie Stim­me und Flow des Rap­pers. Tat­säch­lich kommt es aber immer wie­der vor, dass gera­de die Künst­ler, die mit ihren Songs die Charts stür­men, ihre Pro­du­zen­ten gar nicht erst erwäh­nen. Somit haben wir zehn hie­si­ge Pro­du­cer gefragt: "Bekom­men Pro­du­zen­ten zu wenig Aner­ken­nung von Rap­pern? Falls ja: War­um ist das dei­ner Mei­nung nach so?"

 

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Rooq: Die ers­te Fra­ge habt ihr euch ja qua­si sel­ber beant­wor­tet. Auf der einen Sei­te stimmt das: In Fäl­len, in denen Rap­per sich ein­fach Beat­pa­ke­te schi­cken las­sen und sich ihr Album aus einem Sam­mel­su­ri­um von Beats zusam­men­stel­len, läuft es oft­mals dar­auf hin­aus, dass der Pro­du­zent als ein­fa­cher Dienst­leis­ter betrach­tet wird. Dies liegt aller­dings auch dar­an, dass es kei­ne per­sön­li­che Bezie­hung zwi­schen Rap­per und Pro­du­zent gibt. Anders ist das, wenn Rap­per und Pro­du­zen­ten gemein­sam an Pro­jek­ten arbei­ten: Kommt es dazu, ist ja eigent­lich schon klar, dass man auf einer Wel­len­län­ge ist. Und in die­sen Fäl­len ist die Bezie­hung eben auch eine ganz ande­re. Trotz­dem muss ich auch hier sagen, dass es durch­aus wün­schens­wert wäre, wenn Pro­du­zen­ten des Öfte­ren nament­lich auch auf den Covern auf­tau­chen wür­den. Ich habe das Gefühl, dass es momen­tan ten­den­zi­ell in die rich­ti­ge Rich­tung geht. Wich­tig wäre nur, dass die Pro­du­zen­ten eben auch ein­for­dern, was ihnen zusteht.

Shu­ko: Na ja, ich glau­be, man muss da auch mal wirk­lich dif­fe­ren­zie­ren. Wenn du ein Pro­du­zent bist, pro­du­zierst du einen Track oder auch ein Album. Dann küm­merst du dich dar­um, dass ein Song einen guten Sound hat und fin­dest den bes­ten Mixer und Mas­ter Engi­neer. Und du sorgst dafür, dass das Fea­ture even­tu­ell passt oder der Refrain knallt, damit das Teil im Radio funk­tio­niert. Wenn du aber dei­ne Beats übers Inter­net an Rap­per XY schickst, bleibst du ein­fach nur ein Typ, der einen Beat gemacht hat. Die Emo­tio­nen und das Zusam­men­spiel im Stu­dio sind nicht da, das Mensch­li­che fehlt. Das bedeu­tet: Ein Rap­per oder Künst­ler sieht dich ein­fach nur als eine E-​Mail mit Anhang. Du bekommst dein Geld geschickt und die Ver­trä­ge und das war es dann auch. Du bist nichts Wei­te­res als ein klei­nes Bin­de­glied. Manch­mal geht das nicht anders. Ich habe das auch schon oft gemacht und mich geär­gert, aber man soll­te bei­de Sei­ten sehen. Den Preis, den ein Rap­per für Erfolg zahlt, ist, dass er einen Teil sei­ner Pri­vat­sphä­re her­gibt, wäh­rend der Pro­du­zent schön in Ruhe wei­ter sein Ding machen kann. Was einen aber wirk­lich trau­rig macht – auch im hie­si­gen Rap – ist die Art und Wei­se, wie mit man­chen Beat­ma­kern umge­gan­gen wird. Du schickst ein Beat­pa­ket zu einem Rap­per, der dich expli­zit danach fragt, machst dir tage­lang Arbeit – und dann kommt wochen­lang nix zurück. Kein "Dan­ke" oder kein "Ist nichts dabei". Das ist dann Busi­ness. Damit hat­te ich anfangs auch so mei­ne Pro­ble­me, denn du bist halt nur ein aus­tausch­ba­res Objekt. Des­halb fin­de ich es wich­tig, mensch­lich im Stu­dio zu viben. Und wenn das nicht geht, per­sön­lich zu tele­fo­nie­ren, um gemein­sa­me Zie­le zu errei­chen. Oder suche dir einen Rap­per und wer­det zusam­men groß. Man soll­te da nichts erwar­ten von ande­ren und an der eige­nen Kar­rie­re arbei­ten, anstatt ein ewi­ger Dienst­leis­ter zu sein. Wenn du gut bist und lan­ge genug durch­hältst, bekommst du dei­ne Auf­merk­sam­keit und das Ding läuft von selbst.

Brenk Sina­tra: Es liegt in der Natur der Sache, dass Men­schen, die eher hin­ter den Kulis­sen als im Ram­pen­licht agie­ren, weni­ger Auf­merk­sam­keit bekom­men. Dazu kommt, dass Musik­pro­du­zen­ten eher ner­di­ge, intro­ver­tier­te Typen und daher oft kei­ne Hust­ler sind. Da gera­de Rap eine sehr tes­to­ste­ron­ge­la­de­ne Spiel­wie­se ist, kom­men zu net­te Pro­du­cer­du­des nicht sel­ten unter die Räder. Mir zum Bei­spiel ist es mehr als wich­tig, mit einem Rap­per oder Sän­ger auf Augen­hö­he zu kom­mu­ni­zie­ren und zu inter­agie­ren. Sobald ich das Gefühl habe, dass das nicht so ist, las­se ich es mein Gegen­über wis­sen. Mitt­ler­wei­le ist eine vita­le Pro­du­cer­sze­ne ent­stan­den, die sich durch ihr eigens geschaf­fe­nes Beat­u­ni­ver­sum mit erfolg­rei­chen eige­nen Relea­ses und Pro­duk­tio­nen auch mehr inter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit ver­schaf­fen konn­te. Oft ver­hal­ten sich die Producer- und die Rap­sze­ne wie Par­al­lel­wel­ten zuein­an­der und haben gar kei­nen Ein­blick in die jeweils ande­re Dimen­si­on.

John­ny Ill­stru­ment: Das mit der Wert­schät­zung fängt oft schon bei den Prei­sen für Beats an. Heut­zu­ta­ge kann so gut wie jeder mit dem Pro­du­zie­ren anfan­gen. Und ich glau­be, die meis­ten Rap­per ver­ste­hen nicht, wie viel Arbeit dahin­ter­steckt. Wenn man dann einen gewis­sen Preis ver­langt und den Rap­pern das nicht passt, neh­men sie halt lie­ber einen Beat von irgend­wel­chen Jung­pro­du­zen­ten, die glück­lich sind, for free auf einem Album zu sein. Zum Teil wer­den Prei­se auch hef­tig gedrückt, wenn jemand zehn Beats für hun­dert Euro ver­kauft oder irgend­wel­che absur­den Rabatt­ak­tio­nen star­tet. Man ist als Pro­du­zent kein Dienst­leis­ter, son­dern immer noch Künst­ler. Mit der Zeit fin­det man aber her­aus, wer die Arbeit zu schät­zen weiß und kor­rekt ist und wer über­haupt nicht. Man ist ja nicht gezwun­gen, mit jedem zu arbei­ten.

X-​Plosive: Ich den­ke, dass das Ver­hält­nis zwi­schen Künst­ler und Pro­du­zent einen gro­ßen Ein­fluss dar­auf hat. Ist das Arbeits­ver­hält­nis eng oder sogar freund­schaft­lich, dann kann das eini­ges ändern, auch was die Aner­ken­nung der Arbeit angeht. Dar­über hin­aus ist die Erwar­tungs­hal­tung auch immer ver­schie­den. Es ist natür­lich ein­fach und geht sehr schnell, unper­sön­lich sei­ne Beats per E-​Mail zu ver­schi­cken. Aber das machen eben auch sehr vie­le. Umso schwie­ri­ger wird es, sich dann nur dar­über die Aner­ken­nung zu erar­bei­ten – egal, um wel­che Künst­ler es sich han­delt. Ein­zig was die Dar­stel­lung nach außen angeht – vor allem in sozia­len Medi­en –, gibt es Künst­ler, die das cool hand­ha­ben, und Künst­ler, die da nach wie vor wenig Wert dar­auf legen. Wobei es auch immer die Fra­ge ist, wie wich­tig dies dem oder den jewei­li­gen Pro­du­zen­ten ist. Das muss jeder für sich selbst ent­schei­den und das, falls gewünscht, auch zumin­dest so kom­mu­ni­zie­ren.

 

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Dex­ter: Nein, in mei­nem Kos­mos fühlt sich das nicht so an. Wenn ich jetzt von mir selbst aus­ge­he, bekom­me ich eigent­lich genug Auf­merk­sam­keit. Das liegt wahr­schein­lich dar­an, dass ich nur mit Leu­ten zusam­men­ar­bei­te, bei denen ein­fach die Che­mie stimmt und der gegen­sei­ti­ge Respekt da ist.

Bea­tho­avenz: Ten­den­zi­ell ist das nicht so, den­ken wir. Es gibt vie­le Bei­spie­le, die zei­gen, dass der Künst­ler sei­ne Pro­du­zen­ten sehr schätzt. Ent­we­der wer­den die­se nament­lich in den Songs erwähnt oder die Aner­ken­nung zeigt sich durch die fes­te Bin­dung an einen ein­zel­nen oder einen bestimm­ten Kreis von Pro­du­zen­ten. Bei­spie­le wären Sido und das fes­te Pro­duk­ti­ons­team um DJ Desue und Paul NZA, Mar­te­ria und die Krauts oder Trett­mann und Kitsch­Krieg. Grü­ße an alle! Wie sehr der Pro­du­zent dann in Erschei­nung tritt, liegt an ihm selbst. Durch Soci­al Media kann er das mitt­ler­wei­le sehr gut pushen. Es gibt natür­lich auch Künst­ler, die der Arbeit von Pro­du­zen­ten nicht sehr viel Wert bei­mes­sen. Die typi­sche Sto­ry: "Schick mir mal zehn Beats, ich sag' dir dann Bescheid" – das ken­nen vie­le Pro­du­zen­ten. Am Ende hört man dann nichts mehr von dem Künst­ler. Wir den­ken, es ist wich­tig, dass der Pro­du­zent sei­nen Wert sel­ber sieht und auch dem­entspre­chend mit sei­ner Arbeit umgeht. Musik zu schrau­ben bedeu­tet, Zeit, Mate­ri­al und Equip­ment sowie Gefüh­le zu inves­tie­ren und am Ende davon sei­ne Mie­te zah­len zu kön­nen. Die Musik des Pro­du­zen­ten ist sei­ne Wäh­rung. Und da soll­te er sich nicht ver­ar­schen las­sen. Gene­rell soll­te mehr für Pro­du­zen­ten bezahlt wer­den, spe­zi­ell in der Rap-​Branche, die mitt­ler­wei­le sehr viel Geld abwirft. An man­chen Ecken herr­schen wirk­lich Dum­ping­prei­se. Und wenn man das gan­ze wirk­lich objek­tiv betrach­tet und sich mal raus­zoomt, ist das alles natür­lich auch ein "Rap-​Ding". In wel­chem Musik­gen­re bekom­men die Pro­du­zen­ten noch mehr Auf­merk­sam­keit als im Rap? Da gibt es nichts Ver­gleich­ba­res.

Exzact: Ja, weil Rap­per in der Regel kei­ne Musi­ker sind.

Mel­beatz: Als es noch kein You­Tube gab, muss­te man ins Book­let schau­en, um zu sehen, wer den Beat gemacht hat. Heut­zu­ta­ge steht ja meis­tens "pro­du­ced by" in Klam­mern hin­ter dem Song­ti­tel. Somit kriegt der Pro­du­cer heu­te defi­ni­tiv mehr Auf­merk­sam­keit als frü­her. Es stimmt aber, dass Rap­per eher weni­ger über Pro­du­zen­ten spre­chen, außer es han­delt sich um ihren Inhouse-​Produzenten. Aber war­um soll­ten sie auch? Eigent­lich ist es doch Sache der Jour­na­lis­ten, den Pro­du­zen­ten eine Platt­form zu bie­ten. Aber nichts­des­to­trotz ste­hen die meis­ten Pro­du­zen­ten ja sowie­so lie­ber eher im Hin­ter­grund und fin­den das Gan­ze des­halb nicht so schlimm. (grinst)

Cra­da: Fin­de ich nicht. Ich sehe die Ent­wick­lung posi­tiv. Aktu­ell fällt mir auf, dass vie­le Rap­per ihren Pro­du­zen­ten Respekt zol­len und das Spot­light tei­len. Am meis­ten sehe ich das bei Teams, die schon län­ger zusam­men­ar­bei­ten. Sido und Desue, Kool Savas und DJ Smoo­ve oder auch Shin­dy und OZ. Da wird kein Geheim­nis dar­aus gemacht, wer die Beats schraubt – im Gegen­teil. Gleich­zei­tig bekom­men vie­le Pro­du­zen­ten auch ihre eige­nen Artist­pro­jek­te, was einen zusätz­li­chen Push bedeu­tet und lang­fris­tig den Pro­du­zen­ten noch mehr Ein­fluss geben kann, wenn man sich rich­tig posi­tio­niert.

(Anne Donohoe, Flo­rence Bader & Fabi­an Tho­mas)
(Fotos von Mir­ko Polo Pic­tures (Rooq), Max Kriegs (Shu­ko), Kidi­zin Sane (Brenk Sina­tra), Robert Win­ter (Dex­ter), Coca Pho­to­gra­phy (Mel­beatz), Mar­kus Trüm­per (John­ny Ill­stru­ment), Maxim Rosen­bau­er for EASY­doe­sit (Bea­tho­avenz), SYD Pho­to­gra­phy (Exzact), The Fro­mans (Cra­da), Gra­fik von Puf­fy Pun­ch­li­nes)