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10+1 Journalisten ge­fragt: Wie gehst du mit der Nähe zu Künstlern um?

Die Rap-Landschaft ist 2016 vielfältiger denn je zuvor. Doch nicht nur Künstler beschreiten teils sehr unterschiedliche Wege. Auch der Journalismus, der sie und ihre Musik zum Thema hat, hat sich mit den Jahren verändert und unterschiedlichste Formen angenommen. Dies trifft auch auf die Beziehung zwischen Rappern und Journalisten zu: Sie scheint prinzipiell enger und persönlicher geworden zu sein. So treten Reporter in neuen Musikvideos auf, fahren gemeinsam mit Künstlern um die Welt oder gehen abends regelmäßig zusammen mit ihnen feiern. ALL GOOD-Autor Jan Wehn hat in einem Artikel seine persönlichen Erfahrungen geschildert und nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die Nähe zu Promotern, Künstlern, Produzenten und zur Szene allgemein auch einen nachhaltigen Einfluss auf seine Tätigkeit als Journalist hatte. So hielt er Ende 2014 fest: "Irgendwann schrieb ich nur noch nett. [...] Ehe ich mich versah, war ich [...] mittendrin in einem Befindlichkeits-Brainwash erster Güte." Zwei Jahre später haben wir nun elf andere deutsche HipHop-Journalisten unterschiedlichster Plattformen gefragt: "Hast du als Rap-Journalist ähnliche Erfahrungen gemacht? Wenn ja, wie gehst du persönlich mit der Nähe zu verschiedenen Künstler um – und wie bewertest du sie?"

 

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Ayke Süthoff (freier Journalist): Vorab: Ich bin kein Rap-Journalist. Ich bin Musikjournalist und befasse mich daher auch ausgiebig mit Rapmusik. Da ich aber auch viele andere Konzerte besuche, andere Musiker treffe, mit Promotern und Labels aus anderen Bereichen zu tun habe, bin ich und war ich nie so tief in der Rap-Szene. Man kennt sich, klar, aber tiefe Freundschaften entstehen da weniger, auch nicht zu Musikern selbst. Wobei ich mich zum Teil auch bewusst rausgehalten habe, um eine Distanz zu wahren, die sehr hilfreich sein kann. Bei Noisey haben wir uns immer bemüht, deutlich zu sein und auch offen zu schreiben, wenn jemand schlechte Musik macht. Das hat dann auch zu Verstimmungen bei Labels oder Musikern geführt. Das kriegst du dann über ein paar Ecken mit, direkt angerufen wurde ich nur ein oder zwei Mal. Aber es fällt manchmal tatsächlich schwer, die Distanz zu wahren oder ehrlich jemandem gegenüber zu sein, der dir zum Beispiel neue Musik zeigt. Die Leute haben ja immer große Erwartungen, lieben ihre Musik und wollen von dir Bestätigung. Da sagt man dann schon mal, dass man das alles ganz toll findet, auch wenn's nicht stimmt. Es ist ja immer ein Geben und Nehmen. Du willst, dass sie dich beim ausverkauften Konzert auf die Liste schreiben, am besten mit After-Show-Party und Freidrinks. Und dafür gibst du automatisch auch was oder lässt dich auf dem Konzert von dem uninteressanten Labelkollegen blicken, damit du beim nächsten Mal nicht vergessen wirst. Die ganze Musikszene funktioniert so, jeder will was von dir und du willst auch was, das ist ein stetes Abwägen. Je länger du Teil davon bist, desto weniger willst du da Leuten vor den Kopf stoßen. Das war letztlich auch einer der Gründe für mich, bei Noisey aufzuhören und Abstand zu suchen.

Shana Koch (Backspin): Leider habe auch ich bereits sehr oft ähnliche Erfahrungen wie diese gemacht, die Jan Wehn in seinem Artikel beschreibt. Die deutsche Rapszene und ihre Medienlandschaft ist ein sehr familiärer Mikrokosmos. Das bringt nun einmal mit sich, dass man nach ein paar Jahren den Großteil, wenn nicht sogar alle Akteure, persönlich kennt. Hinzu kommt, dass die Musikszene ein Business ist, in dem persönliche Kontakte das A und O sind. Folglich nimmt man ein Thema, dessen Relevanz auf den ersten Blick vielleicht nicht so ersichtlich ist, sehr viel eher an, wenn man eine gute Beziehung zum jeweiligen Promoter, Künstler oder Manager hat. Ähnlich verhält es sich mit der Meinung über Musik. Natürlich gibt jeder Journalist seine subjektive Meinung preis. Hinderlich ist hier nur, wenn man, wie es der Zufall oft so will, ein enges Verhältnis oder sogar eine Freundschaft zum Künstler pflegt. Wer mag denn schon ein Album bitterböse zerreißen, um dem betreffenden Künstler dann zu erklären, dass das Ganze ja gar nichts mit ihm persönlich zu tun hat? Die Lösung dieses Problems erfordert Mut und den Ansporn, den journalistischen Anspruch zu wahren. Einerseits ist es die Aufgabe der Journalisten, zwischen privaten und beruflichen Kontakten zu differenzieren. Damit meine ich nicht, dass man sich in der Freizeit keinesfalls mit Kollegen der Musikszene abgeben darf. Sondern viel eher, Freundschaften zu pflegen, aber gleichzeitig den Mumm zu haben, Themen abzusagen, wenn es sein muss, oder eben auch konstruktive, negative Kritik äußern zu können. Andererseits ist es hier auch wichtig, dass alle Beteiligten auf Seiten des Künstlers genauso differenzieren und mit Absagen oder ebenjener Kritik professionell umgehen können, ohne den jeweiligen Journalisten in irgendeiner Art zu "bestrafen". Langer Rede kurzer Sinn: Es ist schön, Freunden einen Gefallen zu tun, das gibt auch sicherlich reichlich Karma-Punkte. Dennoch sollte beiden Seiten in jedem Moment die Rollenverteilung bewusst sein und klar zwischen journalistischer Entscheidung im Sinne des Mediums und persönlicher Meinung differenziert werden.

Marc Leopoldseder (ALL GOOD): Das geschilderte Problem ist eigentlich keines, wenn man sich an einen simplen Grundsatz hält: Schreib nichts, was du dem Künstler nicht auch ins Gesicht sagen würdest. Und wenn du kein Schleimer, Hater oder Selbstdarsteller bist, sondern dich gut informiert, ernsthaft und entsprechend respektvoll mit der Kunst beschäftigst, dann wird dein Urteil darüber immer so ausfallen, dass du es auch von Angesicht zu Angesicht kommunizieren könntest – egal, ob du den Künstler persönlich kennst und leiden kannst oder nicht. Meine Erfahrung ist die: Ehrliches Feedback wird in der Regel sehr geschätzt, auch wenn es schmerzhaft für den Künstler ausfällt ... es sei denn, er ist ein wacker Mensch. Und damit ist auch die Frage nach der persönlichen Nähe zu Künstlern beantwortet: Alle meine Freunde sind dope Menschen.

Claus Schwartau (Chefredakteur Noisey Deutschland): Jan Wehn und ich haben unterschiedliche Jobs, das muss man hier berücksichtigen. Aber klar, auch als Chefredakteur befindet man sich immer wieder in der Situation, mit den unterschiedlichen Befindlichkeiten von Musikern, Promotern, Managern und nicht zuletzt der des eigenen Arbeitgebers umgehen zu müssen. Und dann sind da natürlich auch noch die eigenen Ziele und Vorstellungen, die wir im Noisey-Team haben. Ich bin hier die Schnittstelle, bei der alle individuellen Interessen zusammenlaufen. Und natürlich haben der Künstler, sein Manager und Promoter vor allem das Ziel, so viel Raum auf deinem Kanal zu bekommen wie möglich. Das wollen sie unbedingt erreichen, ist ja auch ihr Job. Ich sage dann Sachen zu oder ab. Dabei ist mir vor allem wichtig, dass es nie persönlich wird. Egal, ob ich mit einem Musiker, Manager oder Promoter befreundet bin: Sie oder er muss verstehen, dass meine Entscheidungen rein beruflicher Natur sind und es in erster Linie mein Ziel sein muss, Noisey voranzubringen. Es ist nichts Persönliches. Und ich bin mir sicher: Wenn es auf beiden Seiten persönlich wird und man anfängt, Leuten Gefallen zu tun, weil man glaubt, sie seien sonst beleidigt oder traurig oder sauer, dann sitzt man ganz schnell in einem knietiefen Schlamassel, der es einem irgendwann unmöglich macht, seinen eigentlichen Job auszuüben – unabhängigen, transparenten und freien Musikjournalismus.

Juse Ju: Zuallererst: Ich betrachte mich selbst nicht als Musik-Journalisten. Ich bin ein Rapper, der seine Musikrichtung nachts im Radio auflegt. Ich schreibe keine Artikel über Rap-Stars, ich urteile nicht in Reviews über Alben anderer und auch Radio-Interviews mache ich nur vertretungsweise – wenn Visa Vie mal nicht da ist. Mit einer großen Ausnahme: Ich mache die Interviews in der Written Battle Liga "Don't Let The Label Label You". Nach jedem Battle versuche ich, die Fragen zu klären, die währenddessen offengeblieben sind. Natürlich stelle ich je nach Sympathie und Respekt dreistere oder nettere Fragen – auch wenn ich versuche, mich davon frei zu machen. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass sich diese After-Battle-Interviews schwer mit dem täglichen Rap-journalistischen Rauschen aus Promophasen, Klüngel und zart besaiteten Egos vergleichen lässt. Ich fühle mich frei darin, zu sagen und zu fragen, was ich will. Ich denke, ich kann auch offen Kritik an den Rappern üben, ohne dass es gleich Beef gibt. Das hat drei wichtige Gründe. Erstens: Es geht nicht um Geld. Ich bekomme kein Geld für die Interviews. Die Rapper bekommen nur in Ausnahmefällen Kohle. Aber niemand in Deutschland macht das beruflich. An einem missglückten Battle oder Interview hängen keine Existenzen – no money, no problems. Zweitens: Battlerapper sind ein gewisser Schlag Mensch. Sie sind es gewöhnt, auch mal hart angegangen zu werden. Die Interviews sind eine Art Verlängerung des Battles und finden immer Face-to-Face statt. Übe ich Kritik an einem Battlerapper, kann er gleich zurückschießen. Es gibt quasi eine stillschweigende Einigung, dass so gut wie alles erlaubt ist. Drittens: Es gibt keine steilen Hierarchien. Erfolgreiche Battlerapper laufen ja nicht auf einmal mit Managern, Arschkriechern, Groupies und Sportwagen durch die Gegend. Flache Hierarchien führen anscheinend zu weniger vorauseilendem Gehorsam, weniger gekränkten Egos und weniger Scheiße im Hirn. Aber klar: Wäre die Welt der Written Battles so groß wie die Popwelt, gäbe es auch Manager, die Journalisten mit Promoagenturen verwechseln, und Fan-Journalisten, die sich gerne mit den Reichen und Gefährlichen umgeben.

 

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Ralf Theil (freier Journalist): Es ist eine romantische Vorstellung, dass ohne persönliche Beziehung zum Objekt gleich kritisch geschrieben wird. Wenn Rapper beispielsweise nicht auf verkrustete Geschlechterbilder, Verschwörungsbullshit, strafrechtlich Relevantes oder schlicht Wackness angesprochen werden, liegt das zuerst an der geschäftlichen, nicht an der persönlichen Beziehung zwischen Musiker und Journalist. Diese Symbiose bleibt ein Problem, solange sich immer irgendwo ein williger, unkritisch nickender Mikrofonhalter mit halbwegs beliebtem YouTube-Account findet, der möglichst wenig hinterfragt, weil das besser fürs Geschäft ist oder weil es ihn schlichtweg nicht interessiert. Dann wird Journalismus zur Hofberichterstattung und bietet dem Künstler den Promo-Weg des geringsten Widerstands. Ob Rapper und Interviewer befreundet sind oder nicht, ist dabei aber völlig egal. Es ist einfach schlechtes Handwerk. Kollege Leopoldseder meinte mal so was wie: "Man darf halt nicht mit wacken Leuten befreundet sein". Meist ergibt sich das von selbst, wenn man Rap mag. Wer hängt denn mit jemandem rum, dessen Musik man todpeinlich findet? Ich für meinen Teil habe aufgehört, Musik von Künstlern zu rezensieren, die ich mehr als nur flüchtig kenne. Auch wenn ich weiß, dass ich mir darüber trotzdem eine fundierte Meinung bilden kann – das Fordern objektiver Rezensionen ist ja ein sehr beliebtes Missverständnis –, muss ich die nicht öffentlich kundtun. Ehrliches, öffentliches Lob hat immer das Geschmäckle der Kumpelei. Ehrliche Kritik äußere ich oft und gern, aber es gibt für mich absolut keinen Anreiz, das in Form einer Review zu tun, wenn es auch im persönlichen Dialog geht. Sich selbst hingegen kein echtes Urteil mehr zuzutrauen, weil man den Rapper kennt oder mit dem Promoter mal ein Bier getrunken hat – da darf man schon mal über das eigene Verhältnis zur Musik nachdenken. Bei alledem sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass wir eben über Musik sprechen, über Entertainment. Ein gewisser persönlicher Draht zum Gegenüber ist unerlässlich, wenn wir lesens- und hörenswerte, interessante Interviews führen wollen. Gute Vorbereitung, gegenseitiger Respekt und eine gewisse Fähigkeit zur Empathie sind der Schlüssel dazu. Versteht man sein Handwerk, klappt das nach gründlicher Vorbereitung auch mit Fremden. Aber genauso kann man extrem interessante Gespräche mit Leuten erleben, die man lange kennt und schätzt. Wieso auch nicht? Mit Musikern Interviews zu führen, deren Geschmack oder Ansichten ich teile, ist nicht das Problem. Das Problem beginnt genau dort, wo man sich mit wacker Scheiße oder fragwürdigem Gedankengut gemein macht – egal, aus welchem Antrieb.

Niko Hüls (Chefredakteur BACKSPIN): Ich habe schon seit Tag eins meiner Szene-Zugehörigkeit immer sehr bewusst entschieden, wie ich zu Künstlern stehe. Eine persönliche Ebene, der enge Kontakt und die vertraute Atmosphäre sind dabei gerade im Video-Journalismus vonnöten, um ein Level im Gespräch zu erreichen, das es ermöglicht, in den Fragen ein wenig tiefer zu gehen. Das trifft auf persönliche Ansichten des Gastes ebenso zu wie auf Kritik an ihm und seinen Aktionen. Der Vorwurf steht immer im Raum und man kann in dem Job die Sympathien sicher nicht komplett ausblenden, was natürlich auch ein wenig die Arbeit beeinflusst. Aber gerade das macht das ehrliche Gespräch auch aus. Und am Ende des Tages kann ich noch gut in den Spiegel schauen. Was das leidige Thema "Reviews" angeht: Wir haben bei BACKSPIN in diesem Jahr bewusst einen Wechsel von klassischen Reviews auf einen Soundcheck der Redaktion umgestellt, weil die Bewertung von Musik immer eine höchst persönliche Sache ist, bei der man natürlich von mehreren Faktoren – auch Sympathie – geleitet ist. So gibt es aus Redaktionssicht einen besseren Schnitt und ein stärkeres Meinungsbild über eine Platte. Und das macht es spannender, denn da kann auch mal eine 1 von 10 von einem Autor dabei sein, während der andere eine 8 von 10 gibt. Die Frage nach Kritikfähigkeit im Allgemeinen ist halt auch ein unendliches Thema ...

Oliver Marquart (Chefredakteur rap.de): Früher habe ich tatsächlich freundschaftliche Kontakte zu diversen Künstlern gepflegt und natürlich hat mich das bei meiner Arbeit beeinflusst. Heute ist das nicht mehr so – es hat sich eher ergeben, als dass ich darauf besonderen Wert gelegt hätte. Grundsätzlich denke ich: Es muss nicht unbedingt ein Problem sein, solange man jemand ist, der auch an guten Freunden Kritik üben kann – was aber bei vielen nicht sehr ausgeprägt zu sein scheint. Deshalb sehe ich darin schon eine Gefahr für seriöse Berichterstattung, zumal immer mehr Journalisten sich offenbar als verlängerter Promo-Arm von Künstlern begreifen. Egal, ob sie das machen, weil sie wirklich davon überzeugt sind oder aus weniger edlen Motiven: Braucht halt niemand, gibt ja Facebook.

Marcus Staiger (freier Journalist): Zuerst einmal die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Musikjournalismus: Musikjournalisten schreiben für Magazine, die – zumindest früher und wenn sie für Printmedien gearbeitet haben – stark von Anzeigenkunden abhängig waren oder sind. Das führte gerade in der Vergangenheit dazu, dass die Anzeigenkunden, die sich vornehmlich aus der Musikindustrie speisten, dies auch als Druckmittel eingesetzt haben. Nach dem Motto: "Ihr schreibt eine negative Kritik, wir schalten keine Anzeigen mehr bei euch." Das wurde zwar nicht offen ausgesprochen, stand aber mehrmals im Hintergrund bei diversen Gesprächen, die ich mit den unterschiedlichsten Chefredakteuren der verschiedensten Medien führen durfte. Da kam es dann immer darauf an, wie gerade sich die jeweiligen Redaktionen gemacht haben und wie widerstandsfähig sie gegenüber den Labels auftraten. Oft konnte man ihnen klarmachen, dass eine gewisse Haltung in diesem Berufsfeld durchaus nützlich ist, weil das auch eine gewisse Glaubwürdigkeit schafft. Nur allzu oft habe ich aber auch erlebt, dass die entsprechenden Redaktionen gekuscht oder im vorauseilenden Gehorsam einen Rückzieher gemacht haben. Mit dem Aufkommen von Blogs, dem Internet und einer gewissen Verbreiterung der Werbekundschaft ist dieser Beweggrund für Nettigkeit ein bisschen in den Hintergrund getreten. Dafür allerdings kam nun ein anderer dazu: Wer hat nun den besten Draht zu den jeweiligen Künstlern? Die Künstler, das wissen wir, sind ein empfindliches Völkchen und deutsche Rapper sind richtige Mimosen. Sie fühlen sich schnell beleidigt und sind große Meister darin, den jeweiligen Journalisten ihre Gunst zu schenken oder zu entziehen. Das Problem ist: Hat man es sich mit zu vielen verkackt, hat man einfach keine Gesprächspartner mehr. Und kann man nicht mit hochkarätigen Gesprächspartnern aufwarten, so verliert man an Relevanz, was sich wiederum in sinkenden Klickzahlen äußert. Und da Klickzahlen die derzeitige Währung im Game darstellen, tun die entsprechenden Journalisten alles dafür, ihre Reichweite zu erhalten – sie saugen Schwanz. Der dritte Grund ist etwas persönlicher. Beef muss man halt auch aushalten können und da deutsche Rap-Künstler mitunter sehr dünnhäutig und säuerlich reagieren, ist das manchmal ein ganz schöner Seelenstress. Viele Journalisten sind dafür einfach nicht gemacht, wollen sich den Stress nicht geben, sind vielleicht auch einfach harmoniebedürftig – was ja auch nicht zu verurteilen ist – und deshalb einfach ein bisschen softer. Insofern ist das eben auch eine Art, dieser Art von Arbeit nachzugehen. Manchmal reicht das intellektuelle Niveau der Journalisten oder ihr kritischer Verstand nicht dazu aus, die entsprechenden Bruchstellen im Werk und Leben eines Künstlers zu entdecken und den Finger in die Wunde zu legen. Oft befinden sich Künstler und Journalist ja auch im genau gleichen Koordinatensystem, sodass es eben nicht zu einer kritischen, sondern affirmativen Auseinandersetzung kommt. Man muss die Dinge ja auch schon leicht anders sehen, um auf eventuelle Widersprüche zu stoßen. Oft sehe ich diese Unterschiede nicht, weshalb dann eben auch nur die bloße Anbiederung dabei rauskommt. Zu guter Letzt: Nettigkeit kommt ja nicht nur im Musikjournalismus vor, sondern eben auch in allen anderen Bereichen des journalistischen Lebens. Das hat einen ganz praktischen Grund, denn je näher man dran ist an den jeweiligen Protagonisten, desto mehr Informationen bekommt man von diesen exklusiv. Dies ist ein entscheidender Vorteil in diesem Gewerbe und im Kampf um die beste, weil insidermäßigste Story. Diejenigen, die nett über Helmut Kohl geschrieben haben, durften in seiner Privatmaschine mitfliegen und erhielten als Erste die begehrten Infos. Die anderen flogen eine Maschine später und durften dann von den Kollegen abschreiben. Nicht geil, wenn man was auf sich hält als Journalist. Insofern ... it's all about the business und persönliche Haltung. Mir wurde oft vorgeworfen, dass ich es an der nötigen Objektivität vermissen lassen würde, allerdings bin ich auch fest davon überzeugt, dass es so etwas wie Objektivität gar nicht gibt. Und zweitens ist Objektivität im Bereich von Musik und Kunst erst recht nicht möglich. Das Einzige, was ich gegenüber meinem lesenden und zusehenden Publikum doch machen kann, ist ihm zu zeigen, wo ich stehe und warum ich welchen Standpunkt einnehme. Dann hat der Zuschauer oder Leser die Möglichkeit, zu überprüfen, wo er oder sie steht und in welchem Abstand zu meinem Standpunkt er oder sie sich befindet. Daraus kann er oder sie dann ableiten, was von der Sache zu halten ist und ob er oder sie meinen Standpunkt teilt. Wenn ich nun aber meinen Standpunkt abschleife und ihn als Objektivität verkaufe, dann sind wir doch am Ende nur noch in der großen Schwammigkeit und alles wird wie Watte. Man schlägt rein, aber nichts hat noch eine Wirkung. Gibt es eh schon oft genug, deshalb brauchen wir das im Musikjournalismus nicht auch noch.

Daniel Schieferdecker (Chefredakteur JUICE): Ich weiß genau, was Jan meint. Und ich denke, jeder langjährige Rap-Journalist kommt regelmäßig und immer wieder an den Punkt, diesen Spagat aus freundlichem Miteinander und kritischer Distanz meistern zu müssen. Und beides ist wichtig. Man braucht als Journalist einerseits die Nähe zu den Künstlern, um gute Interviews führen und eine möglichst lang anhaltende, geschäftliche Beziehung zueinander aufzubauen, von der im Optimalfall nicht nur beide Seiten, sondern auch Fans und Medienkonsumenten profitieren. Auf der anderen Seite sollte man sich als Journalist nicht das Recht nehmen lassen, gegebenenfalls auch kritisch über Künstler zu berichten – solange das respektvoll passiert und es nachvollziehbare Gründe und Argumente für ebenjene Kritik gibt. Ich selbst habe tatsächlich keine Nähe zu Künstlern, die über das Berufliche hinausgeht. Dadurch fällt eine etwaige Kritik sicherlich leichter. Ob das aber der bessere oder gar richtige journalistische Weg ist? Das muss am Ende wohl jeder Rap-Journalist für sich selbst entscheiden.

Falk Schacht (freier Journalist): Eigentlich muss man dazu das Fass aufmachen, was kritischer Musikjournalismus bedeuten soll. Das ist nämlich wahnsinnig komplex. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es Kollegen gibt, die sich aufgrund der Druckverhältnisse, die in solchen Beziehungen entstehen, beeinflussen lassen. Ich kann daher am Ende nur für mich sprechen ... Ich habe immer versucht, den Künstler fair zu behandeln. Selbst wenn mir die Kunst persönlich nicht zugesagt hat oder ich anderer Meinung war oder bin, geht es ja nicht um mich als Interviewer. Es geht um den Künstler und seine Kunst. Diese Fairness und dass ich nicht mit einer verurteilenden Haltung in meine Interviews gegangen bin, was mir von einigen als Kritiklosigkeit ausgelegt wird, sorgt für eine Gesprächsatmosphäre, in der ich kritische Themen ansprechen kann – ohne dass der Künstler aufstehen und alles hinschmeißen will. Ob nun Kool Savas den Widerspruch erklären muss, warum er sich bei männlicher Homosexualität eklig berührt fühlt, aber mit weiblicher Homosexualität keine Probleme hat. Oder PA Sports, der irgendwann zugeben musste, dass, wenn Schwesta Ewa eine Sünderin ist, auch alle Freier, die sie jemals besucht haben, Sünder sind. In meinen Interviews geht es immer um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema, ein an der Sache interessiertes Gespräch auf Augenhöhe. Das nicht dazu da ist, dass am Ende einer der Gewinner ist. Kritisch zu sein wird nämlich häufig mit einer Art Battle oder Kampf verwechselt. Der Journalist, der versucht, sich über den Rapper zu stellen, der Rapper, der sich angepisst fühlt von jeder Aussage, der Zuschauer, der den Rapper oder den Journalisten oder beide scheiße findet und der Meinung ist, selber alles besser machen zu können. Das sind dann gerne Zuschauer, die sich wünschen, dass der Interviewer dem Rapper mal so richtig einen reinwürgt, weil er den Rapper so scheiße findet. Wenn das dann nicht passiert, dann ist der Interviewer plötzlich eine kritiklose PR-Schlampe des Rappers. Was also eigentlich häufig gefordert wird, ist ein Scharfrichter, ein Vollstrecker, der die Meinung dieses Zuschauers ausführt. Darin sehe ich nicht die Rolle eines Journalisten. Der Journalist soll verstehen, warum ein Künstler das tut, was er tut. Nur dann kann er es auch an den Zuschauer weiterreichen. Meinen ernsthaften Anspruch bemerken die Rapper. Und deshalb kann ich auch über Themen sprechen, die andere nicht ansprechen können. Hinzu kommt, dass ich die Musik des Künstlers auch nicht bewerte für meine Interviews. Ich beschreibe und dokumentiere, aber ich werte nicht. Wenn ein Journalist also Reviews schreibt oder in Artikeln zwingend seine eigene Meinung zum Werk unterbringen will, wird er eher Probleme haben, als ich sie hatte.

(Moritz Gräfrath, Anne Donohoe & Florence Bader)
(Fotos von Matze Hielscher (Claus Schwartau), Lukas Maeder (Daniel Schieferdecker), MGH (Niko Hüls), Martin Pohle (Juse Ju), Mikis Fontagnier (Marcus Staiger), David Luther (Ralf Teil), http://smthngtormmbr.tumblr.com (Ayke Süthoff), Grafik von Puffy Punchlines)