10+1 Journalisten gefragt: Wie gehst du mit der Nähe zu Künstlern um?

Die Rap-​Landschaft ist 2016 viel­fäl­ti­ger denn je zuvor. Doch nicht nur Künst­ler beschrei­ten teils sehr unter­schied­li­che Wege. Auch der Jour­na­lis­mus, der sie und ihre Musik zum The­ma hat, hat sich mit den Jah­ren ver­än­dert und unter­schied­lichs­te For­men ange­nom­men. Dies trifft auch auf die Bezie­hung zwi­schen Rap­pern und Jour­na­lis­ten zu: Sie scheint prin­zi­pi­ell enger und per­sön­li­cher gewor­den zu sein. So tre­ten Repor­ter in neu­en Musik­vi­de­os auf, fah­ren gemein­sam mit Künst­lern um die Welt oder gehen abends regel­mä­ßig zusam­men mit ihnen fei­ern. ALL GOOD-​Autor Jan Wehn hat in einem Arti­kel sei­ne per­sön­li­chen Erfah­run­gen geschil­dert und nach­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Nähe zu Pro­mo­tern, Künst­lern, Pro­du­zen­ten und zur Sze­ne all­ge­mein auch einen nach­hal­ti­gen Ein­fluss auf sei­ne Tätig­keit als Jour­na­list hat­te. So hielt er Ende 2014 fest: "Irgend­wann schrieb ich nur noch nett. […] Ehe ich mich ver­sah, war ich […] mit­ten­drin in einem Befindlichkeits-​Brainwash ers­ter Güte." Zwei Jah­re spä­ter haben wir nun elf ande­re deut­sche HipHop-​Journalisten unter­schied­lichs­ter Platt­for­men gefragt: "Hast du als Rap-​Journalist ähn­li­che Erfah­run­gen gemacht? Wenn ja, wie gehst du per­sön­lich mit der Nähe zu ver­schie­de­nen Künst­ler um – und wie bewer­test du sie?"

 

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Ayke Süt­hoff (frei­er Jour­na­list): Vor­ab: Ich bin kein Rap-​Journalist. Ich bin Musik­jour­na­list und befas­se mich daher auch aus­gie­big mit Rap­mu­sik. Da ich aber auch vie­le ande­re Kon­zer­te besu­che, ande­re Musi­ker tref­fe, mit Pro­mo­tern und Labels aus ande­ren Berei­chen zu tun habe, bin ich und war ich nie so tief in der Rap-​Szene. Man kennt sich, klar, aber tie­fe Freund­schaf­ten ent­ste­hen da weni­ger, auch nicht zu Musi­kern selbst. Wobei ich mich zum Teil auch bewusst raus­ge­hal­ten habe, um eine Distanz zu wah­ren, die sehr hilf­reich sein kann. Bei Noi­sey haben wir uns immer bemüht, deut­lich zu sein und auch offen zu schrei­ben, wenn jemand schlech­te Musik macht. Das hat dann auch zu Ver­stim­mun­gen bei Labels oder Musi­kern geführt. Das kriegst du dann über ein paar Ecken mit, direkt ange­ru­fen wur­de ich nur ein oder zwei Mal. Aber es fällt manch­mal tat­säch­lich schwer, die Distanz zu wah­ren oder ehr­lich jeman­dem gegen­über zu sein, der dir zum Bei­spiel neue Musik zeigt. Die Leu­te haben ja immer gro­ße Erwar­tun­gen, lie­ben ihre Musik und wol­len von dir Bestä­ti­gung. Da sagt man dann schon mal, dass man das alles ganz toll fin­det, auch wenn's nicht stimmt. Es ist ja immer ein Geben und Neh­men. Du willst, dass sie dich beim aus­ver­kauf­ten Kon­zert auf die Lis­te schrei­ben, am bes­ten mit After-​Show-​Party und Freidrinks. Und dafür gibst du auto­ma­tisch auch was oder lässt dich auf dem Kon­zert von dem unin­ter­es­san­ten Label­kol­le­gen bli­cken, damit du beim nächs­ten Mal nicht ver­ges­sen wirst. Die gan­ze Musik­sze­ne funk­tio­niert so, jeder will was von dir und du willst auch was, das ist ein ste­tes Abwä­gen. Je län­ger du Teil davon bist, des­to weni­ger willst du da Leu­ten vor den Kopf sto­ßen. Das war letzt­lich auch einer der Grün­de für mich, bei Noi­sey auf­zu­hö­ren und Abstand zu suchen.

Sha­na Koch (Back­spin): Lei­der habe auch ich bereits sehr oft ähn­li­che Erfah­run­gen wie die­se gemacht, die Jan Wehn in sei­nem Arti­kel beschreibt. Die deut­sche Rap­sze­ne und ihre Medi­en­land­schaft ist ein sehr fami­liä­rer Mikro­kos­mos. Das bringt nun ein­mal mit sich, dass man nach ein paar Jah­ren den Groß­teil, wenn nicht sogar alle Akteu­re, per­sön­lich kennt. Hin­zu kommt, dass die Musik­sze­ne ein Busi­ness ist, in dem per­sön­li­che Kon­tak­te das A und O sind. Folg­lich nimmt man ein The­ma, des­sen Rele­vanz auf den ers­ten Blick viel­leicht nicht so ersicht­lich ist, sehr viel eher an, wenn man eine gute Bezie­hung zum jewei­li­gen Pro­mo­ter, Künst­ler oder Mana­ger hat. Ähn­lich ver­hält es sich mit der Mei­nung über Musik. Natür­lich gibt jeder Jour­na­list sei­ne sub­jek­ti­ve Mei­nung preis. Hin­der­lich ist hier nur, wenn man, wie es der Zufall oft so will, ein enges Ver­hält­nis oder sogar eine Freund­schaft zum Künst­ler pflegt. Wer mag denn schon ein Album bit­ter­bö­se zer­rei­ßen, um dem betref­fen­den Künst­ler dann zu erklä­ren, dass das Gan­ze ja gar nichts mit ihm per­sön­lich zu tun hat? Die Lösung die­ses Pro­blems erfor­dert Mut und den Ansporn, den jour­na­lis­ti­schen Anspruch zu wah­ren. Einer­seits ist es die Auf­ga­be der Jour­na­lis­ten, zwi­schen pri­va­ten und beruf­li­chen Kon­tak­ten zu dif­fe­ren­zie­ren. Damit mei­ne ich nicht, dass man sich in der Frei­zeit kei­nes­falls mit Kol­le­gen der Musik­sze­ne abge­ben darf. Son­dern viel eher, Freund­schaf­ten zu pfle­gen, aber gleich­zei­tig den Mumm zu haben, The­men abzu­sa­gen, wenn es sein muss, oder eben auch kon­struk­ti­ve, nega­ti­ve Kri­tik äußern zu kön­nen. Ande­rer­seits ist es hier auch wich­tig, dass alle Betei­lig­ten auf Sei­ten des Künst­lers genau­so dif­fe­ren­zie­ren und mit Absa­gen oder eben­je­ner Kri­tik pro­fes­sio­nell umge­hen kön­nen, ohne den jewei­li­gen Jour­na­lis­ten in irgend­ei­ner Art zu "bestra­fen". Lan­ger Rede kur­zer Sinn: Es ist schön, Freun­den einen Gefal­len zu tun, das gibt auch sicher­lich reich­lich Karma-​Punkte. Den­noch soll­te bei­den Sei­ten in jedem Moment die Rol­len­ver­tei­lung bewusst sein und klar zwi­schen jour­na­lis­ti­scher Ent­schei­dung im Sin­ne des Medi­ums und per­sön­li­cher Mei­nung dif­fe­ren­ziert wer­den.

Marc Leo­pold­se­der (ALL GOOD): Das geschil­der­te Pro­blem ist eigent­lich kei­nes, wenn man sich an einen simp­len Grund­satz hält: Schreib nichts, was du dem Künst­ler nicht auch ins Gesicht sagen wür­dest. Und wenn du kein Schlei­mer, Hater oder Selbst­dar­stel­ler bist, son­dern dich gut infor­miert, ernst­haft und ent­spre­chend respekt­voll mit der Kunst beschäf­tigst, dann wird dein Urteil dar­über immer so aus­fal­len, dass du es auch von Ange­sicht zu Ange­sicht kom­mu­ni­zie­ren könn­test – egal, ob du den Künst­ler per­sön­lich kennst und lei­den kannst oder nicht. Mei­ne Erfah­rung ist die: Ehr­li­ches Feed­back wird in der Regel sehr geschätzt, auch wenn es schmerz­haft für den Künst­ler aus­fällt … es sei denn, er ist ein wacker Mensch. Und damit ist auch die Fra­ge nach der per­sön­li­chen Nähe zu Künst­lern beant­wor­tet: Alle mei­ne Freun­de sind dope Men­schen.

Claus Schwartau (Chef­re­dak­teur Noi­sey Deutsch­land): Jan Wehn und ich haben unter­schied­li­che Jobs, das muss man hier berück­sich­ti­gen. Aber klar, auch als Chef­re­dak­teur befin­det man sich immer wie­der in der Situa­ti­on, mit den unter­schied­li­chen Befind­lich­kei­ten von Musi­kern, Pro­mo­tern, Mana­gern und nicht zuletzt der des eige­nen Arbeit­ge­bers umge­hen zu müs­sen. Und dann sind da natür­lich auch noch die eige­nen Zie­le und Vor­stel­lun­gen, die wir im Noisey-​Team haben. Ich bin hier die Schnitt­stel­le, bei der alle indi­vi­du­el­len Inter­es­sen zusam­men­lau­fen. Und natür­lich haben der Künst­ler, sein Mana­ger und Pro­mo­ter vor allem das Ziel, so viel Raum auf dei­nem Kanal zu bekom­men wie mög­lich. Das wol­len sie unbe­dingt errei­chen, ist ja auch ihr Job. Ich sage dann Sachen zu oder ab. Dabei ist mir vor allem wich­tig, dass es nie per­sön­lich wird. Egal, ob ich mit einem Musi­ker, Mana­ger oder Pro­mo­ter befreun­det bin: Sie oder er muss ver­ste­hen, dass mei­ne Ent­schei­dun­gen rein beruf­li­cher Natur sind und es in ers­ter Linie mein Ziel sein muss, Noi­sey vor­an­zu­brin­gen. Es ist nichts Per­sön­li­ches. Und ich bin mir sicher: Wenn es auf bei­den Sei­ten per­sön­lich wird und man anfängt, Leu­ten Gefal­len zu tun, weil man glaubt, sie sei­en sonst belei­digt oder trau­rig oder sau­er, dann sitzt man ganz schnell in einem knie­tie­fen Schla­mas­sel, der es einem irgend­wann unmög­lich macht, sei­nen eigent­li­chen Job aus­zu­üben – unab­hän­gi­gen, trans­pa­ren­ten und frei­en Musik­jour­na­lis­mus.

Juse Ju: Zual­ler­erst: Ich betrach­te mich selbst nicht als Musik-​Journalisten. Ich bin ein Rap­per, der sei­ne Musik­rich­tung nachts im Radio auf­legt. Ich schrei­be kei­ne Arti­kel über Rap-​Stars, ich urtei­le nicht in Reviews über Alben ande­rer und auch Radio-​Interviews mache ich nur ver­tre­tungs­wei­se – wenn Visa Vie mal nicht da ist. Mit einer gro­ßen Aus­nah­me: Ich mache die Inter­views in der Writ­ten Batt­le Liga "Don't Let The Label Label You". Nach jedem Batt­le ver­su­che ich, die Fra­gen zu klä­ren, die wäh­rend­des­sen offen­ge­blie­ben sind. Natür­lich stel­le ich je nach Sym­pa­thie und Respekt dreis­te­re oder net­te­re Fra­gen – auch wenn ich ver­su­che, mich davon frei zu machen. Aller­dings bin ich fest davon über­zeugt, dass sich die­se After-​Battle-​Interviews schwer mit dem täg­li­chen Rap-​journalistischen Rau­schen aus Pro­mo­pha­sen, Klün­gel und zart besai­te­ten Egos ver­glei­chen lässt. Ich füh­le mich frei dar­in, zu sagen und zu fra­gen, was ich will. Ich den­ke, ich kann auch offen Kri­tik an den Rap­pern üben, ohne dass es gleich Beef gibt. Das hat drei wich­ti­ge Grün­de. Ers­tens: Es geht nicht um Geld. Ich bekom­me kein Geld für die Inter­views. Die Rap­per bekom­men nur in Aus­nah­me­fäl­len Koh­le. Aber nie­mand in Deutsch­land macht das beruf­lich. An einem miss­glück­ten Batt­le oder Inter­view hän­gen kei­ne Exis­ten­zen – no money, no pro­blems. Zwei­tens: Batt­lerap­per sind ein gewis­ser Schlag Mensch. Sie sind es gewöhnt, auch mal hart ange­gan­gen zu wer­den. Die Inter­views sind eine Art Ver­län­ge­rung des Batt­les und fin­den immer Face-​to-​Face statt. Übe ich Kri­tik an einem Batt­lerap­per, kann er gleich zurück­schie­ßen. Es gibt qua­si eine still­schwei­gen­de Eini­gung, dass so gut wie alles erlaubt ist. Drit­tens: Es gibt kei­ne stei­len Hier­ar­chi­en. Erfolg­rei­che Batt­lerap­per lau­fen ja nicht auf ein­mal mit Mana­gern, Arsch­krie­chern, Grou­pies und Sport­wa­gen durch die Gegend. Fla­che Hier­ar­chi­en füh­ren anschei­nend zu weni­ger vor­aus­ei­len­dem Gehor­sam, weni­ger gekränk­ten Egos und weni­ger Schei­ße im Hirn. Aber klar: Wäre die Welt der Writ­ten Batt­les so groß wie die Pop­welt, gäbe es auch Mana­ger, die Jour­na­lis­ten mit Prom­o­agen­tu­ren ver­wech­seln, und Fan-​Journalisten, die sich ger­ne mit den Rei­chen und Gefähr­li­chen umge­ben.

 

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Ralf Theil (frei­er Jour­na­list): Es ist eine roman­ti­sche Vor­stel­lung, dass ohne per­sön­li­che Bezie­hung zum Objekt gleich kri­tisch geschrie­ben wird. Wenn Rap­per bei­spiels­wei­se nicht auf ver­krus­te­te Geschlech­ter­bil­der, Ver­schwö­rungs­bull­shit, straf­recht­lich Rele­van­tes oder schlicht Wack­ness ange­spro­chen wer­den, liegt das zuerst an der geschäft­li­chen, nicht an der per­sön­li­chen Bezie­hung zwi­schen Musi­ker und Jour­na­list. Die­se Sym­bio­se bleibt ein Pro­blem, solan­ge sich immer irgend­wo ein wil­li­ger, unkri­tisch nicken­der Mikro­fon­hal­ter mit halb­wegs belieb­tem YouTube-​Account fin­det, der mög­lichst wenig hin­ter­fragt, weil das bes­ser fürs Geschäft ist oder weil es ihn schlicht­weg nicht inter­es­siert. Dann wird Jour­na­lis­mus zur Hof­be­richt­erstat­tung und bie­tet dem Künst­ler den Promo-​Weg des gerings­ten Wider­stands. Ob Rap­per und Inter­view­er befreun­det sind oder nicht, ist dabei aber völ­lig egal. Es ist ein­fach schlech­tes Hand­werk. Kol­le­ge Leo­pold­se­der mein­te mal so was wie: "Man darf halt nicht mit wacken Leu­ten befreun­det sein". Meist ergibt sich das von selbst, wenn man Rap mag. Wer hängt denn mit jeman­dem rum, des­sen Musik man tod­pein­lich fin­det? Ich für mei­nen Teil habe auf­ge­hört, Musik von Künst­lern zu rezen­sie­ren, die ich mehr als nur flüch­tig ken­ne. Auch wenn ich weiß, dass ich mir dar­über trotz­dem eine fun­dier­te Mei­nung bil­den kann – das For­dern objek­ti­ver Rezen­sio­nen ist ja ein sehr belieb­tes Miss­ver­ständ­nis –, muss ich die nicht öffent­lich kund­tun. Ehr­li­ches, öffent­li­ches Lob hat immer das Geschmäck­le der Kum­pe­lei. Ehr­li­che Kri­tik äuße­re ich oft und gern, aber es gibt für mich abso­lut kei­nen Anreiz, das in Form einer Review zu tun, wenn es auch im per­sön­li­chen Dia­log geht. Sich selbst hin­ge­gen kein ech­tes Urteil mehr zuzu­trau­en, weil man den Rap­per kennt oder mit dem Pro­mo­ter mal ein Bier getrun­ken hat – da darf man schon mal über das eige­ne Ver­hält­nis zur Musik nach­den­ken. Bei alle­dem soll­te man nicht aus den Augen ver­lie­ren, dass wir eben über Musik spre­chen, über Enter­tain­ment. Ein gewis­ser per­sön­li­cher Draht zum Gegen­über ist uner­läss­lich, wenn wir lesens- und hörens­wer­te, inter­es­san­te Inter­views füh­ren wol­len. Gute Vor­be­rei­tung, gegen­sei­ti­ger Respekt und eine gewis­se Fähig­keit zur Empa­thie sind der Schlüs­sel dazu. Ver­steht man sein Hand­werk, klappt das nach gründ­li­cher Vor­be­rei­tung auch mit Frem­den. Aber genau­so kann man extrem inter­es­san­te Gesprä­che mit Leu­ten erle­ben, die man lan­ge kennt und schätzt. Wie­so auch nicht? Mit Musi­kern Inter­views zu füh­ren, deren Geschmack oder Ansich­ten ich tei­le, ist nicht das Pro­blem. Das Pro­blem beginnt genau dort, wo man sich mit wacker Schei­ße oder frag­wür­di­gem Gedan­ken­gut gemein macht – egal, aus wel­chem Antrieb.

Niko Hüls (Chef­re­dak­teur BACKSPIN): Ich habe schon seit Tag eins mei­ner Szene-​Zugehörigkeit immer sehr bewusst ent­schie­den, wie ich zu Künst­lern ste­he. Eine per­sön­li­che Ebe­ne, der enge Kon­takt und die ver­trau­te Atmo­sphä­re sind dabei gera­de im Video-​Journalismus von­nö­ten, um ein Level im Gespräch zu errei­chen, das es ermög­licht, in den Fra­gen ein wenig tie­fer zu gehen. Das trifft auf per­sön­li­che Ansich­ten des Gas­tes eben­so zu wie auf Kri­tik an ihm und sei­nen Aktio­nen. Der Vor­wurf steht immer im Raum und man kann in dem Job die Sym­pa­thi­en sicher nicht kom­plett aus­blen­den, was natür­lich auch ein wenig die Arbeit beein­flusst. Aber gera­de das macht das ehr­li­che Gespräch auch aus. Und am Ende des Tages kann ich noch gut in den Spie­gel schau­en. Was das lei­di­ge The­ma "Reviews" angeht: Wir haben bei BACKSPIN in die­sem Jahr bewusst einen Wech­sel von klas­si­schen Reviews auf einen Sound­check der Redak­ti­on umge­stellt, weil die Bewer­tung von Musik immer eine höchst per­sön­li­che Sache ist, bei der man natür­lich von meh­re­ren Fak­to­ren – auch Sym­pa­thie – gelei­tet ist. So gibt es aus Redak­ti­ons­sicht einen bes­se­ren Schnitt und ein stär­ke­res Mei­nungs­bild über eine Plat­te. Und das macht es span­nen­der, denn da kann auch mal eine 1 von 10 von einem Autor dabei sein, wäh­rend der ande­re eine 8 von 10 gibt. Die Fra­ge nach Kri­tik­fä­hig­keit im All­ge­mei­nen ist halt auch ein unend­li­ches The­ma …

Oli­ver Mar­quart (Chef­re­dak­teur rap​.de): Frü­her habe ich tat­säch­lich freund­schaft­li­che Kon­tak­te zu diver­sen Künst­lern gepflegt und natür­lich hat mich das bei mei­ner Arbeit beein­flusst. Heu­te ist das nicht mehr so – es hat sich eher erge­ben, als dass ich dar­auf beson­de­ren Wert gelegt hät­te. Grund­sätz­lich den­ke ich: Es muss nicht unbe­dingt ein Pro­blem sein, solan­ge man jemand ist, der auch an guten Freun­den Kri­tik üben kann – was aber bei vie­len nicht sehr aus­ge­prägt zu sein scheint. Des­halb sehe ich dar­in schon eine Gefahr für seriö­se Bericht­erstat­tung, zumal immer mehr Jour­na­lis­ten sich offen­bar als ver­län­ger­ter Promo-​Arm von Künst­lern begrei­fen. Egal, ob sie das machen, weil sie wirk­lich davon über­zeugt sind oder aus weni­ger edlen Moti­ven: Braucht halt nie­mand, gibt ja Face­book.

Mar­cus Stai­ger (frei­er Jour­na­list): Zuerst ein­mal die wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen des Musik­jour­na­lis­mus: Musik­jour­na­lis­ten schrei­ben für Maga­zi­ne, die – zumin­dest frü­her und wenn sie für Print­me­di­en gear­bei­tet haben – stark von Anzei­gen­kun­den abhän­gig waren oder sind. Das führ­te gera­de in der Ver­gan­gen­heit dazu, dass die Anzei­gen­kun­den, die sich vor­nehm­lich aus der Musik­in­dus­trie speis­ten, dies auch als Druck­mit­tel ein­ge­setzt haben. Nach dem Mot­to: "Ihr schreibt eine nega­ti­ve Kri­tik, wir schal­ten kei­ne Anzei­gen mehr bei euch." Das wur­de zwar nicht offen aus­ge­spro­chen, stand aber mehr­mals im Hin­ter­grund bei diver­sen Gesprä­chen, die ich mit den unter­schied­lichs­ten Chef­re­dak­teu­ren der ver­schie­dens­ten Medi­en füh­ren durf­te. Da kam es dann immer dar­auf an, wie gera­de sich die jewei­li­gen Redak­tio­nen gemacht haben und wie wider­stands­fä­hig sie gegen­über den Labels auf­tra­ten. Oft konn­te man ihnen klar­ma­chen, dass eine gewis­se Hal­tung in die­sem Berufs­feld durch­aus nütz­lich ist, weil das auch eine gewis­se Glaub­wür­dig­keit schafft. Nur all­zu oft habe ich aber auch erlebt, dass die ent­spre­chen­den Redak­tio­nen gekuscht oder im vor­aus­ei­len­den Gehor­sam einen Rück­zie­her gemacht haben. Mit dem Auf­kom­men von Blogs, dem Inter­net und einer gewis­sen Ver­brei­te­rung der Wer­be­kund­schaft ist die­ser Beweg­grund für Net­tig­keit ein biss­chen in den Hin­ter­grund getre­ten. Dafür aller­dings kam nun ein ande­rer dazu: Wer hat nun den bes­ten Draht zu den jewei­li­gen Künst­lern? Die Künst­ler, das wis­sen wir, sind ein emp­find­li­ches Völk­chen und deut­sche Rap­per sind rich­ti­ge Mimo­sen. Sie füh­len sich schnell belei­digt und sind gro­ße Meis­ter dar­in, den jewei­li­gen Jour­na­lis­ten ihre Gunst zu schen­ken oder zu ent­zie­hen. Das Pro­blem ist: Hat man es sich mit zu vie­len ver­kackt, hat man ein­fach kei­ne Gesprächs­part­ner mehr. Und kann man nicht mit hoch­ka­rä­ti­gen Gesprächs­part­nern auf­war­ten, so ver­liert man an Rele­vanz, was sich wie­der­um in sin­ken­den Klick­zah­len äußert. Und da Klick­zah­len die der­zei­ti­ge Wäh­rung im Game dar­stel­len, tun die ent­spre­chen­den Jour­na­lis­ten alles dafür, ihre Reich­wei­te zu erhal­ten – sie sau­gen Schwanz. Der drit­te Grund ist etwas per­sön­li­cher. Beef muss man halt auch aus­hal­ten kön­nen und da deut­sche Rap-​Künstler mit­un­ter sehr dünn­häu­tig und säu­er­lich reagie­ren, ist das manch­mal ein ganz schö­ner See­len­stress. Vie­le Jour­na­lis­ten sind dafür ein­fach nicht gemacht, wol­len sich den Stress nicht geben, sind viel­leicht auch ein­fach har­mo­nie­be­dürf­tig – was ja auch nicht zu ver­ur­tei­len ist – und des­halb ein­fach ein biss­chen sof­ter. Inso­fern ist das eben auch eine Art, die­ser Art von Arbeit nach­zu­ge­hen. Manch­mal reicht das intel­lek­tu­el­le Niveau der Jour­na­lis­ten oder ihr kri­ti­scher Ver­stand nicht dazu aus, die ent­spre­chen­den Bruch­stel­len im Werk und Leben eines Künst­lers zu ent­de­cken und den Fin­ger in die Wun­de zu legen. Oft befin­den sich Künst­ler und Jour­na­list ja auch im genau glei­chen Koor­di­na­ten­sys­tem, sodass es eben nicht zu einer kri­ti­schen, son­dern affir­ma­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung kommt. Man muss die Din­ge ja auch schon leicht anders sehen, um auf even­tu­el­le Wider­sprü­che zu sto­ßen. Oft sehe ich die­se Unter­schie­de nicht, wes­halb dann eben auch nur die blo­ße Anbie­de­rung dabei raus­kommt. Zu guter Letzt: Net­tig­keit kommt ja nicht nur im Musik­jour­na­lis­mus vor, son­dern eben auch in allen ande­ren Berei­chen des jour­na­lis­ti­schen Lebens. Das hat einen ganz prak­ti­schen Grund, denn je näher man dran ist an den jewei­li­gen Prot­ago­nis­ten, des­to mehr Infor­ma­tio­nen bekommt man von die­sen exklu­siv. Dies ist ein ent­schei­den­der Vor­teil in die­sem Gewer­be und im Kampf um die bes­te, weil insi­der­mä­ßigs­te Sto­ry. Die­je­ni­gen, die nett über Hel­mut Kohl geschrie­ben haben, durf­ten in sei­ner Pri­vat­ma­schi­ne mit­flie­gen und erhiel­ten als Ers­te die begehr­ten Infos. Die ande­ren flo­gen eine Maschi­ne spä­ter und durf­ten dann von den Kol­le­gen abschrei­ben. Nicht geil, wenn man was auf sich hält als Jour­na­list. Inso­fern … it's all about the busi­ness und per­sön­li­che Hal­tung. Mir wur­de oft vor­ge­wor­fen, dass ich es an der nöti­gen Objek­ti­vi­tät ver­mis­sen las­sen wür­de, aller­dings bin ich auch fest davon über­zeugt, dass es so etwas wie Objek­ti­vi­tät gar nicht gibt. Und zwei­tens ist Objek­ti­vi­tät im Bereich von Musik und Kunst erst recht nicht mög­lich. Das Ein­zi­ge, was ich gegen­über mei­nem lesen­den und zuse­hen­den Publi­kum doch machen kann, ist ihm zu zei­gen, wo ich ste­he und war­um ich wel­chen Stand­punkt ein­neh­me. Dann hat der Zuschau­er oder Leser die Mög­lich­keit, zu über­prü­fen, wo er oder sie steht und in wel­chem Abstand zu mei­nem Stand­punkt er oder sie sich befin­det. Dar­aus kann er oder sie dann ablei­ten, was von der Sache zu hal­ten ist und ob er oder sie mei­nen Stand­punkt teilt. Wenn ich nun aber mei­nen Stand­punkt abschlei­fe und ihn als Objek­ti­vi­tät ver­kau­fe, dann sind wir doch am Ende nur noch in der gro­ßen Schwam­mig­keit und alles wird wie Wat­te. Man schlägt rein, aber nichts hat noch eine Wir­kung. Gibt es eh schon oft genug, des­halb brau­chen wir das im Musik­jour­na­lis­mus nicht auch noch.

Dani­el Schie­fer­de­cker (Chef­re­dak­teur JUICE): Ich weiß genau, was Jan meint. Und ich den­ke, jeder lang­jäh­ri­ge Rap-​Journalist kommt regel­mä­ßig und immer wie­der an den Punkt, die­sen Spa­gat aus freund­li­chem Mit­ein­an­der und kri­ti­scher Distanz meis­tern zu müs­sen. Und bei­des ist wich­tig. Man braucht als Jour­na­list einer­seits die Nähe zu den Künst­lern, um gute Inter­views füh­ren und eine mög­lichst lang anhal­ten­de, geschäft­li­che Bezie­hung zuein­an­der auf­zu­bau­en, von der im Opti­mal­fall nicht nur bei­de Sei­ten, son­dern auch Fans und Medi­en­kon­su­men­ten pro­fi­tie­ren. Auf der ande­ren Sei­te soll­te man sich als Jour­na­list nicht das Recht neh­men las­sen, gege­be­nen­falls auch kri­tisch über Künst­ler zu berich­ten – solan­ge das respekt­voll pas­siert und es nach­voll­zieh­ba­re Grün­de und Argu­men­te für eben­je­ne Kri­tik gibt. Ich selbst habe tat­säch­lich kei­ne Nähe zu Künst­lern, die über das Beruf­li­che hin­aus­geht. Dadurch fällt eine etwai­ge Kri­tik sicher­lich leich­ter. Ob das aber der bes­se­re oder gar rich­ti­ge jour­na­lis­ti­sche Weg ist? Das muss am Ende wohl jeder Rap-​Journalist für sich selbst ent­schei­den.

Falk Schacht (frei­er Jour­na­list): Eigent­lich muss man dazu das Fass auf­ma­chen, was kri­ti­scher Musik­jour­na­lis­mus bedeu­ten soll. Das ist näm­lich wahn­sin­nig kom­plex. Ich kann mir aber gut vor­stel­len, dass es Kol­le­gen gibt, die sich auf­grund der Druck­ver­hält­nis­se, die in sol­chen Bezie­hun­gen ent­ste­hen, beein­flus­sen las­sen. Ich kann daher am Ende nur für mich spre­chen … Ich habe immer ver­sucht, den Künst­ler fair zu behan­deln. Selbst wenn mir die Kunst per­sön­lich nicht zuge­sagt hat oder ich ande­rer Mei­nung war oder bin, geht es ja nicht um mich als Inter­view­er. Es geht um den Künst­ler und sei­ne Kunst. Die­se Fair­ness und dass ich nicht mit einer ver­ur­tei­len­den Hal­tung in mei­ne Inter­views gegan­gen bin, was mir von eini­gen als Kri­tik­lo­sig­keit aus­ge­legt wird, sorgt für eine Gesprächs­at­mo­sphä­re, in der ich kri­ti­sche The­men anspre­chen kann – ohne dass der Künst­ler auf­ste­hen und alles hin­schmei­ßen will. Ob nun Kool Savas den Wider­spruch erklä­ren muss, war­um er sich bei männ­li­cher Homo­se­xua­li­tät eklig berührt fühlt, aber mit weib­li­cher Homo­se­xua­li­tät kei­ne Pro­ble­me hat. Oder PA Sports, der irgend­wann zuge­ben muss­te, dass, wenn Schwesta Ewa eine Sün­de­rin ist, auch alle Frei­er, die sie jemals besucht haben, Sün­der sind. In mei­nen Inter­views geht es immer um eine ernst­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma, ein an der Sache inter­es­sier­tes Gespräch auf Augen­hö­he. Das nicht dazu da ist, dass am Ende einer der Gewin­ner ist. Kri­tisch zu sein wird näm­lich häu­fig mit einer Art Batt­le oder Kampf ver­wech­selt. Der Jour­na­list, der ver­sucht, sich über den Rap­per zu stel­len, der Rap­per, der sich ange­pisst fühlt von jeder Aus­sa­ge, der Zuschau­er, der den Rap­per oder den Jour­na­lis­ten oder bei­de schei­ße fin­det und der Mei­nung ist, sel­ber alles bes­ser machen zu kön­nen. Das sind dann ger­ne Zuschau­er, die sich wün­schen, dass der Inter­view­er dem Rap­per mal so rich­tig einen rein­würgt, weil er den Rap­per so schei­ße fin­det. Wenn das dann nicht pas­siert, dann ist der Inter­view­er plötz­lich eine kri­tik­lo­se PR-​Schlampe des Rap­pers. Was also eigent­lich häu­fig gefor­dert wird, ist ein Scharf­rich­ter, ein Voll­stre­cker, der die Mei­nung die­ses Zuschau­ers aus­führt. Dar­in sehe ich nicht die Rol­le eines Jour­na­lis­ten. Der Jour­na­list soll ver­ste­hen, war­um ein Künst­ler das tut, was er tut. Nur dann kann er es auch an den Zuschau­er wei­ter­rei­chen. Mei­nen ernst­haf­ten Anspruch bemer­ken die Rap­per. Und des­halb kann ich auch über The­men spre­chen, die ande­re nicht anspre­chen kön­nen. Hin­zu kommt, dass ich die Musik des Künst­lers auch nicht bewer­te für mei­ne Inter­views. Ich beschrei­be und doku­men­tie­re, aber ich wer­te nicht. Wenn ein Jour­na­list also Reviews schreibt oder in Arti­keln zwin­gend sei­ne eige­ne Mei­nung zum Werk unter­brin­gen will, wird er eher Pro­ble­me haben, als ich sie hat­te.

(Moritz Grä­f­rath, Anne Donohoe & Flo­rence Bader)
(Fotos von Mat­ze Hiel­scher (Claus Schwartau), Lukas Maeder (Dani­el Schie­fer­de­cker), MGH (Niko Hüls), Mar­tin Poh­le (Juse Ju), Mikis Fon­ta­gnier (Mar­cus Stai­ger), David Luther (Ralf Teil), http://​smt​hng​tormm​br​.tumb​lr​.com (Ayke Süt­hoff), Gra­fik von Puf­fy Pun­ch­li­nes)