Wenige der Einigen, Elend der Heiligen (Diskursanalyse, Textinterpretation und Konzertreportage zu Absztrakkt)

Absz­trakkt war für mich seit sei­nes Klas­si­kers "Dein Zei­chen" (2005) ein Ausnahme-​Rapper. Nicht nur sein kan­ti­ger Flow, der sich nicht tight an den Beat anschmieg­te, son­dern in mit dem Beat rin­gen­den Rhyth­mus­pau­sen sei­ne Ris­se zog, ris­sen mich mit. Es waren vor allem sei­ne Inhal­te mit­samt all der selbst­auf­op­fern­den Ehr­lich­keit und dem per­sön­li­che Lebens­kri­sen dar­stel­len­den End­zeit­pa­thos. Ich wuss­te und ver­stand jedoch auch immer, dass sein Gerap­pe für vie­le zu "off­beat" wirk­te – wie sie es nen­nen, wenn ein Lyri­ker nicht marsch­mu­sik­mä­ßig auf die 16tel des Takts flowt. Und ich ver­zieh jenen, denen sei­ne Poe­sie zu sehr mit eso­te­ri­schen Begrif­fen auf­ge­la­den oder zu kryp­tisch vage for­mu­liert war.

Mit­zu­er­le­ben war die letz­ten Jah­re schon, dass sich sein Rap­stil ein biss­chen nor­mier­te und auch die Beats hier und da fast zu har­mo­nisch und rund für sei­ne nicht­kon­for­men Inhal­te wirk­ten. Was mich dann aber – und mit mir vie­le ande­re alte Bewun­de­rer – doch etwas scho­ckier­te, obwohl auch davor schon hier und da ein­zel­ne chau­vi­nis­ti­sche Töne immer zum Gesamt­werk Absz­trakkts gehör­ten: sei­ne posi­ti­ve Bezug­nah­me und sogar Wahl­emp­feh­lung des rech­ten bis rechts­ex­tre­men, auf jeden Fall aber kon­ser­va­tiv, tra­di­tio­na­lis­tisch und natio­na­lis­tisch agie­ren­den FPÖ-​Politikers Nor­bert Hofer zur Prä­si­dent­schafts­wahl in Öster­reich. Und das war zur Stich­wahl im Früh­jahr, die dann wie­der­holt wur­de und erst vor drei Wochen einen Aus­gang fand, in wel­chem Hofer knapp sei­nem grü­nen, sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kon­tra­hen­ten unter­lag.

Dazu kam noch mehr: Der Track "Walt­her" (benannt nach der Mar­ke einer deut­schen Hand­feu­er­waf­fe, die schon im 2. Welt­krieg als Pis­to­le der Wehr­macht bekannt und berüch­tigt war), der ein paar Wochen nach den gewaltsam-​sexualisierten Über­grif­fen an Sil­ves­ter in Köln via You­Tube von Absz­trakkt wütend und empört gespuckt wur­de und dabei eini­ges an inhalt­li­cher und begriff­li­cher Nähe zu PEGIDA- und AfD-​Rhetorik und -Het­ze auf­wies. Auf die öffent­li­che Kri­tik alter Weg­ge­fähr­ten und Rap-​Homies wie bei­spiels­wei­se Ame­wu (Ber­lin) und Def Ill (Linz/​Österreich) ging Absz­trakkt nur unge­nau und zögernd oder aus­wei­chend ein. Interviewanfragen/​-​angebote wur­den nicht nur Oli­ver Mar­quart (rap​.de) aus­ge­schla­gen, der sich durch Kom­men­ta­re als einer der ganz weni­gen kri­ti­schen Beob­ach­ter aus der HipHop-​Presse erwies. Immer­hin war der Facebook-​Post bezüg­lich der Wahl­emp­feh­lung, die nicht direkt frem­den­feind­lich, son­dern eher iso­la­tio­nis­tisch und als Anti-​Establishment ver­stan­den gewe­sen wer­den woll­te, von Absz­trakkt gelöscht wor­den. Wahr­schein­lich ging es dem Rap­per eher um den Popu­lis­mus Hofers hin­sicht­lich einer Ableh­nung trans­at­lan­ti­scher Han­dels­ab­kom­men, die von links bis rechts von vie­len vor­ge­bracht wird, die sich gegen­über Groß­kon­zer­nen in Ohn­macht füh­len und kei­ne ande­re Ant­wort dar­auf haben. Der mitt­ler­wei­le auch zuhau­se Internet-​Zugang besit­zen­de Lüden­schei­der, der sich zwi­schen­durch auch nach eige­ner Aus­sa­ge (wegen "einer tol­len Frau") in Öster­reich auf­ge­hal­ten hat­te, rela­ti­vier­te die Löschung jedoch dann wie­der. Und zwar in sei­ner Ant­wort in Track-​Form auf den zuvor erschie­ne­nen Diss­track vom Lin­zer Rap­per Def Ill. Die­ser hat­te Absz­trakkt kon­kret in Rap-​Form (und mit­samt eines lan­gen Offe­nen Brie­fes) kri­ti­siert. Und Absz­trakkt erklär­te, dass die Löschung sei­nes Hofer-​Posts nicht aus eige­ner inhalt­li­cher Ein­sicht erfolg­te, son­dern des­halb, weil sein Umfeld in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wor­den sei: Sei­ne Kri­ti­ker (wie Def Ill) näm­lich, die den Lehre-(oder Leere?)-Prediger falsch ver­ste­hen hät­ten wol­len, hät­ten damit nicht nur auf ihn, son­dern auch auf sein per­sön­li­ches Umfeld Druck aus­ge­übt. Absz­trakkt insze­nier­te sich damit ein wei­te­res Mal als jemand, der kei­ne Lust mehr hät­te, sich gegen den ihm ver­pass­ten sprich­wört­li­chen "Maul­korb" (emp­fun­de­nes Ver­bot einer Rede- und Mei­nungs­frei­heit) zu weh­ren, wenn dadurch auch sein Umfeld mit­hin­ein­ge­zo­gen wer­den wür­de.

So passt die gan­ze Debat­te um die Irr­we­ge und/​oder Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­me der Kunst­fi­gur Absz­trakkt auch bes­tens in eine Zeit, in der viel­fach von der Abge­hängt­heit frü­he­rer Kern­schich­ten der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung und der kul­tu­rell emp­fun­de­nen Kluft zwi­schen traditionell-​heimischem Arbei­ter­mi­lieu und liberal-​intellektueller AkademikerInnen-​Schicht geschrie­ben und gespro­chen wird. Dabei wird die Gefahr beschwo­ren, dass die­se Abge­hängt­heit der­je­ni­gen, die sich in "Fil­ter­bub­bles" ihre vir­tu­el­len Stamm­ti­sche schaf­fen und ver­tei­di­gen, zur bösen Über­ra­schung für die­je­ni­gen wer­den kann, die nur von oben her­ab auf die soge­nann­te Unter­schicht schau­en wür­den. Es wird behaup­tet, hier stün­den sich zwei Grup­pen gegen­über: die abge­häng­te Unter­schicht, der nur der Stamm­tisch, oder die rela­ti­ve Rede­frei­heit und eige­ne Reich­wei­te über Face­book, ande­re "sozia­le Medi­en" und kri­ti­sche Rap-​Kunst blei­be, und eine ande­re Grup­pe (qua­si das "Esta­blish­ment"), deren Mit­glie­der sich als etwas Bes­se­res und vor allem als die mora­lisch Guten und poli­tisch Kor­rek­ten fühl­ten, dabei aber ver­ges­sen hät­ten, den Glo­ba­li­sie­rungs­ver­lie­rern und Bil­dungs­iso­lier­ten die Zusam­men­hän­ge und Stand­punk­te auch zu erklä­ren und in kla­rer Spra­che ver­ständ­lich zu machen. Auch eine Anfra­ge bezüg­lich eines Absztrakkt-​Interviews durch MZEE lehn­te der lang­jäh­ri­ge Mit­strei­ter, Video-​Macher und Tour­ma­na­ger DJ Eule im Namen sei­nes Part­ners ab. Absz­trakkt wer­de die Musik spre­chen – und schwei­gen – las­sen und die Pri­vat­per­son Clau­dio sei nicht zu Inter­views bereit.

In einer Art "Rache­ak­ti­on" hät­te ich den welt­ab­ge­wand­ten Künst­ler damit abstra­fen kön­nen, dass ich sei­ne Fans im Rah­men eines Kon­zert­be­richts statt sei­ner Selbst hät­te zu Wort kom­men las­sen. Denn wie sich die Gefolg­schaft Absz­trakkts seit den Ent­wick­lun­gen der letz­ten zehn Mona­te zusam­men­setzt, wäre sicher auch inter­es­sant gewe­sen. Letzt­end­lich war aber auch mir dann klar: Das wür­de nur von der Kunst ablen­ken, die ich auch ohne Fan-​O-​Töne kri­tisch genug beleuch­ten kann. Dazu bedarf ich auch kei­ner gemei­nen Presse- oder Erpres­sungs­spiel­chen, die den Ruf der Lügen­pres­se und den Gra­ben zwi­schen Medi­en und Künst­lern even­tu­ell nur noch ver­fes­ti­gen wür­den.

Hier des­halb ein paar ver­such­te Mut­ma­ßun­gen, die mir übrig blie­ben, da Absz­trakkt kei­ne Inter­views führt. So sehen wie folgt ein paar Inter­pre­ta­tio­nen mei­ner­seits zu Text­stel­len aus den Tracks "Walt­her" und "Wer mich ver­kennt, soll sich ver­pis­sen" aus – dahin­ge­hend, was er sich gedacht haben könn­te (wobei ich eher auf alter­na­ti­ve Lösungs­vor­schlä­ge hof­fen wür­de, die von Absz­trakkt ger­ne geäu­ßert wer­den dür­fen):

Der Stamm ist gespal­ten, doch wir ver­sam­meln die Alten.

Der Künst­ler will aus­drü­cken, dass die Men­schen, die eigent­lich zusam­men­ge­hö­ren, gespal­ten, also aus­ein­an­der­ge­trie­ben, von­ein­an­der ent­fernt sind, viel­leicht sogar wur­den. "Gespal­ten" als Meta­pher passt zum Bild des Stam­mes, wirkt aber auch wie gewalt­voll gespal­ten – also wie ein leid­vol­ler Vor­gang, der durch Gewalt von außen zuge­fügt wor­den sein könn­te. Mit "Stamm" wird hier auch eine Meta­pher für "Men­schen­fa­mi­lie" gewählt, die für vie­le völkisch-​argumentierende Men­schen nah an Fami­lie und damit an Blut­li­nie und eben "Volk" liegt. In der deut­schen Spra­che heißt Volk nicht erst seit der Nazi-​Zeit immer "gefes­tig­te Nati­on" und "Schick­sals­ge­mein­schaft". In ande­ren Spra­chen kann unter Volk auch all­ge­mei­ner "Bevöl­ke­rung", also "die brei­te Mas­se" ver­stan­den wer­den. In der deut­schen Spra­che ist die­se wei­te­re Inter­pre­ta­ti­on – nicht nur durch die Bele­gung des Begriffs durch die Nazis – nicht so leicht. Der Auf­ruf, "die Alten" zu ver­sam­meln, wirkt kon­ser­va­tiv bis reak­tio­när: Hier wird nicht nach neu­en Ide­en gesucht, son­dern sich auf Vor­vä­ter (viel­leicht auch Vor­müt­ter, aber in patri­ar­cha­ler Vor­stel­lung eher Män­ner) bezo­gen, die es irgend­wie viel­leicht durch ihre tra­di­tio­nel­le Weis­heit rich­ten könn­ten.

Du denkst, es wär' 'ne neue deut­sche Wel­le wie bei Fler.
Aber ich schreib' alles selbst, mei­ne Quel­le ist der Schmerz …
Die­ses Land kriegt jetzt end­lich wie­der Män­ner, die sich wehr'n.

Wel­chen Schmerz spürt der Künst­ler an die­ser Stel­le? Ist es der Schmerz des wei­ßen, pri­vi­le­gier­ten hetero-​sexuellen Man­nes, der ihn ereilt, wenn "sei­ne" Frau­en, Schwes­tern und Müt­ter ange­grif­fen oder ent­ehrt wer­den? Oder woge­gen weh­ren sich die­se deut­schen (und, wie Absz­trakkt selbst, halb-​österreichischen) Män­ner denn eigent­lich? Ist hier das Ver­schwin­den der eige­nen Art, der eige­nen "Ras­se" gemeint, oder die Vor­macht­stel­lung der eige­nen Posi­ti­on, die frü­her noch unan­ge­foch­te­ner eine Macht­po­si­ti­on war, als der mit­tel­eu­ro­päi­sche Mann das Geld als Ver­fü­gungs­macht ins zu Haus gemach­te Nest (also in die bür­ger­li­che Klein­fa­mi­lie hin­ein) nach Hau­se trug?

Rich­te den Blick nach innen.

Ich fin­de den Tipp ja nicht schlecht, aber sehe da dann meis­tens schwarz (ja, Wort­spiel!). Als bud­dhis­ti­sche – oder mei­net­we­gen auch ander­wei­tig spi­ri­tu­el­le bis eso­te­ri­sche – Pseu­do­weis­heit ist die­se Rede­wen­dung natür­lich klas­sisch, aber eben auch inhalts­leer. Und das nicht nur, weil ich mich so leer füh­le. (Okay, ich las­se die Wort­spie­le mal.)

Eine Stim­me zu sein –
Gegen die geplan­te Unter­drü­ckung der Gesin­nungs­po­li­zei.

Hier haben wir das mitt­ler­wei­le schon klas­si­sche, trot­zi­ge Anti-"political correctness"-Verhalten, wel­ches sich auch im Sarrazin'schen "Das wird man ja wohl noch sagen dür­fen" aus­drück­te. Hier von Absz­trakkt zur Gesin­nung zuge­spitzt. Denn er, als Bud­dhist, will ja viel­leicht nicht mal wirk­lich eine Mei­nung äußern, aber sie zumin­dest – im Geis­te – den­ken dür­fen; hat aber das Gefühl, dies nicht mehr zu tun. Er hat mit sich selbst zu kämp­fen und sti­li­siert sich zum Ver­tei­di­ger all jener aus sei­nem Umfeld (oder sogar sei­ner "Nati­on"?), die sich auch sprach­lich und/​oder ideo­lo­gisch beschnit­ten und über­wacht füh­len. Das ist typisch rechts­po­pu­lis­ti­sches Ein­neh­men einer Opfer-​Haltung und passt des­halb auch gut zum wei­ter oben schon beschrie­be­nen dro­hen­den Ver­lust der Macht­po­si­ti­on.

Wir sind Kin­der Euro­pas, Söh­ne von Mut­ter Natur.
Ist das Zuhau­se in Gefahr, stel­len Bud­dhas sich auf stur.

Span­nend an die­ser Stel­le, wie hier der Bud­dhis­mus nach Euro­pa impor­tiert wird – direkt an der Hei­mat­schutz­front vor­bei­ge­schmug­gelt, oder? Nein, im Ernst: An die­ser Text­stel­le freu­en sich natür­lich alle Abendlandverteidiger/​innen von PEGIDA und Co. Und da muss sich auch Absz­trakkt nicht wun­dern, wenn er bei der Wort­wahl dann fa … äh, rich­tig ver­stan­den wur­de und wird. Mit dazu wer­den noch die Back-​to-​nature-​Hippies inte­griert und wei­ter­hin von einem "Zuhau­se" und einer "Gefahr" gespro­chen, die mal genau­er beschrie­ben wer­den müss­te, um nicht allen rechts-​nationalistischen Vor­stel­lun­gen Platz zu las­sen.

Ich mach' mir Sor­gen, denn der Nie­der­gang die­ses Lands …
Lässt mich immer wei­ter abdrif­ten in den Wider­stand.

Ich mach­te mir an der Stel­le auch Sor­gen. Dar­über, war­um Absz­trakkt Wider­stand besorg­nis­er­re­gend fin­det. Und dar­über, dass mir dann auf­fällt, dass mit "Wider­stand" gegen den Nie­der­gang des eige­nen Lan­des eben auch sowas wie der soge­nann­te NSU gemeint sein oder ver­stan­den wer­den kann.

Ihre Aus­hän­ge­schil­der sind für mich das Übel in Per­son.
Ich spü­re die Dämon' in jeder ihrer Reli­gio­nen.

Mir fal­len als Aus­hän­ge­schil­der spon­tan nur Jesus und Moham­med ein, dann viel­leicht noch Päps­te und Mut­ter The­re­sa. Immer­hin über­trägt Absz­trakkt sei­ne Absa­ge an irgend­wie rückständig-​unterdrückerischen Reli­gio­nen (wenn ich das rich­tig inter­pre­tie­re) nicht nur auf den Islam. Er insze­niert damit den Bud­dhis­mus sei­ner Strö­mung aber auch wie­der als die super Alter­na­ti­ve, die für ihn nicht in die Schub­la­de "Reli­gi­on" fal­le. Okay. Inter­es­sant.

Mein Rap: Selbst­auf­op­fe­rung wie ein Bie­nen­stich.

Der Mär­ty­rer­my­thos wur­de ja nicht nur von Kool Savas und Anders Brei­vik bemüht. Auch Kurt Cobain und Timo­thy McVeigh pas­sen da rein. Alles in allem also ein brei­tes Sam­mel­su­ri­um. Übrig bleibt das schö­ne Bild, dass die Raps hier zag­haft wie ein Bie­nen­stich daher­kom­men, also nur bedingt wirk­lich Stecher-​mäßig. Aber zumin­dest wird die Hel­den­rol­le des sich für die gute Sache her­ge­ben­den Künst­lers bemüht. Und als den wür­de ich Absz­trakkt sogar selbst emp­fin­den. Bei all dem, was er von sich per­sön­lich und sei­ner Geschich­te preis­zu­ge­ben scheint, hat er genau mit die­ser Offen­heit, Inten­si­tät und Ehr­lich­keit nicht nur Def Ill aus depres­si­ven Zei­ten gehol­fen.

Ich hab' zuhau­se jetzt Netz – und wenn jemand was ver­fasst, was mir nicht passt, lösch' ich das.

Okay, dann ist das zumin­dest auch die Ant­wort auf die mich seit Län­ge­rem immer wie­der mal umtrei­ben­de Fra­ge, ob irgend­ein 58Muzik-​Management-​Mensch mei­ne bei­den Facebook-​Accounts geblockt hat oder ob sowas wirk­lich Absz­trakkt per­sön­lich durch­zieht. Zen­sur! Wo bleibt die Mei­nungs­frei­heit!? Jetzt aber mal echt! Das wird man ja wohl noch tip­pen dür­fen … ?! Vor allem, wenn man doch eigent­lich nur ein kri­tisch, aber dabei grund­so­li­da­ri­scher Fan ist. Oder war.

Ich schrieb mir auch Zita­te aus den live auf­ge­führ­ten Tex­ten her­aus – gera­de sol­che, die ich lan­ge Zeit sehr moch­te. Das wür­de an die­ser Stel­le aber viel­leicht zu weit füh­ren. Letzt­lich war das Live-​Erlebnis, wel­ches am 29.November in Mün­chen im Rah­men der "Eini­ge der Wenigen"-Tour statt­fand, doch eine recht schö­ne Pre­digt, Demons­tra­ti­on oder Wall­fahrt. Die bud­dhis­ti­schen Begrif­fe hier­für ken­ne ich lei­der nicht. Viel­leicht wür­de ein Inter­view hel­fen. Auch fiel mir auf, dass Cr7z und Absz – gera­de im Moment, als ich den Raum eine hal­be Stun­de nach Beginn der Auf­trit­te betrat – zwei jun­ge Rap­per auf die Büh­ne gelas­sen hat­ten. Einer davon war Cr7z wohl auch per­sön­lich bekannt und wur­de als Ümit vor­ge­stellt, der frisch aus dem Gefäng­nis wie­der in Frei­heit wäre. Inter­es­sant auch, dass eben jener "un-​arisch" aus­se­hen­de Rap­per mit dem "un-​arisch" klin­gen­den Namen wäh­rend sei­ner vor­ge­tra­ge­nen Stro­phe durch­schei­nen ließ, dass er Mus­lim sei. Absz­trakkt stand im Hin­ter­grund, nick­te mit dem Kopf, griff nicht ein und ließ die Din­ge gesche­hen. Es erleich­ter­te mich ein biss­chen.

Viel­leicht ist Absz­trakkt am Ende auch ein­fach nur die­ses abs­trak­te Ener­gie­phä­no­men, als das er sich – teil­wei­se wört­lich – in Tex­ten beschreibt. Viel­leicht ist er im Sin­ne man­cher bud­dhis­ti­scher Leh­re schon zu einer Ego-​befreiten Scha­le gewor­den. Viel­leicht auch zum Stroh­halm, durch den all die ande­ren Ener­gi­en – und damit auch Aus­wüch­se an Ängs­ten, Sor­gen und oft unbe­hol­fen und rück­schritt­li­chen Äuße­run­gen – flie­ßen oder schie­ßen wür­den, die Mit­tel­eu­ro­pa mit­samt erstar­ken­der popu­lis­ti­scher Ver­hei­ßun­gen im Jah­re 2016 eben so aus­mach­ten. Müs­sen wir Absz­trakkt viel­leicht als Opfer sei­ner Umstän­de sehen, als Medi­um, also als Über­mitt­ler des­sen, was an Ener­gi­en und Ide­en im Raum her­um­schwirrt? Viel­leicht will der Künst­ler hier gar nicht als Indi­vi­du­um wahr­ge­nom­men wer­den, das auch Stel­lung bezieht.

So passt auch sei­ne Erkennt­nis "Ich hab's gecheckt, ich bin kein Poli­ti­ci­an, ich werd' mich nicht wei­ter ein­mi­schen" als Reak­ti­on auf die lin­ke Kri­tik an sei­nen rechts-​verstandenen Äuße­run­gen. Dabei könn­ten wir uns zu so etwas auch dank­ba­rer ver­hal­ten. Oder freu­en, dass Rap-​Musik die Mög­lich­keit gibt, man­che Befind­lich­kei­ten aus­ge­spro­chen in lyri­scher Form dar­ge­bo­ten zu bekom­men. Im Sin­ne von: Die­ser Absz­trakkt macht wenigs­tens den Mund auf und rappt, was er denkt. Den Gangster-​Rappern hal­ten wir doch auch nicht stän­dig vor, dass sie die Gepflo­gen­hei­ten ihres Umfelds lyrisch am Mikro ver­ar­bei­ten und oft auch unkri­tisch repro­du­zie­ren. Die­se Dis­kus­si­on und Aus­ein­an­der­set­zung ist des­halb auch viel grö­ßer und wei­ter als die Per­son des Rap­pers auf und vor der Büh­ne. Es geht dar­um, als was wir Rap emp­fin­den und wie wir als Gesell­schaft anhand von Äuße­run­gen Ein­zel­ner unse­re Ide­en und Vor­stel­lun­gen und damit auch unse­re mög­li­chen Zukünf­te aus­han­deln. Will der Rap­per selbst­be­wusst etwas bei­tra­gen oder sich nur als stum­mer und tau­ber Spie­gel der Ent­wür­fe emp­fin­den, von denen er bestrahlt wird?

Es bleibt abzu­war­ten, wie sich Absz­trakkt wei­ter­hin äußern wird. Sei­nen ange­kün­dig­ten Rück­zug als Kunst­fi­gur hat er nach den für ihn Mut machen­den Erleb­nis­sen der ver­gan­ge­nen Tour jüngst wie­der rela­ti­viert und in Aus­sicht gestellt, dass er viel­leicht doch nicht auf­hö­ren wür­de. Es bleibt abzu­war­ten, ob also in musi­ka­li­scher, schrift­li­cher oder münd­li­cher Form noch klä­ren­de Gesprä­che oder zumin­dest Äuße­run­gen zustan­de kom­men oder sich laut Rap­per alles selbst­stän­dig kos­misch rei­ni­gen soll und er nur das Mosaik-​Kaleidoskop dar­stel­len will, durch das sich eben schil­lern­de Far­ben in gött­li­cher oder nicht­gött­li­cher Fügung bre­chen wür­den. Selbst­ver­ständ­li­cher Wei­se ist Absz­trakkt nicht gleich­be­deu­tend mit der Pri­vat­per­son, aber:

Clau­dio, Men­schen da drau­ßen hören dir genau zu, und zwar gera­de des­halb, weil du für vie­le ein Reprä­sen­tant ihres Arg­wohn, ihrer emp­fun­de­nen Non­kon­for­mi­tät, erlit­te­nen Iso­la­ti­on und ohn­mäch­ti­gen Abge­hängt­heit warst und bist – viel­leicht auch blei­ben wirst.
Du weißt selbst, dass du schon oft Stel­lung bezo­gen hast. Und in dem Sin­ne war ich erleich­tert, dass auf dem Kon­zert in Mün­chen kei­ne neu­en Fans von dir waren, die sich offen als rechts-​konservativ und identitär-​patriotisch zu erken­nen gege­ben haben. Ich hab' mich nicht mal unwohl gefühlt. Und auch der vor­hin schon erwähn­te Ümit pass­te in eure Büh­nen­show mit rein – samt sei­nes nicht bio­deut­schen Aus­se­hens und sei­nes inte­grier­ten Text­be­zugs auf das Frei­tags­ge­bet.

Absz­trakkt war nicht nur auf Ton­trä­gern, son­dern auch live für mein Emp­fin­den einer der weni­gen, denen ich in die­ser Rap­sze­ne wirk­lich das abneh­me, was sie da von sich geben und den Schmerz und die Freu­de in jedem Moment anse­he. Und das ist das Wun­der­ba­re, aber manch­mal eben auch das Ver­un­si­chern­de und Beängs­ti­gen­de, das zum Nach­ha­ken treibt.

(Gast­bei­trag von Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, HipHop-​Aktivist und frei­em Autor Lion Häb­ler)

 

Fußnoten/​Querverweise/​Quellen:
Absz­trakkt – "Walt­her" (Track als YouTube-Stream/26.01.2016)
Offe­ner Brief (Blog-​Post) und Track (Soundcloud-​Stream) von Def Ill (Anfang Juni 2016)
Absz­trakkt – "Wer mich ver­kennt, soll sich ver­pis­sen" (Antwort-​Track an Def Ill als YouTube-Stream/18.06.2016)
Ps3udonym – "Fuga­zi" (Ein wei­te­rer, lin­ker Diss-​Track in Rich­tung Absz­trakkt als YouTube-Stream/03.07.2016)