Wenige der Einigen, Elend der Heiligen (Diskursanalyse, Textinterpretation und Konzertreportage zu Absztrakkt)

Absztrakkt war für mich seit seines Klassikers "Dein Zeichen" (2005) ein Ausnahme-Rapper. Nicht nur sein kantiger Flow, der sich nicht tight an den Beat anschmiegte, sondern in mit dem Beat ringenden Rhythmuspausen seine Risse zog, rissen mich mit. Es waren vor allem seine Inhalte mitsamt all der selbstaufopfernden Ehrlichkeit und dem persönliche Lebenskrisen darstellenden Endzeitpathos. Ich wusste und verstand jedoch auch immer, dass sein Gerappe für viele zu "offbeat" wirkte – wie sie es nennen, wenn ein Lyriker nicht marschmusikmäßig auf die 16tel des Takts flowt. Und ich verzieh jenen, denen seine Poesie zu sehr mit esoterischen Begriffen aufgeladen oder zu kryptisch vage formuliert war.

Mitzuerleben war die letzten Jahre schon, dass sich sein Rapstil ein bisschen normierte und auch die Beats hier und da fast zu harmonisch und rund für seine nichtkonformen Inhalte wirkten. Was mich dann aber – und mit mir viele andere alte Bewunderer – doch etwas schockierte, obwohl auch davor schon hier und da einzelne chauvinistische Töne immer zum Gesamtwerk Absztrakkts gehörten: seine positive Bezugnahme und sogar Wahlempfehlung des rechten bis rechtsextremen, auf jeden Fall aber konservativ, traditionalistisch und nationalistisch agierenden FPÖ-Politikers Norbert Hofer zur Präsidentschaftswahl in Österreich. Und das war zur Stichwahl im Frühjahr, die dann wiederholt wurde und erst vor drei Wochen einen Ausgang fand, in welchem Hofer knapp seinem grünen, sozialdemokratischen Kontrahenten unterlag.

Dazu kam noch mehr: Der Track "Walther" (benannt nach der Marke einer deutschen Handfeuerwaffe, die schon im 2. Weltkrieg als Pistole der Wehrmacht bekannt und berüchtigt war), der ein paar Wochen nach den gewaltsam-sexualisierten Übergriffen an Silvester in Köln via YouTube von Absztrakkt wütend und empört gespuckt wurde und dabei einiges an inhaltlicher und begrifflicher Nähe zu PEGIDA- und AfD-Rhetorik und -Hetze aufwies. Auf die öffentliche Kritik alter Weggefährten und Rap-Homies wie beispielsweise Amewu (Berlin) und Def Ill (Linz/Österreich) ging Absztrakkt nur ungenau und zögernd oder ausweichend ein. Interviewanfragen/-angebote wurden nicht nur Oliver Marquart (rap.de) ausgeschlagen, der sich durch Kommentare als einer der ganz wenigen kritischen Beobachter aus der HipHop-Presse erwies. Immerhin war der Facebook-Post bezüglich der Wahlempfehlung, die nicht direkt fremdenfeindlich, sondern eher isolationistisch und als Anti-Establishment verstanden gewesen werden wollte, von Absztrakkt gelöscht worden. Wahrscheinlich ging es dem Rapper eher um den Populismus Hofers hinsichtlich einer Ablehnung transatlantischer Handelsabkommen, die von links bis rechts von vielen vorgebracht wird, die sich gegenüber Großkonzernen in Ohnmacht fühlen und keine andere Antwort darauf haben. Der mittlerweile auch zuhause Internet-Zugang besitzende Lüdenscheider, der sich zwischendurch auch nach eigener Aussage (wegen "einer tollen Frau") in Österreich aufgehalten hatte, relativierte die Löschung jedoch dann wieder. Und zwar in seiner Antwort in Track-Form auf den zuvor erschienenen Disstrack vom Linzer Rapper Def Ill. Dieser hatte Absztrakkt konkret in Rap-Form (und mitsamt eines langen Offenen Briefes) kritisiert. Und Absztrakkt erklärte, dass die Löschung seines Hofer-Posts nicht aus eigener inhaltlicher Einsicht erfolgte, sondern deshalb, weil sein Umfeld in Mitleidenschaft gezogen worden sei: Seine Kritiker (wie Def Ill) nämlich, die den Lehre-(oder Leere?)-Prediger falsch verstehen hätten wollen, hätten damit nicht nur auf ihn, sondern auch auf sein persönliches Umfeld Druck ausgeübt. Absztrakkt inszenierte sich damit ein weiteres Mal als jemand, der keine Lust mehr hätte, sich gegen den ihm verpassten sprichwörtlichen "Maulkorb" (empfundenes Verbot einer Rede- und Meinungsfreiheit) zu wehren, wenn dadurch auch sein Umfeld mithineingezogen werden würde.

So passt die ganze Debatte um die Irrwege und/oder Kommunikationsprobleme der Kunstfigur Absztrakkt auch bestens in eine Zeit, in der vielfach von der Abgehängtheit früherer Kernschichten der arbeitenden Bevölkerung und der kulturell empfundenen Kluft zwischen traditionell-heimischem Arbeitermilieu und liberal-intellektueller AkademikerInnen-Schicht geschrieben und gesprochen wird. Dabei wird die Gefahr beschworen, dass diese Abgehängtheit derjenigen, die sich in "Filterbubbles" ihre virtuellen Stammtische schaffen und verteidigen, zur bösen Überraschung für diejenigen werden kann, die nur von oben herab auf die sogenannte Unterschicht schauen würden. Es wird behauptet, hier stünden sich zwei Gruppen gegenüber: die abgehängte Unterschicht, der nur der Stammtisch, oder die relative Redefreiheit und eigene Reichweite über Facebook, andere "soziale Medien" und kritische Rap-Kunst bleibe, und eine andere Gruppe (quasi das "Establishment"), deren Mitglieder sich als etwas Besseres und vor allem als die moralisch Guten und politisch Korrekten fühlten, dabei aber vergessen hätten, den Globalisierungsverlierern und Bildungsisolierten die Zusammenhänge und Standpunkte auch zu erklären und in klarer Sprache verständlich zu machen. Auch eine Anfrage bezüglich eines Absztrakkt-Interviews durch MZEE lehnte der langjährige Mitstreiter, Video-Macher und Tourmanager DJ Eule im Namen seines Partners ab. Absztrakkt werde die Musik sprechen – und schweigen – lassen und die Privatperson Claudio sei nicht zu Interviews bereit.

In einer Art "Racheaktion" hätte ich den weltabgewandten Künstler damit abstrafen können, dass ich seine Fans im Rahmen eines Konzertberichts statt seiner Selbst hätte zu Wort kommen lassen. Denn wie sich die Gefolgschaft Absztrakkts seit den Entwicklungen der letzten zehn Monate zusammensetzt, wäre sicher auch interessant gewesen. Letztendlich war aber auch mir dann klar: Das würde nur von der Kunst ablenken, die ich auch ohne Fan-O-Töne kritisch genug beleuchten kann. Dazu bedarf ich auch keiner gemeinen Presse- oder Erpressungsspielchen, die den Ruf der Lügenpresse und den Graben zwischen Medien und Künstlern eventuell nur noch verfestigen würden.

Hier deshalb ein paar versuchte Mutmaßungen, die mir übrig blieben, da Absztrakkt keine Interviews führt. So sehen wie folgt ein paar Interpretationen meinerseits zu Textstellen aus den Tracks "Walther" und "Wer mich verkennt, soll sich verpissen" aus – dahingehend, was er sich gedacht haben könnte (wobei ich eher auf alternative Lösungsvorschläge hoffen würde, die von Absztrakkt gerne geäußert werden dürfen):

Der Stamm ist gespalten, doch wir versammeln die Alten.

Der Künstler will ausdrücken, dass die Menschen, die eigentlich zusammengehören, gespalten, also auseinandergetrieben, voneinander entfernt sind, vielleicht sogar wurden. "Gespalten" als Metapher passt zum Bild des Stammes, wirkt aber auch wie gewaltvoll gespalten – also wie ein leidvoller Vorgang, der durch Gewalt von außen zugefügt worden sein könnte. Mit "Stamm" wird hier auch eine Metapher für "Menschenfamilie" gewählt, die für viele völkisch-argumentierende Menschen nah an Familie und damit an Blutlinie und eben "Volk" liegt. In der deutschen Sprache heißt Volk nicht erst seit der Nazi-Zeit immer "gefestigte Nation" und "Schicksalsgemeinschaft". In anderen Sprachen kann unter Volk auch allgemeiner "Bevölkerung", also "die breite Masse" verstanden werden. In der deutschen Sprache ist diese weitere Interpretation – nicht nur durch die Belegung des Begriffs durch die Nazis – nicht so leicht. Der Aufruf, "die Alten" zu versammeln, wirkt konservativ bis reaktionär: Hier wird nicht nach neuen Ideen gesucht, sondern sich auf Vorväter (vielleicht auch Vormütter, aber in patriarchaler Vorstellung eher Männer) bezogen, die es irgendwie vielleicht durch ihre traditionelle Weisheit richten könnten.

Du denkst, es wär' 'ne neue deutsche Welle wie bei Fler.
Aber ich schreib' alles selbst, meine Quelle ist der Schmerz ...
Dieses Land kriegt jetzt endlich wieder Männer, die sich wehr'n.

Welchen Schmerz spürt der Künstler an dieser Stelle? Ist es der Schmerz des weißen, privilegierten hetero-sexuellen Mannes, der ihn ereilt, wenn "seine" Frauen, Schwestern und Mütter angegriffen oder entehrt werden? Oder wogegen wehren sich diese deutschen (und, wie Absztrakkt selbst, halb-österreichischen) Männer denn eigentlich? Ist hier das Verschwinden der eigenen Art, der eigenen "Rasse" gemeint, oder die Vormachtstellung der eigenen Position, die früher noch unangefochtener eine Machtposition war, als der mitteleuropäische Mann das Geld als Verfügungsmacht ins zu Haus gemachte Nest (also in die bürgerliche Kleinfamilie hinein) nach Hause trug?

Richte den Blick nach innen.

Ich finde den Tipp ja nicht schlecht, aber sehe da dann meistens schwarz (ja, Wortspiel!). Als buddhistische – oder meinetwegen auch anderweitig spirituelle bis esoterische – Pseudoweisheit ist diese Redewendung natürlich klassisch, aber eben auch inhaltsleer. Und das nicht nur, weil ich mich so leer fühle. (Okay, ich lasse die Wortspiele mal.)

Eine Stimme zu sein –
Gegen die geplante Unterdrückung der Gesinnungspolizei.

Hier haben wir das mittlerweile schon klassische, trotzige Anti-"political correctness"-Verhalten, welches sich auch im Sarrazin'schen "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" ausdrückte. Hier von Absztrakkt zur Gesinnung zugespitzt. Denn er, als Buddhist, will ja vielleicht nicht mal wirklich eine Meinung äußern, aber sie zumindest – im Geiste – denken dürfen; hat aber das Gefühl, dies nicht mehr zu tun. Er hat mit sich selbst zu kämpfen und stilisiert sich zum Verteidiger all jener aus seinem Umfeld (oder sogar seiner "Nation"?), die sich auch sprachlich und/oder ideologisch beschnitten und überwacht fühlen. Das ist typisch rechtspopulistisches Einnehmen einer Opfer-Haltung und passt deshalb auch gut zum weiter oben schon beschriebenen drohenden Verlust der Machtposition.

Wir sind Kinder Europas, Söhne von Mutter Natur.
Ist das Zuhause in Gefahr, stellen Buddhas sich auf stur.

Spannend an dieser Stelle, wie hier der Buddhismus nach Europa importiert wird – direkt an der Heimatschutzfront vorbeigeschmuggelt, oder? Nein, im Ernst: An dieser Textstelle freuen sich natürlich alle Abendlandverteidiger/innen von PEGIDA und Co. Und da muss sich auch Absztrakkt nicht wundern, wenn er bei der Wortwahl dann fa … äh, richtig verstanden wurde und wird. Mit dazu werden noch die Back-to-nature-Hippies integriert und weiterhin von einem "Zuhause" und einer "Gefahr" gesprochen, die mal genauer beschrieben werden müsste, um nicht allen rechts-nationalistischen Vorstellungen Platz zu lassen.

Ich mach' mir Sorgen, denn der Niedergang dieses Lands ...
Lässt mich immer weiter abdriften in den Widerstand.

Ich machte mir an der Stelle auch Sorgen. Darüber, warum Absztrakkt Widerstand besorgniserregend findet. Und darüber, dass mir dann auffällt, dass mit "Widerstand" gegen den Niedergang des eigenen Landes eben auch sowas wie der sogenannte NSU gemeint sein oder verstanden werden kann.

Ihre Aushängeschilder sind für mich das Übel in Person.
Ich spüre die Dämon' in jeder ihrer Religionen.

Mir fallen als Aushängeschilder spontan nur Jesus und Mohammed ein, dann vielleicht noch Päpste und Mutter Theresa. Immerhin überträgt Absztrakkt seine Absage an irgendwie rückständig-unterdrückerischen Religionen (wenn ich das richtig interpretiere) nicht nur auf den Islam. Er inszeniert damit den Buddhismus seiner Strömung aber auch wieder als die super Alternative, die für ihn nicht in die Schublade "Religion" falle. Okay. Interessant.

Mein Rap: Selbstaufopferung wie ein Bienenstich.

Der Märtyrermythos wurde ja nicht nur von Kool Savas und Anders Breivik bemüht. Auch Kurt Cobain und Timothy McVeigh passen da rein. Alles in allem also ein breites Sammelsurium. Übrig bleibt das schöne Bild, dass die Raps hier zaghaft wie ein Bienenstich daherkommen, also nur bedingt wirklich Stecher-mäßig. Aber zumindest wird die Heldenrolle des sich für die gute Sache hergebenden Künstlers bemüht. Und als den würde ich Absztrakkt sogar selbst empfinden. Bei all dem, was er von sich persönlich und seiner Geschichte preiszugeben scheint, hat er genau mit dieser Offenheit, Intensität und Ehrlichkeit nicht nur Def Ill aus depressiven Zeiten geholfen.

Ich hab' zuhause jetzt Netz – und wenn jemand was verfasst, was mir nicht passt, lösch' ich das.

Okay, dann ist das zumindest auch die Antwort auf die mich seit Längerem immer wieder mal umtreibende Frage, ob irgendein 58Muzik-Management-Mensch meine beiden Facebook-Accounts geblockt hat oder ob sowas wirklich Absztrakkt persönlich durchzieht. Zensur! Wo bleibt die Meinungsfreiheit!? Jetzt aber mal echt! Das wird man ja wohl noch tippen dürfen ... ?! Vor allem, wenn man doch eigentlich nur ein kritisch, aber dabei grundsolidarischer Fan ist. Oder war.

Ich schrieb mir auch Zitate aus den live aufgeführten Texten heraus – gerade solche, die ich lange Zeit sehr mochte. Das würde an dieser Stelle aber vielleicht zu weit führen. Letztlich war das Live-Erlebnis, welches am 29.November in München im Rahmen der "Einige der Wenigen"-Tour stattfand, doch eine recht schöne Predigt, Demonstration oder Wallfahrt. Die buddhistischen Begriffe hierfür kenne ich leider nicht. Vielleicht würde ein Interview helfen. Auch fiel mir auf, dass Cr7z und Absz – gerade im Moment, als ich den Raum eine halbe Stunde nach Beginn der Auftritte betrat – zwei junge Rapper auf die Bühne gelassen hatten. Einer davon war Cr7z wohl auch persönlich bekannt und wurde als Ümit vorgestellt, der frisch aus dem Gefängnis wieder in Freiheit wäre. Interessant auch, dass eben jener "un-arisch" aussehende Rapper mit dem "un-arisch" klingenden Namen während seiner vorgetragenen Strophe durchscheinen ließ, dass er Muslim sei. Absztrakkt stand im Hintergrund, nickte mit dem Kopf, griff nicht ein und ließ die Dinge geschehen. Es erleichterte mich ein bisschen.

Vielleicht ist Absztrakkt am Ende auch einfach nur dieses abstrakte Energiephänomen, als das er sich – teilweise wörtlich – in Texten beschreibt. Vielleicht ist er im Sinne mancher buddhistischer Lehre schon zu einer Ego-befreiten Schale geworden. Vielleicht auch zum Strohhalm, durch den all die anderen Energien – und damit auch Auswüchse an Ängsten, Sorgen und oft unbeholfen und rückschrittlichen Äußerungen – fließen oder schießen würden, die Mitteleuropa mitsamt erstarkender populistischer Verheißungen im Jahre 2016 eben so ausmachten. Müssen wir Absztrakkt vielleicht als Opfer seiner Umstände sehen, als Medium, also als Übermittler dessen, was an Energien und Ideen im Raum herumschwirrt? Vielleicht will der Künstler hier gar nicht als Individuum wahrgenommen werden, das auch Stellung bezieht.

So passt auch seine Erkenntnis "Ich hab's gecheckt, ich bin kein Politician, ich werd' mich nicht weiter einmischen" als Reaktion auf die linke Kritik an seinen rechts-verstandenen Äußerungen. Dabei könnten wir uns zu so etwas auch dankbarer verhalten. Oder freuen, dass Rap-Musik die Möglichkeit gibt, manche Befindlichkeiten ausgesprochen in lyrischer Form dargeboten zu bekommen. Im Sinne von: Dieser Absztrakkt macht wenigstens den Mund auf und rappt, was er denkt. Den Gangster-Rappern halten wir doch auch nicht ständig vor, dass sie die Gepflogenheiten ihres Umfelds lyrisch am Mikro verarbeiten und oft auch unkritisch reproduzieren. Diese Diskussion und Auseinandersetzung ist deshalb auch viel größer und weiter als die Person des Rappers auf und vor der Bühne. Es geht darum, als was wir Rap empfinden und wie wir als Gesellschaft anhand von Äußerungen Einzelner unsere Ideen und Vorstellungen und damit auch unsere möglichen Zukünfte aushandeln. Will der Rapper selbstbewusst etwas beitragen oder sich nur als stummer und tauber Spiegel der Entwürfe empfinden, von denen er bestrahlt wird?

Es bleibt abzuwarten, wie sich Absztrakkt weiterhin äußern wird. Seinen angekündigten Rückzug als Kunstfigur hat er nach den für ihn Mut machenden Erlebnissen der vergangenen Tour jüngst wieder relativiert und in Aussicht gestellt, dass er vielleicht doch nicht aufhören würde. Es bleibt abzuwarten, ob also in musikalischer, schriftlicher oder mündlicher Form noch klärende Gespräche oder zumindest Äußerungen zustande kommen oder sich laut Rapper alles selbstständig kosmisch reinigen soll und er nur das Mosaik-Kaleidoskop darstellen will, durch das sich eben schillernde Farben in göttlicher oder nichtgöttlicher Fügung brechen würden. Selbstverständlicher Weise ist Absztrakkt nicht gleichbedeutend mit der Privatperson, aber:

Claudio, Menschen da draußen hören dir genau zu, und zwar gerade deshalb, weil du für viele ein Repräsentant ihres Argwohn, ihrer empfundenen Nonkonformität, erlittenen Isolation und ohnmächtigen Abgehängtheit warst und bist – vielleicht auch bleiben wirst.
Du weißt selbst, dass du schon oft Stellung bezogen hast. Und in dem Sinne war ich erleichtert, dass auf dem Konzert in München keine neuen Fans von dir waren, die sich offen als rechts-konservativ und identitär-patriotisch zu erkennen gegeben haben. Ich hab' mich nicht mal unwohl gefühlt. Und auch der vorhin schon erwähnte Ümit passte in eure Bühnenshow mit rein – samt seines nicht biodeutschen Aussehens und seines integrierten Textbezugs auf das Freitagsgebet.

Absztrakkt war nicht nur auf Tonträgern, sondern auch live für mein Empfinden einer der wenigen, denen ich in dieser Rapszene wirklich das abnehme, was sie da von sich geben und den Schmerz und die Freude in jedem Moment ansehe. Und das ist das Wunderbare, aber manchmal eben auch das Verunsichernde und Beängstigende, das zum Nachhaken treibt.

(Gastbeitrag von Politikwissenschaftler, HipHop-Aktivist und freiem Autor Lion Häbler)

 

Fußnoten/Querverweise/Quellen:
Absztrakkt – "Walther" (Track als YouTube-Stream/26.01.2016)
Offener Brief (Blog-Post) und Track (Soundcloud-Stream) von Def Ill (Anfang Juni 2016)
Absztrakkt – "Wer mich verkennt, soll sich verpissen" (Antwort-Track an Def Ill als YouTube-Stream/18.06.2016)
Ps3udonym – "Fugazi" (Ein weiterer, linker Diss-Track in Richtung Absztrakkt als YouTube-Stream/03.07.2016)