Sadi Gent

Sadi Gent nimmt eine gewisse Ausnahmestellung in der deutschen Rapszene ein: Sein eigener, innovativer Sound hebt sich von dem vieler Kollegen ab. Gerade deshalb konnte er mit seinem letzten Album "Mintgold" einige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Neben seinem individuellen Sound überzeugt der Berliner vor allem thematisch mit inhaltsstarken und gesellschaftskritischen Texten. Dieser Weg soll auch auf Sadis neuestem Werk, der "Off"-EP, fortgeführt werden. Für dieses Kollabo-Projekt hat sich der Berliner nun mit Mo! und dem Produzenten Yaniçar zusammengetan. In unserem Interview wollten wir von Sadi Gent wissen, wie die Zusammenarbeit zustande kam und wie sie sich auf ihr gemeinsames Werk ausgewirkt hat. Außerdem erklärte uns der Rapper, welche persönliche Bedeutung es für ihn hatte, dieses Jahr als Supportact bei der "Feuerwasser"-Jubiläumstour von Curse zu spielen. Da er aber nicht nur bezüglich seiner Musik viel zu berichten hat, wurde aus dem Interview schnell ein 60-minütiges Gespräch, das neben den musikalischen auch gesellschaftliche Themen umfasste. Dabei offenbarte uns Sadi unter anderem auch seine Haltung zu Materialismus und persönlichem Reichtum.

MZEE.com: Für dein neuestes Werk, die "Off"-EP, hast du mit Mo! und dem Produzenten Yaniçar zusammengearbeitet. Zu Beginn des Interviews würde ich gerne wissen, wie die Idee entstand, eine gemeinsame Platte zu machen?

Sadi Gent: Mo! ist ein jahrelanger Freund von mir und allgemein ein Musiker, den ich für das schätze, was er macht. Einige kennen ihn von den gemeinsamen Sachen mit Mach One und Mosh36. Auf meinen letzten beiden Alben hat er auch schon hier und da Backing Vocals eingesungen und war begeistert von meiner Musik. Er hat das gefeiert und sich darin wiedergefunden. Irgendwann kam er auf mich zu und schlug die Idee vor, eine gemeinsame EP zu machen, weil sich das seiner Meinung nach gut ergänzen und ein geiler Sound dabei rauskommen könnte. Da ich seinen musikalischen Output schätze, dachte ich mir, dass das interessant werden könnte und dies nach einem coolen Projekt klingt.

MZEE.com: Und wie kam dann noch der Produzent Yaniçar mit ins Boot?

Sadi Gent: Yaniçar ist ein befreundeter Produzent, mit dem ich gemeinsam Musik mache. Durch ihn habe ich allgemein sehr viel gelernt – ich mach' ja auch selbst Beats. Er hat auf meinen letzten Alben hier und da mal was mitproduziert. Ich habe ihn dann irgendwann gefragt, ob er Lust auf dieses Projekt hätte. Und er war sehr angetan davon. Wir haben uns also immer öfter zu irgendwelchen Sessions getroffen, rumgesponnen, Beatskizzen angehört und das alles zusammen entstehen lassen – wir saßen immer gemeinsam im Studio und haben gemeinsam die ganzen Songs erarbeitet. Am Anfang waren es auch mehr als die sechs, die letztendlich auf der EP gelandet sind, aber wir haben ein bisschen aussortiert und die schönsten Stücke zusammengestellt.

MZEE.com: Beschreib mir doch mal kurz den Sound der EP ...

Sadi Gent: Leute, die mich und meine Mucke auf dem Schirm haben, wissen, dass meine Musik sehr synthetisch mit vielen elektronischen Flächen und psychedelischen Sounds bestückt ist. Wir legen viel Wert auf das Sounddesign und die Atmosphäre, da werden wir von der Electro- und Minimal-Schiene beeinflusst. Rap ist unser Haupteinfluss, aber wir lassen auch jede Menge anderer Genres miteinfließen. Bei dem Projekt wollten wir auch Yaniçars Vision verfolgen, damit er sich austoben kann. Vom Sound her geht es also schon in die Richtung meiner letzten Alben, aber es ist ein bisschen treibender und insgesamt geht es mehr nach vorne. Ich find's allgemein schwierig, über Sound zu reden ... Man sollte sich selbst mal ein Bild davon machen und sich darauf einlassen.

MZEE.com: Bist du denn jemand, der außerhalb von Rap viel elektronische Musik hört?

Sadi Gent: Ich bin extrem open minded in Sachen Musik und ziehe mir meine Einflüsse aus eigentlich allen Musikrichtungen. Ich hör' mir echt alles Mögliche an, aber ich muss sagen, dass ich ein Faible für elektronische Hybrid-Musik habe, gerade für diese plastischen, psychedelischen Sounds in Kombination mit warmen, organischen Samples. Es gibt einige gute Künstler, die damit experimentieren. Das spricht mich und auch Yaniçar einfach an, da sind wir immer auf einer Wellenlänge.

MZEE.com: Eure Kollabo-EP trägt den Namen "Off". Was genau soll denn auf Off gestellt werden?

Sadi Gent: "Off" ist ein sehr kurzes, starkes Wort, gerade in der heutigen Zeit kann jeder dafür seine eigene Assoziation mitbringen. Die EP befasst sich mit einigermaßen negativen Sachen, die sich aus dem Großstadtleben ergeben. Ein großer Punkt ist das hektische, reizüberflutende, anonyme Treiben der Großstadt, das sich mit der Flucht daraus schneidet. Man sucht sich etwas, um da irgendwie auszubrechen, weil man nicht immer die Möglichkeit hat, einen ruhigen Ort zu finden. Der Wunsch oder auch die Lösung für all diese Probleme ist einfach das "Off" – und das stellen wir als großes Mysterium dar ... Was ist denn das "Off"? Vielleicht ist es, sich der ganzen digitalen Welt zu entziehen. Oder vielleicht ist es das Gefühl, an die Grenze getrieben zu werden, weil man so viel ackert. Es gibt auch einen Song, der sich mit Burnout beschäftigt, der aber überspitzt ist und in den wir viel Selbstironie miteingebracht haben. Vielleicht ist das "Off" aber auch die Musik, mit der man in seine eigene Welt flüchtet, so wie es auf dem Song "Repeat" behandelt wird. Man kann da viel hineininterpretieren, aber ich will auch ein bisschen was offenlassen. (grinst) Ich glaube, jeder wird seine eigene Assoziation zu der Musik und den Themen, die wir ansprechen, haben. Wir haben das deshalb nicht ganz so krass eingegrenzt. Es ist ja auch alles irgendwie Kunst und die hat mehrere Perspektiven.

MZEE.com: Ich finde diesen Großstadt-Aspekt sehr interessant ...

Sadi Gent: Du kennst das, oder?

MZEE.com: Ich kenne das richtig gut und kann das absolut nachempfinden. Glaubst du denn, dass man als Großstadtmensch manchmal einfach aus Bequemlichkeit zu faul ist, ins Off zu gelangen?

Sadi Gent: Voll! Ich würde es Faulheit oder vielleicht eher Bewusstsein nennen, denn man ist in einem Pool voller Menschen, Ideen, Werbung, Arbeit und Reizüberflutung. Man ist da so sehr drin, dass man das Ganze oftmals nicht von außen betrachten kann und vielleicht auch gar nicht merkt, was einen stört oder einengt. Jeder hat sein eigenes Off. Manche holen es sich mithilfe von Drogen, um sich der Welt zu entziehen. Andere sehen das in der Musik und flüchten damit in ihre eigene Welt. Und wieder andere wollen aus dem Trott rauskommen mit dem Wunsch, einfach nur reich zu werden. Das ideale Off hat jeder für sich im Kopf. Vielleicht ist es die Faulheit, weil man alles schnell und einfach ohne großen Stress hat. Vielleicht ist es auch das Bewusstsein, dass einem nicht klar ist, wie sehr man dieses Off braucht oder suchen sollte. Die Frage ist auch, wie oft man sich das vermeintliche falsche Off sucht – zum Beispiel, indem man sich in exzessive Partynächte mit Alkohol und anderen Substanzen stürzt. Klar schießt das einen zunächst raus, aber auf Dauer kann es kein Ausgleich sein.

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MZEE.com: Und was ist dein Off?



Sadi Gent: In jedem Song auf der EP steckt Realtalk drin. Alles ist sehr persönlich, auch wenn wir gelegentlich in Rollen geschlüpft sind, Sachen übertrieben haben oder ironisch unterwegs waren. Zum einen suche ich mir mein Off in der Musik und der Kunst. Das ist die Welt, in die ich flüchte, um aus dem stressigen Alltag rauszukommen. Dann gibt es auch den Fakt, dass ich gelegentlich Glücksspiele mache und man mit dem Gedanken spielt, dass wenn man im Lotto gewinnt, es einen vielleicht aus dem ganzen Stress rausholen würde, wie es im Song "Jackpot" thematisiert wird. In "Nur die Nacht" versperren wir uns dem Tag: In dem Track wollen wir gar nicht, dass die Nacht aufhört und es wieder hell wird, sondern dass die Nacht eine eigene Magie hat und man sich in ihr verlieren kann, indem man Party macht und mit Leuten unterwegs ist. Jeder kennt das ... Ich habe das ideale Off vielleicht noch nicht gefunden – vielleicht ist es die Musik, die finanzielle Unabhängigkeit, das Rauskommen aus der Großstadt oder auch ein bisschen von allem. Ich sehe das für mich auch nicht ganz klar, deswegen beschäftigt es mich vielleicht auch so sehr.

MZEE.com: Aus dem Pressetext geht hervor, dass ihr euch auch der Gesellschaftskritik widmet. Was gibt es ganz besonders zu kritisieren?

Sadi Gent: Meines Erachtens nach fängt das Ganze bei der Gesellschaft an sich an. Ich merke, die Leute wollen flüchten, kommen nicht klar oder bekommen einen Burnout, weil sie einem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt sind. Das hängt damit zusammen, was man als junger Mensch bis zum Erwachsenenalter vom System eingetrichtert bekommt. Gerade als Künstler fühlt man sich, als würde man nie da reinpassen. Ich fühle mich, als wäre das alles ein riesiges Puzzle, während ich zu einem anderen Puzzle gehöre ... Ich glaube aber, dass man in sich hineinhören und gegebenenfalls auch mal gewisse Risiken eingehen sollte. Natürlich muss man gucken, wo man bleibt, aber man sollte sich nicht zu sehr in eine Schablone pressen lassen, in die man vielleicht gar nicht rein will. Im Idealfall sollte jeder gucken, dass er seinen Platz findet und eine Leidenschaft für etwas entwickelt oder eben Sachen macht, die einen erfüllen. Ich quatsche immer mehr mit Leuten, die gar keine richtigen Hobbys haben. Sie üben nur noch ihren Beruf aus und haben nie erfahren, was sie wirklich wollen – weil sie schon einem Weg gefolgt sind, der vorgeschrieben war. Dabei haben sie vergessen, an gewissen Stellen des Lebens in sich zu gehen, um zu checken, was sie selbst wirklich wollen. Dann werden sie unglücklich und wundern sich irgendwann, woher das kommt ...

MZEE.com: Ich habe ganz oft das Gefühl, dass Menschen einen als anders und dumm empfinden, sobald man etwas macht, das nicht zu ihren Schablonen passt.

Sadi Gent: Ich kenn' das! Ich werd' mein Leben lang von Leuten dafür belächelt, dass ich meinem Herzen folge. Vor allem, wenn ich sage, dass ich Musik liebe und so viel Zeit da reininvestiere, weil ich weiß, dass es meins ist. Ich bin jetzt schon an einem Punkt, an dem ich mich freue, dass es Leute gibt, die das feiern, was ich mache. Die meine Musik gerne hören und mir in der Hinsicht auch Bestätigung geben. Aber ich habe so viele Leute kennengelernt, die einen gerade beim Thema "Rap" belächeln. Vielleicht haben diese Leute sich in ihrem Leben nie etwas getraut oder sie haben kein Gefühl für das, was dahintersteckt und dazugehört. Für mich ist es auch ein Beruf. (überlegt) Nein, für mich ist das Künstler-Dasein eine Berufung und ich kann mich gar nicht umentscheiden. Ich spüre was und das muss raus, ich kann nichts anderes machen. Deswegen ärgert es mich noch mehr, wenn Leute einen deshalb nicht ernst nehmen. Man hört ständig von allen Seiten diese ganzen Ratschläge, dass man dem Plan A folgen oder lieber etwas anderes machen sollte, wo man mehr Geld kriegt. Ich lass' mich nicht beirren und mach' das, was ich am liebsten mache. Weil ich weiß, dass alles andere vielleicht zu einem Burnout führen würde oder mich einfach nicht glücklich machen kann. Das ist alles nur eine Idee, denn ich bin auch noch ein junger Mensch, der Erfahrungen macht, auf die Schnauze fällt und aus Fehlern lernt.

MZEE.com: Dein Free Track "Reich" beschäftigt sich mit Reichtum. An was genau wärst du denn gerne reich?

Sadi Gent: In dem Song habe ich das ja nicht gesagt, aber durch einzelne Strophen kann sich jeder hier und da ein eigenes Bild machen. Ich sag' ganz ehrlich, dass für mich Reichtum nicht das Finanzielle ist. Darum geht es mir überhaupt nicht. Reichtümer sind für mich die Erfahrungen und die Erlebnisse, die man macht, und der Erfolg, den man zu verbuchen hat. Erfolg ist ja auch relativ und hat in erster Linie nicht unbedingt mit etwas Finanziellem zu tun. Ich hab' das Gefühl, dass ich jetzt schon reich bin, denn ich bin ein meist ausgeglichener Mensch, der sich über all die Leute in seinem Umfeld und das Feedback seiner Fans freut. Allein, dass ich das Leben führen kann, das ich führe, ist für mich schon riesiger Reichtum. Und meine Freundin zum Beispiel bedeutet für mich auch einen riesigen Reichtum. Wie viele Storys habe ich schon von Leuten gehört, die einen Haufen Geld hatten, aber dadurch nicht erfüllt und glücklich waren? Oder den Haufen Geld verprasst haben und am Ende wieder bei null stehen, weil sie einfach die Erfahrung, die sie gemacht haben, nicht anerkennen und das nicht als Reichtum sehen. Das ist auch eine Einstellungssache. Jeder muss darauf achten, dass man seine Miete zahlen kann und über die Runden kommt, aber ich bin auch ein Mensch, der nicht viel auf Materielles gibt. Ich bin sehr genügsam und die Freude, die ein anderer Mensch empfindet, wenn er sich ein neues Luxus-Auto kauft, könnte ich niemals verspüren, weil ich da ein ganz anderes Ideal habe. Jeder sollte sich darüber mal Gedanken machen, was Reichtum eigentlich ist. Für mich bedeutet es, Zeit zu haben, um das zu tun, was man will. Zum Beispiel, mich mit meinen Freunden an einen Tisch zu setzen und ein gutes Gespräch zu haben oder auch eine schöne Reise zu erleben. Egal, ob wir in einem Bungalow gelebt haben: Die Hauptsache ist, dass wir ein paar coole Tage hatten. Ich denke, ich würde eine Weltreise machen, wenn ich einen Haufen Geld hätte, anstatt mir ein teures Auto oder andere Luxusgüter zu kaufen.

MZEE.com: Warum sehnt sich der Mensch deiner Meinung nach vielleicht mehr nach materiellem Wohlstand anstatt die kleinen, aber wesentlichen Dinge im Leben wertzuschätzen?

Sadi Gent: Ich glaube, viele hören gar nicht auf ihre innere Stimme. Sie hören gar nicht in sich hinein, was sie tatsächlich glücklich machen könnte. Das ist alles sehr viel Reflexion, was ich mache. Was bringt es mir, was macht das mit mir und mit anderen Leuten, was hat das für eine Wirkung? Ich denke, es versperren sich viele Leute davor, das alles miteinzubeziehen. Und gerade dieses Gucken nach links und rechts ... Überall wird einem vorgegaukelt, dass Geld das höchste Glück und es ganz toll ist, reich zu sein. Damit kann man sich Frauen, Autos, Yachten und alles weitere leisten. Das ist alles Konditionierung. Man sieht bei anderen, was man für ein Leben mit Geld haben kann. Und das führt oft zu einem Trugschluss. Man denkt, wenn man mit seinem Zeug andere Leute beeindrucken kann, ist man automatisch beliebter und mehr wert.

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MZEE.com: Alexander von Humboldt hat mal gesagt: "Wohlstand ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat, Dinge kauft, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht mag." – Woher, denkst du, kommt der Drang mancher Menschen, andere durch materielle Güter zu beeindrucken?

Sadi Gent: Das ist ein sehr krasses Zitat, das ich sehr zutreffend finde. Da steckt so viel Trauriges, aber auch so viel Wahres mit drin. Der Wunsch, Leuten gefallen zu wollen, um sich dadurch besser zu fühlen. Dieses Denken haben sehr viele im Kopf, aber ich glaube, je älter man wird oder je mehr Erfahrungen man macht, desto eher merkt man, dass es darauf eben nicht ankommt. Es ist alles Aktion und Reaktion: Man sieht eine Person, die etwas Tolles hat und zehn andere, die diese Person bestaunen ... Das zeigt ja, dass wir immer weniger darauf achten, was einen Menschen eigentlich ausmacht – und damit verliert sich das Wort "Menschlichkeit" ein bisschen. Jedes Individuum hat besondere Makel und Eigenschaften, aber der Gedanke, dass alle gleich und reich sein wollen, ist unheimlich. Ich will nicht dazu gehören und muss Leute nicht mit Oberflächlichkeit beeindrucken. Das beschäftigt mich schon. Und auch Mo! ist ein Mensch, der vieles ähnlich sieht wie ich, deshalb haben wir uns auf der EP auch thematisch so gut ergänzt. Bei jeder Thematik haben wir gebrainstormt, ob wir eine ähnliche Ansicht dazu haben. Und gerade zu den Themen, bei denen unsere Meinungen übereingestimmt haben, haben wir einen Song gemacht.

MZEE.com: Ich könnte stundenlang über diese Themen sprechen ...

Sadi Gent: Ey, ich auch! (grinst)

MZEE.com: Ich weiß nicht, ob du das amerikanische Sprichwort "Keep up with the Joneses" kennst. Das heißt so viel wie "mit dem Nachbarn mithalten". Ich persönlich finde, das ist eine ganz schlimme Eigenart des Menschen. Man schaut, was der Nachbar hat, will ihn übertrumpfen, um selbst besser dazustehen. Und am Ende redet man vielleicht noch schlecht über ihn, um sein Selbstwertgefühl steigen zu lassen.

Sadi Gent: Absolut! Jeder von uns kennt es doch, Leuten dabei zuzuhören, wie sie über andere Leute lästern. Genau deshalb liebt die Gesellschaft auch Klatsch und Tratsch so sehr ... Wie leben unsere Stars und welche Fehler machen sie? Sobald jemand einen Fehler hat, stürzt man sich darauf – aber das sind auch nur Menschen. Bevor man andere Leute kritisiert, sollte man vor seiner eigenen Haustür kehren. Die Leute haben das gar nicht mehr auf dem Schirm, weil sie so geblendet sind und auf alles andere achten außer auf sich selbst. Ist ja auch viel einfacher ... Im Rap haben wir das ganz krass und damit bin ich auch bewusst ein Gegenpol. Ich will keinem erzählen, wie cool ich bin oder wie viel ich verdiene. Ich geb' nicht an und ich finde, im Rap muss man das nicht machen. Ich bin irgendwo ein Conscious-Rapper und für mich kommt es inhaltlich immer auf was anderes an. Was ist cool? Für mich ist jemand cool, der mir sagt, dass er auf sein Gehalt und seine Chartplatzierung scheißt. Jemand, der darauf scheißt, einen auf hart zu machen und den Leuten erzählen zu wollen, der krasseste Playboy zu sein, der zehn Hoes bangt. Für mich ist man nicht cool, wenn man sich hinstellt und sagt: "Ich fick' deine Mutter." Das find' ich eher ein bisschen hängengeblieben und ziemlich einfallslos ... Für mich ist es da cooler, die Eier zu haben und zu sagen, dass man Gefühle hat und sich Fehler eingesteht. Aber das Wort "cool" sagt es ja auch schon: kalt sein, keine Emotionen nach außen tragen. Ich habe da einfach eine andere Auffassung von, denn manchmal muss man auch darüberstehen. Man ist vielleicht angreifbar, aber am Ende des Tages auch einfach Mensch.

MZEE.com: Findest du es nicht interessant, dass die Alben mit den von dir erwähnten Inhalten genau die sind, die meistens weit oben in Charts landen?

Sadi Gent: Das sagt einfach sehr viel über die Gesellschaft aus. Ich bin da oft etwas vorsichtig, weil Rap im Gegensatz zu anderen Genres eine sehr junge Hörerschaft hat. Der Großteil der Konsumenten ist vielleicht zwölf bis achtzehn Jahre alt. In dem jungen Alter stürzt man sich auf das Laute und mit zwölf ist es auch noch cool, seinen Klassenkameraden zu mobben, weil der schlechte Schuhe anhat. Aber drei Jahre später merkt man dann, dass es voll armselig ist. Mich wundert es nicht, dass laute und asoziale Themen mehr Erfolg in Bezug auf Absatz haben, aber das ist nicht der Grund, weswegen ich Musik mache. Wenn ich merke, dass ein Künstler wirklich durch und durch so ist, dann ist das auch legitim und ich feier' das. Viele verstellen sich halt und man sieht, dass manche bewusst etwas asozialer sind, um ein paar Platten mehr zu verkaufen. Damit betrügen sie sich nur selbst, weil sie dem eigentlich gar nicht entsprechen. Das finde ich extrem schwach und es hat für mich auch nichts mehr mit Kunst zu tun, sondern ist ein trauriger Marketingentwurf. Ich bin mir zum Beispiel bewusst, dass ich hier und da eine gewisse Vorbildfunktion habe und krass darauf scheißen kann ich auch nicht. Klar sag' ich Sachen, die ich sagen möchte, auch wenn ich mir denke, dass es nicht der ideale Einfluss ist. Aber ich versuch' immer, im Hinterkopf zu behalten, was für eine riesige Macht die Musik hat. Letztendlich hat aber alles, was einen unterhält, eine große Macht, um zu beeinflussen – und das ist ein sehr schmaler Grat. Ich bin nur so authentisch wie der Mensch, der ich bin. Ich würde niemals auf die Idee kommen, den Hörern etwas anderes von mir preiszugeben, um vielleicht hundert Platten mehr zu verkaufen.

MZEE.com: Kurz vor Ende des Interviews würde ich gerne noch auf die "Feuerwasser"-Jubiläumstour von Curse zu sprechen kommen. Erzähl mir doch mal von deiner Verbindung zu Curse und der Platte: Hast du besondere Erinnerungen an "Feuerwasser"?

Sadi Gent: Als die Platte rauskam, war ich noch ein bisschen jung, deshalb habe ich das nur beiläufig mitbekommen. Es gab Tracks wie "Hassliebe", "Wahre Liebe" oder "Unter 4 Augen", die einem viel gegeben haben und an denen du nicht vorbeigekommen bist. Tatsächlich bin ich auf seine Musik erst durch das Album danach, "Von Innen nach Außen", richtig aufmerksam geworden. Das ist für mich einer der Deutschrap-Klassiker aller Zeiten und ich bin heute noch von dem ganzen Werk begeistert. Mit der Musik von Curse bin ich auf jeden Fall aufgewachsen, sie hat mich beeinflusst und ich habe sie sehr gefeiert. Vieles habe ich auch erst Jahre später verstanden, weil noch Aussagen zwischen den Zeilen steckten, die ich als junger Hörer gar nicht so wahrgenommen habe. Für mich ist der Titel "Verantwortung" auf dem Album "Von Innen nach Außen" inhaltlich sehr wertvoll und er gibt einem so viel, über das man nachdenkt. Ich fand es sehr krass, bei seiner Tour dabei gewesen zu sein. Der Kontakt entstand durch meinen damaligen Booker Adnan von Essah Entertainment, bei dem Curse auch im Booking ist. So kam eins zum anderen und ich war plötzlich Support seiner letzten Tour. Ich habe mich mies darüber gefreut und wir haben uns prima verstanden. Er hatte vorher schon von meiner Musik gehört und meinte, dass er sie für sehr gut befindet. Das ehrt mich natürlich sehr.

MZEE.com: Wir haben jetzt relativ viel über Musik und die Musikindustrie geredet. Zum Abschluss des Interviews würde ich gerne von dir wissen, welche Künstler sich denn in deinen Playlisten wiederfinden und ob es da vielleicht den ein oder anderen Geheimtipp gibt?

Sadi Gent: Innerhalb Deutschlands muss ich natürlich sagen, dass unsere Künstler von Bombenprodukt leider alle ein bisschen underrated sind. (grinst) Also, checkt auch mal die Sachen von PTK, Tayler, Said, 86Kiloherz und Herzog ab! Ansonsten finde ich Tua interessant, weil er aus diesem typischen Rapding ausbricht und dabei immer sehr viel Kreatives rauskommt. Auch wenn es eigentlich nicht ganz meine Musik ist, finde ich Balbina super – das hat was Besonderes. International sind es Artists wie Moderat, Jamie XX, Sbtrkt und James Blake, Fever Ray, Santigold, FKA twigs. Die haben krasse Sachen gemacht, die ich mir immer wieder anhöre. Eigentlich echt zu viele, um sie hier alle zu nennen. Aus dem Rapbereich hör' ich aktuell wieder viel Russ, Vic Mensa, Isaiah Rashad. Kanye und Kid Cudi sind auch immer mit dabei. (lacht) Du merkst, es ist einfach ganz viel Verschiedenes dabei und alle Künstler zu nennen, würde den Rahmen hier jetzt mies sprengen.

(Kris­tina Scheu­ner)