November 2016: 3Plusss und Shindy

"Okay – was ha­be ich ver­passt?" Eine Fra­ge, der wohl je­der von uns schon ­mal begeg­net ist. Egal, ob man sie selbst ge­stellt hat oder mit ihr kon­fron­tiert wur­de. Manch­mal kommt ein­fach der Zeit­punkt, an dem man si­ch vor al­lem ei­nes wünscht: "Bringt mi­ch doch mal auf den neu­es­ten Stand!" Doch wie ant­wor­tet man dar­auf? Was hält man für beson­ders erwäh­nens­wert? Es ist schwer, ei­ne kur­ze, aber voll­stän­dige Ant­wort dar­auf zu fin­den. Wie misst man über­haupt Rele­vanz? An media­lem Hype? Am Über­ra­schungs­fak­tor? Oder doch an dem musi­ka­li­schen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das al­les, redu­ziert auf zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ein Release, das vor al­lem im Unter­grund auf Zuspruch gesto­ßen ist, und ei­nes, das in der brei­ten Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wur­de. Zwei Wer­ke, die wir nicht unbe­dingt gut fin­den müs­sen, aber ei­ne ge­wisse Rele­vanz oder ei­ne Bedeu­tung jeg­li­cher Art für die hie­sige Rapland­schaft besit­zen. Zwei Wer­ke, die am Ende des Monats vor al­lem ei­nes aus­sa­gen: "Hört, hört! Genau das habt ihr ver­passt!"

 

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3Plusss – Gott­kom­plex

3Plusss, der Ex-​VBTler mit der gro­ßen Klap­pe und dem noch grö­ße­ren Pfer­de­schwanz, sorg­te im Novem­ber mit sei­nem neu­en Album für eine klei­ne Über­ra­schung. Nicht etwa, weil "Gott­kom­plex" ein gutes Album wur­de. Das konn­te man auf­grund der unter­halt­sa­men Releases zuvor schon ver­mu­ten. Son­dern viel eher, weil die neue Plat­te uner­war­tet per­sön­lich und, noch viel wich­ti­ger, wirk­lich bewe­gend ist.

Was sich mit der "Auf der Stelle"-EP Anfang des Jah­res schon ankün­dig­te, führt 3Plusss nun kon­se­quent fort. Sei­nen Lebens­zu­stand zwi­schen Antriebs­lo­sig­keit, Selbst­hass und Miss­mut malt er in detail­rei­chen Bil­dern. Bun­te Far­ben benö­tigt er hier­für nicht, "Grau" oder "Schwarz" hei­ßen sei­ne Tracks. Und sie ver­mit­teln eben­je­nes Gefühl, das die trost­lo­sen Farb­tö­ne bereits andeu­ten. Die Lebens­ein­stel­lung lau­tet "Nein" – nicht zwin­gend Auf­leh­nung, aber in jedem Fal­le Des­in­ter­es­se an allem, was gesell­schaft­lich als gesetzt gilt, steht auf der Agen­da. Die abwei­sen­de Hal­tung resul­tiert auch aus 3Plusss' per­sön­li­chen Erfah­run­gen: In eini­gen Zei­len rech­net er mit sei­nem Vater ab, mit dem Song "An und für dich" führt er bei­na­he erschre­ckend plas­tisch sei­ne Unfä­hig­keit vor, mit einer Tren­nung umzu­ge­hen. Wo der Prot­ago­nist ein­drucks­voll fast schon in sich selbst zer­bricht, ist das Beat­ge­rüst vom Pro­du­zen­ten­duo We Do Drums umso opu­len­ter. Die ver­nei­nen­de Stim­mung des Rap­pers fan­gen sie atmo­sphä­risch in dich­ten, elek­tro­nisch schep­pern­den und knar­zen­den Instru­men­tals ein und ver­stär­ken so den Sog in das depressiv-​schöne Per­sön­lich­keits­ge­mäl­de.

Gleich­zei­tig ist 3Plusss' Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nen Pro­ble­men so lebens­nah, dass in den Gefüh­len und Stim­mun­gen auf "Gott­kom­plex" für die meis­ten Genera­ti­ons­ge­nos­sen ein unge­mei­nes Ver­ständ­nis mit­schwin­gen dürf­te. Ohne ein pathe­ti­sches Wir-​Gefühl zu erzwin­gen, führt er vor, wie ein jun­ger Mensch mit den Wid­rig­kei­ten der Welt umzu­ge­hen ver­sucht, schei­tert, aber doch irgend­wie nie auf­gibt. Und viel­leicht braucht man gera­de für die­se Bewäl­ti­gung des Lebens einen "Gott­kom­plex" im Kopf.

(Flo­ri­an Peking)

 

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Shin­dy – Dreams

There's a new Gold­jun­ge comin' to town – seit Shin­dy bei ers­guter­jun­ge unter Ver­trag steht, wer­den die Aus­zeich­nun­gen qua­si frei Haus ins Wal­dorf Asto­ria gelie­fert. Die Wahl­hei­mat von "Ber­lins bekann­tes­tem Tou­ri" ist genau­so exzen­trisch wie der Lebens­stil, den der Rap­per ver­kör­pert. Und wer "Dreams" kauft, bekommt den vol­len Aus­blick aus "Eta­ge 29" des Luxus­ho­tels.

Hört man näm­lich ins drit­te Solo­al­bum des gebür­ti­gen Reut­lin­gers rein, soll­te man nichts erwar­ten, was nicht an die Deka­denz eines neu­rei­chen Mitt­zwan­zi­gers erin­nert. Ein drei­mi­nü­ti­ger Song, in dem man nur Sum­men anpreist, die in den letz­ten Jah­ren flos­sen? Ein Track dar­über, dass mitt­ler­wei­le kei­ner dei­ner Lieb­lings­rap­per aus der Jugend­zeit an Shin­dys Level ran­kom­men kann, "ob ihr wollt oder nicht"? Alles kein Pro­blem für den Mann, der "700 Euro für 'nen Swea­ter ohne Auf­druck" auf der hohen Kan­te hat. Shin­dy pro­pa­giert sei­nen Lebens­stil mit einer so kon­se­quen­ten Igno­ranz, dass sie im deut­schen Rap wirk­lich ein­ma­lig scheint. Selbst wenn es auf "31. Dezem­ber" ein wenig ruhi­ger, erns­ter und per­sön­li­cher zugeht, zeich­net der Rap­per sei­ne sprach­li­chen Bil­der so prä­gnant, dass man das Gefühl nicht los­wird, direkt neben ihm in der Luxus­sui­te zu sit­zen. Wer also schon immer mal im Sinn hat­te, am Ku'damm, Ecke Kne­se­beck, ent­spannt shop­pen zu gehen, ohne dass die Brief­ta­sche schlapp­macht, dem wer­den hier zumin­dest musi­ka­lisch alle "Dreams" ein­wand­frei erfüllt.

Was bei all dem Auf­ruhr um Premium-​Boxen, Ruck­sä­cke und über­teu­er­te Swea­ter mit oder ohne Auf­druck näm­lich unter­geht, ist der Fakt, wie gut Shin­dy eigent­lich in sei­nem Metier ist. Man wird nie das Gefühl los, dass die­ser Mann wirk­lich nicht mehr braucht als "'n Kla­vier, 'ne MPC, 'ne Packung Marl­bo­ro, ein Mic und einen Aschen­be­cher". "Dreams" mag sei­ne Schwä­chen haben, doch wer sich zurück­lehnt, die Pro­duk­tio­nen genie­ßen will und den ein oder ande­ren Schön­heits­feh­ler aus­blen­det, der wird auch unter­hal­ten wer­den. Oder, wie Shin­dy es weni­ger ratio­nal aus­drückt: "Gott weiß: Ich hab' geträumt von die­sem Long­play­er."

(Sven Aumil­ler)