High Five – mit u.a. Maeckes, Ghanaian Stallion, 3Plusss

Der Deutschrap­zir­kus ist ein um­trie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir in je­dem Quar­tal an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die ab­seits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren un­sere Redak­teu­re hand­ver­le­sene Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein be­son­ders per­sön­li­cher Bezug, ei­ne wich­tige Messa­ge oder ein run­des mu­si­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zelne Facet­ten der Rap­welt ge­bo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für un­sere "High Five"!

 

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State­ment: Umgang der Medi­en mit Iron Basics Tod

Als am 26. Novem­ber 2016 Dimi­tris Saro­glou aka Iron Basic uner­war­tet ver­starb, war das Ent­set­zen groß. Der Ver­lust eines sol­chen Vete­ra­nen, Pio­niers und auch Men­tors des deut­schen Batt­leraps wiegt unglaub­lich schwer. Doch das soll kein Nach­ruf wer­den – den könnt Ihr bereits hier fin­den. Und dem gibt es nichts hin­zu­zu­fü­gen. Nein, eher könn­te man dies als eine Art Lob ver­ste­hen. Denn vie­le wer­den die­se erdrü­cken­de Nach­richt über die ein­schlä­gi­gen HipHop-​Medien und deren sozia­le Kanä­le erhal­ten haben. Doch such­te man in die­ser Zeit nach rei­ße­ri­schen Arti­keln, wur­de man fast nicht fün­dig. Es gab kei­ne Live-​Abstimmung dar­über, wie trau­rig man auf einer Ska­la von 1 bis 6 ist, kei­ne "Like, wenn du Basic kanntest"-Bilder oder sons­ti­ge, pein­li­che Schlag­zei­len. Man fokus­sier­te sich auf das Wesent­li­che: den Tod einer Legen­de und eines tol­len Men­schen, der Fami­lie und Freun­de hat­te. In sol­chen Situa­tio­nen ist es nicht gera­de leicht, die rich­ti­gen Wor­te zu fin­den, doch an die­sem schwar­zen Tag gelang es so gut wie jedem. Eigent­lich sehr trau­rig, dass es dazu den Tod eines Men­schen braucht.

 

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Video: Maeckes – Loser

In Maeckes' Video zu "Loser" sehen wir den Orsons-​Rapper, wie er die Vor­be­rei­tun­gen zu einem Musik­vi­deo­dreh trifft. So kön­nen wir ihn dabei beob­ach­ten, wie er Kom­par­sen auf der Stra­ße anspricht, mit jun­gen Damen einen Tanz ein­stu­diert und sich für den bevor­ste­hen­den Shoot in einem Secondhand-​Laden ein­klei­det. Hier wird also der Dreh des Vide­os zum The­ma des sel­bi­gen. Sol­che Meta­re­fe­ren­zen sind typisch für Maeckes' Schaf­fen. Man muss jedoch nicht stu­diert haben, um fröh­lich zu inter­pre­tie­ren, wel­che Bedeu­tungs­ebe­nen es in der opti­schen Kom­po­nen­te des Vide­os gibt. So könn­te man spe­ku­lie­ren, dass der unwirk­li­che, in Zeit­lu­pe abge­spiel­te Video­dreh am Ende des tat­säch­li­chen Vide­os dafür steht, dass die Insze­nie­rung von Künst­lern immer eine kon­stru­ier­te ist. Dass man im ech­ten Leben völ­lig feh­ler­be­haf­tet sein kann, wäh­rend man in der Öffent­lich­keit zugleich als der gro­ße Held dasteht. Nach die­ser Sze­ne sehen wir Maeckes, wie er den sünd­haft teu­ren Sport­wa­gen, der zuvor als Requi­si­te für den Video­dreh her­hal­ten muss­te, über eine Brü­cke fährt und schließ­lich bei einem älte­ren Pär­chen – ver­mut­lich sei­nen Eltern – in einer schö­nen Wohn­ge­gend ankommt. Ist das also wirk­lich Maeckes' Wagen? Hat er uns nicht eben noch zu ver­mit­teln ver­sucht, dass er gar nicht die Per­son aus dem insze­nier­ten Dreh ist? Aber halt: Ist nicht das tat­säch­li­che Video genau­so insze­niert? Die­ses Ver­wirr­spiel ist abso­lut gewollt und gehört zu Maeckes' Her­an­ge­hens­wei­se. Er ist schlicht­weg nicht greif­bar und möch­te das offen­sicht­lich auch nicht sein. Hier kann man getrost von post­mo­der­ner Kunst spre­chen. Kunst, die Spaß und das Video zu "Loser" zu einem High­light des vier­ten Quar­tals macht.

 

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Song: Maeckes – Kreuz

Eine klas­si­sche Sze­ne: Ein Jun­ge trifft auf ein Mäd­chen, sie unter­hal­ten sich, fin­den sich auf Anhieb sym­pa­thisch. Sie ver­ab­re­den sich, sie schläft nach dem ers­ten Date auf ihm ein. Alles ganz schön kit­schig, was Maeckes da auf "Kreuz" erzählt. Kei­nes­wegs. Bei vie­len ande­ren Rap­pern hier­zu­lan­de wäre die Geschich­te an die­ser Stel­le zu Ende, die gro­ße Lie­be auf den ers­ten Blick – zumin­dest, ehe man einen gewöhn­lich sehr schmal­zi­gen Song über die unaus­weich­li­che Tren­nung hin­ter­her­schie­ben muss. Doch "gewöhn­lich" war im Wort­schatz von Maeckes noch nie ent­hal­ten. Die Sto­ry von den ers­ten Schmet­ter­lin­gen im Bauch bis hin zum jähen Ende durch den Tod der Aus­er­wähl­ten ist emo­tio­na­ler, näher und auch deut­lich schwe­rer zu ver­dau­en. Und mit genau die­ser Tie­fe und einer unge­ahn­ten Nähe über­zeugt und berührt "Kreuz" den Hörer. Für den Wohlfühl-​Sommertrack war der Chimp mit der Gitar­re nie zu haben, doch für die wahr­lich berüh­ren­den Geschich­ten eben schon – ein­mal mehr auch auf "Tilt".

 

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Instru­men­tal: Kalim – mg (prod. Gha­nai­an Stal­li­on)

Gha­nai­an Stal­li­on, der Pro­du­zent mit der schwer aus­sprech­ba­ren "Rocky"-Hommage als Namen, ist schon so etwas wie ein Szene-​Tausendsassa. Er ist erfolg­reich als Haus- und Hof­pro­du­zent von Mega­loh, lie­fer­te mit dem Sequel zu "Dies Das" einen Rap-​Sommerhit und för­der­te zuletzt New­co­mer Chi­ma Ede mit einer gemein­sa­men EP. Und auch am ande­ren Ende des Sprech­ge­sangs­spek­trums, dem Stra­ßen­rap, setzt er schlag­kräf­ti­ge Akzen­te. So gesche­hen auf Kalims "mg" – einem Song, der erst durch den Beat wirk­lich zur Ent­fal­tung kommt. Denn die stein­har­ten Drums for­dern nicht nur unwei­ger­lich das Kopf­ni­cken des Hörers ein. Ihr ver­zö­ger­tes Auf­tre­ten geht Hand in Hand mit Kalims Deli­very, sodass sich die gefähr­li­che Stim­mung der Parts ste­tig stei­gert. Beat und Rap­per bil­den hier eine Ein­heit, Klang­bild und Stimm­far­be schei­nen per­fekt auf­ein­an­der abge­stimmt. Der im Instru­men­tal mit­schwin­gen­de Oldschool-​Flavour, der an Ban­ger von der West­co­ast erin­nert, tut das Übri­ge. Her­aus kommt ein klas­si­scher Gangs­ter­rap­t­rack, der zeit­los und den­noch auf sei­ne Art modern klingt. Gha­nai­an Stal­li­ons Beat ist genau die Art von Brett, das man bei jedem Hören erneut ein paar Stu­fen lau­ter machen will, um sich kom­plett von der dich­ten, schep­pern­den Atmo­sphä­re ein­fan­gen zu las­sen. Ohne Zwei­fel wird der Pro­du­zent auch zukünf­tig sei­ne Hand­schrift in der Rap­sze­ne hin­ter­las­sen – egal, in wel­chem Sub­gen­re.

 

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Line: 3Plusss – Aus­ein­an­der

Einer ist dro­gen­süch­tig, einer ist ohne glück­lich.
Ich bin so 'n Mit­tel­ding: dro­gen­süch­tig ohne glück­lich.

Ob zu sei­nen Anfangs­zei­ten und gemein­sam mit done­ta­sy oder spä­ter auf Solo­pfa­den mit "Kinds­kopf", "Mehr" und "Weni­ger": Die meis­te Zeit sei­ner Kar­rie­re schien es so, als wol­le 3Plusss vor allem bewei­sen, was für ein kin­di­scher Stur­kopf er doch sei. Atti­tü­de und Tex­te stets irgend­wo zwi­schen "Ist mir egal" und "Ich mach', was ich will" – das dann am bes­ten noch mög­lichst laut und mit stump­fem Humor. Die­se Zei­ten schei­nen inzwi­schen vor­bei. Denn mitt­ler­wei­le ist der "Kinds­kopf" 25 Jah­re alt und die Masche des bocki­gen klei­nen Jun­gen zieht nicht mehr so rich­tig. Muss sie auch nicht, denn was sich schon wäh­rend der "Auf der Stelle"-EP abzeich­ne­te, fand sei­ne Bestä­ti­gung mit Denis' neu­em Album "Gott­kom­plex": 3Plusss ist erwach­sen. Das Kind im Man­ne exis­tiert zwar noch und erfreut sich bes­ter Gesund­heit, doch sei­ne Pro­ble­me weiß der Rap­per inzwi­schen mit rei­fen Wor­ten zu beschrei­ben. Gera­de die hier gewähl­te Zei­le bringt die­se Ent­wick­lung bes­tens auf den Punkt. Der kri­ti­sche Blick auf ande­re, der eigent­lich nur dazu dient, sich damit zu ver­glei­chen und fest­zu­stel­len: Von allen Betrof­fe­nen steht er selbst wohl am schlech­tes­ten da. Statt des schlech­ten Wit­zes, den er dar­über frü­her gemacht hät­te, beschreibt er die Situa­ti­on nüch­tern, aber den­noch krea­tiv. So spricht 3Plusss nach wie vor von den glei­chen Pro­ble­men – davon, dass die Welt nicht mit ihm, er nicht mit der Welt und letzt­lich auch nicht mit sich selbst klar­kommt –, ver­zich­tet aber auf den plum­pen Humor von einst. Statt­des­sen ver­packt er die Selbst­re­fle­xi­on in eine cle­ver for­mu­lier­te, fast schon poe­ti­sche Zei­le, die wie kaum eine ande­re auf "Gott­kom­plex" hän­gen bleibt. Und so ste­hen die­se Wor­te wohl letzt­lich nicht nur für die aktu­el­le Gefühls­la­ge des Inter­pre­ten, son­dern gleich­zei­tig auch für das gesam­te Album. Und schluss­end­lich auch für die Ent­wick­lung, die 3Plusss seit der Zeit, als er der "Kinds­kopf" war, durch­lief.

(Ben­ja­min Boro­witza, Stef­fen Bau­er, Sven Aumil­ler, Flo­ri­an Peking, Dani­el Fersch)
(Fotos von Dani­el Fersch (Iron Basic), You­Tube "Maeckes – Loser (Of­fi­ci­al Video)"(Maeckes), Nico Wöhrle/​Vertigo Ber­lin (Maeckes), You­Tube "Kalim – mg Prod. von Gha­nai­an Stal­li­on" (Kalim), Lukas Rich­ter (3Plusss))