mc-rene-2-by-noria-chaal

MC Rene

Lange Zeit war es musikalisch still um MC Rene, bevor im letzten Jahr etwas überraschend mit "Renessance" sein erstes Album seit zehn Jahren angekündigt wurde. Das Rap-Urgestein bewies auf dem Release nicht nur, dass es in der Szene immer noch mitmischen kann, sondern auch, dass dafür kein stilistischer Umbruch erfolgen musste. Vergleichsweise schnell veröffentlichte Rene im Oktober dieses Jahres dann sein aktuelles Werk "Khazraje" – sein bislang bestes, wenn man den zahlreichen Kritikern glauben darf. Für die Produktion des Albums tat sich der Rapper nicht nur mit Beatmaker Figub Brazlevič zusammen, sondern reiste auch zum ersten Mal nach Marokko – das Land seiner Vorfahren. Im Interview mit MC Rene sprachen wir deshalb nicht nur über die Entstehung von "Khazraje" und besondere Momente während der Aufnahmen, sondern auch über das Aufeinandertreffen mit seiner Familie sowie die Suche nach der eigenen Identität. Darüber hinaus wollten wir vom Szeneveteran auch wissen, wie er die Entwicklung der hiesigen Raplandschaft bis heute wahrgenommen hat. In diesem Zusammenhang begründete Rene nicht nur einige interessante Aussagen, die er im Vorfeld des Interviews bezüglich der musikalischen Ausrichtung seiner Kollegen getroffen hatte. Er offenbarte auch seine Gedanken zu Portalen wie SoundCloud und der Idee, mit einem Alter Ego neue musikalische Wege zu beschreiten ...

MZEE.com: Bevor wir über dein aktuelles Album "Khazraje" sprechen, würden wir gerne auf deine Vergangenheit blicken. In diesem Zusammenhang denkt man automatisch an den Beef mit Azad sowie den Disstrack von Kool Savas und Eko Fresh. Gibt es da Dinge, die du heute anders machen würdest?

MC Rene: (denkt nach) ... Gute Frage. Aber ja, gibt es. Auf der einen Seite war ich Moderator bei Mixery Raw Deluxe, gleichzeitig aber auch MC, der Platten veröffentlicht hat. Ich denke, so zweigleisig würde ich, wenn ich Zeitreisender wäre, heute nicht unbedingt noch mal fahren. Damit ich mich auf das, was ich momentan mache, besser konzentrieren kann oder einfach mehr Gewalt darüber habe. Im Nachhinein hätte ich das einfach mehr getrennt. Durch die Art, wie ich das gemacht habe, bot ich letztlich auch viel Angriffsfläche, was dazu führte, dass ich im Generationen-Übergang ganz gut unter die Räder gekommen bin. Moderator oder Rapper, die Leute haben halt ihre Schubladen.

MZEE.com: Welche Tätigkeit hättest du eher zurückgestellt? War dir das Moderieren zur damaligen Zeit wichtiger oder wärst du tatsächlich beim Rappen geblieben?

MC Rene: Mir hat beides Spaß gemacht. Aber ich denke, es wäre eher das Fernsehding gewesen, das ich zurückgestellt hätte ... "Schuster, bleib bei deinem Leisten", hätte ich vielleicht gesagt. Aber es ist immer schwierig, im Konjunktiv über die Vergangenheit zu sprechen, weil jetzt halt alles gefärbt ist mit dem Blick von 2016 ... Schwierig, sich in den damaligen MC Rene hineinzuversetzen. Wenn es damals schon so geile Beatmaker wie heute gegeben hätte, wäre mein Album vielleicht auch anders geworden. (lacht)

MZEE.com: In dem Kontext ist die nächste Frage vielleicht etwas leichter. 2005 erschien dein Album "Der letzte Marokkaner". Danach hat man in der Öffentlichkeit nicht viel von dir mitbekommen, bis du 2010 als Stand-up-Comedian aufgetreten bist. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

MC Rene: Eigentlich nicht so viel. Ich hatte ein paar Auftritte, aber zu der Zeit habe ich in Berlin gelebt und wusste selbst nicht wirklich, wo ich hinwollte. Das Rappen hat mir zwar Spaß gemacht, aber die Motivation, um Tracks zu schreiben, war nicht da. Zudem war ich auch noch sehr jung und habe eher vom Ersparten gelebt. 2008 hatte ich allerdings gar kein Geld mehr und habe angefangen, im Call Center zu arbeiten. Daraus ist dann schizophrenerweise wieder dieser Hunger entstanden, dem eigenen Leben aus sich selbst heraus eine neue Richtung zu geben. Im Grunde bin ich also vor mir hergetrieben. Ich hatte auch eine gute Zeit, war nicht depressiv oder unglücklich, sondern habe mein Leben in Berlin einfach in vollen Zügen genossen. (lacht) Was für ein dummer Vergleich ... Rückwirkend betrachtet war das schon schön.

MZEE.com: Vor einiger Zeit hast du in einem Interview das Verhalten einiger Rapper mit diesen Worten kritisiert: "Leider neigt der deutschsprachige Rapper dazu, Rap wie eine Rechenaufgabe zu betrachten, die es zu lösen gilt, und verfällt dadurch in immer denselben Standardflow und Rhythmus, wie es zu klingen hat, damit der Mainstreamdeutschrap-Konsument es als Qualität wahrnimmt." Ist das ein Thema, an dem man als Rapper 2016 nicht mehr vorbeikommt, wenn man auch kommerziell erfolgreich sein möchte?

MC Rene: Das ist eine sehr berechtigte Frage. Ich glaube, es ist eine Sache, ob man das möchte. Ob man es kann, ist noch mal eine andere. Und ob man es machen sollte, um erfolgreich zu sein, halte ich für sehr, sehr fragwürdig. Wenn man da die vielen Gesichter und die Vielfalt sieht, die Rap anscheinend hat, glaube ich das eher nicht. Ich habe das eher gesagt, weil ich es langweilig finde, wenn Rap zur Rechenaufgabe wird, weil das Gesamtpaket dadurch meines Erachtens natürlich etwas vorhersehbarer ist.

MZEE.com: Glaubst du, dass es deswegen bei manchen Rappern kaum eine Entwicklung gibt und viele den gleichen Weg einschlagen?

MC Rene: Ja, das könnte man so beantworten. Dadurch entstehen sicherlich Abnutzungserscheinungen. Wenn du ein Image über einen längeren Zeitraum verkörperst, hast du halt irgendwann nicht mehr die Möglichkeiten, etwas Neues zu bringen.

MZEE.com: Nun haben wir über das etwas negativ behaftete Rechenspiel gesprochen. Was gefällt dir als langjährigem Mitglied der Szene dagegen denn aktuell besonders gut an ihr und wie hat sie sich deiner Meinung nach entwickelt?

MC Rene: Die Beatmaker-Szene finde ich genial, da gibt es viele Talente. Vor allem über SoundCloud entdecke ich viel Neues für mich. Ich mach' auch öfter mal Livestreams, in denen ich Beats von Leuten picke, die man nicht unbedingt kennt. Das sind alles sehr gute Leute, die auch einen anderen Vibe transportieren oder andere Wege gehen, die für manch einen versperrter klingen und in der heutigen Zeit nicht unbedingt üblich sind. Weiterhin merke ich bei Personen heutzutage eine Offenheit gegenüber dem Genre. Es gibt richtige Superstars, die im Mainstream angekommen sind, oder Leute, die im Underground richtig abgefeiert werden, beispielsweise ein Morlockk Dilemma. Dass diese Vielfalt parallel existiert, ist obergenial. Sich in diesem Underground-Kosmos zu bewegen, sein eigenes Ding zu machen und sich ein Stück weit selbst zu etablieren – unabhängig von den Meinungen gängiger HipHop-Medien –, ist definitiv etwas Positives. Man hat einfach total viel selbst in der Hand, ohne dass es auf eine Review in der JUICE ankommt.

MZEE.com: Sind solche Plattformen wie SoundCloud nicht trotzdem ein zweischneidiges Schwert? Einerseits kann man zwar viel für sich entdecken, andererseits könnte man aber negativ argumentieren, dass dadurch eine Marktüberflutung unterstützt wird ...

MC Rene: Sowohl als auch. Es gibt schon massiven Output. Wenn man sich überlegt, wie viele Videos rauskommen – das kannst du gar nicht alles überblicken. Deshalb gehen auch viele Sachen an mir vorbei. Dahingehend hat sich mein Radius mittlerweile wieder etwas verkleinert. Man konsumiert Musik leider teilweise wie Fast Food. Da ist weniger manchmal vielleicht doch mehr. Für ein Magazin, das Reviews schreibt, stellt sich auch die Frage: Was ist relevant und was nicht? Musik sollte meiner Meinung nach eigentlich etwas zum Abschalten sein und durch diese Entwicklung geht dieser positive Aspekt verloren. Ich hoffe, dass ich es irgendwann mal schaffe, die Leute mit meiner Musik zum Abschalten zu bewegen, aber vielleicht benutze ich dafür tendenziell zu viel Text ...

mc-rene-1-by-noria-chaal

MZEE.com: Deutscher Rap genießt vor allem in der Außendarstellung nicht immer den besten Ruf. Einige Leute sagen deshalb, dass sie sich, je älter sie werden, mehr und mehr von der Szene distanzieren. Du bist im September 40 Jahre alt geworden. Hattest du da schon mal den Gedanken: "Ich bin zu alt dafür, es reicht jetzt mit Rap für mich"?

MC Rene: Also, ich kann das nachvollziehen, auf jeden Fall. Es gibt jetzt auch nicht so viel Rap, von dem man sagen könnte: Den Scheiß kann ich auch mit 40 noch hören. Umso älter man wird, desto mehr Erfahrungen hat man gemacht. Und aus diesen Erfahrungen schöpft manch einer neue Horizonte oder – und das ist meistens der Fall – hält an jugendlichen Werten fest. Ich weiß nicht ... Mit dem Wort Deutschrap als solches identifiziere ich mich sowieso nicht, auch wenn meine Musik unter dieser Kategorie aufgeführt wird. Ich mache ja deutschen Rap, aber das ist mir nicht peinlich. Es wäre traurig, wenn ich den Spaß hätte, den ich gerade habe – und einfach nicht mehr diese Musik mache, weil ich 40 bin. Es ist nur peinlich, etwas zu machen, wenn es wirklich peinlich ist. Und das liegt immer noch im Auge des Betrachters und ist eine subjektive Sache. Der Antrieb sollte nicht die Frage sein, ob es peinlich für einen ist, sondern ob es einem Spaß macht. Kickt dich das? Ist der Beat fresh? Hast du geile Lines? Das sind die Antriebsmomente eines MCs. Da ist es doch egal, ob der 50, 40 oder 20 ist.

MZEE.com: Wenn du deine Veröffentlichungen aus den 90ern mit deinem aktuellen Album vergleichst – inwiefern hat sich die Herangehensweise und die Art der Albumproduktion verändert?

MC Rene: Ein technischer Unterschied ist ganz einfach, dass ich nur noch selten auf einem Blatt Papier schreibe. Ich schreibe nur noch auf dem Computer.

MZEE.com: Echt?

MC Rene: (beschämt) Ja, aber ich würde die Texte jetzt ganz gerne mal wieder auf Papier bringen. Ich war halt schon so ein Kritzler, habe dadurch Unmengen an Papier verbraucht. Und so hatte ich das Gefühl, alles besser zu sehen. Meine Herangehensweise hat sich auch insofern verändert, als dass ich jetzt eher versuche, die Dinge assoziativer anzugehen. Früher hatte ich ein Thema und habe es mit einer gewissen Naivität bearbeitet. Gerade bei "Renevolution" geschah da doch viel unbewusst. Man war bei Glammerlicious, Roe Beardie, Fader Gladiator – alles super Leute, das hat damals einfach zusammengepasst ... Und ich war dann mit einem Rucksack unterwegs, habe immer die Kassetten von den einzelnen Studiosessions eingesammelt und im Studio den Text geschrieben. Beim jetzigen und beim letzten Album habe ich mit nur einer Person zusammengearbeitet, die mich ein Stück weit widergespiegelt hat. Da fange ich zum Beispiel mit dem Diggen von Vokabeln und dem Recherchieren an oder man wordet zusammen. Ich suche auch Worte, die ich kenne, bei Wikipedia und entdecke dafür vielleicht eine neue Bedeutung. Vielleicht schaffe ich es, Pfade zu verlassen, die zuvor mit der Benutzung des Wortes in Zusammenhang standen. Damit verbunden achte ich auch mehr darauf, dass sich die Vokabeln geil anhören. Und auch allgemein lege ich mittlerweile mehr Wert auf den Klang der Worte.

MZEE.com: Mit "Renessance" hast du im letzten Jahr dein Solo-Comeback gefeiert. Die Erwartungen dürften bei deiner Vergangenheit nicht gerade gering gewesen sein. Welchen Druck hast du damals aus dir selbst heraus und von außen verspürt?

MC Rene: Das war eher ein schleichender Prozess, deshalb eigentlich gar keinen. Es hat mir einfach Spaß gemacht, den Beat schätzen zu wissen. Und mal ganz ehrlich: Wer hat denn erwartet, dass ich noch mal an den Start komme? Das Positive daran war, dass ich dadurch auch ganz locker da rangehen konnte, um mein Level langsam hochzufahren. Also, in dem Sinne habe ich keinen Druck gespürt. Im Gegenteil: Schön, dass das auf so eine organische Weise wieder zurückgekommen ist. Tendenzielle Ambitionen konnte ich auch nicht hegen, weil die Musik, die ich mache, nicht die Musik ist, die man machen muss, um einen superkrassen Mainstream-Erfolg zu haben. Ich habe keine markstrategischen Ziele dahintergesetzt oder, wie andere Rapper, von einer Kampagne gesprochen. Ich habe einfach das gemacht, was mir Spaß gebracht hat. Und dafür habe ich von den Leuten, denen es gefallen hat, Props bekommen.

MZEE.com: Wo wir gerade beim Thema "Erfolg" sind: Heutzutage scheinen Verkaufszahlen und Goldene Platten von Bedeutung zu sein. Diese Erfolge werden oft mit der Qualität eines Albums gleichgesetzt. Wie sehen deine Ziele diesbezüglich aus? Oder lässt du Derartiges außer Acht?

MC Rene: Na ja, anscheinend nicht. Ich investiere schließlich in die Produktion. Da werden Platten gepresst ... Ich mache Pressearbeit, bin jetzt im Interview bei euch und will natürlich durch meine Aussagen ein positives Bild erzeugen. (lacht) Wenn ich es schaffen kann, authentisch zu vermitteln, welchen Flavour wir rüberbringen, bin ich zufrieden. Wenn ich alles, was ich gepresst habe, verkaufen würde, wäre das ebenfalls ein super Erfolg. Ich rechne jetzt nicht damit, dass ich hunderttausend Platten verkaufe, aber ich weiß ja auch, dass sich das letzte Album ganz gut verkauft hat. Dann wird sich ein Album, das ich für qualitativ besser halte, vermutlich nicht schlechter verkaufen. Wenn es um die Charts geht, müsste ich lügen, wenn ich sage, dass es mir scheißegal wäre, wenn es nicht für die Charts reicht. Wenn wir aber nur das verkaufen, was wir gemacht haben, und trotzdem einen guten Eindruck hinterlassen, ist das für mich auch okay. Denn die Charts sind ohnehin illusorisch. Es zählt nicht das, was du in der ersten Woche verkaufst, sondern es zählt letztendlich das, was über das Jahr abgesetzt wird. Es gibt auch Alben, die sind nicht so hoch in den Charts, verkaufen sich aber über einen längeren Zeitraum besser. Ich glaube auch, dass der Hörer von qualitativem, deutschsprachigem Rap sich nicht so darauf fixiert. Tendenziell ist es beim Musikmachen immer so: Du machst etwas und hast deinen Spaß sowie deine Gefühle dabei ... aber wenn es rauskommt, wird die Musik zum Produkt. Zum Produkt, das andere auch bewerten – damit muss man klarkommen. Ich habe ein paar kontroverse Sachen verfolgt ... Dass andere Rapper Medien angehen, weil sie eine schlechte Review bekommen haben und das persönlich nehmen. Ich finde, in solchen Fällen sollte man keine Musik machen. Aber das Ziel, das ich mir bei meinem Album gesetzt habe, ist, dass die Platte so dope ankommt, wie ich sie selber finde. (lacht) Und dass sie mir die Möglichkeit gibt, weiter geilen Rapscheiß zu machen. Wenn ich das schaffe, habe ich mein Ziel erreicht.

MZEE.com: "In gewisser Weise stellt das Album eine Wiedergeburt dar. Gelassen und souveräner denn je ...", heißt es in dem Pressetext zum Release. Daraus lässt sich folgern, dass wir auf "Khazraje" vermutlich nicht zum letzten Mal von dir gehört haben werden. Gibt es schon Pläne für die Zeit nach dem Album?

MC Rene: Ich vermute nicht. Es ist natürlich auch krass, wie die Zeit vergeht. Wir waren im April in Marokko und haben die Produktion in zwei Wochen durchgezogen. Jetzt ist es November und ich habe mich geistig inzwischen davon abgenabelt. Es ist etwas anderes, darüber zu sprechen. Aber aktuell habe ich Lust, diese Lieder aufzuführen. Allerdings stelle ich mir jetzt schon die Frage: Was kann man nächstes Jahr machen? Aus meiner Vergangenheit habe ich gelernt, dass man die Produktivität aufrechthalten sollte, so lange man sie fühlt. Ich habe einfach auch viel Zeit verstreichen lassen, weil mir der Antrieb oder der Anschluss gefehlt hat. Den sehe ich jetzt durch dieses natürliche Wachsen und die Leute, mit denen ich gearbeitet habe. Und ich habe einfach auch Lust, mich nächstes Jahr neu auszuprobieren, gerade raptechnisch. Ich will meiner Liebe zu dem Sound treu bleiben. Da gibt es auch viele Wege und Inspirationen, die ich noch nicht ausprobiert habe. Bei den Leuten, mit denen ich arbeite, kann ich vielleicht der MC Rene sein, der ich immer sein wollte. Vielleicht hat mir aber immer das gewisse Know-how gefehlt, auf das ich jetzt einen anderen Wert lege. Also, ganz grob betrachtet: Ich glaube, vermutlich mache ich weiter. (lacht)

MZEE.com: Wie sieht denn der MC Rene aus, der du immer sein wolltest?

MC Rene: Ich weiß es nicht. Bei einem guten Freestyle ist alles außer Kraft gesetzt. Das auf einen geschriebenen Rap zu projizieren, der halt einfach Themenkomplexe bearbeitet ... Nicht so, dass ich jetzt ein Lied darüber schreibe, dass jemand morgens aufsteht und einen Kater hat. Ich mag Lieder, in denen verschiedenen Themen angerissen werden und nicht ein einzelnes durchgezogen wird. Ich fühle mich jetzt schon näher dran. Ich denke, jeder Rapper sieht sich als eine 10 und versucht immer wieder, diese 10 zu sein. Dann sag' ich einfach – auch um Platz zu lassen für die Evolution in meinem Hirn –, dass ich eine 7 bin. Und beim nächsten Mal bin ich vielleicht eine 8. Wenn ich immer eine 10 bin, dann komme ich nicht mehr weiter. Wenn ich sage, ich bin eine 6 oder eine 7, dann kann ich noch den Sprung nach oben schaffen. Sich selbst nicht immer als Superlativ zu sehen, würde vielen Rappern auch helfen.

mc-rene-3-by-noria-chaal

MZEE.com: Im Zuge der Albumproduktion bist du das erste Mal überhaupt in dein Heimatland gereist. Was für Erfahrungen hast du dort gemacht? Wie hast du vor Ort Probleme gelöst, auf die du gestoßen bist?

MC Rene: Mit Gewalt. (lacht) Nein, es war wirklich kein Problem. Es ist ja so, dass mein Vater in Marokko lebt. Im Grunde war ich im Netz der Familie, die ich kennengelernt habe. Mein Vater hat mich in Casablanca abgeholt und zu meinen Onkels und Tanten gebracht. Ich hatte zwar noch rudimentäre Französisch-Kenntnisse, aber oft hat er übersetzt. Teilweise sprachen die Cousinen oder Cousins aber auch Englisch. Von daher war das Prägendste, sich selbst in den anderen zu erkennen – vom Aussehen her und darin, denselben Nachnamen zu haben. Des Weiteren war es toll, als Familienmitglied bedingungslos akzeptiert zu werden und diese Familienliebe zu spüren. Da hat sich für mich auch ein Kreis geschlossen: Der rastlose Typ mit der Bahncard 100 ist in dem Moment endgültig angekommen. Vorher war da nur eine weiße Karte und dieses Gefühl, halb Deutscher, halb Marokkaner zu sein, ohne wirklich einen großen Background der arabischen Kultur zu haben. Ich habe mich nie irgendwo zugehörig gefühlt. Und dort war es zum ersten Mal so, dass ich vom Selbstbewusstsein her das Gefühl hatte, wirklich dazuzugehören. Da ist auf jeden Fall eine Krücke weggefallen, aber auf eine ganz stille, meditative Weise. Ich hatte dieses Gefühl eines Ankommens für mich selbst und für die anderen, die eigentlich Fremde sind, aber gleichzeitig auch dein ganzes Leben schon da waren, weil sie Familie sind.

MZEE.com: Du hast mit Figub Brazlevič vor Ort zwar intensiv an deinem Album gearbeitet und auch viel Zeit mit deiner Familie verbracht. Doch aus anderen Interviews war zu entnehmen, dass ihr auch Zeit für das Land selbst hattet ...

MC Rene: Zehn Tage war ich in Casablanca, da sind wir stundenlang durch die Stadt gefahren. Anschließend bin ich, natürlich mit dem Zug, nach Marrakesch gefahren. Da gab es auf der Fahrt nicht so viel zu sehen, es war alles relativ karg. Gut, in Marrakesch haben wir zwar vierzehn Tage produziert, aber auch nicht am Stück. Wir haben viele Ausflüge gemacht, beispielsweise waren wir oben auf einem Berg in dreitausend Metern Höhe bei dreißig Grad und Schnee – voll abgefahren. Dann waren wir noch im Hamam. Die Zeit, das ganze Land zu bereisen, blieb mir leider nicht. Marokko hat sich also für mich auch nur einen Spalt weit geöffnet. Aber als Verheißung, dass ich noch mal hinreise und mir dann mehr Zeit nehme.

MZEE.com: Haben euch diese Ausflüge, die du gerade angesprochen hast, noch einmal zusätzliche Inspiration für eure Arbeit geliefert?

MC Rene: Definitiv! Der Text zum Song "Ein Tag im All" ist praktisch auf dem Weg hin und zurück entstanden. Nur der Beat und die Hook waren schon vorhanden. Teilweise waren Beats und Hooks da, dann haben wir etwas erlebt und dadurch sind die Texte entstanden. Wir waren auch völlig entkoppelt. Alles, was ich geschrieben habe, war da. Ich musste nur die Augen aufmachen. Natürlich habe ich mich dann noch mal in unserer Wohnung hingesetzt. Figub hat die Beats auf der Couch gemacht. Ich lag hinten im Bett, daneben war der Schrank – der war dann die Booth. So ging das immer hin und her. Vor unserer Tür war direkt eine Moschee und da mussten wir automatisch fünfmal am Tag stoppen. Du machst den Beat, willst einrappen und dann ertönt der Gebetsgesang. (lacht) Es war halt alles wie im Rausch.

MZEE.com: Damit kommen wir langsam zum Ende. Heutzutage gehen Rapper parallel zu ihrem sonstigen Schaffen gerne neue beziehungsweise andere Wege – zum Beispiel Samy Deluxe und Chefket als Chefbaus. Gibt es Stile innerhalb der Rapszene, die du gerne ausprobieren würdest? Reizt dich so etwas wie Trap?

MC Rene: Ist nicht ausgeschlossen, ich würde es nur nicht wie die genannten Künstler machen. Das finde ich nicht so clever. Also, wenn ich mir ein Aka geben würde, dann wüsste trotzdem jeder, dass es MC Rene ist, der da rappt. Der Name an sich würde dem schon im Weg stehen, weil er behaftet ist. Ich würde das deshalb komplett anonym aus dem Off machen. Mit einem ganz neuen Namen, einem ganz neuen Bild. Dann hast du nämlich die komplette künstlerische Freiheit. Und du hast auch die Möglichkeit, eine gewisse Authentizität zu schaffen und die Qualität als solche für sich sprechen zu lassen. Sonst hört sich die Musik doch keiner objektiv an. Die sagen doch sonst: "Guck mal, was MC Rene da gemacht hat".

MZEE.com: Das ist auch wieder mit der Gefahr verbunden, einen Shitstorm auszulösen, weil die Leute festgefahren sind in dem Bild, das sie vorher von dir hatten.

MC Rene: Genau. Dann gibst du der Musik aber keine Chance. Wenn man das groß ankündigt, nimmt man sich so vielleicht selber den Flash, den man erzeugen will oder den das Ganze auslösen könnte. Stell dir vor, ich würde etwas unter dem Namen XY machen, die Leute gehen darauf ab und sagen: "That's the shit." Würde das bekannt, könnte ich sagen: "Ich hab's gemacht, aber anonym." Jetzt, wo es erfolgreich ist, sage ich: "Ich hab's gemacht, damit ihr mal den Spiegel vor den Augen habt." Ich glaube, der Experten-Raphörer kann das schon gut differenzieren, weil er sich mit der Materie beschäftigt. Aber das wirkt ganz schnell so, als versuche man, auf den Zug aufzuspringen – und das möchte ich nicht. Vielleicht möchte ich auch nicht unbedingt damit assoziiert werden. Also, wenn ich das machen würde, komplett undercover. Wir haben auch schon mal darüber nachgedacht, aber wer weiß, ob das dann Trap oder so wird ... Vielleicht auch ein ganz neuer Style, keine Ahnung. Aber die Idee finde ich reizvoll.

MZEE.com: Wenn du dir eine komplett neue Identität erschaffen würdest, stündest du ja wieder vor dem Problem, eine Anhängerschaft generieren zu müssen. Das außer Acht gelassen, würdest du eigentlich einen Stimmenverzerrer einsetzen? Wenn du sagst, man soll die Identität nicht raushören können ...

MC Rene: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. (lacht) Da habt ihr ein Problem erkannt. Mein Anspruch wäre, nicht mit Autotune zu arbeiten. Das ist meiner Meinung nach altbacken, Autotune ist altbacken. (lacht) Es gibt bestimmte Sequenzen, die du im Studio bearbeiten kannst, damit die Stimme nicht wie eine künstliche Figur klingt. Aber das ist schon eine absolute Herausforderung. Und es ist auch eine Herausforderung, wieder bei null anzufangen, aus dem Nichts zu starten. Das einzig Gute daran ist: Wenn es eh keinen interessiert, kann ich ja auch einfach aufhören. (lacht)

MZEE.com: Wir sind soweit mit den Fragen durch. Wir danken dir für das Gespräch und, wenn du noch etwas loswerden möchtest, hast du nun die Möglichkeit dazu.

MC Rene: Schön, dass ich jetzt mal bei MZEE ein Interview gegeben habe. Ich kenne MZEE noch als Zeitschrift, die habe ich immer gerne gelesen. Finde gut, dass ihr jetzt wieder mehr redaktionelle Inhalte macht ... Und ja, ich hoffe, dass sich die Leute das Album anhören werden und sich an dieser qualitativen HipHop-Musik erfreuen können. (lacht) Das war dann mein Wort zum Sonntag.

(Fabian Thomas & Lukas Rauer)
(Fotos von Noria Chaal)