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Felix Krull

Es ist noch gar nicht so lange her, dass es in München keine kalten vier Grad zu jeder Tageszeit hatte und man auch abends gegen 20 Uhr so gerade noch draußen sitzen und an einer Weinschorle nippen konnte. Zu ebenjener trafen wir uns mit dem als "Kitschrapper" bekannten Münchner Felix Krull, schick wie eh und je in Hemd ge- und mit neuem Tattoo im Gesicht bekleidet. Aus dem für eine knappe halbe Stunde eingeplanten Interview entwickelte sich ein 70-minütiges Gespräch, das an Themen so facettenreich war, dass sich das Ganze kaum in diese Einleitung packen lässt. Was musikalische Themen angeht, sprachen wir natürlich über das neue Album "Kitsch", die Übersetzung des Lifestyles "Kitsch" in einen annehmbaren Sound, persönlichen Musikgeschmack und die Münchner Rapszene – vor allem im Vergleich zur Berliner. Auch das Thema München inklusive Oktoberfest, Wiesnregeln und die Schickeria kamen nicht zu kurz. Doch was das Interview in unseren Augen erst so richtig interessant machte, ist, dass Felix Krull bereit war, erstaunlich Persönliches von sich preiszugeben und auch zu kritischen Themen eine Meinung zu haben. Er erklärte uns, inwieweit Felix Krull eine Image-Sache ist und was es mit der Parallele zu Thomas Manns Hochstapler Felix Krull auf sich hat. Darüber hinaus sprach er offen über seine Kindheit und seine Familie, politische Themen im deutschen Rap und die aktuelle politische Stimmung in Deutschland. Doch am meisten eingebrannt hat sich von diesem Abend vor allem eines: "Schorlen ohne Grund."

MZEE.com: Fangen wir mal ganz von vorne an. Heute kennt man dich als "Felix Krull", aber früher hast du dich auch "Stemmer" genannt. Richtig?

Felix Krull: Ja, das waren aber immer beides meine Namen. "Stemmer" ist eigentlich nur ein Aka wie "Slim Shady" bei Eminem. Ich hab' einen Kumpel, der totaler Hardliner ist und nur Schmarrn redet. Er hat immer gesagt, wenn einer ein "Macher" ist, dann ist er ein "richtiger Stemmer". Ich kannte das davor gar nicht. Aber dann hab' ich mich einfach selbst als Stemmer betitelt, weil mir das gefallen hat ... Und Fitness hab' ich ja auch schon immer gemacht: Ich bin zwar keine Bodybuilder-Kante, aber auch immer wieder am Stemmen.

MZEE.com: Um dich richtig einzuordnen: Soweit ich weiß, feierst du unter anderem die Musik von Olson und Ali As. Was genau ist der deutsche Rap, der dir persönlich wirklich gefällt?

Felix Krull: Ich feier' eigentlich mehr Sachen mit Ecken und Kanten. Bei Olson oder auch Ali gibt es teils sehr kommerzielle Lieder, die nicht zu hundert Prozent meinen Geschmack treffen. Aber wenn man den Menschen kennt und weiß, wie die Leute arbeiten, findet man allein aus Respekt zur Kunst alle Sachen gut. Ich persönlich höre eigentlich schon immer krassere Sachen. Was Deutschrap angeht, finde ich K.I.Z zum Beispiel mega. Die haben einen geilen Humor und das Potenzial, richtige Hits zu machen. Aber die Texte sind so asozial, dass es letztendlich kein Hit werden kann. Nur ein Straßenhit ... Allgemein mag ich Künstler, die nicht alles so ernst nehmen. SSIO finde ich zum Beispiel saugeil, weil er Gangsterrap mit 'nem einzigartigen Humor verkauft. Oder den Plusmacher und Karate Andi. Ich finde auch sowas wie Deichkind richtig krass. Aber angefangen hat bei mir eigentlich alles mit Aggro Berlin. Mit den wirklich roughen Sachen, "Ansage" 1 bis 3 und so weiter. Und was natürlich ein Ultraklassiker aus München ist – ich weiß gar nicht mehr, aus welcher Zeit das so wirklich war: Feinkost Paranoia. Die hab' ich auch richtig heftig gefeiert. Die hatten echt 'nen geilen Style, auch so asozial und frei Schnauze.

MZEE.com: Bei Feinkost hab' ich immer das Gefühl, dass außerhalb Münchens keiner mehr weiß, was das eigentlich war. Schon ziemlich underrated.

Felix Krull: Ja, übel!

MZEE.com: Szenemäßig ist es in München dann halt doch alles immer anders gewesen als in den restlichen Großstädten ...

Felix Krull: Das ist tatsächlich so. Ich war in letzter Zeit öfter in Berlin und was mir da so gut gefällt, ist, dass die Szene einfach ganz anders ist. Zuallererst existiert da überhaupt eine Szene ... Ich war auf der Trailerpark-Bar-Eröffnung und da waren so viele verschiedene Künstler. Zum Beispiel Blokkmonsta. Das hat mir ein bisschen die Augen geöffnet, wie cool die alle miteinander umgehen und was da für ein Netzwerk herrscht. Jeder kennt jeden, man hängt ab ... Wenn du aus Berlin kommst, hast du einfach die Möglichkeit, in kürzester Zeit in die Szene einzusteigen. Du hast halt auch die Medien ziemlich gebündelt und kannst von anderen Rappern gepusht werden. Das gibt es in München halt gar nicht. Das finde ich irgendwo auch cool, weil es das ist, was mich einzigartig macht – dass ich eben nicht aus Berlin oder Hamburg komme, sondern versuche, in so einer "schwierigen" Stadt mein Game zu etablieren. (überlegt) Noch mal zurück zu Feinkost Paranoia: Ich finde auch, dass sie underrated sind ... Meiner Meinung nach waren sie eigentlich die ersten mit Gangsterrap in Deutschland. Wenn man es Gangsterrap nennen kann. Sagen wir "ziemlich harten Rap". Die haben eigentlich echt großen Respekt verdient.

MZEE.com: Wo wir schon bei München sind: Du bist ja dafür bekannt, ein "richtiger" Münchner zu sein mit allem drum und dran. Ich hatte vor einigen Wochen das erste Mal das Vergnügen, das Oktoberfest zu besuchen. Hast du einen allgemeinen Stemmer-Tipp für den nächsten Wiesnbesuch?

Felix Krull: (überlegt) Man sollte möglichst nicht in kürzester Zeit so viele Maß wie möglich trinken. Sondern sich lieber vormittags schon gemütlich 'nen Tisch holen und dann über den Tag verteilt seine Biere trinken. Dann ist es eigentlich auch am lustigsten ...

MZEE.com: Wie sieht denn so ein Wiesn-Tag bei dir aus? Du feierst doch sicherlich in der Beletage im Käfer-Zelt ...

Felix Krull: Also, natürlich: Als Kitsch-Rapper stehe ich auf Kitsch – das ist logisch. Und ich mag schon die extravaganten Zelte. Aber ich hab' auch viele Kumpels, die irgendwo an der Tür stehen und auf der Wiesn Security machen. Und dann besuche ich die auch mal. Ich hab' zum Beispiel einen Kumpel, der im Schottenhamel arbeitet. So ist es immer super entspannt, da reinzukommen. Und zur Augustiner Brauerei hab' ich 'nen guten Kontakt. Da geh' ich immer gern hin, weil wir da in der Hausbox sitzen können. Das ist schon echt geil. Einfach exklusiver, weil da weniger Gedrängel und alles etwas gesitteter ist. Was mich sehr nervt, ist unnötiger Stress. Und deshalb bevorzuge ich die etwas exklusiveren Wiesn-Locations. Box und natürlich Balkon – das sind die absoluten Highlights.

MZEE.com: Kommen wir auf dein neues Album zu sprechen. Es trägt den Titel "Kitsch", der für dich eine ganze Lebenseinstellung zu sein scheint. Erzähl uns doch mal, wie du Kitsch genau definierst.

Felix Krull: Das ist 'ne gute Frage, weil Kitsch meistens ein bisschen negativ behaftet ist. Viele Leute benutzen das Wort im Zusammenhang mit überkandidelt oder zu verspielt, zu bunt. Man benutzt das Wort einfach mehr im negativen Kontext. Für mich ist es aber genau das Gegenteil. Für mich ist Kitsch ein Lifestyle und bezieht sich auf alles, was das Goodlife ausmacht. Also, im Grunde genommen: Die Schickeria – die High Society – ist Kitsch. München an sich ist auch schon sehr kitschig, allein das Oktoberfest und die Trachten. Nicht abwertend gemeint, sondern nice. Ich bin ein positiver Mensch und mag einfach die Sonnenseite des Lebens – und das definier' ich als Kitsch.

MZEE.com: Bist du denn ursprünglicher Münchner?

Felix Krull: Ja. Also, in Dachau geboren. Aber das kann man noch zu München zählen.

MZEE.com: Wie bist du denn auf diese Kitsch-Thematik gekommen und wie entstand es, zu sagen, dass das Ganze doch etwas Positives an sich hat?

Felix Krull: Ich habe mir von vornherein schon immer ein flamboyanteres Image angeeignet. Und meiner Meinung nach brauchst du als Münchner Rapper nicht auf Straße machen und von der Hood erzählen. Natürlich gibt es hier Problembezirke, aber das ist nicht das, was München ausmacht. Sondern mehr die Schicki-Micki-Szene und das Highlife. Und da, finde ich, passt Kitsch einfach sehr treffend. Rap lebt ja von Schlagwörtern. Swag ist zum Beispiel eine ganz guter Parallele dazu. Das stand ja ursprünglich im Amerikanischen für schwul – aber genau das haben die Rapper eingesetzt für Pimps und Pelzmäntel ... Für mich ist das halt der Kitsch.

MZEE.com: Bist du privat auch in der Schickeria unterwegs? Oder ist das ein reines Image-Ding?

Felix Krull: Es gibt eine Parallele zu meinem Künstlernamen "Felix Krull". In der ursprünglichen Geschichte (von Thomas Mann, Anm. d. Red.) geht es ja um den Sohn einer Perlwein-Dynastie aus reichem Hause. Und plötzlich gibt es den totalen Absturz, weil die Firma pleite geht. Er möchte dann aber diesen Lifestyle weiterführen und fängt an, Lügengeschichten zu erzählen und hochzustapeln bis zum Gehtnichtmehr. Und bei mir war es so, dass meine Eltern eben auch ein Unternehmen hatten, das leider in Konkurs gegangen ist, und ich halt auch eine sehr schöne Kindheit hatte. Und im Anschluss wirklich mal die andere Seite des Lebens gesehen hab'. Wir sind dann mit meiner Mutter in einen Problembezirk gezogen. Das war schon ein kleiner Kulturschock anfangs.

MZEE.com: Wie alt warst du da?

Felix Krull: 16. Als Teenager hängst du halt sowieso in den Seilen. Und wenn du dann einen gewissen Lifestyle gewohnt warst, der auf einmal weg ist, dann zieht es dich A extrem runter und B überlegst du dir in Bezug auf deinen alten Lebensstil: Wie komm' ich da wieder hin? Das ist also die Parallele ... dass ich da mit Rap wieder hin will.

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MZEE.com: Woher kanntest du die Geschichte denn? Aus der Schule?

Felix Krull: Nee, meine Mutter ist Bühnenschauspielerin gewesen, hat immer sehr viel gelesen und mich dazu verdonnert, auch viel zu lesen. Sie hat unfassbar viele Bücher und je mehr man sich damit auseinandersetzt, desto mehr entwickelt man dann auch eine Vorliebe für Bücher. Irgendwann hab' ich mich für die großen Schriftsteller interessiert und Thomas Mann ist da schon herausragend. So ist mir das in die Hände gefallen ...

MZEE.com: Es kann richtig Spaß machen, sich mal durch die ganzen Klassiker zu lesen ...

Felix Krull: Das ist ja das Geile am Lesen. Dass man wirklich in die Welt des Autors eintaucht. Je nachdem, was man liest, natürlich. Das hat mich auch geflasht. Und noch mehr, als dass ich das Buch so krass gefeiert hab', fand ich's so passend zu dem, was ich machen wollte. Es war auf Rap bezogen auch schwierig für mich, den Weg zu finden, weil du in München nicht mit den typischen vier Säulen des HipHops ankommen kannst.

MZEE.com: Um noch mal zurückzukommen: Wie verpackt man Kitsch in Musik? Vielleicht auch soundtechnisch gesehen.

Felix Krull: Ich hab' schon immer versucht, catchy Hooks zu machen. Das finde ich auf jeden Fall kitschig im Gegensatz zu meinen häufig harten Texten. Damit spiele ich und das würde ich definitiv als kitschig bezeichnen. Ansonsten habe ich viele Sachen ausprobiert. "Tage des Stemmers" war das erste richtige Rap-Tape, das noch mehr auf die Fresse ging als zuvor. Ich hab' davor noch eine EP gemacht, "Vom Koksstein zur Freiheit", die war ein bisschen tiefgründiger und nachdenklicher. Irgendwann hab' ich festgestellt, dass die Leute es eher feiern, wenn ich so lustig-asozial um die Ecke komm'. Darauf hab' ich mich dann irgendwann fokussiert und seitdem zieht sich das mit dem Kitsch durch. Auf "Tage des Stemmers" und "Vom Koksstein zur Freiheit" ging es auch schon um die High Society – aber mehr um die Schattenseiten der Schickeria.

MZEE.com: Wie viel Wahres ist denn am Stemmer dran und wie viel eher ein Image-Ding?

Felix Krull: Das ist 'ne gute Frage. Ich glaub', die Leute können das oft nicht einordnen. (überlegt) Schwierig, da eine prozentuale Abstufung zu finden. Ich würde mal sagen, fifty-fifty. Es gibt nicht viel, was ich erzähle und nicht in der Art erlebt hätte. Aber, wie es für einen Rapper üblich ist, hab ich auch 'nen Hang zum Übertreiben. Ich bin aber schon mehr der Typ   auch wenn es vielleicht schwer zu glauben ist –, wie man ihn in den Videos sieht.

MZEE.com: Das heißt, du rennst auch privat gern in rosa Polohemden rum ...

Felix Krull: Ja, ja. Also, ich mein', ihr kennt ja die Münchner Dresscodes. Ich übertreib's jetzt nicht immer völlig. Aber ich find' so 'nen flyen, extravaganten Look auf jeden Fall gut.

MZEE.com: Kommen wir mal auf deine Videos zu den fünf Regeln des Kitsch mit Norbert zu sprechen. Wie bist du auf die Idee gekommen – und wer ist der Junge?

Felix Krull: (grinst) Das ist der kleine Bruder von einer Freundin von mir. Ich will damit ein bisschen hinter die Kulissen blicken lassen und zeigen, dass bei allem, was ich mache, eine große Schippe Humor dabei ist. Das kann man dadurch leichter verstehen als durch die Songs. Und ich wollte ein paar Einblicke in meine Welt geben und zeigen, wie es hier in München so läuft. Ich denke, es hat auch einen Mehrwert, sodass sich Leute da was rausziehen können. Am besten ist es, daran anzuknüpfen, dass es mir früher selber so ging. Ich war Skater zu einer Zeit, in der das nicht cool war. Ich hatte echt Probleme, an Mädels ranzukommen. Es hat immer Skaterchicks gegeben, aber ich war der Typ, der mehr auf die fancy Ladies stand. Das hat so nicht ganz funktioniert. Ich hab' mir auch überlegt: "Wie find' ich mehr Anklang bei Frauen, die mir gefallen?" Und dann habe ich gemerkt: "Wenn du dich schick kleidest, schindest du auf jeden Fall mehr Eindruck." Viele der Einflüsse in den fünf Regeln des Kitsch sind von mir selber durchlebt worden. Das ist quasi der Leitfaden für den Lifestyle.

MZEE.com: Du bist also von den Inhalten durch und durch überzeugt.

Felix Krull: Ja, auf jeden Fall. Ich hab' eine Zeit lang echt ungesund gelebt und dann festgestellt, dass es einfach nicht gut ist. Ich lebe schon sehr gesund ... Okay, das mit der Kippe im Video war übertrieben, aber ich bin kein Raucher. Um das zu unterstreichen: Ich finde Rauchen blöd. Mal ist es cool, auf 'ner Party rauch' ich auch mal eine. Aber im Endeffekt ist es ungesund und scheiße. (überlegt) Viele der Inhalte werden da ja lustig verkauft, aber es ist Spaß-Ernst ...

MZEE.com: Ganz anderes Thema: Bist du Drake-Fan?

Felix Krull: Oh ja.

MZEE.com: Deshalb auch der Track "OVO"?

Felix Krull: Ja.

MZEE.com: Gibt es noch mehr Anleihen dieser Art auf deinem neuen Album?

Felix Krull: Ich hab' schon immer gern mit Querverweisen gespielt. Zum Beispiel gibt es einen Song, "Schön, dreckig und reich", da zitiere ich die Fantas: "Bevor wir fall'n, fall'n wir lieber auf". Solche Spielereien mache ich ganz gerne. Ich finde, das ist ein cooles Stilmittel, um in seinen eigenen Lines Respekt zu zollen. Und Drake finde ich hammer. Es ist einfach witzig, aus "October's very own" "Oktoberfest's very own" zu machen.

MZEE.com: Deine neuen Videos sind vom Style her ja schon anders als das, was du bisher gemacht hast, und auch sehr eigen im Vergleich zu dem, was es sonst so gibt. Ich hab' einen Kommentar unter einem deiner Videos gelesen: "Die Leute hier haben Angst vor was Neues". [sic] Findest du, dass das in Bezug auf deine Musik passt?

Felix Krull: Auf jeden Fall. Das passt wie die Faust aufs Auge. Den Kommentar hab' ich auch gelesen und es ist echt so. Sobald du mit was anderem kommst, eckst du erst  mal an. Die Rapfans sind halt ein gewisses Schema F gewöhnt. Für mich ist es manchmal schwierig, zu verstehen, wer beispielsweise 16bars abonniert. Was ist der Schwerpunkt? Es ist immer wieder überraschend, dass es entweder Leute gibt, die meine Sachen mega feiern – oder mega hassen. Die Leute haben auf jeden Fall immer wenig Akzeptanz für was ganz Neues. Das macht es schwerer, sich zu etablieren – aber auch interessanter. Ich bin beispielsweise ein großer Kollegah-Fan und kann mich daran erinnern, was er für Schellen vom Game und wie wenig Respekt er am Anfang bekommen hat. Und mittlerweile ist er so der größte Rapper überhaupt, hat alle Rekorde geknackt, die zu knacken sind.

MZEE.com: Solche Kommentare liest man auch über die Jungs von Live From Earth oder der Glo Up Dinero Gang. Unter dem Namen "FLEX" hast du ja schon ein Feauture mit YSL Know Plug aka Money Boy gemacht – hast du eine ähnliche Herangehensweise an Musik?

Felix Krull: Schwierige Frage. Wie der Boy jetzt nicht. Den kenn ich ja auch privat und das ist ein echt cooler Typ. Echt crazy und genau so, wie er ist, ist er. Brauch' ma nicht reden. Bei ihm ist das einfach ein Phänomen. Ich hatte nie die Option, ein Trash-Star zu werden. Ich weiß auch immer noch nicht genau, was er sich bei "Dreh den Swag auf" gedacht hat. Er ist auf jeden Fall nicht dumm. Aber ich glaube, in irgendeiner Weise hat er den Song schon ernst gemeint. Das ist auf jeden Fall nicht meine Herangehensweise. Es ist schon so, dass das, was ich mache, bewusst ein bisschen ulkig ist und einen gewissen Humor hat. Da könnte man schon sagen, dass ich mich – ähnlich wie die – nicht so ernst nehme und alles ein bisschen lockerer sehe. Und es scheißegal ist, ob die Leute sagen: "Was ist das für ein Mongo?", weil sie keinen Einblick in das haben, was ich mach'.

MZEE.com: Findest du dich in einer Sparte in Richtung Cloudrap oder Trap richtig eingeordnet?

Felix Krull: Die Richtung ist nicht verkehrt. Ich würde mich schon als noch eigener sehen – aber letztlich gibt es es als Parallele auf jeden Fall das Viel-über-Highlife-rappen. Was ich aber nicht mache, ist, amerikanischen Tracks auf Deutsch zu interpretieren. Das ist nicht meine Herangehensweise. Ich gestalte die Beats mit und hab' ein klares Soundbild vor Augen, das ich verfolge und festigen will.

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MZEE.com: Weil ich die ganze Zeit dein Tattoo angucken muss ... (Felix Krull hat ein Martini-Glas neben dem rechten Auge tätowiert, Anm. d. Red.) Musst du eigentlich nicht arbeiten gehen?

Felix Krull: (lacht) Irgendwann muss man sich was trauen und all-in gehen ... bis vor Kurzem musste ich immer parallel arbeiten. Die Schwierigkeit besteht aber darin, dass du viel Zeit verlierst, in der du mehr für deine Karriere machen könntest. Und ich glaube, solange du nicht sagst: "Ich entscheide mich voll dafür!", kannst du nie ganz durch die Decke gehen. Und dafür hab' ich mich jetzt entschieden. Klar, 'ne Gewissheit hast du nie. Aber: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ohne Risiko gibt's auch keine großen Erfolge ...

MZEE.com: Was hat die Mama gesagt?

Felix Krull: Ich glaub', die hat das noch gar nicht gesehen, wenn ich ehrlich bin. (überlegt) Die werden das auf jeden Fall richtig übel finden ... Mein Dad war schon auch immer eher der Typ, der alles, was ich gemacht hab', supportet hat. Meine Mum hat, weil sie eben selber eine Schauspielkarriere verfolgt und gesehen hat, wie hart dieses Business ist, immer ein bisschen versucht, mir zu sagen: "Mach mal was Gescheites." Ich hatte da neulich 'ne lange Unterhaltung mit ihr, weil: Was ist was Gescheites?! Das ist 'ne Grundsatzdebatte. Meiner Meinung nach ist es nicht richtig, sein Leben lang eine Tätigkeit auszuführen, die einen nicht wirklich erfüllt. Deswegen haben ja die Leute 'ne Midlifecrisis oder sind depressiv. Langer Rede, kurzer Sinn: Meine Mum hat immer versucht, mich auf die gerade Schiene zu drücken. Ist, denke ich, normal für 'ne Mutter – sie wünscht sich, dass ihr Kind nicht in Trouble ist. Und wenn du Mucke machst, bist du ab und zu mal in Trouble. Es gibt dazu auch 'ne Anekdote, ich hoffe, ich krieg' sie noch zusammen: Gott schuf die Muschel am Meeresboden und alles, was sie gemacht hat, ist die Klappe auf und Klappe zu, und hoffen, dass irgendwann mal was zum Essen durchschwimmt. Und dann schuf Gott den Adler, der fliegen kann – die größte Freiheit von allen hat, die man sich vorstellen kann. Allerdings muss er jeden Tag für sein Futter kämpfen. Und da stellt man sich die Frage: Wer ist glücklicher? Da denke ich schon, dass der Adler zwar jeden Tag sein Futter suchen muss, aber seine Freiheit wird halt die Muschel am Meeresboden nie haben. (grinst) Es war noch schöner formuliert. Aber ich hab's versucht!

MZEE.com: Ist es nicht so, dann man alle fünf Jahre so ein – vermutlich alkoholisches – Getränk hat, das man gerne trinkt? Und wenn man weggeht, bestellt man sich eine Weile immer dieses eine Getränk?

Felix Krull: Ja, da stimme ich dir zu.

MZEE.com: Was ist, wenn du in zehn Jahren Martini scheiße findest? (alle lachen)

Felix Krull: Also, da kann ich dir Brief und Siegel drauf geben: Weil Martini das James Bond-Getränk ist, wird es für immer cool bleiben.

MZEE.com: Und was ist dein aktuelles Lieblingsgetränk? Weißweinschorle?

Felix Krull: Ja, definitiv. Schorlen ohne Grund. (alle lachen)

MZEE.com: Wär' auch ein Albumtitel.

Felix Krull: Überlege ich gerade, weil ich nebenbei noch eine EP mache.

MZEE.com: Du hast vorhin gesagt, dass du in München nicht die große Szene siehst wie beispielsweise in Berlin. Eine kleine Szene gibt es hier ja dennoch – rund um Keno, Edgar Wasser und so. Wie findest du sie?

Felix Krull: Ich bin jemand, der alle Sachen objektiv betrachten kann und ich hate gar nichts. Ich finde, Vielfalt ist das Schöne, was die Musik ausmacht. Ich unterscheide eigentlich nur, ob Musik gut gemacht oder einfach nur hingerotzt ist. Da leg' ich mehr das Augenmerk drauf. Die Jungs sind auf jeden Fall richtig super. Aber es sind nicht meine Themen. Und die Szene ist tatsächlich auch sehr speziell in München. Die sind alle sehr für sich. Ich hab' von denen noch nie einen gesehen oder gesprochen. Ich glaube, die Glockenbachwerkstatt ist mit ihren Veranstaltungen so ein Ort ... Es kann eigentlich nicht schaden: Ich sollte mir das mal geben ...

MZEE.com: Vor Kurzem hast du gesagt, dass du Musik machen möchtest, die die Menschen von ihren Problemen und der harten Realität ablenkt. Denkst du, dass wir uns gerade wirklich in einer Zeit befinden, in der Menschen nicht besonders aufmerksam dafür sein sollten, was in der Realität vor sich geht?

Felix Krull: Das ist ein wahnsinnig schwieriges Thema. Letztendlich finde ich: Wenn sich jemand öffentlich damit beschäftigt, dann sollte er davon auch Ahnung haben. Und ich bin ehrlich, dass ich in dem ganzen Wirrwarr der Weltpolitik nicht mehr wirklich durchblicke. Und manchmal auch nicht weiß, was ich überhaupt glauben soll. Deshalb ist das sehr dünnes Eis, auf das man sich begibt, wenn man ein gefährliches Halbwissen hat. (überlegt) Unabhängig vom Künstlerdasein finde ich es ganz furchtbar, dass wieder so ein rechter Wind durchs Land geht. Das ist auf jeden Fall ein absolutes Warnsignal, dass die Leute definitiv aktiver werden und sich mehr engagieren müssen. Die Vergangenheit hat zu oft gezeigt, wie schnell das umschlägt, nur weil die Leute im Dornröschenschlaf liegen und nicht beobachten, was um sie rum passiert. Das ist im Moment sehr, sehr ernst zu nehmen und es ist natürlich wichtig, im Bilde zu sein und sich zu engagieren. Um da auf den Aspekt mit der Musik zu kommen ... Was meine Musik bewirken soll: einfach nur gönnen. Im Grunde genommen versuche ich, nur positive Vibes in die Welt zu schicken. Weil Vieles einfach echt traurig ist. Das Problem ist: Ich hab' mir schon oft überlegt, ob ich mal was mache, aber es ist sehr schwer ... Wie machst du denn 'nen Anti-AfD-Song? Im Endeffekt müsste er ja irgendwie lustig sein. Das ist meiner Meinung nach ganz schwierig. Deswegen mache ich es musikalisch gesehen so, dass die Leute was zu lachen haben und persönlich sehe ich es absolut ernst mit der politischen Entwicklung in unserem Land und bin der Meinung, dass man sich engagieren sollte.

MZEE.com: Ist Musik eine Art Katalysator, um dich selbst mal von Negativem abzulenken?

Felix Krull: Ich würde sagen, dass das auf jeden Fall ein dominantes Thema in meinem ganzen Leben ist. Dass ich beschlossen habe, mehr auf die positiven Sachen zu gucken als auf die schlechten. Was jetzt nicht heißt, dass man nur die rosarote Brille auf hat und "nach mir die Sintflut". Das meine ich jetzt nicht. (überlegt) Ich denke, dass beispielsweise die Medien manipulativ sind und sehr plakativ, was schlechte Nachrichten angeht. Da ist die Musik natürlich irgendwo ein Ventil und dass ich sage: "Hey, es gibt auch nice Sachen in der Welt zu erleben." Auf "Kitsch" findet sich jetzt kein Song, der tiefsinnig-deep ist. Aber ich hab' natürlich auch Songs wie "Peter Pan" in der Vergangenheit gemacht, auf denen ich die Weltsituation thematisiere und sage, worauf es in meinen Augen wirklich ankommt.

MZEE.com: Das waren schöne Gedanken zum Schluss. Möchtest du trotzdem noch etwas loswerden?

Felix Krull: Ja, gerne. Die Leute sollen sich alle "Kitsch" gönnen. Sie sollen auf jeden Fall mal reinhören – und es im besten Falle kaufen. Das ist, denke ich, definitiv lohnenswert, weil es sehr, sehr unterhaltsam ist, viel Herzblut drinsteckt und ich alle Sachen immer mit absoluter Passion mache. Es ist in meinen Augen einfach mein bisher bestes Album. Würd' mich freuen, wenn ich auch mit diesem Interview wieder mehr Leuten zeigen konnte, wer ich wirklich bin und was ich mach' ... und dass es geiler Scheiß ist.

(Florence Bader & Alexander Hollenhorst)