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Damion Davis

Mit "Forever Ying" brach­te der Berliner Damion Davis am 30. September sei­ne neue Platte auf den Markt und star­tet nach drei Alben, zwei Mixtapes und Beteiligungen an Filmen da­mit auch li­ve wie­der voll durch. Den Auftakt mach­te das Release-​Konzert in Berlin – jetzt folgt die deutsch­land­wei­te Tour. Sind sei­ne Auftritte sehr ge­prägt von Interaktion und Szene-​untypischem, va­ria­blen Einsatz sei­ner Stimme, so ha­ben wir ihn auch im Interview als sehr fa­cet­ten­reich er­lebt. Wir spra­chen mit ihm in der Beach Bar am Checkpoint Charlie in Berlin über das Leben in der Hauptstadt und mensch­li­ches Miteinander so­wie wah­ren Respekt, den Ernstfall und ver­schwen­de­te Zeit.

MZEE​.com: Seit wann gibt's denn die­se Strandbar? Die er­scheint mir sehr neu.

Damion Davis: Drei bis vier Jahre. Als Berliner guckt man hier halt nicht wirk­li­ch rein und hängt auch nicht ab am Checkpoint Charlie. Ich sel­ber hab' hier aber auch schon ein paar Mal ge­pennt, muss ich zu­ge­ben. Da ha­ben wir Lagerfeuer ge­macht und die EM oder Filme auf Leinwand ge­guckt. War rich­tig geil. Nachts ist hier nichts, al­les ru­hig.

MZEE​.com: Klingt ja fast nach Landleben! Ich fin­de das im­mer so furcht­bar, wenn ich aus mei­nem Friedrichshainer Kiez, nicht Simon-​Dach, hier ins Eck kom­me. Das sind zwei Welten, ich komm da über­haupt nicht drauf klar. 

Damion Davis: Ja, klar. Ich hab' hier ein Studio, in dem ich auch ein paar Songs für das Album auf­ge­nom­men hab'. Wenn ich dann aus dem Studio kom­me, lau­fe ich meis­tens durch bis zur Eberswalder Straße. Und das ist von der Architektur her so geil. Ich bin voll der Anti-​Kapitalist, aber die Architektur ist über­krass. Hausvogteiplatz, wenn man da nachts spa­zie­ren geht, kei­ner auf der Straße ist … Also, ich bin ja in Friedrichshain-​Prenzlauer Berg auf­ge­wach­sen. Ich kann das da nicht mehr se­hen – nervt mi­ch ein­fach.

MZEE​.com: Ich hab' in Charlottenburg ge­wohnt, Wedding, Mitte, Friedrichshain … Ich mag Wedding am liebs­ten: Wohnung schön, Kiez schön, Leute nett. 

Damion Davis: Genau, nor­ma­le Leute, ein so­zia­les Gefüge. Da rennt halt nicht die Masse an Pseudokünstlern durch, die si­ch an­zie­hen, als wä­ren sie Superstars – und dann sind sie im Inbound- oder Outbound-​Bereich tä­tig. Die Fassaden sind ka­putt, aber die Leute sind so fas­sa­den­mäs­sig un­ter­wegs. Das ist furcht­bar. Wenig Zivilcourage und kein Miteinander auf der Straße. Viele Leute ren­nen da ne­ben­ein­an­der und ma­chen kei­nen Platz. Wie sie si­ch auch ge­ben … Jeder ist ein Maler … Und dann fragst du: "Kennst du Jean-​Michel Basquiat?" – "Wer? Wer is'n das? 'N Schauspieler?"

MZEE​.com: Ich glau­be, mein meist­ge­hör­ter Satz ist: "Sie sind die er­s­te Deutsche, die mir hilft." Sei es Kinderwagen, Rad, was auch im­mer …

Damion Davis: Richtig krass! Ich ach­te da auch voll drauf. Das ist in mei­ner Theorie die Politik, die man ma­chen kann: Dass man Leuten die Tür auf­hält, auf­steht, wenn ei­ne al­te Frau si­ch set­zen will. Wenn ein Typ an der Ecke steht, der ir­gend­wie selt­sam wirkt, ein­fach mal fra­gen: "Wie geht's dir?" … Letztens ha­be ich im Prenzlberg ei­nen Unfall ge­se­hen. So ein ex­tro­ver­tier­ter Typ mit Trailerpark-​Tattoo kommt in die Bahn. Man merkt, dass ihn et­was be­drückt. Fuchtelt mit sei­nem Handy rum, steigt aus, geht vor die Tram und Bumm: Ein Auto fährt ihn um. Ich bin vor ihm raus und woll­te schnell über die Straße. Bin dann zu­rück, hab' ihm über die Straße ge­hol­fen. Da wa­ren so Ordnungsamt-​Frauen, de­nen hab ich ge­sagt: "Nummer auf­schrei­ben, viel­leicht fährt der ja weg." Auto fährt weg, Fahrerflucht. Kommt 'ne al­te Frau zu mir: "Der ist sel­ber schuld." Ich: "Der hät­te ster­ben kön­nen." Die Leute ste­hen al­le da und gu­cken, kei­ner re­agiert, aber al­le se­hen aus wie Samariter und sind so Bob Geldof-​mäßig un­ter­wegs. Da kann­st du dir vor­stel­len, was no­ch pas­siert durch Unfähigkeit oder feh­len­de Empathie der Leute. Das ist ja kein Helfersyndrom, das ist ein­fach das, was ei­ne mo­der­ne Gesellschaft aus­zeich­nen soll­te: Dass man si­ch um sei­ne Mitmenschen küm­mert … Die Leute hän­gen al­le in ih­rer Timeline fest und an ih­rem Telefon. Haben si­ch im Spiegel lang an­ge­guckt, aber re­flek­tie­ren ih­re Umwelt nicht. Sowas macht mir be­son­ders Angst in Szenevierteln. Da denk­st du, die Leute sind ge­bil­det, biss­chen links un­ter­wegs, hu­ma­nis­ti­sch … Es gibt na­tür­li­ch auch voll vie­le Leute, die lieb fra­gen – sind ja jetzt nicht al­le so.

MZEE​.com: Und wenn da ei­ner liegt, der even­tu­ell nur be­trun­ken ist, viel­leicht aber auch schlim­mer – den kann man auch mal an­spre­chen.

Damion Davis: Ich hat­te das neu­li­ch. Da wa­ren Bauarbeiter und ein Typ lag mit­ten auf dem Weg. Und ich frag' die Bauarbeiter: "Liegt der schon lan­ge da?" Und die so: "Äh, er da? Weiß ich nicht." – Okay, die ha­ben ge­ar­bei­tet … Aber: Wie viel ver­pas­sen die Leute denn auch an Positivem? Ich kann's ein biss­chen nach­voll­zie­hen, dass man si­ch mit dem Negativen nicht be­schäf­ti­gen will. Das muss auf je­den Fall ge­än­dert wer­den … Aber der er­s­te Schritt ist, dass wir dar­über ge­re­det ha­ben. Zivilcourage! Wenigstens ein 180-​Grad-​Blick. Wenn es dir sel­ber schei­ße geht, will­st du das doch auch. Ist doch auch gut für das Selbstbewusstsein. Es ist ein schö­nes Gefühl, ein Lächeln zu krie­gen – be­son­ders in der Bahn und bei äl­te­ren Frauen und Männern ist das oft­mals so. Das hebt die ei­ge­ne Laune um bis zu 20 Prozent, wenn du so ein rich­tig ehr­li­ches Lächeln in der Bahn kriegst.

MZEE​.com: Es ist doch ei­gent­li­ch im­mer ein­fach, für ein gu­tes Gefühl zu sor­gen … Mädel auf der ei­nen Straßenseite, Besoffener auf der an­de­ren. Augenkontakt mit dem Mädel su­chen, kurz zei­gen: "Ich bin da. Wenn was ist, hab' ich dich auf'm Schirm."

Damion Davis: Richtig geil! Wir wa­ren für 'nen Dreh in Dresden un­ter­wegs und ha­ben es die gan­ze Zeit nur "Sankt Dresden" ge­nannt, weil die Leute al­le so freund­li­ch und lieb wa­ren. Und als wir ge­ra­de drü­ber re­den, steht ein Typ an der Straße. Wir zu ihm: "Kannst ger­ne rü­ber­ge­hen." Ich denk' mir so: Der be­dankt si­ch be­stimmt jetzt voll krass. Und er nickt nicht ein­fach nur oder winkt, son­dern macht den Beter. Das ist schon fast ekel­haft. Wir ha­ben dann auch lan­ge dar­über ge­re­det, wie oft man si­ch in die Augen guckt und wie man si­ch be­dankt: "Ey, dan­ke!", oder: "Oh, vie­len Dank." Das ist im Medienbusiness so­wie­so to­tal derb, da sind die Leute so un­fass­bar … Wie oft ich wem ge­hol­fen oder ei­nen Deal klar­ge­macht hab' für je­man­den – und dann hör­st du kein Danke. Wenn mir ir­gend­je­mand was klar­ma­chen wür­de, wür­de ich ihn zum Essen ein­la­den oder sa­gen: "Wollen wir nicht mal ei­nen trin­ken ge­hen?"

MZEE​.com: Ich sa­ge ja im­mer, dass ich ar­beits­los bin, wenn ich kei­nen Bock hab', über mei­nen Job zu re­den. Dann sind al­le be­trof­fen und las­sen ei­nen in Ruhe. Grade auf Partys, wenn Leute ir­gend­wie eh nicht mit ei­nem re­den, bis sie hö­ren, was man macht.

Damion Davis: Das ist bei mir auch ganz krass. Immer, wenn man an den Punkt kommt, dass es ums eli­tä­re Business geht, die Leute voll cool, schick und in sind und man so rich­tig merkt, dass die das raus­hän­gen las­sen, schal­te ich ab. Dann den­ke ich: Die Treppe will ich nicht mit­ge­hen. Das ist ganz oft so bei Schauspielagenturen und wenn man si­ch mit Businessleuten trifft. Ich wer­de dann krass schüch­tern. Die gan­ze über­ir­di­sche Musikszene – Starsein, Fame … Das ist über­haupt nicht mein Ding. Jeder Musiker in mei­ner Position sagt: "Ich wür­de schon ger­ne so­und­so vie­le Platten ver­kau­fen." Aber so ist das schon ge­sund. Ich kann das Leben ge­nie­ßen und bin mit mei­ner Kunst mo­ti­viert, im­mer wei­ter zu ma­chen. Ich kann je­den Tag mit der Bahn fah­ren und es gibt Leute, die ei­nen an­quat­schen. Das ist aber so über­schau­bar, dass ich mit de­nen auch rich­tig re­den kann. Bei vie­len Künstlern, die viel­leicht auch net­te Leute sind, geht das schon gar nicht mehr. Dann wirst du ir­gend­wann ein Arschloch. Wenn dich am Tag hun­dert Leute an­quat­schen, ist das si­cher­li­ch auch schwer. Ich kann mit je­dem chil­len und la­bern und sag' dann im­mer: "Respekt?! Wenn du Respekt vor mir hast, dann hab' auch Respekt vor dei­nem Müllmann." Auf mei­ne Arbeit könn­te man ver­zich­ten, auf den Müllmann kann man aber auf gar kei­nen Fall ver­zich­ten. Man kann aufs Restaurant, Kino, auf so vie­le Sachen ver­zich­ten und es wür­de ei­nem viel­leicht auch nicht wirk­li­ch weh­tun. Auf den Müllmann nicht. Deswegen über­leg mal – wie oft bist du am Müllmann vor­bei­ge­gan­gen und hast ge­sagt: "Vielen Dank, dass sie das ma­chen"?

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MZEE​.com: Auf dem Land macht man das. Zwischen den Jahren: Geld und Wurst! 

Damion Davis: Wurst und Geld! Da ist das Zusammenspiel zwi­schen den Leuten auch na­tür­li­ch. Diese Stadt ist voll un­na­tür­li­ch. Hier gibt es kein Feld mit Kartoffeln, kei­ner hat ei­nen Garten. Wenn die Versorgung zu­sam­men­bricht, sind in der Stadt al­le ge­arscht. Das ist ei­gent­li­ch voll das hy­per­mo­der­ne, fu­tu­ris­ti­sche Leben, das wir füh­ren. Dann schüt­ten wir auch no­ch Sand auf Beton, um ein biss­chen Idylle zu ha­ben – da­bei sind die Strände voll da­von. Immer, wenn man im Urlaub ist, ist es geil. Das ist ei­gent­li­ch un­ser Leben. Ich war jetzt mit mei­nem Sohn und mei­ner Familie auf 'nem Bauernhof … Da gehst du mor­gens raus, hast fri­sche Luft, ein paar Tiere. Das ist ein­fach so ei­ne Idylle – kein Autolärm, kein Gehupe, so will man le­ben. Und dann sackt die Seele auch ganz, das Unterbewusstsein geht mit dem Bewusstsein zu­sam­men. Das merkt man dann: Alle kom­men er­holt aus dem Urlaub. Eigentlich soll­te die­ses Leben un­ser Urlaub sein, so soll­ten wir le­ben, in Harmonie und Idylle. Und nicht mit so ei­nem Stress um nichts. Was pro­du­zie­ren die Leute denn hier? Was sind denn die es­sen­zi­el­len Aufgaben die­ser Gesellschaft? Hier wird so viel Scheiße ge­macht: Start up hier, Werbung da, ir­gend­ein Dreck. Die Leute ver­die­nen na­tür­li­ch Geld da­mit. Da kann ich aber auch nicht er­war­ten, dass sie, wenn sie vom Büro kom­men, no­ch ei­nen Blick für ih­re Mitmenschen ha­ben. Die Aufgabe, die sie ha­ben, ist nicht von exis­ten­zi­el­lem Wert und hilft den Menschen über­haupt nicht wei­ter. Wenn du 'ne Werbeagentur siehst, die pro­biert, si­ch 'nen gei­len Werbespruch für Coca-​Cola aus­zu­den­ken, ob­wohl doch al­le ei­gent­li­ch wis­sen soll­ten, dass es das letz­te Getränk der ge­sam­ten Kette ist …

MZEE​.com: Man kann aber auch Werbung ma­chen für Proviant oder Rapunzel und Demeter, nach­hal­ti­ge Klamotten …

Damion Davis: Genau! Das soll­te grund­sätz­li­ch auch die Aufgabe sein: da­für zu sor­gen, dass un­se­re Gesellschaft Fortschritt er­zielt und nicht nur Kapital. Aber in un­se­rer Gesellschaft geht es nur dar­um, dass das Kapital wächst. Ob de­in Horizont oder die Seele wächst, du reich an Erfahrung und ein gu­ter Mensch wirst oder gut zu an­de­ren bist, spielt über­haupt kei­ne Rolle. Und das ist auch das Krasse in der Kunst: Es geht nur um das Kapital. Die Charts zum Beispiel sind kein Indikator! McDonald's und Coca-​Cola sind be­stimmt die meist­ver­kauf­ten Lebensmittel, die es gibt, aber da bin ich doch nicht stolz drauf. Es gibt nur ganz we­ni­ge Idealisten im Indie-​Bereich, die sa­gen: "Ist ein coo­ler Künstler. Auch wenn wir kei­ne Mille ma­chen – mit dem ar­bei­te ich." Genau in dem Bereich blei­be ich. Da bin ich auch sehr froh mit mei­nem Manager, der kein Manager ist. Er ist ein Freund von mir, das ist cool. Er ist auch nicht aufs Geld aus, ver­arscht kei­ne Leute. Und über­all, wo wir bis­her wa­ren, sind net­te Leute ge­we­sen. Die kom­men im­mer al­le voll freund­li­ch: "Wir ha­ben al­les vor­be­rei­tet, aber das oder das ha­ben wir nicht." Und ich sag': "Ist egal, auch wenn 'ne Flasche Wasser da ist. Und wenn kei­ne da ist, dann geh' ich in den Späti und hol' mir ei­ne. Für mi­ch ist schon über­krass, dass ich hier spie­len darf." Es heißt ja auch für Musiker: Wir ge­hen spie­len. Was gibt's da Geileres für 'nen er­wach­se­nen Menschen als: "Was machs­te am Wochenende?" – "Ich geh' ar­bei­ten." – "Was ar­bei­tes­te?" – "Ich geh' spie­len." Ich geh' Musik ma­chen, gei­ler kann's gar nicht sein. Wenn man je­den Tag an der Werkbank steht, weiß man, wie hart das Leben ist. Oder kennt es, mit dem Gefühl zur Arbeit ge­hen: "Ich hab' da gar kei­nen Bock drauf." Das pas­siert je­dem von uns mal, aber im Endeffekt ist das Dasein als Musiker oder Künstler schon echt su­per­krass. Krasses Prestige – du soll­st ein­fach nur du selbst sein.

MZEE​.com: Ich glau­be, man selbst zu sein ist das Härteste, was man ma­chen kann. Man muss dann selbst­re­flek­tiert sein, ver­ste­hen: "Warum mag ich je­man­den nicht, war­um mag ich je­man­den? Was wird hier pro­ji­ziert?" Das ist schwei­ne­har­te Arbeit … 

Damion Davis: Ja, aber das macht man ja ir­gend­wie au­to­ma­ti­sch. Ob pri­vat oder mit der Arbeit – man gibt si­ch im­mer Mühe. Dann ar­bei­tet man auch an si­ch, wenn man si­ch Mühe gibt, den Tag gut zu über­ste­hen, was Gutes zu tun, Aufgaben zu er­fül­len. Nur: Ich ken­ne das Gefühl halt nicht, dass ich für ir­gend­je­mand an­de­ren ar­bei­te. Nicht für den ka­pi­ta­lis­ti­schen Betrieb ei­ner iso­lier­ten Person, zu der ich kei­ne per­sön­li­che Bindung ha­be. Das wür­de ich nicht ma­chen. Es sei denn, in die Schule ge­hen, stu­die­ren … Da ist das to­tal okay, aber das hat kei­nen ka­pi­ta­lis­ti­schen oder fi­nan­zi­el­len Wert. Ich kann auf je­den Fall be­haup­ten, dass ich in mei­nem gan­zen Leben nie für ei­ne kom­mer­zi­el­le Einrichtung ge­ar­bei­tet ha­be. Deshalb bin ich auch nicht reich. Aber im Endeffekt hab' ich trotz­dem in kras­sen Autos und Appartements ge­ses­sen, oh­ne das ge­macht zu ha­ben. Hätte ich jetzt aber 40, 60 Jahre lang für Benz Coupé ge­ar­bei­tet oder so, hät­te ich ja nur no­ch zehn Jahre zum Genießen. Die gan­ze Zeit has­te da­ge­ses­sen und den Schalter be­dient oder ir­gend­ei­ne Scheiße ab­ge­ar­bei­tet. Das sa­ge ich auch mei­nen Schülern im­mer: Ihr müsst das Bild der per­fek­ten eu­ro­päi­schen Familie gar nicht glau­ben. Oder das Bild des per­fek­ten eu­ro­päi­schen Typen. Das ist ein lan­ger Weg bis da­hin, da­zwi­schen gibt's ziem­li­ch vie­le Abfuckmomente. Deshalb sucht eu­ch lie­ber et­was, wo ihr viel­leicht nur ein Hemd habt und eu­ch mal ein Auto leiht, da­für aber die Freiheit habt. Auf dem Werbeplakat sieht das im­mer to­tal ver­lo­ckend aus. Aber in der Realität?! Dieses Gefühl, das in dem Moment ver­kauft wird, kann man auch fin­den, wenn man ein wa­cher Mensch ist und wo­hin geht. Es gibt vie­le schö­ne Orte, die man be­su­chen kann, oh­ne Geld zu be­zah­len oder auf den Malediven zu sein. Es gibt auch an der Mecklenburger Seenplatte gei­le Orte. Aber ey, mit dem rich­ti­gen Menschen oder auch, wenn du ver­liebt bist, spielt es kei­ne Rolle, wo du bist. Da kann­st du auch am Weissensee sit­zen … Ich glau­be auch, in Deutschland ist es un­ter den exis­ten­zi­el­len Grundsicherungsmöglichkeiten ver­hält­nis­mä­ßig, ein­fach zu sa­gen: "Ich ge­he jetzt zum Arbeitsamt, aber ma­che trotz­dem was." Ich hab' da nie ein schlech­tes Gewissen ge­habt, wenn ich mal beim Arbeitsamt war. Weil ich mir je­den Tag Mühe ge­be und et­was er­ar­bei­te. Es gibt bei mir auch kei­ne Tage, an de­nen ich mit mei­nen Kumpels chil­le und PlayStation zo­cke. Weil ich lie­ber mit Freunden zu­sam­men bin, die mu­si­sch be­gabt sind. Entweder phi­lo­so­phie­ren wir dann oder ich hab' die gan­ze Zeit den in­ne­ren Drang, Musik ma­chen zu müs­sen. Oder et­was zu fo­to­gra­fie­ren. Da steht nie was still, im Unterbewusstsein bro­delt im­mer ir­gend­was mit. Den gan­zen Tag gärt es und wenn du den rich­ti­gen Punkt triffst, kann­st du das Blatt flu­ten. Dann gibt es so gei­le Runs, bei de­nen das rich­tig gut funk­tio­niert … Es gibt aber auch vie­le Leute, die ar­bei­ten in der Industrie und ha­ben trotz­dem die­sen Hang. Die, die durch ih­re Sozialisierung und das Aufwachsen nicht die Möglichkeit hat­ten, den Mut zu fas­sen, um zu sa­gen: "Ich mach' das." Ich weiß ja nicht, wie das in dei­nem Elternhaus ist, aber mei­ne Eltern ha­ben mir die Freiheit im­mer ge­ge­ben, das zu ma­chen.

MZEE​.com: Hundert Prozent Urvertrauen.

Damion Davis: Das ist ganz, ganz wich­tig. Letztens in der Bahn saß ein klei­ner Junge vor mir, der war cir­ca 13. Er hat si­ch dar­über Gedanken ge­macht, wo er spä­ter sei­ne Ausbildung macht und hat­te von der Bundeswehr so ei­ne Broschüre ge­kriegt. Neben ihm saß wohl sei­ne Tante oder Cousine und ne­ben mir saß no­ch ein Mann. Da hab' ich ihm ge­sagt: "Du bist so cle­ver und wie du das gra­de dei­ner Cousine er­klärt hast – so toll! Du kriegst über­all 'ne Ausbildung. Informier dich. Geh dort nicht hin. Du wirst dann teil­wei­se be­nutzt für Sachen, mit de­nen du gar nichts zu tun hast. Wenn du groß bist, stehst du ei­nem an­de­rem klei­nen Jungen ge­gen­über und denk­st dir dann: 'Jetzt muss ich dem et­was an­tun oder darf ihn nicht über die Grenze las­sen.' Lass dich nicht be­nut­zen, lass dich nicht in­stru­men­ta­li­sie­ren. Such dir den Weg sel­ber. Die Bundeswehr und die Armee müs­sen auch ganz vie­le Sachen ma­chen wie den Irakkrieg. Dafür gab's ei­gent­li­ch gar kei­nen Grund – das war al­les er­stun­ken und er­lo­gen für ei­ne neue Geostrategie der Amerikaner – und du hast dann das Blut an dei­nen Händen. Wie vie­le Leute kom­men trau­ma­ti­siert aus dem Krieg wie­der? Da ist nichts Gutes bei. Humanitäre Hilfe – klar, das macht die Bundeswehr be­stimmt auch. Man soll halt nichts grund­le­gend ver­teu­feln. Aber so, wie ich dich ein­schät­ze, mit dem of­fe­nen Blick und so cool, wie du dich ar­ti­ku­lie­ren kann­st: Mach es nicht. Ich sitz' hier nur als Mitbürger und ha­be das mit­ge­kriegt …" Dann sagt der Typ ne­ben mir: "Das stimmt doch über­haupt nicht, die Bundeswehr ist doch to­tal cool." Ich glau­be, für vie­le Menschen ist es je­den­falls nicht gut, zur Bundeswehr zu ge­hen. Ich glaub', über die Zeit sind wir hin­weg. Das soll­te so nie wie­der pas­sie­ren …

MZEE​.com: In der Flüchtlingshilfe hört man "Geschichten" von Menschen, die mit Kugeln über den Köpfen zur Uni oder in die Schule ge­hen. Und dann hö­re ich in Berlin manch­mal die lau­ten Stimmen über "die Schmarotzer" …

Damion Davis: Das soll­te wirk­li­ch je­der Bürger mal er­lebt ha­ben. Ich ha­be auch mit Flüchtlingskindern zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Bei den Willkommensklassen, die ei­nen Musikkurs hier ma­chen. Die ha­ben auch da­von er­zählt und hat­ten no­ch die Brandverletzungen – mir sind beim Frühstück fast die Tränen ge­kom­men. Kein Mensch soll so et­was er­le­ben. So ein schwach­sin­ni­ger Krieg, der da un­ten läuft. Unglaublich.

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MZEE​.com: Und hier sagt man dann "Schmarotzer" zu ei­nem sy­ri­schen Kind …

Damion Davis: Ja, das wird no­ch ganz krass es­ka­lie­ren. Da gibt's gar kei­ne Hoffnung mehr. Was man sel­ber macht, kann man si­ch ja no­ch über­le­gen, man ist mo­bil und fle­xi­bel. Aber im Großen und Ganzen ha­be ich, po­li­ti­sch ge­se­hen, die Hoffnung ver­lo­ren. Ich ha­be mi­ch in den letz­ten Jahren öf­ters in­for­miert, was man denn ma­chen kann, wenn die Versorgung zu­sam­men­bricht. Stromausfall, Epidemie, Trinkwasserknappheit … Ich hab' dann auf je­der Party Leute an­ge­spro­chen: "Kann ich dich mal was Privates fra­gen? Hast du oder ha­ben dei­ne Eltern ein Haus, wo jetzt kein Militär vor­bei­kommt?" Dann hat mir ein al­ter Freund er­zählt, dass sein Bruder ein Haus hat – die bau­en sel­ber an, ha­ben ei­nen ei­ge­nen Brunnen und so wei­ter. Wenigstens für mei­nen Sohn ha­be ich dann no­ch mehr Verantwortung. Ich ha­be wirk­li­ch ein Jahr lang Leute ge­fragt, die ich ein biss­chen ken­ne. Und nun hab' ich das Haus ge­fun­den. Jetzt wer­de ich da hin­fah­ren, in den Herbstferien, mit mei­nem Sohn. Wir wer­den uns das mal an­gu­cken. Der Regisseur, der auch dort wohnt, kann auf je­den Fall auch ein we­nig kryp­ti­sch den­ken. Es ist halt so, dass ich dar­an in­ter­es­siert bin, et­was für das Haus zu tun, ir­gend­wie zwei Wochen Arbeitseinsatz dort zu ma­chen. Mit der Bitte, dass, wenn es mal ei­ne Krise gibt, wir dann kom­men kön­nen. Früher hat Tucholsky auch ge­sagt: "Es wird Krieg ge­ben." Und al­le ha­ben ge­sagt: "Ja, ja." Es gab im­mer Leute, die ge­wusst ha­ben, was kom­men wird. Und dann kommt da in der Politik das neue Notstandsgesetz raus …

MZEE​.com: Es ist aber auch mies, das vor dem Wahlkampf aus­zu­gra­ben, ob­wohl es so ei­ne ol­le Kamelle ist. 

Damion Davis: Das hat al­les wahl­kampf­tech­ni­sche Gründe. Trotzdem krass, dass so et­was exis­tiert. Verschwörungstheorien – da ha­be ich in Interviews no­ch gar nicht ge­sagt, was das ei­gent­li­ch für ei­ne Scheiße ist, die­ses Abstempeln von Leuten, die pro­bie­ren, kri­ti­sch zu den­ken und zu hin­ter­fra­gen. Dass sie dann im­mer ge­sagt be­kom­men: "Du bist ein Aluhut, Verschwörungstheorie!"

MZEE​.com: Es gibt aber sol­che Verschwörungstheorien und sol­che. Und dann ist da no­ch die Frage, wie man das aus­lebt – wie mit den Reichsbürgern … Das Problem ha­be ich aber auch mit ra­di­ka­len Linken. Wenn ich sym­pa­thi­sie­ren muss, dann mit den ra­di­ka­len Linken. Aber bei je­man­dem, der am Ostbahnhof Gleise an­zün­det, war­um auch im­mer, den­ke ich mir: "Arschloch."

Damion Davis: Ich bin da auch eher auf der Gandhi-​Schiene. Auch, wenn es über Gandhi vie­le pri­va­te Sachen gibt … Ich mei­ne nur die ge­schicht­li­che Person. Weil er pro­biert hat, wirk­li­ch kom­plett ge­walt­lo­sen Widerstand an­zu­schie­ben und an si­ch zu ar­bei­ten. Der hat si­ch von den Leuten dann auch schla­gen las­sen und ganz lan­ge ge­fas­tet. Zitronenwasser … wie in dem Film.

MZEE​.com: Ben Kingsley!

Damion Davis: Der Film ist so krass, un­be­dingt an­gu­cken. Das ist so ein gei­ler Film. Schade na­tür­li­ch, dass es ganz vie­le an­de­re Geschichten über Gandhi gibt – wie er mit Frauen um­ge­gan­gen ist oder jün­ge­ren Mädchen … Grundlegend: Wenn man links ein­ge­stellt ist, heißt das für mi­ch: hu­ma­nis­ti­sch. Ohne Gewalt. Auch die­ses ACAB-​Ding. "SCAB", aber nicht "ACAB". Das ist völ­lig un­re­flek­tiert. Weil die Revolution ei­gent­li­ch mit der Polizei und der Armee zu­sam­men statt­fin­den muss. Dann hat man ei­ne rich­tig gu­te Chance. Als "Ich hab Polizei" von Jan Böhmermann raus­kam, war das ganz in­ter­es­sant, weil er ja mit ei­nem Polizisten auf­ge­wach­sen ist. Sein Blick kommt aus der Richtung. Er hat da ein­fach mal be­haup­tet, dass Bullen auch ei­nen schwe­ren Job ha­ben.

MZEE​.com: Aber ge­ra­de das Lied ist der größ­te Beweis da­für, dass man­che Dinge ih­ren Kontext nie ver­las­sen dür­fen.

Damion Davis: Ich has­se den Song. Ich fin­de den furcht­bar.

MZEE​.com: In dem Konzept der Sendung pass­te das schon. Alleine auf YouTube aber ist das so dif­fa­mie­rend ei­ner gan­zen Jugendbewegung ge­gen­über …

Damion Davis: Gut, dass du das auch so siehst. Das war auch in der Zeit, in der die Anschläge wa­ren. Und ich dach­te: "Das ist ge­n­au das, was wir jetzt brau­chen: Einen in­tel­li­gen­ten Typen, der so dumm wie mög­li­ch ver­sucht, ir­gend­was zu ver­ar­schen." Ich frag' mi­ch auch, was Jan Böhmermann und die Sendung von mir wol­len. Wollen die, dass wir uns Gedanken ma­chen? Oder ist das wirk­li­ch nur so Kaugummi-​Entertainment? So Öko-​Kaugummi? Das hat für mi­ch ein­fach kei­ne Relevanz. Die gan­ze Sendung.

MZEE​.com: Das ist halt das Typische: Weißer Mann in wei­ßer Gesellschaft mitt­le­ren Alters mit den Benefits ei­nes wei­ßen Mannes, der ver­sucht, si­ch über das System lus­tig zu ma­chen, in­ner­halb des­sen er über­haupt groß ge­wor­den ist. Man steht da­ne­ben und denkt si­ch: "Joa, is' recht."

Damion Davis: Dabei geht's halt auch viel um Quote. Und dar­um, was geil ist – so ei­ne neue Sache der Jugendkultur oder der Medien. Hauptsache pro­vo­kant. Das gibt's ja auch viel in der HipHop-​Landschaft. Da wird manch­mal auf ei­ne smar­te­re Art und Weise pro­vo­ziert. Es geht trotz­dem im­mer dar­um, zu pro­vo­zie­ren.

MZEE​.com: Sollen wir zum Abschluss no­ch über de­in Album re­den? Möchtest du was da­zu sa­gen?

Damion Davis: Nein … Also, das kom­plet­te Album wur­de von mir sel­ber pro­du­ziert. Alles sel­ber ge­macht. Ich hat­te ei­nen Ingenieur da­bei, der denkt si­ch jetzt auch: "Arschloch. Da er­zähl­st du vom Egoismus der Gesellschaft und schiebst dich dann sel­ber nach vor­ne …" Das ist ein ganz, ganz ech­tes Damion-​Album, weil die Musik auch von mir sel­ber ist. Ein ent­spann­tes Album. Ich mag die me­lan­cho­li­schen Tracks auf je­den Fall. "Ende der Zeit" fin­de ich su­per. Der Bootstrack. Und "S-​Bahnhof Wedding". Alles, was mit Melancholie zu tun hat, fin­de ich am al­ler­bes­ten.

(von un­se­rer frei­en Redakteurin Jasmin N. Weidner)
(Fotos von Cristopher Civitillo)