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Silla

Silla kann mit ge­ra­de ein­mal 32 Jahren be­reits auf ein be­weg­tes Leben zu­rück­bli­cken. Mit bis­her acht Alben ist er nicht nur seit über zwölf Jahren ak­ti­ver Teil der Rapszene. Durch die Musik er­lang­ten sei­ne Fans zu­dem auch per­sön­li­che Einblicke in sein Leben. So konn­ten sie bei­spiels­wei­se mit­ver­fol­gen, wie der Südberliner sei­ne Alkoholsucht be­kämpft und si­ch er­folg­reich ei­nem ge­sun­den Leben zu­ge­wandt hat. Diese und wei­te­re Ereignisse, die Silla von sei­ner Kindheit an bis heu­te er­lebt hat, hat er nun in ei­nem Buch zu­sam­men­ge­fasst. "Vom Alk zum Hulk" er­scheint am 12. September die­ses Jahres. Zeitnah da­zu, im Oktober, lie­fert er mit "Es war ein­mal in Südberlin" auch neu­en mu­si­ka­li­schen Output. Im Interview spra­chen wir mit Silla un­ter an­de­rem über sei­ne Autobiografie so­wie das kom­men­de Album, für das er si­ch nach ei­ge­nen Angaben "fi­nal no­ch ein­mal neu er­fin­den" mus­s­te. Dabei ver­riet uns der Rapper nicht nur, wie er für das Buch sei­ne Fähigkeiten als Autor ver­bes­sert hat. Er of­fen­bar­te auch, dass er mit die­sem Werk nicht am Ende sei­nes Weges an­ge­kom­men sei – denn er hat gro­ße Pläne für die Zukunft. Außerdem fan­den wir no­ch Zeit, um mit ihm über Kritik am hie­si­gen Rapjournalismus so­wie die Bedeutung von Rapper-​Statements bei wich­ti­gen ge­sell­schaft­li­chen Themen zu re­den.

MZEE​.com: Lass uns das Interview mit dei­nem kürz­li­ch an­ge­kün­dig­ten Buch und dem Album "Es war ein­mal in Südberlin" be­gin­nen. Das Ganze hört si­ch an wie der Beginn ei­nes Märchens. Woher stammt die­ser Titel, au­ßer dass es vor ei­ni­ger Zeit mal ei­nen gleich­na­mi­gen Track gab? 

Silla: Das mit dem Track stimmt. Der Titel kommt aber ei­gent­li­ch da­her, dass ich auf dem Album mei­ne Geschichte von Anfang bis Ende er­zäh­le: Woher ich kom­me, wo­hin ich ge­he.

MZEE​.com: Themen wie Fitness, die auf dei­nen letz­ten Alben ei­ne gro­ße Rolle spiel­ten, sind al­so nicht mehr so prä­sent?

Silla: Ja. Ich woll­te ei­nen klei­nen Bogen span­nen zu mei­nem Buch. Da wird es sehr per­sön­li­ch. Es geht auch um die Familie, mei­ne Zeit vom Kindergarten an bis über die Jugend hin­aus … Und ich woll­te eben den Bogen span­nen zwi­schen Album und Buch. Es ist nicht so, dass das Album eins zu eins dem Buch nach­emp­fun­den ist, aber man er­kennt ein­zel­ne Situationen in den Songs wie­der, die man auch im Buch nach­le­sen kann. Es ist aber nicht zwin­gend not­wen­dig, das Buch zu le­sen, um das Album zu ver­ste­hen. Beide ge­ben sehr per­sön­li­che Einblicke. Das Buch ist da­bei kom­plett au­to­bio­gra­fi­sch, von der Geburt an bis in den März 2016 hin­ein. Und beim Album ha­be ich oft über Sachen ge­spro­chen, die da­zu ge­führt ha­ben, dass ich der Rapper ge­wor­den bin, der ich heu­te bin.

MZEE​.com: Hast du das Album denn in­halt­li­ch chro­no­lo­gi­sch auf­ge­baut?

Silla: Nee, es kommt im­mer mal wie­der durch, aber es ist nicht wirk­li­ch chro­no­lo­gi­sch auf­ge­baut. Ich den­ke, wenn man zu viel nach ei­nem Konzept macht, ver­wirrt man auch die Leute. Und je­der Song muss auch für si­ch ste­hen. Es ist blöd, wenn man den Song da­vor ge­hört ha­ben muss. Jeder Song steht al­so für si­ch, aber es gibt im­mer mal wie­der Querverweise – auch in die Vergangenheit.

MZEE​.com: Es wirkt den­no­ch so, als ob de­in kom­men­des Album ein stär­ke­res Konzept hät­te als dei­ne Alben da­vor.

Silla: "Vom Alk zum Hulk" ent­stand kom­plett am Reißbrett. Da hab' ich ein­fach 15 Fitnessbegriffe auf­ge­schrie­ben und je­weils in Songs ver­packt. Das ist in kür­zes­ter Zeit ent­stan­den. Beim jet­zi­gen hat­te ich zu Beginn ei­ne klei­ne Blockade und wuss­te nicht, wo­hin die Reise ge­hen soll. Ich hat­te das Gefühl, dass ich jetzt als Künstler an ei­nem Punkt an­ge­kom­men bin, an dem ich mi­ch fi­nal no­ch ein­mal neu er­fin­den muss. "Einmal neu er­fin­den" heißt jetzt nicht, was kom­plett Beknacktes ma­chen, son­dern zu­rück zur Essenz ge­hen. Erkennen, wo­für mi­ch die Leute ei­gent­li­ch mal ge­fei­ert ha­ben. Das ist mit den letz­ten Alben bei Maskulin ein biss­chen un­ter­ge­gan­gen, da war ich zu sehr im Business-​Film. Ich ha­be in der Zeit viel mehr über Vermarktung nach­ge­dacht und die Musik von Herzen ist da­bei auf der Strecke ge­blie­ben. Dieses Mal ha­be ich ein­fach mei­ne Geschichte in die Tracks ge­gos­sen und gro­ßen Wert dar­auf ge­legt, dass es auch mu­si­ka­li­sch an­spre­chend ist.

MZEE​.com: Kommen wir zu dem eben schon an­ge­spro­che­nen Buch zu­rück: Es trägt den Titel "Vom Alk zum Hulk" und er­scheint zeit­gleich zum Album. Welche Idee stand zu­er­st im Raum – die zum Buch oder die zum Album? 

Silla: Das mit dem Buch schwirrt schon seit zwei, drei Jahren in mei­nem Kopf rum. Es gab da­mals schon Gespräche mit di­ver­sen Verlagen, aber es hat nie so rich­tig ge­passt. Dann kam der ri­va Verlag und wir ha­ben Ende letz­ten Jahres da­mit an­ge­fan­gen. Und weil ich das letz­te Album im August 2015 raus­ge­bracht hab', war der Entschluss auch wie­der da, ein neu­es Album zu ma­chen – das kann man na­tür­li­ch auch mit­ein­an­der ver­bin­den. Und das Buch qua­si auch als Marketinginstrument ver­wen­den, um die Platte zu pro­mo­ten.

MZEE​.com: Hast du für das Buch mit je­man­dem zu­sam­men­ge­ar­bei­tet oder es kom­plett sel­ber ge­schrie­ben?

Silla: Ich hab' mit ei­nem Autor zu­sam­men­ge­ar­bei­tet, der mir ge­zeigt hat, wie das Ganze ab­läuft. Also: Du schreib­st er­st mal das Vorwort, ei­nen Prolog, zum Ende der Geschichte hol­st du den Anfang no­ch mal zu­rück. Was die Dramaturgie an­geht, hat er mir den Leitfaden ge­ge­ben. Den Rest ha­be ich kom­plett sel­ber ge­schrie­ben.

MZEE​.com: Tut man si­ch da­bei nicht un­fass­bar schwer? 

Silla: Es ist ein biss­chen wie Tagebuch füh­ren, ei­gent­li­ch nicht so schwer. Du hol­st ein­fach al­le Erinnerungen raus – das war schon ziem­li­ch be­frei­end. In der Suchtklinik, in der ich mal war, mus­s­te man auch täg­li­ch was auf­schrei­ben, das hieß "Mein Erlebnis". Und das ist wirk­li­ch ei­ne Art Befreiung, wenn du abends, be­vor du ins Bett gehst, auf­schreib­st, was los war und was an dem Tag pas­siert ist. Das ist wie ei­ne Last, die von dir fällt, du machst das al­les ir­gend­wie mit dir sel­ber aus. In dem Moment, wenn et­was Schlechtes pas­siert ist, legst du das kurz weg. Das ist auch ei­ne Art Aufarbeitung der Vergangenheit mit die­sem Buch. Ich wur­de mit vie­len Sachen no­ch mal kon­fron­tiert und dach­te: "Ey, krass. Wie warst du da­mals nur drauf?" Auch, was die Persönlichkeitsfindung an­geht – Schreiben ist was sehr Freies.

MZEE​.com: Du hast al­so kei­ne al­ten Tagebücher no­ch mal raus­ge­kramt und ge­guckt, was dir in wel­chem Jahr pas­siert ist, son­dern al­les aus dei­nem Gedächtnis auf­ge­schrie­ben?

Silla: Ja. Aber ich bin eh je­mand, der to­tal zah­len­af­fin ist. Ich kann mi­ch im­mer sehr gut an Daten er­in­nern. Das fällt mir nicht schwer. Ich weiß zum Beispiel no­ch das Datum von dem Tag, an dem ich mit mei­ner ers­ten Freundin zu­sam­men­ge­kom­men bin. Somit kann ich im­mer die Monate da­na­ch wie­der zu­rück­ho­len und mein Leben re­ka­pi­tu­lie­ren. Das geht jetzt no­ch gut … (grin­st) Wenn man äl­ter wird, ver­gisst man be­stimmt ein paar Sachen.

MZEE​.com: Merkst du dir das au­to­ma­ti­sch?

Silla: Na ja, das pas­siert doch ein­fach? Also, das sind ja Erinnerungen. Die sind ein­fach ge­spei­chert und dann holt man sie eben raus.

MZEE​.com: Also, ich bin froh, wenn ich mi­ch an die letz­ten Jahre im Detail er­in­nern kann. 

Silla: Echt? Okay, dann ha­be ich das Talent, dass ich mi­ch da im­mer wie­der rein­den­ken kann.

MZEE​.com: Noch mal zu­rück zum Buch. Hat der Verlag dir kom­plett freie Hand ge­las­sen oder wur­de am Ende ge­sagt: "Kapitel 5 muss aber no­ch mal über­ar­bei­tet wer­den"?

Silla: Nee, es war ein biss­chen an­ders. Ich hab' er­st mal al­les auf­ge­schrie­ben, aber am Ende wa­ren mir dann ein paar Sachen zu hei­kel. Da hat­te ich wirk­li­ch sehr weit aus­ge­holt und mei­nem Unmut ein biss­chen frei­en Lauf ge­las­sen. Als ich das dann das er­s­te Mal durch­ge­le­sen hab' – es wa­ren an die 275 Seiten –, ha­be ich ge­merkt, dass da schon Sachen drin­stan­den, die auf je­den Fall zu hei­kel wa­ren und mit de­nen man viel­leicht auch an­de­re Leute in die Bredouille bringt. Das kann ja nicht der Grundgedanke sein …

MZEE​.com: Hast du auch viel über dei­ne Erlebnisse in den letz­ten Jahren in­ner­halb der Rapszene ge­schrie­ben?

Silla: Ja, klar. Aber der Anspruch war für mi­ch auch, dass es Leute le­sen kön­nen, die gar nichts mit der Rapszene zu tun ha­ben. Es ist jetzt kei­ne pu­re "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-50 Cent-​Story. Aus dem Ghetto nach oben … sol­che Bücher gibt's zu­hauf. Ich woll­te auch der Psyche auf den Grund ge­hen. Warum ist das al­les über­haupt so ge­kom­men? Warum hab' ich das Stilmittel Rap als Ausdrucksform ge­nutzt? Warum ha­be ich kei­ne ganz nor­ma­le Ausbildung ge­macht? Da ha­be ich – wie ge­sagt – auch sehr viel hin­ter­fragt und es ist sehr per­sön­li­ch. Und auch für Leute, die eben kei­ne "Rapheads" sind.

MZEE​.com: Du hast al­so de­in ge­sam­tes bis­he­ri­ges Leben au­to­bio­gra­fi­sch auf­ge­schrie­ben. Ist das Ganze für dich nun ab­ge­schlos­sen oder hast du vor, mal ei­nen zwei­ten Teil zu schrei­ben?

Silla: Ja, klar. Jeder Tag be­ginnt von vor­ne, je­der Tag ist ein neu­es Geschenk und das Leben wird no­ch vie­le Stories be­reit­hal­ten. Selbst, wenn es mor­gen vor­bei sein soll­te, kann ich sa­gen, ich hab' was hin­ter­las­sen. Und je­der kann wei­ter­hin le­sen, was die­ser ver­rück­te Junge aus Südberlin da ver­an­stal­tet hat. Darauf bin ich ziem­li­ch stolz, auch aus künst­le­ri­scher Sicht.

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MZEE​.com: Jeder Künstler sagt über sein ak­tu­el­les Album im­mer, dass es das be­s­te ist, das er je ge­macht hat. Wenn du "Es war ein­mal in Südberlin" mal weg­lässt – was ist das be­s­te Album, das du je ge­macht hast, und war­um?

Silla: "Die Passion Whisky" fand ich am kras­ses­ten. 2012. Da hat ein­fach al­les ge­stimmt. In der Zeit hat­te ich so ei­ne Hochphase. Ich war Anfang des Jahres mit "Südberlin Maskulin" in den Top 10. Dann no­ch mal mit "Wiederbelebt", das er­s­te Mal als Solokünstler. Und dann kam Ende 2012 "Die Passion Whisky" – ich war auf ei­ner Welle der Euphorie. Es war das er­s­te Mal nach sie­ben, acht Jahren Rap so, dass ich ei­nen su­per Lifestyle le­ben konn­te – was ich mir im­mer er­träumt hat­te. Ein ge­re­gel­tes Einkommen, dass man nicht im­mer aufs Geld schau­en muss. Das hat ei­ne gro­ße Last von mir ge­nom­men, ich bin ge­chill­ter an die Sache ran­ge­gan­gen, mit mehr Spaß. Das hat man der Platte an­ge­hört, auch wenn erns­te­re Töne an­ge­schla­gen wur­den. Die Entstehungsphase da­von war so geil – dar­an den­ke ich ger­ne zu­rück. Und die mu­si­ka­li­sche Bewertung muss man an­de­ren Leuten über­las­sen. Generell ist es schwer, Musik zu be­wer­ten …

MZEE​.com: Gibt es auch ein Album von dir, das du sel­ber rich­tig gut fin­dest und bei dem du das Gefühl hast, dass es ein­fach nicht ver­stan­den wur­de?

Silla: Ja, das war bei "Vom Alk zum Hulk" de­fi­ni­tiv so. Da ha­be ich auf der Platte to­tal den Fitness-​Film ge­fah­ren und sie hat mir me­ga­viel Spaß ge­macht. Es war für mi­ch ein­fach der Weg aus dem Drogensumpf, wie ei­ne Befreiung. Die Leute wa­ren aber da­mit über­for­dert, sie woll­ten kei­ne Erklärung ha­ben, wie es da­zu ge­kom­men ist. Sie hat­ten halt "Die Passion Whisky" ge­hört, die Musik war geil und da hat­te ich auch schon drü­ber ge­rappt: "Yo, ich hab's ge­schafft." Und bei "Vom Alk zum Hulk" war's zu ex­trem mit dem Zeigefinger: "Yo, ich trink' jetzt gar nichts mehr, ich trink' mei­nen Protein-​Shake schön abends." Ich hab' das Gefühl, das ha­ben die Leute nicht so an­ge­nom­men. Weißt du, wenn dei­ne Eltern dich an­me­ckern, weil du zu spät von 'ner Party kommst – das fin­det kein Jugendlicher geil. Die wol­len 'ne ge­wis­se Lockerheit ha­ben. Musik, die sie ab­holt und al­les ver­ges­sen lässt. Und das war ein biss­chen wie so 'ne Anleitung: "Wie wirst du zum Superheld?" Ich wür­de es aber wie­der so ma­chen. Das war mein State of Mind zu dem Zeitpunkt.

MZEE​.com: Ich hab' oft das Gefühl, dass Hörer die Musik dann am bes­ten fin­den, wenn es dem Künstler nicht gut geht. Wenn es ihm gut geht, fin­den die Leute das, glau­be ich, ten­den­zi­ell lang­wei­li­ger.

Silla: Ja. Musik muss aber vor al­lem echt sein – egal, ob de­pri oder nicht. Wenn die Gefühle echt sind, ist Musik auf je­den Fall gut. Manchmal wol­len die Konsumenten halt auch ein­fach durch­dre­hen, ih­rem Alltag ent­flie­hen. Da brau­chen sie auch nicht im­mer Depri-​Mucke oder hö­ren, wie ka­cke mein Leben ist. Sondern sie wol­len auch Mucke hö­ren, um schlech­te Sachen zu ver­drän­gen und ein gu­tes Gefühl zu ha­ben.

MZEE​.com: Ich glau­be, es war Tua, der mal in ei­nem Interview ge­sagt hat, er be­gibt si­ch manch­mal ex­tra in schlech­te Situationen, da­mit er hin­ter­her Stoff hat, über den er schrei­ben kann. Kennst du das auch? 

Silla: Ja, das ken­ne ich auch. Ich be­ge­be mi­ch nicht ab­sicht­li­ch da rein, ich kann mi­ch ein­fach manch­mal nicht kon­trol­lie­ren. Da ha­be ich ei­nen ge­wis­sen Hang zur Selbstzerstörung. Das Ding ist aber, dass ich da­na­ch im­mer wie­der stär­ker zu­rück­kom­me – ich weiß, wie es ist, hin­zu­fal­len und da­na­ch im­mer wie­der auf­zu­ste­hen. Ich hät­te auch ger­ne, dass es mal so­li­de läuft … aber das ist nicht im­mer leicht.

MZEE​.com: Wir ha­ben mal ein Interview mit MoTrip ge­führt, in dem er uns vom "Schnelles Geld"-Album von ihm, dir und JokA er­zählt hat. Er mein­te, dass ihr eu­ch ir­gend­wann da­zu ent­schie­den hät­tet, die ein­zel­nen Tracks auf eu­re Projekte zu ver­tei­len. Sind heu­te no­ch un­ver­öf­fent­lich­te Songs des Albums üb­rig?

Silla: Ich glau­be, je­der Track wur­de aus­ein­an­der­ge­pflückt. Und man könn­te heu­te kei­nen da­von mehr raus­brin­gen, von dem nicht ir­gend­ein Part schon mal wo­an­ders ver­wen­det wur­de. Wäre auch durch­aus lus­tig, wenn man das ir­gend­wann mal raus­brin­gen wür­de. Und wenn man mal se­hen wür­de, wo da was mitt­ler­wei­le un­ter­ge­kom­men ist. Aber ei­gent­li­ch ist es nicht für die Öffentlichkeit be­stimmt, nee.

MZEE​.com: Besteht denn Hoffnung, dass je­mals was von eu­ch ge­mein­sam raus­kommt?

Silla: Definitiv. Nonstop re­den wir dar­über. Aber ge­ra­de geht das nicht. Trip hat mo­men­tan den Megahype und auch ein gro­ßes Label im Rücken, das da auch die Prioritäten völ­lig auf ihn legt. Dass er si­ch als Solokünstler eta­bliert, ist ge­ra­de auf je­den Fall wich­ti­ger als sei­ne Jungs hoch­zu­ho­len … wenn man das so sa­gen kann. Er ging ja Platin mit sei­ner Single, so­was kön­nen JokA und ich jetzt nicht vor­wei­sen. Auf je­den Fall muss er sein Ding ma­chen, wir ma­chen auch al­le un­ser Ding und viel­leicht kommt es ir­gend­wann da­zu – ein­fach, weil wir mal wie­der Bock ha­ben, uns ein­zu­schlie­ßen.

MZEE​.com: Kommen wir auf ein an­de­res Thema zu spre­chen: In den letz­ten Monaten gab es von deut­schen Rappern im­mer wie­der Kritik am Deutschrap-​Journalismus. Beispielsweise von Sido, der un­ter an­de­rem Falk und Staiger ne­ga­tiv er­wähn­te oder die ewi­ge Debatte dar­über, ob es im deut­schen Rap über­haupt "rich­ti­ge Journalisten" gibt. Wie siehst du das? 

Silla: Ich fin­de, dass da schon was dran ist, auch viel Klickgeilheit da­bei ist und die Leute über­all rum­wu­seln … Ich fin­de das auch nicht schlecht, aber das, was Rooz macht, ist jour­na­lis­ti­sch ge­se­hen wahr­schein­li­ch nicht so das Gelbe vom Ei. Weil er manch­mal ein­fach nicht so kri­ti­sch hin­ter­fragt. Ich fin­de, das macht Oliver Marquart von rap​.de zum Beispiel ganz gut. Aber des­sen bin ich mir auch be­wusst – wenn ich zum Beispiel ge­halt­voll über die Vergangenheit re­den will, wür­de ich eher zu ei­nem Oliver Marquart ge­hen. Und bei Rooz ist es ein­fach so: "Wir ze­le­brie­ren HipHop und pus­hen das gan­ze Ding jetzt hier ge­mein­sam". Es hat al­les sei­ne po­si­ti­ven Seiten, fin­de ich. Und ich bin nicht in der Position, dass ich ir­gend­was kri­ti­sie­ren muss.

MZEE​.com: Gibt es denn ir­gend­et­was, das dir to­tal fehlt? 

Silla: Ja, die­se kri­ti­schen Fragen wür­de ich mir manch­mal wün­schen. Es gibt Künstler, die ver­brei­ten ganz ge­fähr­li­che Halbwahrheiten. Und dass da nicht mal ei­ner kommt und sagt: "Hey, stopp! Was du da re­dest, ist jetzt nicht be­son­ders ge­halt­voll …" Da fin­de ich, dass sie si­ch ein biss­chen mehr trau­en könn­ten. Es ist halt viel die­ses Klicks-​Sammeln – Hauptsache, der re­det jetzt ir­gend­ei­nen Blödsinn. Am bes­ten lässt man no­ch das Ende of­fen und dann kommt das nächs­te Woche no­ch mal. Und al­les geht von vor­ne los. Ein biss­chen auf den Punkt kom­men wä­re manch­mal ganz cool.

MZEE​.com: Wie fin­dest du es, wenn Rapper si­ch zu Themen äu­ßern, die mit der Musik gar nichts zu tun ha­ben, zum Beispiel in die po­li­ti­sche Richtung ge­hend?

Silla: Ich find' das gut. Rapper soll­ten auch ih­re Reichweite nut­zen, um sinn­vol­le Sachen zu sa­gen. Natürlich gibt es die ei­ne Hälfte, die das be­für­wor­tet, wäh­rend die an­de­re Hälfte sagt: "Das ist kom­plet­ter Unsinn." Aber es muss auch Leute ge­ben, die auf­ste­hen und ih­re Meinung klar sa­gen. Nur so kann man an­re­gen und Änderungen her­bei­füh­ren. Das fin­de ich wich­tig. Es gibt aber auch im­mer Leute, die mehr oder we­ni­ger da­zu sa­gen kön­nen. Wenn du mi­ch nach Doppelrhymes fragst und Beats, kann ich dir mehr dar­über sa­gen als ein Politikwissenschaftler – und an­ders­rum. Da muss man auf­pas­sen, dass man nicht ir­gend­was sagt, nur um was zu sa­gen. Es muss schon fun­diert sein, als dass man si­ch um Kopf und Kragen re­det.

MZEE​.com: Zum Abschluss wür­de ich ger­ne no­ch mal zu ei­nem Thema von vor­hin zu­rück­kom­men. Du mein­test, de­in Buch er­zäh­le dei­ne Geschichte von Geburt an bis jetzt. Hast du schon drü­ber nach­ge­dacht, wo du in zehn, zwan­zig Jahren stehst? 

Silla: Ich hab' mir ei­nen Zehn-​Jahres-​Plan ge­macht mit ein­zel­nen Etappenzielen. Und das ist ei­gent­li­ch ein ganz gu­ter Leitfaden …

MZEE​.com: Was wird da auf­ge­führt?

Silla: Zum Beispiel, das Geschäft zu er­wei­tern, Familiengründung … Ich den­ke, man soll­te im­mer Plan A, B und C ha­ben – so ei­ne ge­wis­se Vorstellung, wo es hin­geht, muss man ha­ben. Sonst irrt man ziel­los um­her. Das ist wie ei­ne To-​Do-​Liste. Da ste­hen Sachen drauf, wie zum Beispiel für Januar: "Erstellung ei­nes ei­ge­nen Merch-​Shops". Und nächs­tes Jahr im Mai möch­te ich dann ei­ge­ne Fitnessbekleidung raus­brin­gen. Das sind al­les so Sachen, die man peu à peu ab­ar­bei­tet, so­dass man stän­dig in Bewegung ist. Und dann kann ei­gent­li­ch nichts mehr schief­ge­hen. Man muss auch viel pro­bie­ren …

MZEE​.com: Und was ist das Ergebnis, an dem du in zehn Jahren stehst? 

Silla: Das ist na­tür­li­ch Häuschen, ver­hei­ra­tet, Kinder, Hunde …

MZEE​.com: Witzigerweise nur Sachen, die mit Musik gar nichts zu tun ha­ben.

Silla: Ja, das sind die wich­ti­gen Dinge. Geld ist auch nicht al­les. Ich mach' schon je­den Tag et­was da­für, dass ich die Familie auch er­näh­ren kann. Aber das Wichtige ist ei­gent­li­ch, dass man die Familie sel­ber grün­det. Ich möch­te nicht mit 65 im Altersheim sit­zen und es ist kei­ner mehr da. Ich möch­te Leute um mi­ch ha­ben, die mi­ch lie­ben und die si­ch dann auch um mi­ch sor­gen. Ein Stück weit schwingt da auch Nostalgie mit. Ich den­ke im­mer ger­ne an mei­ne Jugend, die war to­tal schön. Wir hat­ten auch ein Haus und mein Bruder und ich ha­ben im Garten ge­spielt. Durch die­ses Buch kam no­ch mal hoch, dass ich ge­merkt ha­be, wie schön das al­les war. Und ich den­ke, wenn man sei­ne ei­ge­ne Familie grün­det, kann man si­ch ein Stück weit sei­ne ei­ge­ne Jugend zu­rück­ho­len. Wenn du dei­ne Kids im Garten siehst, mit de­nen Fußball spiel­st und so. Und dann das er­s­te Mal Weihnachten, die gro­ßen Augen … uns als Erwachsenen gibt das ei­gent­li­ch nichts mehr. Klar freut man si­ch auf Weihnachten, es gibt le­cker Essen … Aber es ist ei­gent­li­ch ein Fest für die Kids. Und es ist cool, wenn man das no­ch mal mit­er­lebt. Meine Eltern ha­ben al­les da­für ge­tan, dass es mir gut geht. Und das ver­su­che ich, dann mei­nen Kids und mei­ner Frau zu­rück­zu­ge­ben.

MZEE​.com: Und ne­ben dem Ganzen wirst du in zehn Jahren wei­ter­hin Musik ma­chen.

Silla: Werde ich de­fi­ni­tiv. Das kann man nicht ein­fach aus­knip­sen. Man kann na­tür­li­ch nie sa­gen, was pas­siert, viel­leicht ver­liert man ir­gend­wann die Lust. Aber Stand heu­te bin ich in zehn Jahren Labelboss, brin­ge mei­ne ei­ge­ne Musik raus und die von an­de­ren Künstlern.

(Florence Bader)
(Fotos von Ondro Ovesny)