Kanye West – 808s & Heartbreak

"Was?! Du kennst das nicht? Sekunde, ich such' dir das mal raus." Und schon öffnet sich die Plattenkiste. Wer kennt diesen Moment nicht? Man redet über Musik und auf einmal fällt ein Name – egal ob von einem Song, einem Künstler oder einem Album – mit dem man nicht so recht etwas anzufangen weiß. Und plötzlich hagelt es Lobpreisungen, Hasstiraden oder Anekdoten. Gerade dann, wenn der Gesprächspartner ins Schwärmen verfällt und offen zeigt, dass ihm das Thema wichtig ist, bittet man nicht allzu selten um eine Kostprobe. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Person so sehr am Herzen zu liegen scheint. In diesem Fall – was uns so sehr am Herzen liegt: Ein Auszug aus der Musik, mit der wir etwas verbinden, die wir feiern, die uns berührt. Ein Griff in unsere Plattenkiste eben.

 

Man mag von Kanye West halten, was man will. Die einen sehen in ihm ein musikalisches Genie, die anderen einen überschätzten Egomanen. Fakt ist aber, dass sein Einfluss auf die Popkultur kaum größer sein könnte. Sein Auftreten und Style werden geliebt, gehasst und kopiert. Jugendliche tragen die – zumeist nachgemachten – Yeezy-Sneaker an ihren Füßen, deutsche Rapper hingegen dürften sich noch die nächsten fünf Jahre am Sound von "Yeezus" und "The Life of Pablo" abarbeiten. Dabei liegt der für mich größte Wurf von Kanye schon einige Zeit zurück. Im Jahr 2008 nämlich, in dem "808s & Heartbreak" erschien.

In erster Linie liebe ich dieses Album für die Art, wie Ye das titelgebende "gebrochene Herz" in musikalischer Form ausdrückt. Der Tod seiner Mutter und das Scheitern seiner Beziehung wirken als Katalysator für eine entscheidende Zäsur in Kanyes Sound. Eine Trennung ist eben nicht abgerundet und glatt wie die Stimmung einer beliebigen Ballade. Sie ist kalt und dreckig, karg und doch emotional – letztlich einfach unperfekt. Und genau das spiegelt sich im Klang der Platte wider. Die minimalistischen Beats sind meist nicht mehr als ein Herzschlag im Hintergrund, die wahren Gefühle trägt nur der Protagonist selbst. Kanye – als verhältnismäßig schlechter Sänger – suhlt sich selbstvergessen in seinem Autotune-getränkten Gesang – und blüht darin ästhetisch auf. Die effektbehaftete Stimme, eher roboterhaft als menschlich, zeigt die Unnahbarkeit, welche jedoch zugleich gebrochen wird durch Yeezys gefühlvolles, ausschweifendes Aufgehen in Lyrics und Gesang. Widersprüche treffen stimmungsgeladen aufeinander – eine Trennung eben.

Es ist auch die Trennung vom Soul-Sample-Sound der vorherigen Alben. Diese neue Richtung sollte der Wegbereiter für viele sein. Future, Travi$ Scott oder Young Thug würden ohne diese Platte wohl kaum mit demselben Selbstbewusstsein die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Stimme ausloten. Und auch Drake verkörpert im Prinzip nur eine ausgefeilte Form des introspektiven, selbstmitleidigen Typus, der auf "808s & Heartbreak" vorgestellt wird. Ein Einfluss also, für den viele Kanye West dankbar sein müssen. Ich bin ebenfalls dankbar – für die traurige, schöne und auf ihre ganz eigene Art realistische Musik.

(Florian Peking)