Hinter der Soundkulisse: Audio Engineer Volker Gebhardt

Hip­Hop gleich Rap – oder? Zuge­ge­ben: Rap­mu­sik nimmt ei­nen gro­ßen Teil der Sub­kul­tur ein, was wohl auch ein Stück weit am stark an­ge­stie­ge­nen "me­dia­len Hype" der letz­ten Jah­re liegt. Doch in Zei­ten, in de­nen Sprech­ge­sang re­gel­mä­ßig die Charts an­führt, rückt der ur­sprüng­li­che Community-​Gedanke – zu­min­dest ober­fläch­lich be­trach­tet – zu­se­hends in den Hin­ter­grund. Dabei gibt es nach wie vor ge­nug Men­schen, de­ren Schaf­fen fern­ab von Booth und MPC statt­fin­det und die ih­rer­seits ei­nen nicht un­er­heb­li­chen Bei­trag zur HipHop-​Kultur leis­ten. In dem MZEE​.com For­mat "Das hat mit Hip­Hop was zu tun" wol­len wir eben­diese Leu­te zu Wort kom­men las­sen, die sich in ir­gend­ei­ner Form, viel­leicht so­gar aus ei­ner tat­säch­li­chen Lei­den­schaft her­aus, mit Hip­Hop aus­ein­an­der­set­zen, als "Nicht-​Rapper" je­doch sel­ten im Ram­pen­licht ste­hen.

 

Wer sorgt eigent­lich dafür, dass ein Musik­stück rund klingt? Sicher sind dar­an maß­geb­lich die Prot­ago­nis­ten am Mikro­fon sowie die Pro­du­zen­ten des Stücks betei­ligt. Den letz­ten Schliff über­lässt man beim Ent­ste­hungs­pro­zess von Musik aller­dings den soge­nann­ten Audio Engi­neers, den Ton­in­ge­nieu­ren. Sie jagen das Pro­dukt noch ein­mal kom­plett durch ihre Gerä­te, um den best­mög­li­chen und erwünsch­ten Klang raus­zu­ho­len. Auf einem Album sol­len schließ­lich alle Anspiel­punk­te sound­tech­nisch zusam­men­pas­sen, damit ein roter Faden zu erken­nen ist. Zudem soll sich das Gan­ze nicht nur auf den hei­mi­schen Boxen gut anhö­ren, son­dern auf ver­schie­de­nen Gerä­ten und in ver­schie­de­nen Räum­lich­kei­ten funk­tio­nie­ren. Dazu ist jedoch ein auf­wen­di­ger Pro­zess von­nö­ten, von dem vie­le Musik­kon­su­men­ten kaum etwas wis­sen. Einer der renom­mier­tes­ten Leu­te, die die­sen Pro­zess in Deutsch­land beherr­schen, ist Vol­ker Geb­hardt. Mit sei­nen Hän­den wur­den bei­spiels­wei­se die letz­ten Alben von so unter­schied­li­chen Künst­lern wie Cro, Bushi­do & Shin­dy oder den Bet­ty Ford Boys ver­edelt.

Vol­ker, des­sen Stu­dio sich im rheinland-​pfälzischen Trier befin­det, bezeich­net das Engi­nee­ring als "emo­tio­na­les und per­sön­li­ches Busi­ness". Eines, für das man Fin­ger­spit­zen­ge­fühl benö­tigt. "Du kannst zwar Hin­ter­grund­wis­sen haben ohne Ende, aber du musst füh­len und wis­sen, was sich der Künst­ler wünscht und was er umset­zen möch­te. Es geht dabei mehr um das Gespür, das umzu­set­zen", umschreibt er den Kern sei­ner Arbeit. Die­ses Gespür besit­zen aller­dings nicht vie­le. Das tech­ni­sche Know-​how, das man benö­tigt, um ein musi­ka­li­sches Pro­dukt in sei­ne kleins­ten Bestand­tei­le zu zer­le­gen und jeden ein­zel­nen Sound so zu ver­än­dern, dass letzt­end­lich alles wie aus einem Guss klingt, erst recht nicht. Tech­nik spielt für Vol­ker im Ver­gleich zum Fee­ling aller­dings nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le: "Am Ende des Tages ist Musik Emo­ti­on. Und das ist das, was beim End­kun­den ankommt." So emo­tio­nal er auch in sei­nen Beruf invol­viert ist, geht er dabei jedoch einem sehr gere­gel­ten Arbeits­all­tag nach. Jeden Mor­gen pünkt­lich um neun Uhr betritt er sein Stu­dio. Der Zeit­punkt, an dem er es wie­der ver­lässt, vari­iert aller­dings stark. Sein Geschäft betreibt er allei­ne – eine bewuss­te Ent­schei­dung. Auf die­se Wei­se ent­steht eine äußerst enge Bezie­hung zu den Kun­den, die alle sei­ne per­sön­li­che Num­mer besit­zen.

Vol­ker Geb­hardts Stu­dio in Trier.

Eine klas­si­sche Aus­bil­dung zum Audio Engi­neer hat Vol­ker, der schon seit den 90er Jah­ren in der Musik­sze­ne unter­wegs ist – damals noch als DJ und Pro­du­zent –, nicht abge­schlos­sen. Neben einem Stu­di­um der Psy­cho­lo­gie und Com­pu­ter­lin­gu­is­tik begann er bereits zu sei­nen musi­ka­li­schen Anfangs­ta­gen damit, sich das Wis­sen, das er in sei­nem jet­zi­gen Beruf benö­tigt, wei­test­ge­hend auto­di­dak­tisch anzu­eig­nen. "Das Audio Engi­nee­ring ist haupt­säch­lich aus Lie­be zur Musik ent­stan­den. Plus dem Hin­ter­ge­dan­ken, Feh­ler­quel­len, die dabei ent­ste­hen, wenn man Pro­jek­te aus der Hand gibt, zu mini­mie­ren. Das war dann schon auch eher ein Selbst­stu­di­um in Ver­bin­dung damit, viel mit Leu­ten zu arbei­ten." Durch die Nähe Triers zu diver­sen Stütz­punk­ten des US-​Militärs kam er so auch schon recht früh mit der Rap­mu­sik der ame­ri­ka­ni­schen Süd­staa­ten in Berüh­rung. Die­se stellt mit ihrer Chopped-​and-​screwed-​Ästhetik und den 808-​Drums den Ursprung des aktu­ell omni­prä­sen­ten Trap-​Sounds dar – ein Umstand, der Vol­ker heu­te sicher­lich zum Vor­teil gereicht. Wenn es um aktu­el­le Ent­wick­lun­gen geht, fehlt ihm in Deutsch­land manch­mal der Mut, sound­tech­nisch eige­ne Wege zu beschrei­ten. "Die Fran­zo­sen haben zum Bei­spiel Dir­ty South für sich noch mal anders umge­setzt. Wir in Deutsch­land schau­en immer auf ande­re Län­der – ent­we­der auf die Staa­ten, Frank­reich oder Eng­land. Es wird oft nur kopiert, ohne das nöti­ge Gefühl für die Fein­hei­ten und unse­re eige­ne Iden­ti­tät noch mehr her­aus­zu­stel­len." Dies liegt sei­ner Mei­nung nach dar­an, dass die hie­si­ge Musik­kul­tur weni­ger signi­fi­kant durch ande­re eth­ni­sche Bevöl­ke­rungs­grup­pen beein­flusst wur­de, wie das bei­spiels­wei­se in Frank­reich der Fall ist. Den­noch sieht der Audio Engi­neer dahin­ge­hend auch posi­ti­ve Ent­wick­lun­gen. So nennt er bei­spiels­weise Chi­ma Ede und Sam Sil­lah als Bei­spie­le für jun­ge Rap­per, die mit einem bis­lang noch sel­te­nen, po­si­ti­ven kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­nis und eben­sol­cher Atti­tü­de ihre Ein­flüs­se in ei­nen ei­gen­stän­di­gen Sound um­mün­zen.

Beim Pro­zess des Mixens und Mas­terns ist es Vol­ker wich­tig, dass er jedem Künst­ler einen eige­nen Klang ver­passt. So sieht er bei­spiels­wei­se durch­aus Unter­schie­de in sei­nen Arbei­ten für die Solo­al­ben der EGJ-​Künstler Bushi­do, Shin­dy und Ali Bumaye. Die­sem Fakt zum Trotz, bekommt er häu­fig von Freun­den und Bekann­ten zu hören, dass sie sei­ne Arbeit aus gewis­sen Pro­jek­ten her­aus­hö­ren. Auch dass die Art und Wei­se, wie die Stim­me auf einem Track klingt oder wie die Musik kom­pri­miert ist, nach sei­ner per­sön­li­chen Hand­schrift klingt, trägt man mit­un­ter an ihn her­an. Denn auch als Engi­neer kann man schließ­lich sei­nen eige­nen Stil ent­wi­ckeln. Hat man die­sen Punkt ein­mal erreicht und sich eine gewis­se Repu­ta­ti­on erar­bei­tet, wird man von Kun­den spe­zi­ell dafür ange­fragt. Oder aber, weil die Kun­den wis­sen, dass man einen gewünsch­ten Klang repro­du­zie­ren kann.

Gutes Mixing und Mas­te­ring hat jedoch auch sei­nen Preis. Daher machen heut­zu­ta­ge vie­le Künst­ler aus der Not eine Tugend: Sie ver­su­chen sich selbst in die­sen Berei­chen, um bereits einen mög­lichst guten Sound zu haben, noch bevor das Bud­get einen pro­fes­sio­nel­len Engi­neer her­gibt. Dar­in sieht Vol­ker auch Vor­tei­le: "In den letz­ten Jah­ren kommt es ver­mehrt vor, dass sich mehr und mehr Künst­ler – vor allem jun­ge – sehr, sehr stark um Sound-​Bildung und gene­rell um Engi­nee­ring küm­mern. Das macht mei­nen Job ein­fa­cher. In der älte­ren Genera­ti­on war das noch nicht der Fall. Da kann man mit den Jungs dann auch mal ins Detail gehen." An sich sei­en die meis­ten Künst­ler, beson­ders Rap­per, ohne­hin in den akti­ven Pro­zess invol­viert – auch wenn die älte­re Genera­ti­on häu­fig nicht so sehr mit der Ter­mi­no­lo­gie ver­traut sei und daher auf ande­re Art und Wei­se kom­mu­ni­zie­ren müs­se, wie sie sich den Klang des End­pro­dukts vor­stellt. Zumeist gäbe man ihm in sol­chen Fäl­len Refe­renz­songs, in deren Rich­tung sich der Sound bewe­gen soll. Aller­dings kom­me es häu­fig vor, dass Beats über­la­den sei­en, so Vol­ker. Man füge in Deutsch­land häu­fig wei­te­re Kom­po­nen­ten hin­zu, ohne jedoch in einem gelun­ge­nen Arran­ge­ment auch mal wel­che dafür weg­fal­len zu las­sen. Sei­ner Mei­nung nach könn­te man sich hier­zu­lan­de dies­be­züg­lich noch viel aus dem Bereich der Pop­mu­sik abschau­en. Zudem wür­den vie­le Rap­per häu­fig ver­ges­sen, dass eine Stim­me auch ein Instru­ment sei und nicht jeder Beat auch Platz dafür bie­te. Vol­kers Job als Engi­neer ist es dann, Frei­raum zu schaf­fen, sodass das End­pro­dukt gut klingt. Das heißt, dass jeder Sound für sich allei­ne funk­tio­niert und den­noch zusam­men­ge­nom­men ein stim­mi­ges Gan­zes ent­steht.

Vol­ker Geb­hardt bei sei­ner Arbeit als Audio Engi­neer.

Wenn es dar­um geht, wer in Deutsch­land die Auf­merk­sam­keit bekommt, sieht Vol­ker zwar Fort­schrit­te bezüg­lich der Ver­ga­be von Credits an sei­ne Zunft, jedoch auch noch eine Men­ge Luft nach oben. So fin­det er, dass Leu­te, deren Arbeit oft uner­wähnt bleibt, sich zumin­dest gegen­sei­tig die­se Aner­ken­nung geben soll­ten. Somit wür­de dafür gesorgt wer­den, dass bes­ten­falls jeder, der in die Fer­tig­stel­lung eines Pro­dukts invol­viert ist, auch Erwäh­nung fin­det. "Ich fin­de es gut, dass es so lang­sam ein Umden­ken gibt, dass alle Credits fein säu­ber­lich auf­ge­schrie­ben wer­den. Da müs­sen aller­dings Video und Sound Engi­neers ein biss­chen zusam­men­hal­ten. Manch­mal sehe ich Vide­os, bei denen in der Info­box zwar steht, wer am Set den Kaf­fee gekocht hat und wer den Schirm gehal­ten hat, jedoch nichts über Pro­duk­ti­on, Manage­ment oder Sound Engi­nee­ring. Da muss man ein biss­chen auf­ein­an­der ach­ten. Wenn ich jetzt zum Bei­spiel etwas auf Face­book pos­te, dann pas­se ich immer auf, dass alle Credits mit drin sind. Von den Video-​Leuten, von den Engi­neers, von den Pro­du­zen­ten, von den Text­schrei­bern." Für ihn ist es eine Fra­ge des Respekts, nie­man­den, der am Ent­ste­hungs­pro­zess eines Gesamt­pro­dukts betei­ligt war, uner­wähnt zu las­sen. So geizt er auch nicht mit Lob für die ver­meint­li­che Kon­kur­renz. Hier­zu­lan­de schätzt er unter ande­rem die Arbeit von Hans-​Philipp Graf, Lex Bar­key und Yunus "King­si­ze" Cimen. Man kennt sich in der Bran­che, tauscht sich unter­ein­an­der aus und arbei­tet auch mal gemein­sam an einem Pro­jekt.

Letzt­end­lich sind Engi­neers ein extrem wich­ti­ger Teil der Ket­te, die dazu führt, dass die Musik, die wir alle so lie­ben und auf täg­li­cher Basis kon­su­mie­ren, so klingt, wie sie klingt. Dass sie nur einen Bruch­teil der Auf­merk­sam­keit abbe­kom­men, die so vie­len fast abgöt­tisch ver­ehr­ten Rap­pern und Sän­gern zufällt, ist ein Umstand, der sich ver­mut­lich nie­mals ändern wird. Mehr Spot­light haben sie den­noch ver­dient, denn Leu­te wie Vol­ker machen ihre Arbeit aus Lei­den­schaft und sind unver­zicht­bar. "Ohne die­se bedin­gungs­lo­se Lie­be zur Musik und den Wunsch, rele­van­te Musik machen zu wol­len, wäre ich nicht in die­sem Beruf gelan­det", sagt er. "Alles, was ich höre oder was mich emo­tio­na­li­siert – das kann selbst ein schnul­zi­ger Pop­song sein –, neh­me ich auch mit auf und brin­ge es in mei­ne Arbeit ein." Trotz der inten­si­ven Arbeit an musi­ka­li­schen Pro­duk­ten – einem Pro­zess, bei dem es so sehr ins Detail geht, dass man ver­mu­ten könn­te, die Magie gin­ge dabei ein wenig ver­lo­ren –, ist Vol­kers Lie­be zur Musik unge­bro­chen. "Es geht halt wirk­lich dar­um, mit coo­len Men­schen gute Musik zu machen und ande­re Men­schen damit zu berüh­ren." Wir hof­fen und gehen davon aus, dass ihm das noch sehr, sehr lan­ge gelin­gen wird.

(Stef­fen Bau­er)
(Fotos: Peter "Fon­ty" Albertz)