Juli 2016: MC Bomber und 257ers

"Okay – was habe ich ver­passt?" Eine Frage, der wohl je­der von uns schon ­mal begeg­net ist. Egal, ob man sie selbst ge­stellt hat oder mit ihr kon­fron­tiert wurde. Manch­mal kommt ein­fach der Zeit­punkt, an dem man sich vor al­lem ei­nes wünscht: "Bringt mich doch mal auf den neu­es­ten Stand!" Doch wie ant­wor­tet man dar­auf? Was hält man für beson­ders erwäh­nens­wert? Es ist schwer, eine kurze, aber voll­stän­dige Ant­wort dar­auf zu fin­den. Wie misst man über­haupt Rele­vanz? An media­lem Hype? Am Über­ra­schungs­fak­tor? Oder doch an dem musi­ka­li­schen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das al­les, redu­ziert auf zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ein Release, das vor al­lem im Unter­grund auf Zuspruch gesto­ßen ist, und ei­nes, das in der brei­ten Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wurde. Zwei Werke, die wir nicht unbe­dingt gut fin­den müs­sen, aber eine ge­wisse Rele­vanz oder eine Bedeu­tung jeg­li­cher Art für die hie­sige Rapland­schaft besit­zen. Zwei Werke, die am Ende des Monats vor al­lem ei­nes aus­sa­gen: "Hört, hört! Genau das habt ihr ver­passt!"

 

Bomber_Predigt_Cover

MC Bomber – Predigt

Als "Predigt" bezeichnet man in der Regel eine festliche Rede von meist religiöser Bedeutung. Nicht so bei MC Bomber. Es sei denn, man macht asozialen Rap mit jeder Menge 90s-Flair zu seiner Religion. Denn in dieser von Cloudrap und Bucket Hats beherrschten Rap-Epoche macht sich der Prediger auf, um mit seiner Auffassung der Kultur Jünger zu fischen. Eben mit HipHop, wie er in den besten Zeiten von Westberlin Maskulin gemacht wurde. Genau deshalb scheint "Predigt" wie für die Kategorie "Untergrund" geschaffen zu sein.

Denn der waschechte Berliner liefert prolligen Kopfnickersound ohne Kompromisse. Im Sekundentakt werden Punchlines hingerotzt, Mütter diskreditiert und Randgruppen beleidigt. Dass dieses bewusst primitive Eierschaukeln auf dem Takt auch tatsächlich authentisch und fresh klingt, ist den Produktionen von KevBeats zu verdanken. Die klatschenden Beats versprühen Oldschool-Charme und unterstreichen Bombers Attitüde adäquat. Ganz nach dem Motto: "Wieder komm' Berliner, um zu zeigen, wie man's richtig macht". "Richtig" ist hierbei wohl sehr frei zu interpretieren, denn inhaltlich sind die oft geschmacklosen und stumpf-provokativen Texte des Berliner MCs kein Paradebeispiel für lyrisches Feingefühl. Und auch sein ab und an ins Stocken kommender Flow schmälert den Hörgenuss an diversen Stellen. Aber vielleicht braucht harter Untergrundrap ja genau diese Roughness.

Ob die Platte nun tatsächlich die Klasse einer wahren "Predigt" erreicht und prophetenhaft auf die Massen wirkt, sei einmal dahingestellt. Fakt ist: Mehr Untergrund als auf Bombers neuer Platte wird man in diesem Sommer kaum finden. Man muss deshalb nicht gleich ein Anhänger dieser Proll-Religion werden. Doch man kann es durchaus zum Anlass nehmen, um sich auf einen auditiven Trip durch MC Bombers asoziales Leben in Berlin einzulassen.

(Florian Peking)

 

257ers – Mikrokosmos

257ers – Mikrokosmos

Trotz der florierenden Beschaffenheit der Deutschrapszene scheint es ab und an Monate zu geben, in denen einfach nichts releast wird. Zumindest nichts, was einen persönlich interessieren würde. Dann bleibt einem nichts anderes übrig, als sich den Platten zu widmen, die bereits im Regal stehen – oder sich eben doch mit den aktuellen Veröffentlichungen zu beschäftigen. Der Blick aus dem eigenen "Mikrokosmos" heraus lohnt sich, denn vielleicht stellt man dabei fest, gewisse Künstler zu Unrecht mit Desinteresse gestraft zu haben.

So könnte sich etwa ein offenes Ohr für das neue Album der 257ers auch dann lohnen, wenn man mit der Musik des Essener Trios bisher nichts anfangen konnte. Denn das Wegfallen von Keule dürfte den Sound des jetzigen Duos maßgeblich verändern. Außerdem legen die ersten Videosingles zu "Holland" und "Holz" den Verdacht nahe, dass man sich zwar weiterhin mit stumpfem Humor beschäftigt, diesen aber zumindest nicht mehr vom tiefsten Grunde des Niveaus abschabt. Der Großteil des Albums bleibt dann jedoch – leider – der alten Linie treu: hektische, elektrische Beats, überdrehte "Abgehn!"-Mentalität und lieber zehn schlechte Witze als eine gute Zeile. Etwas ausgelutscht wirkt das inzwischen schon. Mit dem fünften Album sollten dann auch die letzten Hörer verstanden haben, dass die 257ers stolz darauf sind, besonders eklig, stumpf und durchgeknallt zu sein. Ob einen die dazugehörige Musik mitreißt, muss jeder selbst mit seinem Geschmack vereinbaren.

Unter ihren Fans und Mutanten mag der "Mikrokosmos" der 257ers zweifelsfrei viele Freunde gefunden haben, hat sich trotz Keules Fehlen nicht viel an der Musik der verbliebenen Jungs geändert. Genau dies könnte der Grund sein, aus dem nur wenige Leute, die zuvor schon kaum angetan von den Jungs waren, Gefallen an der neuen Platte finden werden. Dennoch sollte jeder für sich selbst entscheiden, ob Mike und Shneezin nicht vielleicht doch überzeugen können. Deshalb: Erst mal in den "Mikrokosmos" hineinhören, bevor man sich wieder der alten Plattensammlung widmet.

(Daniel Fersch)