Clipse Hell Hath No Fury

Clipse – Hell Hath No Fury

"Was?! Du kennst das nicht? Sekunde, ich such' dir das mal raus." Und schon öff­net sich die Plattenkiste. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man re­det über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal ob von ei­nem Song, ei­nem Künstler oder ei­nem Album – mit dem man nicht so recht et­was an­zu­fan­gen weiß. Und plötz­lich ha­gelt es Lobpreisungen, Hasstiraden oder Anekdoten. Gerade dann, wenn der Gesprächspartner ins Schwärmen ver­fällt und of­fen zeigt, dass ihm das Thema wich­tig ist, bit­tet man nicht allzu sel­ten um eine Kostprobe. Die Musik setzt ein und es be­ginnt, was der Person so sehr am Herzen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Herzen liegt: Ein Auszug aus der Musik, mit der wir et­was ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns be­rührt. Ein Griff in un­sere Plattenkiste eben.

 

Es gibt Musik, die einen fröhlich stimmt – und solche, die einen traurig macht. Es gibt tanzbare Musik – und solche, die einen zum Nachdenken anregt. "Hall Hath No Fury" von Clipse ist nichts von all dem. Es handelt sich dabei um ein Album, das einen stoisch stimmt. Denn durch die Straßen von Virginia Beach weht ein rauer Wind, der keine allzu großen emotionalen Ausbrüche zulässt.

Bevor 2006 das zweite offizielle Album der rappenden Brüder Malice und Pusha T erschien, wurde es bereits etliche Male verschoben. Dass "Hell Hath No Fury" trotz anhaltender Querelen mit Jive Records in der Form erschien, in der wir es heute genießen können, grenzt an ein Wunder. Denn: Kompromissloser geht es kaum. Während Malice, der mittlerweile zu Gott gefunden und sich deshalb in No Malice umbenannt hat, und Pusha in ihren Raps schonungslos aus dem Leben auf der Straße berichten, hämmern knallharte Drums aus den Boxen. Niemand Geringeres als The Neptunes – für alle, die in den 2000ern noch zu jung waren oder hinter dem Mond lebten: Pharrell Williams und Chad Hugo – zeichnen für die gesamte Produktion des Albums verantwortlich. Hier gibt es keinen Soul, keine besonders ausproduzierten Beats, keine allzu harmonischen Melodien. Stattdessen dröhnt und rumpelt es gewaltig. Auf den außergewöhnlichen Instrumentals beschreiben Clipse eine Welt zwischen schonungsloser Gewalt und dem durch Drug Money finanzierten Luxus, mit dem man die Albträume, die man durchlebt, zu betäuben versucht. Die zweifellos vorhandene Paranoia gilt es zu unterdrücken. Wenn du es auf der Straße nicht ernsthaft bringst, dann hast du schlichtweg verloren und musst bezahlen. Das heißt, entweder zieht man dich ab oder du musst gar um dein Leben fürchten. Die Message ist also klar: Zuckerschlecken Fehlanzeige.

Die Kälte, die auf dem Album von den vier Hauptakteuren Malice, Pusha, Chad und Pharrell kreiert wird, ist bis heute in dieser Form unerreicht. Nie wieder gab es ein so konsequent durchexekutiertes Stück Rapmusik, das zugleich auf eine extreme Art und Weise Härte verkörpert und dennoch so frei von blanker Wut ist. Wer passiv aggressiv veranlagt ist, findet hier den perfekten Soundtrack zum unbequemen Alltag. Doch auch für jeden Fan harten Raps ist "Hell Hath No Fury" ein absolutes Muss.

(Steffen Bauer)

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