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Mai 2016: Frauenarzt und Gzuz & Bonez MC

"Okay – was habe ich ver­passt?" Eine Frage, der wohl je­der von uns schon ­mal begeg­net ist. Egal, ob man sie selbst ge­stellt hat oder mit ihr kon­fron­tiert wurde. Manch­mal kommt ein­fach der Zeit­punkt, an dem man sich vor al­lem ei­nes wünscht: "Bringt mich doch mal auf den neu­es­ten Stand!" Doch wie ant­wor­tet man dar­auf? Was hält man für beson­ders erwäh­nens­wert? Es ist schwer, eine kurze, aber voll­stän­dige Ant­wort dar­auf zu fin­den. Wie misst man über­haupt Rele­vanz? An media­lem Hype? Am Über­ra­schungs­fak­tor? Oder doch an dem musi­ka­li­schen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das al­les, redu­ziert auf zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ein Release, das vor al­lem im Unter­grund auf Zuspruch gesto­ßen ist, und ei­nes, das in der brei­ten Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wurde. Zwei Werke, die wir nicht unbe­dingt gut fin­den müs­sen, aber eine ge­wisse Rele­vanz oder eine Bedeu­tung jeg­li­cher Art für die hie­sige Rapland­schaft besit­zen. Zwei Werke, die am Ende des Monats vor al­lem ei­nes aus­sa­gen: "Hört, hört! Genau das habt ihr ver­passt!"

 

Frauenarzt_Mutterficker

Frauenarzt – Mutterficker

Dass Frauenarzt weg war, kann man ei­gent­lich gar nicht be­haup­ten. Man könnte eher sa­gen, er war auf ei­nem un­säg­lich lan­gen Mallorca-​Urlaub. Mehrere Jahre lang fei­erte er die ganze Nacht im Strobo-​Licht und tanzte mit Strohhut tra­gen­den Ballermann-​Touristen ohne Shirt den "Disco Pogo". Der dar­aus re­sul­tie­rende Erfolg war ihm von Herzen ge­gönnt. Doch mu­si­ka­li­sch war der Tempelhofer in an­de­ren Gefilden deut­lich bes­ser auf­ge­ho­ben. Und so ist es umso schö­ner, dass 2016 aus "West Berlin wie­der har­ter Rap" kommt.

Die Heimkehr ei­ner Untergrund-​Legende, de­ren Indizierungsliste län­ger ist als die Diskografie et­wai­ger Künstlerkollegen. Dass er mit mehr­fa­chen Goldenen Schallplatten-​Auszeichnungen und dem BRAVO-​Otto ei­gent­lich gar nicht mehr so un­be­kannt ist, in­ter­es­siert ihn schein­bar nur am Rande. So krönt er sich selbst­be­wusst wie eh und je zum "Untergrund-​King". Am Grundprinzip sei­nes Raps hat KKF eben­falls ab­so­lut nichts ge­än­dert. Frauenarzt braucht nicht mehr als ei­nen har­ten Bass, laute Raps und den Rundumschlag ge­gen die Szenekollegen und de­ren Mütter, um auf Albumlänge zu un­ter­hal­ten. Untermalt von elek­tro­ni­schen, har­ten Klängen zeigt der Berliner dem deut­schen Wack MC wie­der, dass für den "Hurensohn Schluss mit gu­tem Ton" ist.

Das Konzept geht er­staun­lich gut auf. Auch, weil ihm in den er­folg­rei­chen Jahren mit Manny Marc kein Stück sei­ner so lieb ge­won­ne­nen Ignoranz ver­lo­ren ge­gan­gen ist. Frauenarzt flucht, be­lei­digt und schreit – es ist al­les wie im­mer. Und im­mer noch ge­nauso un­ter­halt­sam wie vor dem Mallorca-​Trip mit Nena und an­de­ren, fei­er­wü­ti­gen Gestalten. All hail King Kool Frauenarzt, KKF!

(Sven Aumiller)

 

Gzuz und bonez

Gzuz & Bonez MC – High & Hungrig 2

Deutscher Straßenrap hat mitt­ler­weile nicht nur Salonfähigkeit er­langt, son­dern ist auch künst­le­ri­sch so wert­voll wie noch nie. Es gibt Interpreten, die na­hezu er­drü­ckende Storyteller prä­sen­tie­ren kön­nen. Manch ei­ner per­formt wie­derum Songs in Anlehnung an fran­zö­si­schen Trap. Andere Rapper hin­ge­gen ver­ste­hen sich darin, harte Battletexte zu schrei­ben. Somit gibt es eine Vielzahl von Vertretern, zwi­schen de­nen man als Hörer wäh­len kann – und dann gibt es die 187 Strassenbande. Bereits im letz­ten Jahr gab es an die­ser Crew kein Vorbeikommen.

Im ver­gan­ge­nen Monat gab es die 187ers in Form von Gzuz und Bonez MC er­neut zu hö­ren. Die bei­den Hamburger setz­ten jüngst ihre Kollabo-​Reihe mit "High & Hungrig 2" fort. Mit gro­ßen Erwartungen der Fans und zwei vorab ver­öf­fent­lich­ten Singles schick­ten sie ih­ren Langspieler ins Rennen. Am Ende wurde man na­tür­lich nicht ent­täuscht. Der Hype war wie­der da, der Hype war ge­recht. Es gab Straßenrap nach 187–Art, wie man ihn sich wünscht: echt, laut, in die Fresse und ohne ein Blatt vor den Mund zu neh­men. Vielleicht klingt es kit­schig, aber wenn die Boxen wie­der un­ter den wuch­ti­gen Jambeatz–Instrumentals er­zit­tern und dar­auf Texte mit ag­gres­si­vem Flow ge­rappt wer­den, fühlt sich das ähn­lich ver­traut an wie nach Hause zu kom­men. Bonez kün­digt im "Intro" be­reits an, dass beide MCs jetzt "wie­der das­selbe rap­pen" und macht da­mit et­was deut­lich, das sich fast nur die 187ers er­lau­ben kön­nen. Wäre die Aussage von ei­nem an­de­ren Künstler ge­kom­men, hätte man sich viel­leicht daran ge­stört, aber für "High & Hungrig 2" wünschte man sich ge­nau das. Arrogante, per­fekt plat­zierte Adlibs, Schusswaffengeräusche und ver­schro­bene, aber merk­wür­di­ger­weise doch nach­voll­zieh­bare Lebensweisheiten ei­nes Kiffers ge­hö­ren bei den Hamburgern ein­fach dazu.

Während ih­res ra­san­ten Aufstiegs sind sich die Jungs der Strassenbande stets selbst treu ge­blie­ben und ver­öf­fent­lich­ten un­er­müd­lich Alben. Am Ende krön­ten Gzuz und Bonez MC die­sen Weg nach meh­re­ren Top-​10-​Platzierungen nun ver­dient mit Patz 1 der deut­schen Albumcharts.

(Benjamin Borowitza)