Marteria – Zum Glück in die Zukunft

"Was?! Du kennst das nicht? Sekun­de, ich such' dir das mal raus." Und schon öff­net sich die Plat­ten­kis­te. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal ob von einem Song, einem Künst­ler oder einem Album – mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gera­de dann, wenn der Gesprächs­part­ner ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm das The­ma wich­tig ist, bit­tet man nicht all­zu sel­ten um eine Kost­pro­be. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unse­re Plat­ten­kis­te eben. 

 

"Was will ich spä­ter ein­mal wer­den?" – Die­se Fra­ge wirkt fast schon lächer­lich sim­pel. Vor allem, weil man sie noch heu­te in diver­sen Freund­schafts­bü­chern aus der Grund­schu­le liest. Doch trotz­dem fin­den vie­le Leu­te über die Jah­re bis zum Erwach­se­nen­al­ter kei­ne Ant­wort dar­auf. Was soll ein 10-​Jähriger sagen? Dem­entspre­chend kind­lich fal­len die Berufs­wün­sche auch aus: Pro­fi­fuß­bal­ler, Model, Rock­star. Die­se Auf­zäh­lung – für ande­re ein Leben lang wohl nur ein Traum –, scheint für Mar­ten Laci­ny eher eine Art Check­lis­te gewe­sen zu sein. Vom Tri­kot bei Han­sa Ros­tock schlüpf­te er in die Desi­gner­kla­mot­ten von Hugo Boss, um spä­ter als Rap­per von "Level zu Level zu Level" zu hüp­fen und in Sta­di­en zu spie­len, die sein ehe­ma­li­ger Ver­ein kaum zu fül­len ver­mag.

Mar­te­rias Schritt vom Hobby- zum Vollzeit-​Rapper war ein wich­ti­ger für die Ent­wick­lung der gesam­ten Sze­ne, vor­wie­gend aber natür­lich auch für sei­ne eige­ne Musik. Mit wuch­ti­ger Unter­ma­lung der Krauts ging es "zum Glück in die Zukunft". Hier zeig­te das Produzenten-​Trio von Anfang an – sei es durch die ver­spiel­ten Gaming-​Loops auf "End­boss" oder das Wanduhr-​Sample auf "Sekun­den­schlaf" –, wie stim­mig der Beat mit dem Sprech­ge­sang eines Künst­lers har­mo­nie­ren kann. Dabei mach­te es Mar­te­ria den Pro­du­cern aber auch ent­spre­chend ein­fach. Auf sei­nem zwei­ten Solo­al­bum unter die­sem Künst­ler­na­men prä­sen­tier­te er zwölf Kon­zept­songs, die alle einer gewis­sen Strin­genz folg­ten. Von der Hym­ne für "Deutsch­lands neue Num­mer zehn" ("Lou­is") bis hin zur melan­cho­li­schen Depres­si­ons­hil­fe "Amys Wein­haus" bot "Zum Glück in die Zukunft" für jeden etwas. Was zum Schluss an Musik her­aus­kam, fand gekonnt leicht den Weg zwi­schen detail­ver­lieb­ten Popkultur-​Referenzen und elek­tro­ni­schen Chart­hits.

"Was macht man ohne Abi" also? Zum Glück nicht "Schau­spiel stu­die­ren", wie Mar­te­ria auf "End­boss" vor­ge­schla­gen hat. Statt­des­sen erfüll­te sich der Ros­to­cker alle Träu­me, die klei­ne Jungs und Mädels damals erwar­tungs­voll in Freund­schafts­bü­cher gekrit­zelt haben. Und am Ende die­ser Serie von Traum­jobs stand doch die ein­zig wah­re Lie­be: Rap. Und genau die­se Lie­be brach­te uns 2010 ein Album, wel­ches das Poten­zi­al zum moder­nen Klas­si­ker hat.

(Sven Aumil­ler)