April 2016: Prezident und Ali As

"Okay – was habe ich ver­passt?" Eine Fra­ge, der wohl je­der von uns schon ­mal begeg­net ist. Egal, ob man sie selbst ge­stellt hat oder mit ihr kon­fron­tiert wur­de. Manch­mal kommt ein­fach der Zeit­punkt, an dem man sich vor al­lem ei­nes wünscht: "Bringt mich doch mal auf den neu­es­ten Stand!" Doch wie ant­wor­tet man dar­auf? Was hält man für beson­ders erwäh­nens­wert? Es ist schwer, eine kur­ze, aber voll­stän­dige Ant­wort dar­auf zu fin­den. Wie misst man über­haupt Rele­vanz? An media­lem Hype? Am Über­ra­schungs­fak­tor? Oder doch an dem musi­ka­li­schen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das al­les, redu­ziert auf zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ein Release, das vor al­lem im Unter­grund auf Zuspruch gesto­ßen ist, und ei­nes, das in der brei­ten Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wur­de. Zwei Wer­ke, die wir nicht unbe­dingt gut fin­den müs­sen, aber eine ge­wisse Rele­vanz oder eine Bedeu­tung jeg­li­cher Art für die hie­sige Rapland­schaft besit­zen. Zwei Wer­ke, die am Ende des Monats vor al­lem ei­nes aus­sa­gen: "Hört, hört! Genau das habt ihr ver­passt!"

 

 

Prezident_Limbus

Pre­zi­dent – Lim­bus

Ich saß ein­mal in einer lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Vor­le­sung, in wel­cher der Dozent die The­se ver­trat, dass Rap­per so etwas wie die Dich­ter von heu­te sei­en. Selbst als Rap­fan konn­te ich die­sen Stand­punkt nur schwer nach­voll­zie­hen, sind doch die meis­ten sprech­ge­sang­li­chen Ergüs­se weit davon ent­fernt, den Gehalt und die Viel­schich­tig­keit eines lite­ra­ri­schen Werks zu errei­chen. Doch wenn einer es schafft, den lyri­schen Anspruch an Rap auf ein höhe­res Level zu hie­ven, dann ist es wohl Pre­zi­dent.

"Anspruch" könn­te gleich­zei­tig als ein Schlüs­sel­be­griff von Pre­zis neu­em Album "Lim­bus" gel­ten. Wie ein Leit­mo­tiv zieht sich das The­ma des eige­nen Anspruchs an das Leben durch die kom­plet­te Plat­te. Die sprach­li­che Dich­te, die sich hier­bei in Pre­zi­dents Vor­trags­wei­se – geför­dert durch sei­ne lyri­sche Art, Tex­te zu schrei­ben – ent­fal­tet, sorgt für ein ein­zig­ar­ti­ges Hör­erleb­nis. Immer wie­der ver­schlie­ßen sich die ver­schie­de­nen Sin­ne­be­nen, Ver­wei­se und Alle­go­ri­en dem Hörer – sie wol­len erneut gehört, erforscht und reflek­tiert wer­den. Das Ergeb­nis ist ein unge­mein inten­si­ves Nach­den­ken über den "Abgrund", den uns Pre­zi­dent prä­sen­tiert. Ödes Mit­tel­maß und gedan­ken­lo­se Anpas­sung fin­det der Rap­per als kri­ti­scher Beob­ach­ter über­all – im All­tag wie in der Rap­mu­sik. Stets den bit­te­ren Geschmack von Whis­key und Kaf­fee am Gau­men kle­bend, kämpft er gegen die­se ein­tö­ni­gen Sym­pto­me der Gesell­schaft an, ohne auf einen befrie­di­gen­den Nen­ner zu kom­men. Denn: "Wer sagt, dass es 'ne Lösung geben muss?"

Wie die meis­ten Pre­zi­dent-Relea­ses zeigt auch "Lim­bus", was Deutschrap abseits von lee­ren Hül­sen aus Reim­sil­ben und Pun­ch­li­nes text­lich zu leis­ten ver­mag. Die har­sche, manch­mal auch bös­ar­ti­ge, aber stets intel­li­gen­te Ana­ly­se von Pre­zi­dent ist schwer in sei­ner Kom­ple­xi­tät zu fas­sen. Selbst durch die whis­key­ge­tränk­te Sicht bleibt die Kern­aus­sa­ge sei­ner Tex­te klar. Im Drum­her­um gibt es für den auf­merk­sa­me­ren Hörer trotz­dem viel zu erkun­den. Und das ist einer der Haupt­grün­de, die "Lim­bus" so hörens­wert machen.

(Flo­ri­an Peking)

 

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Ali As – Eupho­ria

Ali As ist ein Uni­kat. Der Münch­ner zählt aktu­ell zu den größ­ten Wort­akro­ba­ten der deut­schen Rap­sze­ne. Und auch, wenn man ein­zel­ne Aspek­te wie sei­nen wahn­wit­zi­gen Twitter-​Grind oder die fre­che, unver­blüm­te Art, die immer wie­der in "Dis­sen für Pro­mo" zur Schau gestellt wird, außer Acht lässt, bie­tet der Rap­per vie­le wei­te­re Facet­ten, die eine Erwäh­nung wert sind.

Es bleibt ein erwach­se­ner und über die Jah­re hin­weg an sich selbst gereif­ter Musi­ker, der mitt­ler­wei­le weit­aus mehr ist als ein Teil vom "Punchline-​Bilderberger-​Treffen". Lässt man ein Werk mit einer Zei­le wie "Mein Opa wurd' erschos­sen, da war Papa noch ein Kind" begin­nen, so bedarf es einem gro­ßen musi­ka­li­schen und text­li­chen Fein­ge­fühl, um den Song über­ra­schen­der­wei­se in einen Rund­um­schlag gegen die Deutschrap-​Szene umzu­mün­zen. Und gera­de das macht "Eupho­ria" so stark. Die Über­ra­schun­gen und Sei­ten­hie­be, die in jeder Ecke des Albums war­ten, hal­ten den Hörer auf Span­nung. Gewiss mag dabei nicht jeder Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung gehen – sofern es so etwas über­haupt gibt –, aber ein abso­lut glatt­ge­bü­gel­tes Release ist ohne­hin etwas, das man von Ali As weder erwar­tet noch gewollt hat. Viel mehr freut man sich über "Fa-​Farid Bang"-Hooks und jeden noch so klei­nen Ansatz der Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit.

Ali As ist und bleibt eben ein Uni­kat. Ein Uni­kat, das sich die Selbst­be­weih­räu­che­rung über die Jah­re hin­weg wohl red­lich ver­dient hat: "Kids schrei'n 'King' und mein' mich jetzt. Ey, kei­ne Lüge, ich zitie­re wie 'n Fisch­netz".

(Lukas Mai­er)