Abroo

"Angst" ist ein all­ge­gen­wär­ti­ges Thema – so auch für den Lemgoer Rapper Abroo, der dar­über ein gan­zes Konzeptalbum ma­chen wollte. Bereits vor fünf Jahren kündigte er dieses Projekt das erste Mal an. Daraus entstand sein aktuelles Album "Königreich der Angst", des­sen Titel klar an den Roman "Kingdom of Fear" des ame­ri­ka­ni­schen Autors Hunter S. Thompson an­ge­lehnt ist. Zu Beginn des Interviews standen noch ge­zielte Fragen zum Release selbst im Vordergrund. Im we­ite­ren Verlauf entwickelte sich allerdings eine span­nende Diskussion über die Politik der USA, das ak­tu­elle Niveau im deutschen Rap und die Vergangenheit des Musikgenres. Die kritischen Aussagen von Abroo zu den un­ter­schied­li­chen Themen run­de­ten das Gespräch op­ti­mal ab – lest selbst.

MZEE.com: Zu Beginn des Interviews werfen wir mal einen kleinen Blick in die Vergangenheit. Deine aktuelle Platte hast du bereits 2011 zum ersten Mal angekündigt. Warum hat sich das Release derart in die Länge gezogen? Wie lange hast du tatsächlich an "Königreich der Angst" gearbeitet?

Abroo: Ich habe wirklich vier bis viereinhalb Jahre daran gearbeitet. Fertig geworden ist alles dann Ende 2015, denn mit dem Mischen und Mastern zieht sich das ja immer in die Länge. Warum es so lange gedauert hat, lag an mehreren Faktoren. Erstens habe ich gemerkt, dass es ein schwieriges Thema ist und man ein Konzeptalbum nicht mal eben so in drei Wochen runterschreibt. Dadurch habe ich recht viel recherchiert und mich eingelesen. Der eigentliche musikalische Rahmen stand auch schon, aber den habe ich dann wieder verworfen. Hier und da kam ein Song dazu, den ich doch nicht mehr auf dem Album haben wollte. Eigentlich ist es immer die Kunst des Weglassens, gerade bei dem Thema "Angst". Da hätte man theoretisch auch ein Doppelalbum draus machen können. Der zweite Grund ist, dass ich beruflich relativ stark eingebunden war und ein Stück weit noch gesundheitliche Probleme dazukamen. Das hat sich dann alles mehr oder weniger in den Vordergrund geschoben.

MZEE.com: Wer ist denn überhaupt das Oberhaupt in diesem Königreich und wie regiert er gerade?

Abroo: Die Frage ist gut. (grinst) Es ist eine Referenz zum Hunter S. Thompson-Buch "Kingdom of Fear", aber ich würde im Grunde genommen sagen, dass Deutschland das Königreich der Angst ist. Wir haben auf jeden Fall die meiste Angst vor allem und uns wird auch die meiste Angst gemacht. (lacht) Im Königreich der Angst regiert natürlich auch die Angst selbst.

MZEE.com: Neben dem eigentlichen Album befindet sich auf "Königreich der Angst" auch ein Hörbuch des Autors Dirk Bernemann. Was hat es mit dem Hörbuch auf sich und wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Abroo: Ich habe Dirk Bernemann 2010 auf einem Antihelden-Album eine Zeile gewidmet, die lautet: "Irgendwas zwischen Bernemann und Bret Easton Ellis" – und daraufhin hat er sich tatsächlich gemeldet. Über die Jahre hinweg haben wir eine Art Freundschaft aufgebaut. Ich bin zu seinen Lesungen gegangen, er ist zu Konzerten gekommen. Ich habe ihm Musik zugeschickt, er hat mir Bücher vor der Veröffentlichung zukommen lassen. Und dann haben wir uns gegenseitig mehr oder weniger die Kritik um die Ohren gehauen. Wir haben uns aber auch bei der Entstehung der jeweiligen Werke ein bisschen geholfen. Irgendwann habe ich ihm erzählt, dass ich vorhabe, ein Album namens "Königreich der Angst" zu machen. Er wusste natürlich sofort, wo das herkommt, woraufhin ich ihm die ersten Tracks geschickt habe. Er war sofort begeistert und ich hab' ihm vorgeschlagen, mir was für das Booklet zu schreiben. Er hat sich dann aber dazu entschlossen, nicht über jeden Song, sondern einen kompletten Text zu schreiben. Das Endprodukt war recht lang und wir überlegten, ein Buch zu machen, das zur CD dazukommt. Er kam auf die Idee, dieses Buch zu vertonen und ein Hörbuch daraus zu machen. Genau so, wie es ist, wollte ich es auf die CD packen und bei der Vinyl als 7Inch auch noch mal dazulegen.

MZEE.com: Warst du denn sofort begeistert von dem, was er dazu beitragen wollte? Oder habt ihr euch noch mal zusammengesetzt?

Abroo: Das Ganze funktioniert als Symbiose, nur eben einmal aus Autorensicht und einmal aus Rappersicht. (lacht) Es ist schon seine eigene Sichtweise und er hat das auch in seinem Stil verarbeitet. Auf mein Album wird nur an wenigen Stellen eingegangen. Ansonsten ist es seine Art und Weise, mit den verschiedenen Ängsten umzugehen, wobei es sicherlich hier und da auch nicht immer ganz ernst gemeint ist. (grinst) Ungewöhnlich ist es auf jeden Fall, aber es ist nicht so, dass ich von Anfang an gedacht habe: "Oh, die machen alle Amazon-Pakete, da muss ich jetzt auch irgendwas machen, aber mir fällt nichts ein – dann mach' ich halt ein Hörbuch". Wir machen keine Amazon-Boxen, weil mir schon klar ist, dass da mit den Charts nichts geht. Dementsprechend war mir einfach wichtig, dass das Produkt toll ist und nicht penetrant auf den Umsatz hingearbeitet wird. Dirk Bernemann – auch wenn er davon lebt – geht es genauso. Wir sind da beide im Kopf zu sehr Künstler und wollen einfach das machen, worauf wir Bock haben. Mir ist auch klar, dass es die Zielgruppe des normalen Rappers nicht trifft. Das war aber schon immer so und ich muss auch nicht Everybody's Darling sein. Mein Album ist dann doch sehr ernst geworden, einfach schwere Kost und sehr eckig. Wenn es der eine oder andere hört, ist mir das schon viel wert.

MZEE.com: Greifen wir mal ein paar politische Themen auf. Du sprichst auf dem neuen Album davon, dass die Lage "hoffnungslos, aber nicht ernst" sei und rappst von einem Überwachungsstaat und drohendem Atomkrieg. Siehst du darin eher ein Endzeit-Szenario oder die Gegenwart?

Abroo: Es ist alles mit einem zwinkernden Auge zu verstehen. Jeder andere würde sagen, dass ich Spiegel vorhalte, aber das ist Quatsch. Ich versuche die Leute mit solchen Sätzen wie "Die Luft riecht schon viel besser mit den Umweltplaketten" zum Nachdenken zu kriegen, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger daherzukommen. Es war mir wichtig, dass man diverse Themen so anpackt, wie es noch keiner gemacht hat, und auch ein Stück weit Leute dazu bewegt, eine Zeitung oder ein Buch zu lesen. Ich halte es für wichtig, die Nachrichten ein wenig zu filtern, um sehen zu können, dass sich vieles um Schlagzeilen dreht. Das ist natürlich schwierig heutzutage bei so enorm viel Ablenkung, aber einen Versuch war es wert.

MZEE.com: Du hast mit "Sterne und Streifen" gerade einen kritischen Track über die USA rausgebracht. Wie verfolgst du den aktuellen Präsidentschafts-Wahlkampf?

Abroo: Daran kommt man ja eh nicht mehr vorbei, das ist klar und war noch nie anders. Es ist ein Thema für sich, denn im Endeffekt kann man es mit "Big Brother" oder dem Dschungelcamp vergleichen, weil es auch nur ein großes Theater ist. Am Ende kommt es darauf an, wer sich am besten präsentiert oder durch skurrile Sätze in den Vordergrund stellt, wie Trump es tut. Die Amis sind auch mittlerweile ein herangezüchtetes, dummes Volk. Natürlich nicht alle, aber die sind einfach das Vorzeigebeispiel, dass viel Scheiße passieren kann und einfach niemand auf die Straße geht. Das letzte Mal, dass richtig was los war, war beim Vietnamkrieg zwischen 1965 und 1974. Da war Action, aber danach kam auch nichts mehr. Und es ist ja nicht so, als hätten die Amerikaner danach keine Kriege mehr geführt. Irgendwie haben sie es hinbekommen, dass alle uninteressiert und unkritisch an alles herangehen. Ich glaube, dass bei diesem Wahlkampf – wie in vielen anderen Ländern auch – der bessere Schauspieler gewählt wird. Aber der kriegt eben dann keinen Oscar, sondern das Amt. Klingt vielleicht auch ein bisschen abgedroschen, als würde ich alles nur negativ sehen, aber es gibt nichts, was mich vom Gegenteil überzeugen könnte.

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MZEE.com: Ich finde, du hast gerade ein paar interessante Punkte angesprochen. Ich weiß nicht, inwieweit du dich mit den anderen Kandidaten beschäftigt hast. Die großen zwei dieser Vorwahlen sind ja allen bekannt. Siehst du jemanden, der einen Wandel in die Weltpolitik bringen könnte, oder denkst du, dass es eigentlich total egal ist, wer gewählt wird?

Abroo: Ich vermute eher Letzteres. Ich glaube, dass das wie bei jedem jungen Politiker oder auch Staatsanwalt ist: Am Anfang ist man immer sehr überzeugt von der Sache, etwas zu ändern. Aber wenn man den richtigen Einblick in diese ganzen Machenschaften bekommt, dann ist man auch relativ schnell wieder runter von seinem Trip und versucht die eigene Amtszeit abzusitzen, ohne irgendwelche extrem schlimmen Fehler zu machen. Und selbst das wird bei den Amerikanern recht schnell verziehen. Da baut ein Bush 1991 Scheiße, ein paar Jahre später kommt der nächste Bush und für dieses Jahr hatte sich schon wieder einer zur Wahl gestellt. Würden sie wirklich Kandidaten stellen, die was Wichtiges und Intelligentes zu sagen hätten, wäre das alles schwerer. So sieht man ja, dass jemand wie Donald Trump weiterkommt, der einen Bundesstaat nach dem nächsten holt, was woanders undenkbar wäre ... Bei "Big Brother" oder dem Dschungelcamp gewinnt ja auch nicht der mit den intelligentesten Reden, sondern die skurrilste Person. Dass bei den Präsidentschaftswahlen aber gerade über die eigene Zukunft entschieden wird, verstehen viele gar nicht. Ich habe nur Kopfschütteln dafür übrig. Und von "Sterne & Streifen" sind manche Zeilen schon ganz lange in meinem Kopf. Die ersten habe ich 2003 geschrieben, aber es ist einfach immer noch aktuell und das ist doch irgendwie erschreckend. Das soll aber nicht bedeuten, dass wir Deutsche da besser sind, denn manche Themen, die wir vor 20 Jahren hatten, haben wir auch immer noch. Das nimmt auch kein Ende, aber bei den Amis ist es auf einem ganz anderen Level.

MZEE.com: Auf "Sterne & Streifen" rappst du: "Doch anstatt im Big Apple mal die Würmer zu zählen, schickst du Bauern in den Krieg, weil dir zwei Türme fehlen". Ich lese unter anderem daraus, dass für die USA deiner Meinung nach die Auseinandersetzung mit den nationalen Problemen Priorität vor einem "Krieg gegen den Terror" oder generell militärischen Interventionen im Ausland haben sollte. Kannst du etwas detaillierter erläutern, wieso du dieser Ansicht bist?

Abroo: (lacht) Ich habe diese Schach-Analogie natürlich verwendet, weil es taktisch ist. Man kann sehr viel hineininterpretieren, was auch gut so ist. Ich glaube, dass die Amerikaner die innenpolitischen Probleme für Außenpolitik verwenden. Wenn ein Einheimischer wie Timothy McVeigh (Anm. d. Red.: Bombenattentäter von Oklahoma City, 1995) daherkommt und nicht nur gegen den Staat, sondern wahrscheinlich auch noch rechtsradikal ist, dann bringt denen das nichts. Da könnte man allerhöchstens sagen, dass man das Budget für das FBI verdoppelt, aber davon hat der Staat außenpolitisch nichts. Als das damals passiert ist, wurde er verurteilt und ist hingerichtet worden. Das war's. Wenn aber jemand von außerhalb kommt und das macht, muss Krieg geführt werden. Dann muss man überall hin – im Namen von allem Möglichen ... im Namen der Freiheit und im Namen Gottes, was ja Bush andauernd erwähnt hat – der übrigens auch mit einem Zitat in dem Track ist. Im eigenen Land haben sie so wahnsinnig viele Probleme und ich weiß ja nicht, wie man Terror genau definiert, aber ich definiere das wahrscheinlich anders als die. Für die ist das wahrscheinlich kein Terror, wenn alle zwei Monate jemand mit zwei TEC-9-Waffen durch eine Schule rennt oder im Kino als Joker verkleidet Menschen ermordet. Dieses Thema wird gar nicht angegangen. Ganz im Gegenteil heißt es dann, dass man sich erst recht bewaffnen muss, weil das jedem überall passieren kann. Wenn jetzt aber jemand Amok läuft, der einen langen Bart hat und nicht aus Amerika kommt, dann müssen wir aufpassen, wo sie als Nächstes angreifen. Das ist scheinheilig bis zum Gehtnichtmehr und meiner Meinung nach auch extrem durchsichtig.

MZEE.com: Kannst du vielleicht auch direkt ein paar der größten "Würmer" identifizieren, die dir in den Sinn kommen?

Abroo: Im Endeffekt ist es nichts anderes als in anderen Staaten auch, denn es regiert keine Person oder Senat. Von daher gibt es jede Menge Würmer, die das Land zugrunde richten, viel Scheiße bauen und das komplett offen machen können. Nehmen wir mal das Thema "Ernährung" als Beispiel. Es gibt Leute, die die Schulküchen komplett in der Hand haben. Die Kids kriegen ihre Sloppy Joes plus Burger mit Coca-Cola und das wird dann als Nahrung hingestellt. Das alles nicht, weil es besonders günstig ist, sondern weil dahinter eine riesige Firma steht, die den kleinen Konsumenten an ihr Essen gewöhnen will. Da ist nichts mehr echt, denn es gibt nicht mal richtigen Weizen. Das ist nur noch genmanipuliertes Zeug. Allein das Fleisch ist ein ganz anderes Thema. Die fangen schon früh an, die Kids von Dingen abhängig zu machen; ein ganz großer Faktor dabei ist auf jeden Fall Zucker. Da hängen also noch ganz viele andere Sachen dahinter, wie zum Beispiel die Pharmazie. Ich weiß, das kommt einem jetzt so vor, als würde man mit einem Ernährungswissenschaftler reden, aber das kann man bei denen einfach nicht vernachlässigen, weil es süchtig macht. Bei der Waffenlobby zum Beispiel brauche ich nicht mal erklären, warum die auch zu den Würmern zählt. Ich glaube, ich würde sogar soweit gehen und auch gezielt die Bildung nennen. Ich kann mich erinnern, dass, als ich in der Schule war, manche Mitschüler nach einem Auslandsjahr in den USA vollkommen schockiert über die dortigen Zustände wiederkamen. Das ist unfassbar und ich glaube auch irgendwie, dass das Absicht ist. Für eine Weltmacht einen solch beschissenen Bildungsstandard zu haben, da kann nur eine Methode dahinter sein. Anders kann ich mir das nicht erklären. Deutschland ist inzwischen auch irgendwo im Mittelfeld. Es gibt einige Staaten, die sowas mitmachen und zum Glück auch einige, die es sein lassen – wie die Skandinavier, die in allen Bereichen sehr gut aufgestellt sind, auch im Bildungs- und Gesundheitssystem. Amerika hat extrem viele Würmer und die Leute, die gezielt nach diesen Würmern suchen, um sie zu entlarven, würden einfach ruhiggestellt und nicht ernst genommen werden.

MZEE.com: Warst du denn mal selbst in den USA und konntest dir einen Einblick gewinnen oder beruht deine Meinung eher auf Recherchen und Berichten?

Abroo: Ich war noch nie da und muss auch sagen, dass es mich nicht unbedingt reizt. Es gibt manche Sachen, die interessant sind, zum Beispiel die Bay Area um San Francisco. Wenn man sich mit Amerikanern unterhält, dann fällt schon auf, dass sie diesen Absolutismus in die Wiege gelegt bekommen. Es hat auch einen Grund, wieso man in der Schule ein Treuegelöbnis sprechen muss und nach Sendeschluss die Hymne kommt. Die sind extrem überzeugt von sich. Es ist, wie ich es in dem Song auch sage: Es gibt unfassbare Technologien dort und dann gibt es Bundesstaaten, in denen die Wahlzettel gestanzt werden müssen, wobei einfach Fehler passieren. Die wollen auch gar nicht, dass dort richtig gewählt und ausgezählt wird. (lacht) Ich glaube, über Amerika alleine hätte man fast ein ganzes Album machen können. Nicht jeder kam auf diesen Song klar. Es hieß mal, es sei ein "einseitiger Anti-Amerikanismus" ... da bleibt aber auch nicht viel auf der anderen Seite stehen. (grinst) Wenn du sagst, man soll was Positives aufschreiben, wird es eng und man kann kaum was sagen. Ich glaube auch, dass viele Leute, sobald ein kritischer Song über Amerika kommt, in die Defensive springen und es als sehr einseitig oder oberflächlich bezeichnen, was nicht wahr ist. Aber sie können damit einfach nicht viel anfangen oder wollen es nicht wahrhaben. Natürlich habe ich dabei völlig übertrieben und gerade in den letzten zwei Zeilen gibt es viele Worte, die ich miteinander verbinde, was sehr plakativ ist. Aber es interessiert auch keinen, wenn ich nur mit politisch dahergesagten Sätzen komme. Dann lieber einmal richtig mit dem Vorschlaghammer draufhauen und die Leute sind vielleicht schockiert, aber denken wenigstens darüber nach.

MZEE.com: Warum hast du dir für einen Track gerade dieses und kein interessantes europäisches Thema ausgesucht? Wieso liegt dir das so am Herzen?

Abroo: Europäische Themen sind natürlich auch auf dem Album vertreten, aber einen ganzen Track über eine Thematik habe ich nur in diesem Fall gemacht. Allerdings muss man auch sagen, dass kein anderes Land unsere Nachrichten und unser Weltbild generell so sehr bestimmt wie Amerika. Wir mögen ja alle ein paar Dinge. Zum Beispiel Popcorn essen im Kino. Es hat auch einen Grund, warum einmal im Jahr alle zum Super Bowl ihre Football-Klamotten rausholen und sieben Stunden ein Spiel gucken, was sie überhaupt nicht verstehen. Ich glaube, man guckt auch immer noch ein bisschen hoch und denkt, dass Amerika der Standard ist. Man hätte auch über die Menschenrechtsverletzung in China schreiben können, aber dazu hätte ich wahrscheinlich zu wenig Stoff gehabt. Amerika ist wirklich dieses eine Land, was mit jedem Scheiß durchkommt – und deswegen ist das so der Gulli der Welt. Es muss eine Person geben, die das alles mal zusammenfasst, aber letztendlich interessiert es die Mehrheit auch nicht, was ein kleiner Rapper aus Lemgo erzählt. Nur muss es mir ja auch auf der Seele gebrannt haben, sonst hätte ich keinen ganzen Song darüber gemacht. Selbst wenn nur 20 Leute dabei sind, die darüber nachdenken, dann habe ich mehr erreicht als mit einem Album, was sich Millionen Mal verkauft hätte und alle nur: "Sizzurp".

MZEE.com: Kommen wir noch mal zum Thema "Angst" zurück. Ludwig Börne hat einmal geschrieben: "Es ist nichts zu fürchten als die Furcht". Denkst du, da ist was dran?

Abroo: (überlegt) Ja, ich denke, dass da was dran ist. Und in manchen Bereichen ist die Furcht an sich auch in Ordnung. Aber es gibt mittlerweile keinen Bereich im Leben mehr, wo einem keine Angst gemacht wird. Man wächst damit schon von klein an auf. Deshalb fange ich mein Album auch mit dem Song "Bienenstaat" an, weil man mit so viel Blödsinn aufwächst, der einem erzählt wird. Die Angst ist ein Werkzeug, von dem Staatsmänner schon vor tausend Jahren wussten, dass es super funktioniert. Mit Furcht und Angst wurde schon immer gespielt. Es fängt im Kindesalter an und geht bis in das Erwachsenenleben, wie ich es jetzt auch mit der Frage nach Heirat, Hauskauf und Kinderkriegen erlebe, weil man das doch so macht. (lacht) Den großen Teil über die Religion habe ich rausgelassen. Der kommt jetzt aber auf ein anderes Album, da ich den einfach machen wollte. Religion arbeitet natürlich auch viel mit Ängsten. Ich rede aber nur vom Christentum, weil ich von den anderen Religionen in den besagten Song nichts habe einfließen lassen. Ich habe viel davon mitbekommen, bin aber selber Atheist und gerade dadurch habe ich wahrscheinlich immer diese kritische Haltung gehabt, warum einem etwas so und so vorgehalten wird und man etwas so und so machen muss.
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MZEE.com: In der Presseerklärung zur Platte heißt es: "Die Existenz von Ängsten ist überwiegend unabhängig von Kultur und Zeitalter – was sich ändert, sind nur die Angstobjekte". Darauf folgen einige Beispiele wie "Bakterien, Unfälle und Einsamkeit". Aber: Wovor hast du denn abseits allgemeiner Ängste der Gesellschaft persönlich Angst?

Abroo: Ich hab' nicht so Bock auf Höhen. (lacht) Ich kann mich nicht im zwanzigsten Stock auf ein Fensterbrett setzen, das geht einfach nicht. Abgesehen davon würde ich behaupten, dass ich mich von den gesellschaftlichen Ängsten freimachen kann. Nach dem Ende des Studiums habe ich mir auch gedacht, dass ich erst mal ein Jahr lang nichts mache, was ja auch in Ordnung ist, wenn man bedenkt, dass ich 14 Semester studiert habe. (lacht) Selbst in diesem Jahr, wo ich nichts gemacht habe, hatte ich den Gedanken, dass ich was Vernünftiges machen muss. Vielleicht auch etwas, was mir nicht jeden Tag Spaß macht, ich aber trotzdem machen muss, weil ich Verpflichtungen habe. Ich glaube, das ist die Angst, die jeder hat: Einfach irgendwann für seinen Lebensstandard nicht mehr zahlen zu können und aufgrund des Geldes eine Arbeit zu haben, auf die man nicht immer Lust hat. Zum Glück habe ich aber einen Job, mit dem ich zufrieden bin, weil ich etwas sehr Sinnvolles mache und damit viel besser leben kann. Nichtsdestotrotz hat man die Angst beziehungsweise Frage, ob es einen in dem Beruf in zehn Jahren noch gibt. Ansonsten habe ich, glaub' ich, tatsächlich nur Angst vor der Dummheit anderer. Das ist natürlich jetzt sehr oberflächlich. Da kann jemand ganz dumm in mein Auto reinrasen. Da kann mich aber auch jemand ganz dumm versuchen auszurauben oder in meinem Bekanntenkreis kann jemand ganz dumme Sachen von sich geben. Ich denke, ich habe am meisten Angst davor, dass die Leute noch mehr verblöden, dumme Entscheidungen treffen und ihr Gehirn an das sogenannte Smartphone abgeben.

MZEE.com: Du hast schon vor circa zwei Jahren über das niedrige Niveau von deutschem Rap debattiert. Würdest du heutzutage die Aussagen von damals auf die heutige Szene bezogen abändern oder hat sich für dich nichts verändert?

Abroo: Ich glaube, ich würde es sogar noch weiter überdramatisierten und sagen, dass es schlimmer geworden ist. Wobei ich sagen muss, dass für mich inhaltliches Niveau nicht mit guter Mucke gleichzusetzen ist. Man kann auch ein Buch von Immanuel Kant vorrappen und trotzdem ist es scheiße. (lacht) Ich würde behaupten wollen, dass es vom Niveau her gesunken ist. Das liegt generell vielleicht auch an den Deutschen. Wir sind einfach das Schnappi-Krokodil-Land. Wir wollen nicht nachdenken, sondern tanzen, feiern und uns mit Musik ablenken. An sich ist das auch komplett in Ordnung. Ich finde nur, dass es auch die andere Seite geben soll. Politische Singer-Songwriter-Folkrock-Geschichten, die damals die Leute aufgerüttelt haben und Soundtrack zur Revolution waren, sind heute undenkbar. Die Leute halten sich beim Rappen Geldstapel ans Ohr in den Videos ... In einem Video, was ich letztens gesehen habe, hat sich einer eine Blumenvase ans Ohr gehalten. Kannst du mir sagen, was das bedeutet?! Vielleicht ist es auch eine Verarsche vom Geldstapel – das habe ich zumindest gehofft. Es wird auf jeden Fall immer stumpfer und stupider und die Leute lachen darüber, was ja in Ordnung ist. Aber wenn das zu viel und der Anteil an Künstlern und Alben, die abseits von jeglichem Entertainment etwas Wichtiges zu sagen haben, zu gering wird, dann ist das schade. Ich bekomme jetzt vielleicht mit dem ein oder anderen Gangsterrapper Ärger (grinst), aber ich würde schon sagen, dass Gangsterrap inzwischen auch Spaßmucke ist. Man muss sich nur mal die Hörerschaft angucken. Das sind 17-jährige, gut behütete Mittelstandskinder, die gegen die Eltern rebellieren wollen. Kann ich aber auch nachvollziehen. Als ich 14 oder 15 war, habe ich auch N.W.A., Ice Cube oder Ice-T gehört – je krasser, desto besser. Klar gibt es Missstände, die man aufzeigen kann. Und es gibt auch Viertel, die nicht in Ordnung sind. Warum man das aber machen muss, indem man die dicken Karren und Geldstapel zeigt, um dann zu sagen, man ist trotzdem noch in der Hood, erschließt sich mir nicht so ganz. Das ist diese Ghetto-Romantisierung, die immer noch funktioniert und immer funktionieren wird. Einmal für die, die da wirklich herkommen – und dann für den Rest, der damit überhaupt nichts am Hut hat.

MZEE.com: Du hast die Szene über viele Jahre hinweg miterlebt und sicherlich auch beobachtet. Gibt es noch etwas, was dich derzeit an deutschem Rap stört und wenn ja, warum?

Abroo: Was mich auch sehr stört, ist, dass die ganzen Künstler – und es ist egal, wer – alle immer ankommen mit diesen Aussagen wie: "Ihr müsst mein Album kaufen", oder: "Geht in den Laden, ich zeig' euch auch, wie", und: "Wenn ihr das saugt, dann seid ihr Hurenkinder". Mich würde es mal sehr interessieren, wie viele Platten und CDs die tatsächlich selber im Schrank stehen und gekauft haben. Ich habe das Gefühl, dass die selbst nämlich gar nichts kaufen und sich mit anderer Musik gar nicht richtig beschäftigen. Ich mache es genau andersrum, denn ich kaufe extrem viel, sogar viel zu viel Musik. Klar mache ich auch eine Art Promo mit, aber ich stelle mich nicht vor die Leute und sage ihnen, sie haben mein Album zu kaufen. Entweder sie kaufen es oder eben nicht. Das sagt aber ja erst mal alles nichts über die musikalische Ebene. Da stört mich eigentlich gar nicht so viel, denn es hat alles seine Berechtigung. Gerade das moderne Zeug, was nicht so meins ist, ich aber komplett nachvollziehen kann. Es wäre ja auch schlimm, wenn alle auf 90 bpm-Samplebeats rappen würden. Die Leute denken immer nur, dass ich so ein hängengebliebener Rucksack-Typ bin, dabei ist das gar nicht so. Ich bin schon dafür, dass es sowas gibt, nur muss ich es nicht sofort kaufen oder jemandem ans Herz legen. Ich finde, man muss halt wirklich nach den Trüffeln suchen und ein bisschen graben. Ich komme aus einer anderen Zeit: Da bist du in den Laden gegangen, hast eine CD oder eine Platte gesehen, von der du noch nie gehört hattest, und hast sie entweder gekauft oder vor Ort reingehört. Inzwischen gibt es aber einen Marketingplan, wo drinsteht, dass man sieben Singles macht und dazu sieben Videos, die dann und dann gezielt rauskommen. Das hat natürlich auch seine Vor- und Nachteile, gerade bei den modernen Sachen ... Das klingt immer so, als wäre ich 100 Jahre alt. (grinst) Nehmen wir als Beispiel mal LGoony und Crack Ignaz: Ich kriege mit, dass viele von mir geschätzte Leute das feiern, aber ich kann mich da nicht anschließen, weil es überhaupt nicht meins ist. Es ist was ganz anderes, etwas Zeitgenössisches und eben nicht dieses Zurückblickende mit der Aussage "früher war alles so real". Man wird mittlerweile aber auch einfach überschwemmt. Im Deutschrap erscheinen bestimmt zehn Alben pro Woche. Natürlich wird da auch auf einen Zug aufgesprungen, weil es der neueste Scheiß ist und es momentan viele Abnehmer dafür gibt. Die Herangehensweise ist jedem selbst überlassen. Bei dem einen Rapper hat es eher monetäre Gründe, beim nächsten, dass er die Musik wirklich feiert. Und ein ganz anderer verweigert sich der Sache. Wenn mir jetzt jemand sagen würde, dass ich wieder beim Splash!-Festival auftreten dürfte, ich dafür aber meine Mucke ändern müsste ... nee, dann nicht.

MZEE.com: Ich habe im Vorfeld auch überlegt, dich zu bestimmten Deutschrap-Subgenres zu befragen. Aber ich dachte mir, wenn es dir auf der Seele liegt, wirst du es selbst zur Sprache bringen, was du jetzt ja auch getan hast.

Abroo: Selbst wenn ich die ein oder andere Zeile in Richtung eines neuen Subgenres von Deutschrap schieße, ist das doch nicht so extrem zu bewerten. Ich glaube, ich bin da schon lockerer als der ein oder andere in meinem Umfeld. Mit dem Alter bin ich entspannter geworden, weil ich früher definitiv ein ganz verkopfter HipHop-Typ war. Mir kam nur Rap ins Haus, allerhöchstens ein bisschen Soul. Mittlerweile höre ich auch ganz andere Musikrichtungen. Viele von denen, die ihren alten Stil weiterfahren, sind ein Stück weit gar nicht angepisst von der Musik selbst, sondern eher davon, dass gewisse Formate diesen neuen Rappern eine Plattform bieten. Da kommen jetzt irgendwelche dahergelaufenen 19-Jährigen und rappen über Hustensaft und Geld. Dann sind die alten Hasen sauer und fragen sich, wieso solche Leute auf einmal überall präsent sind und warum man selbst nicht mehr stattfindet, obwohl man schon seit zehn Jahren dabei ist. Zu solchen Leuten zähle ich mich schon mal gar nicht. Aber ich kann die Seite schon verstehen, weil heutzutage alles Geschäft ist. Es ist schön, dass alles so bunt ist und es so viele verschiedene Künstler und Schubladen gibt. Aber wenn ich mir mal angucke, wer im März quasi mit mir ein Album rausgebracht hat, denke ich schon, dass ich in meinem Bereich allein auf weiter Flur bin. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass es das einzige Alleinstellungsmerkmal ist, aber ich freue mich ein Stück weit darüber, dass so etwas vertreten ist, auch wenn es nur von mir kommt. Es sollte immer was dabei sein, worüber man nachdenken kann, selbst wenn man dazu nicht mit den Homies in der Disco tanzen kann.

MZEE.com: Zum Abschluss würden wir gerne wissen, was eigentlich aus der "Jägermeistergang" geworden ist? Existiert die noch oder hat sich das verloren?

Abroo: Das war ja nur ein Überbegriff. Wenn man es genau nehmen würde, wären in der "Jägermeistergang" circa 50 Leute. Es sind verschiedene Gruppierungen. (grinst) Da war der ein oder andere Frankfurter, Leipziger und Lemgoer dabei ... und man hat untereinander noch Kontakt. Wir Lemgoer unter uns ja sowieso, aber mit den anderen Städten auf jeden Fall auch noch. Es gab ja vor geraumer Zeit auch noch ein Album, "Jägermeistergang", was rein als Download rauskam ... völliger Wahnsinn. Das war ein super Spaßprojekt. Im Grunde genommen war es ein Zusammenschluss von Leuten, die sehr gern Party gemacht haben. Wo auch Leute involviert waren, die auf den ersten Blick gar nicht zusammen passen würden, was auch ganz interessant war. Ein Vega war dabei, aber auch das gesamte Umfeld von Morlockk. Das war schon eine coole Zeit und eine verrückte Zusammenstellung von Charakteren und Leuten. Ab und zu denke ich noch, dass es ein kleines Revival geben müsste, auch wenn ich danach wahrscheinlich zehn Jahre älter wäre. Es wär' aber interessant, die ganzen Leute wiederzusehen. Freut mich, dass euch das überhaupt ein Begriff ist. (grinst)

(Kris­tina Scheu­ner)
(Fotos von crade.one)