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Timeless

Rund drei Jahre sind ver­gan­gen, seit­dem Timeless mit "00:00" sein Freunde von Niemand-​Debüt fei­er­te. Nun steht der Nachfolger "Antiheld" im Handel. Ein Album oh­ne gro­ße Experimente, das zei­gen soll, wie Timeless wirk­li­ch klin­gen will. Für uns blickt der Rapper mit si­zi­lia­ni­schen Wurzeln zu­rück auf sein letz­tes Album, die Zeit da­na­ch so­wie pri­va­te Probleme und die Entstehungsphase sei­ner neu­en Platte. Darüber hin­aus kom­men po­li­ti­sche Themen wie die Flüchtlingskrise und ak­tu­el­le Wahlergebnisse so­wie Authentizität im deut­schen Rap zur Sprache.

MZEE​.com: Zu Beginn des Interviews wür­den wir ger­ne über de­in letz­tes Album "00:00" spre­chen. Die Reaktionen dar­auf wa­ren recht po­si­tiv, du warst al­ler­dings sel­ber nicht so ganz zu­frie­den. Woran lag das und wie blick­st du heu­te dar­auf zu­rück?

Timeless: Es stimmt, ich war ein biss­chen un­zu­frie­den mit der Schaffensphase des Albums. Ich hab' mir von ein paar Leuten um mi­ch rum ein biss­chen zu viel rein­re­den las­sen und war dann im Endeffekt bö­se auf mi­ch selbst. Heute wür­de ich sa­gen, dass das Album ei­ne "Probierphase" für mi­ch war. Bis auf ein paar Totalausfälle fin­de ich es gar nicht mal so schlimm. Ich spie­le man­che Songs auch heu­te no­ch li­ve und die Leute fei­ern das. Für mei­ne Verhältnisse war es ei­gent­li­ch sehr er­folg­reich und ist gut an­ge­kom­men. Auf Platz 31 ge­char­tet und 5 000 CDs ver­kauft. Ich kann sehr zu­frie­den sein …

MZEE​.com: Was war denn der größ­te "Totalausfall"?

Timeless: Ein Totalausfall war für mi­ch oh­ne Frage die­se "Vergiss-​deinen-​Exfreund-​Geschichte". Das wür­de ich so heu­te nicht mehr ma­chen. Dabei geht es mir um das Gesamtbild. Sei es der Inhalt oder der Beat – das ist jetzt al­les nicht mehr fei­er­bar.

MZEE​.com: Hast du dar­aus dei­ne Lehren ge­zo­gen und konn­test sie in Bezug auf de­in neu­es Album "Antiheld" nun an­wen­den?

Timeless: Absolut. Dieses Mal ha­be ich kom­pro­miss­los al­les so ge­macht, wie ich es möch­te und wie ich klin­gen will und das kon­se­quent durch­ge­zo­gen. Ohne gro­ße Experimente.

MZEE​.com: Warum hat si­ch die Entstehung der Platte so lan­ge ge­zo­gen?

Timeless: In den letz­ten zwei, drei Jahren ist bei mir pri­vat sehr viel pas­siert. Ich hab' zwar viel Musik ge­macht, für das neue Album um die 60 Songs …

MZEE​.com: (un­ter­bricht) 60 Songs?! Was hast du denn mit den an­de­ren ge­macht?

Timeless: (lacht) Die sind auf mei­ner Festplatte. Das ist im Endeffekt auch viel halb­ga­res Zeug, teil­wei­se sind es nur Skizzen. Aber ich wer­de auf je­den Fall mal gu­cken, wie ich die ver­wer­te. Vielleicht gibt es in ein paar Jahren ein "Lost Tapes"-Projekt oder so. (grin­st)

MZEE​.com: Kommen wir no­ch mal auf den Schaffensprozess zu­rück. Wer war denn al­les in die Entstehung des Albums in­vol­viert? Und bist du die­ses Mal zu 100 Prozent zu­frie­den mit dem Ergebnis?

Timeless: Ich bin über­trie­ben zu­frie­den – ich sag' auch im Intro, dass es ge­n­au das Album ist, das ich ma­chen woll­te. Eigentlich bin ich da ganz al­lei­ne ran­ge­gan­gen. Ich hab' hier und da Sessions ge­macht – zum Beispiel war ich bei Joshimixu in Essen, da sind Songs ent­stan­den. Und in un­se­rem Studio in Altenstadt sind auch vie­le Songs ent­stan­den. Ich hab' mir mit den Jungs ein paar Flaschen ge­kauft, wir ha­ben uns Beats an­ge­hört und dann ein­fach Musik ge­macht – oh­ne gro­ße Vorarbeitszeit oder rie­sen Planung.

MZEE​.com: Es gibt ja un­ter­schied­li­che Herangehensweisen, ei­nen Track zu schrei­ben. Ich hab' ges­tern Abend die Haftbefehl-​Doku ge­se­hen und da mein­te er, dass er ei­nen sei­ner größ­ten Hits in 15 Minuten ge­schrie­ben hat. Wie machst du das? Bist du je­mand, der si­ch auch mal wo­chen­lang al­lei­ne an ei­nen ein­zi­gen Track setzt?

Timeless: Ich mach' das eher wie der Hafti. (lacht) Bei mir ist das echt so ähn­li­ch. Ich hör' den Beat, dann brauch' ich meis­tens für zwei Parts ein bis zwei Stunden, geh' da­na­ch in die Booth und nehm' das auf. Dadurch, dass in den letz­ten Jahren bei mir so viel pas­siert ist, weiß ich meis­tens schon, über wel­ches Thema ich schrei­be, so­bald ich den Beat hö­re.

MZEE​.com: Wie alt ist denn der äl­tes­te und wie alt der jüngs­te auf "Antiheld" zu fin­den­de Track?

Timeless: Der äl­tes­te Song ist zwei Jahre alt. Der jüngs­te ent­stand kurz vorm Master. Ende Januar. Also ist er zwei Monate alt.

MZEE​.com: Findest du, dass ei­ne Entwicklung auf dem Album wahr­zu­neh­men ist, wenn man ge­n­au hin­hört?

Timeless: Minimal. Ich den­ke, qua­li­ta­tiv gibt es da kei­nen gro­ßen Unterschied. Aber wenn man si­ch mit mei­ner Musik be­schäf­tigt, kann man raus­hö­ren, wel­cher Song et­was äl­ter und wel­cher ein biss­chen fri­scher ist.

MZEE​.com: Hättest du das Album in­halt­li­ch ge­se­hen auch schon vor ein paar Jahren ver­öf­fent­li­chen kön­nen?

Timeless: Nee, die Zeit hab' ich auch auf je­den Fall ge­braucht. Das Album wä­re so, wie es jetzt ist, vor ein paar Jahren auf kei­nen Fall ent­stan­den. Ich hät­te be­stimmt auch schon vor ein, zwei Jahren ein gu­tes Album raus­brin­gen kön­nen. Aber es wä­re nie­mals das ge­wor­den, was es jetzt ist. Und da bin ich schon krass stolz drauf. Ich war da­mals mit­ten in die­ser "Mir-​geht-​es-​scheiße-​Phase" und hät­te be­stimmt ein paar ver­rück­te­re Songs ge­macht. Damals war ich auch no­ch krass auf di­ver­sen Substanzen, da bin ich mitt­ler­wei­le raus. Und ich kann das Ganze ein biss­chen dif­fe­ren­zier­ter er­zäh­len.

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MZEE​.com: Früher hast du in Köln ge­wohnt, vor ein paar Monaten bist du nach Offenbach – mehr in die Nähe der an­de­ren FvN-​Künstler – ge­zo­gen. Hast du das Gefühl, dass sie gro­ßen Einfluss auf de­in Album hat­ten?

Timeless: Es gab tat­säch­li­ch schon Sessions in un­se­rem Studio in Altenstadt (Nähe Frankfurt, Anm. d. Red.), als ich no­ch in Köln ge­wohnt hab'. Da hab' ich im­mer ir­gend­wo ge­pennt und Zwei-​Wochen-​Sessions mit den Jungs ge­macht. Und die an­de­ren hat­ten au­to­ma­ti­sch Einfluss auf das Album, ja. Wir sind seit fünf Jahren zu­sam­men un­ter­wegs und ich den­ke, da be­ein­flusst man si­ch auf je­den Fall un­be­wusst. Man guckt si­ch ge­gen­sei­tig ein paar Sachen ab, man teilt ir­gend­wann auch den­sel­ben Humor. Nicht, dass das jetzt so wirkt, als wür­de ich das schlimm fin­den – das ist auf je­den Fall geil.

MZEE​.com: Als du ge­signt wur­dest, kann­test du die rest­li­chen FvN-​Künstler ja kaum. Ist das Label ei­ne Art Freundeskreis für dich ge­wor­den?

Timeless: Auf je­den Fall. Das merkt man auch im­mer wie­der auf Tour. Selbst, wenn man si­ch drei, vier Monate nicht sieht – wenn man wie­der auf Tour ist, ist al­les geil. Klassenfahrt-​Atmosphäre. Jeder ver­steht si­ch, wir sind ein kras­ses Team.

MZEE​.com: Glaubst du, du machst das no­ch, wenn du 40 bist?

Timeless: (ver­wirrt) Wie? Rap?

MZEE​.com: Nee, sol­che Klassenfahrt-​mäßigen Touren mit Labelkollegen, die dann schon 50, 60 sind.

Timeless: (lacht) Ich kann dir das nicht sa­gen. Ich glau­be schon, dass ich no­ch mu­sik­tech­ni­sch un­ter­wegs bin. Wahrscheinlich bin ich dann aber um halb eins im Hotelzimmer an­statt um sechs.

MZEE​.com: Kommen wir no­ch mal auf de­in Album zu spre­chen. Der "Antiheld"-Schriftzug dei­nes Covers ist dem des gleich­na­mi­gen Modelabels ent­lie­hen – wel­che Verbindungen be­stehen zwi­schen dei­ner Musik und die­ser Marke?

Timeless: Das ist ei­ne en­ge­re Verbindung, als vie­le Außenstehende viel­leicht mit­be­kom­men. Der CEO der Marke ist ein lang­jäh­ri­ger Freund von mir. Er hat mi­ch da­mals schon mit 15 in sei­nem Kinderzimmer auf­ge­nom­men. Er hat­te Studioequipment und wir ha­ben un­se­re Tapes bei ihm ge­macht. Irgendwann hat er dann et­was mit Design stu­diert und si­ch der Mode ge­wid­met. Kurz be­vor "Antiheld" an den Start ge­kom­men ist, ha­ben wir in ei­nem Kurort in Hessen Urlaub ge­macht und im Hotelzimmer über­legt, wie die Marke hei­ßen könn­te. Er hat­te die gan­ze Zeit den Namen "Antiheld" im Hinterkopf und ich hab' ihn in sei­ner Idee be­stä­tigt. Somit war ich von Anfang an da­bei, wie das al­les groß ge­wor­den ist. Ich hab' ihm auch die ers­ten Kontakte zu RAF ge­klärt, der sei­ne Klamotten dann ge­tra­gen hat. Und dann hat er si­ch et­was auf an­de­re Bereiche mit YouTubern und so aus­ge­wei­tet. Er hat sein Ding ge­macht, wor­auf ich sehr stolz bin. Irgendwann ha­ben wir dann dar­über ge­re­det, dass ich mein Album ger­ne "Antiheld" nen­nen und das Ganze als ei­ne Art Movement ver­bin­den wür­de. Das ha­ben wir nun ge­nauso ge­macht. Von ihm kom­men auch die Designs für mein gan­zes Merch jetzt.

MZEE​.com: Kommen wir no­ch mal auf die 60 Tracks zu­rück, die du für das Album auf­ge­nom­men hast. Du ver­öf­fent­lichst nicht nur ein Album mit 15 Tracks, son­dern auch no­ch fünf wei­te­re Songs auf ei­ner EP. Wie kommt es zu ei­nem so gro­ßen Output und wie lässt si­ch das Ganze the­ma­ti­sch ein­gren­zen?

Timeless: Generell bin ich je­mand, der un­fass­bar viel schreibt. Im Studio kann ich rich­tig Gas ge­ben. Wenn man mi­ch drei Tage ein­schließt, kann es vor­kom­men, dass zehn bis zwölf Songs ent­ste­hen. Ich war mit V und Bosca auch ei­ne Woche lang in Bayern in ei­ner Hütte. Da hab' ich zehn Songs auf­ge­nom­men und fünf­zehn ge­schrie­ben. Thematisch lässt si­ch das Ganze auf die Geschehnisse der letz­ten zwei, drei Jahre ein­gren­zen. Es geht um das, was ich und mei­ne Jungs in der Zeit so ge­macht ha­ben. Sachen wie … ganz viel trin­ken … (al­le la­chen) Es geht auch um un­schö­ne Sachen – um Trennungen –, aber auch um schö­ne­re Sachen wie Frauen. Ich kann das al­les gar nicht un­ter ei­nen Hut brin­gen. Das ist schon sehr viel­sei­tig.

MZEE​.com: Und wer sucht am Ende die bes­ten 15 Tracks aus den 60 aus? Machst du das al­lei­ne?

Timeless: Nee, da gab's auch vie­le Diskussionen, weil ich mei­ne Songs als Künstler ehr­li­ch ge­sagt nicht be­son­ders ob­jek­tiv be­wer­ten kann. Ich fin­de dann Sachen über­trie­ben geil, die viel­leicht gar nicht so geil sind. Und dann fin­de ich manch­mal auch Sachen schei­ße, die ei­gent­li­ch rich­tig gut sind. Dann muss manch­mal ein Vega kom­men und sa­gen: "Junge, hör dir das bit­te no­ch mal ganz ge­n­au an. Und dann re­den wir no­ch mal". Er hat­te da­mit auch oft recht. Manchmal gab es Sachen, die ich rich­tig geil fand und bei de­nen er ge­sagt hat: "Das ist jetzt wirk­li­ch nicht so geil". Und zwei Wochen spä­ter fand ich das dann lei­der auch. (lacht) Aber an si­ch ent­schei­de ich das schon zu 90 Prozent und da­zu fließt dann no­ch die Meinung des Labels mit ein.

MZEE​.com: Welcher Song wä­re denn von "Antiheld" ge­flo­gen, wenn es kein Veto ge­ge­ben hät­te?

Timeless: "Doktor", die er­s­te Single. Die woll­te ich auf die Bonus-​EP pa­cken. Ich bin im­mer re­la­tiv schnell von Battlerap-​Songs ge­lang­weilt. Aber an si­ch ist sie ja gut an­ge­kom­men und ist auch ein Brett.

MZEE​.com: Ich ha­be in de­in neu­es Album rein­ge­hört und mei­ne, ei­ne ge­wis­se Aggressivität ge­spürt zu ha­ben. Woran liegt das?

Timeless: An der Wut auf mi­ch selbst und an dem Frust, der si­ch an­ge­staut hat. Darauf, dass ich die letz­ten drei, vier Jahre krass ge­schla­fen und viel Scheiße ge­baut hab', mi­ch viel mit Dingen be­schäf­tigt hab', die auf­hal­ten und nicht wei­ter­brin­gen. Und das mus­s­te ir­gend­wie raus. Ich woll­te be­wei­sen, dass ich ei­ner der Besten bin und ha­be des­we­gen dann auch mal Gas ge­ge­ben.

MZEE​.com: Verdienst du ei­gent­li­ch mit Rap de­in Geld oder hast du ei­nen Beruf?

Timeless: Ich hab' ei­nen Beruf – ich ar­bei­te in der Gastronomie … Ich ver­die­ne mit Rap nicht so viel Geld.

MZEE​.com: Kommen wir auf ein ganz an­de­res Thema zu spre­chen. Wir wür­den ger­ne ein we­nig mit dir über die po­li­ti­sche Lage in Deutschland spre­chen und er­fah­ren, in­wie­weit du dich da­mit be­schäf­tigst. Zum Beispiel, wie du die Ereignisse und Folgen der Silvesternacht mit­be­kom­men hast und die Geschehnisse der letz­ten Zeit be­wer­test.

Timeless: Was Köln an­geht, war ich er­st mal dar­über ge­schockt, dass das qua­si vor mei­ner Haustür pas­siert ist und ich nichts da­von mit­be­kom­men hab'. Meine Jungs ha­ben mir da­von be­rich­tet. Sie mein­ten, dass es ei­nen klei­nen Ausnahmezustand gab. Ich hab' mir dann na­tür­li­ch Sorgen ge­macht, weil mei­ne Mutter no­ch in Köln wohnt. Wie das Ganze pas­siert ist? Dazu kann ich nichts sa­gen, ich war nicht da­bei. Es sind ir­gend­wel­che Mobs auf­ge­lau­fen und na­tür­li­ch gibt es über­all schwar­ze Schafe. Das aber zu pau­scha­li­sie­ren, wie man­che Medien es ma­chen, ist schon krass ekel­haft. Dass die Flüchtlinge bö­se sind und nur Schlechtes hier in Deutschland vor­ha­ben – das zu sa­gen, ist auf je­den Fall nicht der rich­ti­ge Weg. Ich fin­de ge­ne­rell auch, dass man nicht al­le über ei­nen Kamm sche­ren soll­te. Es ist auf je­den Fall ein schwe­res Thema, das mi­ch na­tür­li­ch auch be­schäf­tigt. Aber ich bin nicht der über­po­li­ti­sche Mensch, muss ich ehr­li­ch sa­gen.

MZEE​.com: Hast du denn die Wahlen vor ein paar Wochen ver­folgt?

Timeless: Ja. Und ich war ein biss­chen er­schro­cken, was die Ergebnisse an­geht. Das Problem ist halt, dass die Leute Angst ha­ben. Dass sie um 22 Uhr Spiegel TV gu­cken und si­ch Angst ma­chen las­sen, weil da ir­gend­wel­che Kriminellen sit­zen, die wie Flüchtlinge aus­se­hen. Und dann den­ken sie: "Fuck, die neh­men un­se­re Steuergelder und bau­en dann Scheiße da­mit".

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MZEE​.com: Ohne dar­über in­for­miert zu sein, dass hier nie­mand ein­fach so Geld be­kommt … Ich er­in­ne­re mi­ch an ein Video von dir und Splinta, in dem ihr Sachen ge­sam­melt und bei der Flüchtlingshilfe ab­ge­ge­ben habt. Was habt ihr ge­n­au ge­macht und hast du Pläne, in Zukunft no­ch mehr in die­ser Richtung zu tun?

Timeless: Ich war 'ne Weile ziem­li­ch ab­ge­fuckt von die­sen Facebook-​Hetz-​Kommentaren, die­sen ekel­haf­ten "Ich bin kein Nazi, aber …" –Nationalstolz-​Facebookseiten. Da dach­te ich mir: Bevor man si­ch mit die­sen Leuten im Internet be­schäf­tigt und de­nen auch no­ch Argumente lie­fert, wei­ter Kontra zu ge­ben, soll­te man ein­fach die Fresse hal­ten und sei­nen Beitrag zur Verbesserung die­ser Situation leis­ten. Nimm zehn Euro, ver­zich­te ei­nen Tag auf dei­ne Tiefkühlpizza und dei­ne Kippen, hol Kosmetikartikel oder son­st was und gib es bei der öf­fent­li­chen Flüchtlingshilfe ab. Damit hast du dei­nen Beitrag ge­leis­tet. Das fin­de ich wich­tig. Du mus­st nicht drei Millionen Euro spen­den, um et­was zu be­we­gen. Und das woll­te ich eben zei­gen, mit die­sem klei­nen, un­wich­ti­gen Video, das die HipHop-​Medien al­le igno­riert ha­ben. (lacht) Mach ein­fach. Leiste ein­fach dei­nen Beitrag. Hör auf, die­se Leute im Internet an­zu­sta­cheln und mach sie ein­fach mund­tot. Ignorieren ist im­mer bes­ser, als so je­man­dem auch no­ch ei­ne Plattform zu ge­ben.

MZEE​.com: Ist es dir wich­tig, dei­ne po­li­ti­sche Einstellung nach au­ßen zu tra­gen? Wäre es für dich denk­bar, in Songs oder auf ei­nem Album po­li­ti­sch zu wer­den?

Timeless: Das kommt be­stimmt, das kann ich nicht aus­schlie­ßen. Aber im Moment hab' ich an­de­re Sachen im Kopf. Meine Musik fin­det ge­ra­de auf kei­ner ge­sell­schafts­kri­ti­schen Ebene statt, son­dern be­schäf­tigt si­ch viel mit mei­nen Emotionen und Gedanken. Ich glau­be, dass ich no­ch nicht so weit bin, mi­ch mit dem ak­tu­el­len Weltbild aus­ein­an­der­zu­set­zen und den Che Guevara zu ma­chen.

MZEE​.com: Würde es denn et­was brin­gen, wenn ei­ni­ge der be­kann­ten Rapper, die wir ak­tu­ell in Deutschland ha­ben, si­ch da­zu öf­fent­li­ch äu­ßern wür­den?

Timeless: Klar. Aber das ma­chen man­che ja. Zum Beispiel äu­ßern si­ch Kollegah und Savas da­zu und ge­ben ih­re Meinung ab. Natürlich ha­ben wir Rapper als Sprachrohr der Jugend auch ei­ne ge­wis­se Verantwortung. Ich glau­be, die Hauptaufgabe liegt dann aber doch eher bei den Eltern und dem nä­he­ren Umfeld der Kids. Ich den­ke nicht, dass Rapper da die Welt ver­än­dern könn­ten. Und man kann auch nie­man­den zwin­gen, si­ch da­zu zu äu­ßern. Wenn du es ma­chen will­st, dann mach's, aber du bist auch kein schlech­ter Mensch, wenn du's nicht machst.

MZEE​.com: Wir ha­ben dir ein Zitat aus dei­nem neu­en Track "Abiball" mit­ge­bracht: "… du bist pri­vat ver­si­chert, du hast die Abendlichter im Urlaub ge­nos­sen, als ich we­gen Schulden mit 20 im Strafgericht saß". Kann man bei dei­ner Musik im­mer da­von aus­ge­hen, dass sie kom­plett au­then­ti­sch ist?

Timeless: Ich glaub', das kann man schon gut dif­fe­ren­zie­ren. Wenn ich in ei­nem Song dar­über rap­pe, dass ich Selena Gomez mit ei­ner Freddy Krüger-​Kralle fin­ger', dann ist es nicht re­al. (lacht) Aber wenn ich de­epe Sachen wie die­se Schulden-​Thematik be­han­del', dann kann­st du da­von aus­ge­hen, dass es pas­siert ist …

MZEE​.com: Vor Kurzem gab es ein Fler-​Interview, in dem er ge­sagt hat, dass ein Rapper das, was er rappt, auch er­lebt ha­ben müs­se. Wie stehst du zu die­sem Thema? Findest du, dass Authentizität für Rapper und gu­ten Rap Voraussetzung ist?

Timeless: Ich sag' mal so: Ich hab' mir das Fler-​Interview na­tür­li­ch an­ge­guckt und gut ge­lacht, aber ich kann schon ver­ste­hen, was er sagt. Und ich fin­de es nicht schei­ße, wie Kollegah das jetzt macht. Er trägt die­se Kunstfigur nach au­ßen und das ist voll­kom­men okay. Aber als Raphörer kann ich mir Kollegah per­sön­li­ch nicht ge­ben. Ich kann mir das an­hö­ren, wenn es um gu­te Punchlines geht. Ich hör' mir das "Zuhältertape" vier­mal durch, hab' gut ge­lacht – und dann leg' ich's weg. Das Album wird mi­ch nicht be­glei­ten. Es gibt mir kei­ne Gänsehaut-​Momente, es lässt mi­ch nicht nach­den­ken … für mi­ch er­füllt es nicht die Aufgabe, die Musik ei­gent­li­ch er­fül­len soll. Authentizität spielt für mi­ch in der Musik auf je­den Fall ei­ne gro­ße Rolle. Und ich ver­steh' in dem Sinne schon, was Fler meint und geb' ihm da in ein paar Punkten auch recht. Aber so, wie er si­ch dar­an auf­hängt, wür­de ich das nie ma­chen. Da wür­de ich drauf schei­ßen.

MZEE​.com: Hörst du viel deut­schen Rap?

Timeless: Leider nicht. Ich hö­re viel Musik, aber kei­nen deut­schen Rap. Das ist ver­mut­li­ch die Standard-​Aussage des Jahrtausends, aber: Mich lang­weilt deut­scher HipHop. Ich fin­de vie­les gut, aber ich kann es mir nicht auf Dauer rein­zie­hen. Keine Ahnung, wie­so. Ich hö­re mehr ame­ri­ka­ni­schen Rap und äl­te­re Sachen. Ich kra­me im­mer wie­der deut­schen Rap aus mei­ner Zeit raus und hö­re den dann wie­der ei­ne Weile: Azad – Der Bozz, Savas – Die bes­ten Tage sind ge­zählt … so­was hö­re ich sehr ger­ne. Und ak­tu­el­le Sachen hör' ich mir al­le kurz an. Einfach, um Bescheid zu wis­sen. Das Manuellsen-​Album fand ich zum Beispiel sehr gut und die Montez- und Xatar-​Alben auch.

MZEE​.com: Denkst du, dass Authentizität und gu­te Verkaufszahlen in di­rek­ter Verbindung ste­hen? Wenn ja, in­wie­fern?

Timeless: Nee, find' ich gar nicht. In ers­ter Linie zählt das Produkt und wie gut es ist. Und wenn ich "Produkt" sa­ge, dann mei­ne ich nicht die Musik, son­dern das Gesamtprodukt. Ein per­fek­tes Beispiel hier­für ist Farid Bang. Ich fin­de, das hat we­nig mit Authentizität an si­ch zu tun – aber es ver­kauft si­ch trotz­dem sehr gut.

MZEE​.com: Kommen wir no­ch mal auf das Thema "Antihelden" zu­rück und die da­mit ein­her­ge­hen­de Serien- und Filmthematik. In un­se­rem letz­ten Interview 2012 durf­test du uns ei­nen Film- und ei­nen Serientipp ge­ben. Damals hast du uns "Entourage" und ei­nen Film na­mens "Dead Silence" emp­foh­len. Zum Abschluss wä­re es schön, wenn du un­se­ren Lesern ei­nen neu­en Film und ei­ne neue Serie emp­feh­len könn­test, die dich seit 2012 be­son­ders be­ein­druckt ha­ben.

Timeless: Ein Film: "Prinzessin Mononoke". Das ist ein un­glaub­li­ch kras­ser Film. Ein Meisterwerk aus den Ghibli Studios – das ist das ja­pa­ni­sche Pendant zu Disney. Die ha­ben jetzt lei­der auf­ge­hört, Filme zu ma­chen. Den Film soll­te si­ch aber auf je­den Fall je­der an­gu­cken. Und Serie … "Dragon Ball" wä­re jetzt die Standard-​Aussage, die je­der er­war­tet. Aber nein. Guckt eu­ch mal "Death Note" an, das ist auch krass. Sollte man de­fi­ni­tiv ge­se­hen ha­ben.

MZEE​.com: Alles klar. Falls für dich no­ch ir­gend­was im Raum steht, darfst du es sehr ger­ne jetzt los­wer­den.

Timeless: Am 08.04. kommt "Antiheld". Ich dan­ke eu­ch für das Interview.

(Florence Bader & Fabian Thomas)