März 2016: Degenhardt und Megaloh

"Okay – was habe ich ver­passt?" Eine Fra­ge, der wohl je­der von uns schon ­mal begeg­net ist. Egal, ob man sie selbst ge­stellt hat oder mit ihr kon­fron­tiert wur­de. Manch­mal kommt ein­fach der Zeit­punkt, an dem man sich vor al­lem ei­nes wünscht: "Bringt mich doch mal auf den neu­es­ten Stand!" Doch wie ant­wor­tet man dar­auf? Was hält man für beson­ders erwäh­nens­wert? Es ist schwer, eine kur­ze, aber voll­stän­dige Ant­wort dar­auf zu fin­den. Wie misst man über­haupt Rele­vanz? An media­lem Hype? Am Über­ra­schungs­fak­tor? Oder doch an dem musi­ka­li­schen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das al­les, redu­ziert auf zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ein Release, das vor al­lem im Unter­grund auf Zuspruch gesto­ßen ist, und ei­nes, das in der brei­ten Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wur­de. Zwei Wer­ke, die wir nicht unbe­dingt gut fin­den müs­sen, aber eine ge­wisse Rele­vanz oder eine Bedeu­tung jeg­li­cher Art für die hie­sige Rapland­schaft besit­zen. Zwei Wer­ke, die am Ende des Monats vor al­lem ei­nes aus­sa­gen: "Hört, hört! Genau das habt ihr ver­passt!"

 

 

Degenhardt_Terror22

Degen­hardt – Ter­ror 22

Es gibt ver­schie­de­ne Arten von Rap­pern – von Stars, denen man sich durch ihre Omni­prä­senz nicht ent­zie­hen kann, bis zu Untergrund-​Künstlern, die sich im Hin­ter­grund hal­ten und nur für ihre ver­gleichs­wei­se klei­ne Fan­ba­se da sind. Degen­hardt gehört defi­ni­tiv zu letz­te­rer Gat­tung. Seit nun mehr als sechs Jah­ren hat der Düs­sel­dor­fer sei­ne zahl­rei­chen Alben immer gra­tis ins Netz gestellt. Mit sei­nem neu­es­ten Release "Ter­ror 22" traut er sich nun aus die­ser Komfort-​Zone her­aus und möch­te sich mit­hil­fe von Mel­ting Pot Music einer brei­te­ren Mas­se offen­ba­ren.

Selb­stof­fen­ba­rung ist auch genau das, was er auf "Ter­ror 22" macht. Es ist ein wei­te­res Werk, in dem der Hörer die Gedan­ken­welt Degen­hardts kom­plett offen­ge­legt bekommt. Denn wäh­rend ande­re sich in die­sem "Kunst-​Lyrik-​HipHop-​Scheiß" ("Fett & Rosig") ver­lie­ren, fühlt sich der Düs­sel­dor­fer MC in sei­nen abs­trak­ten Vor­stel­lun­gen von Lie­be viel woh­ler. Als "der Antipromi-​Penis" ("Fuck Off") beschreibt er sich selbst sehr tref­fend: Kei­ne rie­si­ge PR-​Aktionen oder Pop-​Anbiederung, statt­des­sen ein kur­zer Hin­weis auf sei­ne aus­ge­fal­le­nen Musik-​Videos. Auch sti­lis­tisch folgt der Rap­per die­ser spe­zi­el­len Hal­tung. So rappt er mal in einem ruhi­gen Erzähler-​Ton, wäh­rend er an ande­rer Stel­le fast beim Rap­pen schreit. Gepaart mit den düs­te­ren, stel­len­wei­se Horrorfilm-​ähnlichen Instru­men­tals von Hiro MA ergibt das ein Klang­bild, wel­ches es so kein wei­te­res Mal zu geben scheint. Abge­run­det wird dies mit geschickt in die Tex­te ein­ge­bau­ten Cuts aus alten Fil­men und Hooks aus 90er-​Jahre-​Pop-​Songs. Ins­ge­samt han­delt es sich um ein äußerst detail­ver­lieb­tes, wenn auch inhalt­lich sehr "anti alles" aus­ge­rich­te­tes Gesamt­werk.

Kurz gesagt bleibt Degen­hardt sei­ner Linie wei­ter treu und genau die­se Kom­pro­miss­lo­sig­keit macht sein Label-​Debüt so beson­ders. "Ter­ror 22" ver­schluckt den Hörer kom­plett, kaut ihn ordent­lich durch und spuckt ihn dann wie­der aus. Danach geht man ent­we­der ange­wi­dert davon oder aber möch­te sich direkt wie­der hin­ein­be­ge­ben in die ganz eige­ne Form von Lie­be, die die­se Musik ver­sprüht. Doch um her­aus­zu­fin­den, was davon für einen selbst zutrifft, soll­te man sich unbe­dingt dar­auf ein­las­sen …

(Lukas Päck­ert)

 

Megaloh_Regenmacher

Mega­loh – Regen­ma­cher

Mit dem Erwerb der Spra­che ler­nen wir bereits von klein auf Meta­phern wert­zu­schät­zen. Gemal­te Bil­der, die Situa­tio­nen und Din­ge oft so viel bes­ser aus­zu­drü­cken wis­sen, als die nüch­ter­ne Rea­li­tät es zulas­sen wür­de. Gera­de in Hin­blick auf Pro­ble­me fällt es oft­mals schwer, das Kind beim Namen zu nen­nen, wohin­ge­gen eine male­ri­sche Beschrei­bung Distanz schafft und Schwie­rig­kei­ten auf ihre Art und Wei­se ent­schärft. Mega­loh ist einer die­ser Maler, Wor­te sei­ne Pin­sel und "Regen­ma­cher" womög­lich sei­ne per­sön­li­che Mona Lisa.

"Ein­zi­ge Mucke, wo man das, was man sagt, auch ver­kör­pern muss" – eine Zei­le Mega­lohs, die sich groß­flä­chig in das Gedächt­nis unzäh­li­ger Rap­hö­rer brann­te und auch auf "Regen­ma­cher" noch omni­prä­sent ist. Von Sekun­de eins an merkt man die Echt­heit jedes ein­zel­nen Wor­tes, dass der Moa­bi­ter an den Hörer rich­tet. "Sie fra­gen mich, ob das Bild, das ich ihn' gera­de mal', zu schwarz ist" ("Regen­ma­cher") – dies ist eine nur mehr als nach­voll­zieh­ba­re Reak­ti­on. Es stimmt, dass Mega viel von den Schat­ten­sei­ten des Lebens berich­tet. Aber wenn das Leben pas­sa­gen­wei­se eben nur in Grau­tö­nen statt­fin­det, lässt sich ein­fach kein glaub­haf­ter Regen­bo­gen malen. Und trotz­dem ist "Regen­ma­cher" so weit wie nur mög­lich ent­fernt von einem wei­ner­li­chen oder gar pathe­ti­schen Werk. Das Beson­de­re ist eben, dass "Regen­ma­cher" auch die freu­di­gen Sei­ten des Lebens nicht aus­lässt und somit eigent­lich die kom­plet­te Band­brei­te abdeckt.

Und genau das macht neu­es­te Werk Mega­lohs so hörens­wert. Die­se Echt­heit, die den Hörer packt und ihm Song um Song Facet­ten des Lebens zeigt, die ihm im Vor­feld noch fremd waren. Er trans­por­tiert dies durch eine Wort­wahl, die nichts ver­schlei­ert oder beschö­nigt, son­dern durch leb­haf­te Bil­der vor allem eines schafft: Klar­heit. Klar­heit dar­über, dass man in Zei­ten der Dür­re eben selbst der "Regen­ma­cher" sein muss – "ich lass' es flie­ßen!" ("Regen­ma­cher").

(Lukas Mai­er)