Alligatoah01_by_Bastian_Harting

Alligatoah

Vom Internet-​Geheimtipp zur rest­los aus­ver­kauf­ten Deutschland-​Tournee – und das al­les, oh­ne auch nur ein­mal vom Kurs "Schauspielerrap" ab­zu­wei­chen. Seit Alligatoah zum ers­ten Mal um die Hand ei­ner ver­meint­li­chen Drogen-​Bekanntschaft an­ge­hal­ten hat, ging es für den Trailerparker ste­tig berg­auf. Nachdem er er­st Anfang April mit sei­nem ak­tu­el­len Album "Musik ist kei­ne Lösung" im Gepäck die "Himmelfahrtskommando"-Tour zu ei­nem er­folg­rei­chen Ende ge­bracht hat, geht's im November in "Akkordarbeit" wei­ter. Ganz ne­ben­bei ste­hen in der Mitte des Jahres dann auch no­ch ei­ne Reihe von Konzerten auf zahl­rei­chen Festivals an, dar­un­ter auch die ei­gens or­ga­ni­sier­ten Trailerpark-​Open Airs. Wir tra­fen den Rapper, um mit ihm über sei­nen Schauspielrap im Allgemeinen, die ak­tu­el­le po­li­ti­sche Lage in Deutschland und no­ch zu er­rei­chen­de Ziele zu re­den – und stie­ßen da­bei no­ch ganz ne­ben­bei auf ei­ne bis da­to un­be­merk­te Passion für Trompeten.

MZEE​.com: Bevor wir mit dem ei­gent­li­chen Interview be­gin­nen: Du bist im­mer wie­der auf Tour, spiel­st re­gel­mä­ßig vor Tausenden von Leuten und blick­st schon auf ei­ni­ge Jahre Bühnenerfahrung zu­rück … Hat man da no­ch Lampenfieber?

Alligatoah: Tatsächlich ja. Man ver­sucht das nicht wahr­zu­ha­ben und lehnt das Gefühl ab, aber kurz vor dem Auftritt kocht's dann doch no­ch mal auf. Du tust so, als wür­dest du das Gefühl nicht ken­nen und kei­ne Schwierigkeiten da­mit ha­ben, aber ir­gend­wie hast du doch Schmetterlinge im Bauch. Zwischen Schmetterlingen im Bauch und … (über­legt) Kotzen. (grin­st) Aber es ist schön.

MZEE​.com: Du bist in dei­nem "Schauspielrap" schon in sehr vie­le Rollen ge­schlüpft – egal, ob Terrorist, Weiberheld, Choleriker oder 31er. Würdest du dich als em­pa­thi­sch be­schrei­ben? Kannst du die­se Sichtweisen, die du in die­sen Rollen teil­wei­se ein­nimmst, tat­säch­li­ch so gut nach­voll­zie­hen, wie du es nach au­ßen trägst?

Alligatoah: Ich denk', das ei­ne geht nicht oh­ne das an­de­re. Wenn man es wirk­li­ch über­zeu­gend spie­len möch­te, muss man ein ge­wis­ses Verständnis auf­brin­gen. Das geht na­tür­li­ch im­mer nur bis zu ei­nem ge­wis­sen Punkt, an dem man ir­gend­wann vor si­ch selbst er­schrickt und vor den ei­ge­nen Abgründen Angst be­kommt. Und ei­nes darf man nicht ver­ges­sen: Was ich da spie­le, sind nicht nur kom­plett ab­we­gi­ge Figuren. Das sind Figuren mit Charakterzügen, die ich auch aus mei­nem Leben ken­ne. Die wahr­schein­li­ch je­der aus sei­nem Leben kennt, weil je­der schon mal ei­nen nie­deren Gedanken hat­te, der viel­leicht ex­trem ego­is­ti­sch oder un­nach­hal­tig war. Aber man hat die­se Gedanken eben und so, wie ich das in die Musik ein­baue, komm' ich mei­ner Meinung nach auf ei­ne ganz gu­te Annäherung zu den Themen und schlie­ße auch mei­nen Frieden mit vie­len Konflikten.

MZEE​.com: Auf dei­nem ak­tu­el­len Album "Musik ist kei­ne Lösung" übst du aber­mals Gesellschaftskritik und be­han­del­st auch ak­tu­el­le po­li­ti­sche Probleme, wie bei­spiels­wei­se auf dem Song "Teamgeist", der mei­ner Interpretation nach die Flüchtlingskrise be­han­delt. Kann man das so sa­gen?

Alligatoah: Das kann man so sa­gen. Man kann aber auch sa­gen, dass der Track all­ge­mein auf Faschismus be­zo­gen ist. Letztlich geht es ja um sämt­li­che Gruppierungen, die aus et­was Positivem – näm­li­ch dem Gemeinschaftsgefühl – in et­was Negatives ab­drif­ten kön­nen, in dem Fall in das Ausschließen von an­de­ren Gruppen.

MZEE​.com: Wo lie­gen ge­ra­de bei sol­chen Themen dei­ne ei­ge­nen Erfahrungswerte?

Alligatoah: Ich se­he das ent­we­der im Fernsehen oder Internet oder wo man das eben so sieht. Aber na­tür­li­ch be­merkt man sol­che Dinge manch­mal auch im er­schre­ckend na­hen Umfeld. Ich komm' ja auch aus ei­nem klei­nen Dorf und möch­te mi­ch na­tür­li­ch da­von fern­hal­ten, das Dörfliche ge­ne­rell als ei­nen Nährboden für Rassismus und Faschismus zu be­zeich­nen. Aber auch dort gibt es nun ein­mal die­se Leute – wie es sie über­all gibt –, die ein sehr tra­di­ti­ons­be­wuss­tes Gedankengut pfle­gen, das manch­mal so weit geht, an­de­re aus­zu­schlie­ßen und letzt­li­ch Hass und Gewalt zu pre­di­gen.

MZEE​.com: Wenn wir schon beim Thema "Politik" sind: In letz­ter Zeit ist innen- so­wie au­ßen­po­li­ti­sch ei­ni­ges pas­siert. Gibt es zum ak­tu­el­len Zeitpunkt ein wei­te­res Thema, das du im Nachhinein ger­ne no­ch be­han­delt hät­test, aber zeit­li­ch nicht mehr aufs Album ge­passt hat?

Alligatoah: Es gibt im­mer Themen, die si­ch an­bie­ten, aber ich be­han­del' sie nicht, weil sie ge­ra­de ak­tu­ell sind oder weil ich glau­be, dass ich da­mit ei­nen Nerv tref­fen und Aufmerksamkeit ge­ne­rie­ren kann. Ich be­han­del' Themen, die mir schon län­ger auf der Seele bren­nen und weil si­ch in mei­nem Kopf et­was an­staut, das ir­gend­wann raus muss. Ich wer­de mi­ch hü­ten, ein neu­es, fri­sches Thema so­fort in ei­nen Song zu ver­bau­en. Vielmehr muss ich mei­ne Gedanken er­st ein­mal fer­tig­den­ken und das kann auch ger­ne mal Wochen oder Monate dau­ern.

MZEE​.com: Wenn man si­ch dann no­ch ein­mal spe­zi­ell den Song "Teamgeist" her­aus­greift – wann hast du den fer­tig­ge­stellt? Ist das blo­ßer Zufall, dass er ge­ra­de so gut zur ak­tu­el­len Lage in Deutschland passt? Und wie­so wur­de er kei­ne Single?

Alligatoah: (grin­st) Der Song ist ei­ner der letz­ten, die ich für das Album auf­ge­nom­men hab' – der müss­te im Herbst letz­ten Jahres fer­tig­ge­stellt wor­den sein. Am liebs­ten wür­de ich mein gan­zes Album ver­sin­glen und zu je­dem Song ein Video dre­hen, aber das geht na­tür­li­ch nicht. Man muss da ei­ne ge­wis­se Auswahl tref­fen, zu wel­chem Song es am ehes­ten Spaß ma­chen wür­de, ein Video zu dre­hen. Aber es ist no­ch nicht al­ler Tage Abend – viel­leicht kom­men no­ch ein paar Sachen. Ich bin da­ge­gen, dass man ein Album in ei­ner hei­ßen Promophase mit drei Videos ab­früh­stückt und dann ist das Thema durch. Eine Platte soll­te so lan­ge le­ben und aus­ge­schöpft wer­den, wie es Freude be­rei­tet und man Ideen da­zu hat.

Alligatoah03_by_Bastian_Harting

MZEE​.com: Reden wir mal über de­in Lieblingsstilmittel: Ironie. In der Rolle als Alligatoah-​Kritiker, der fest­stellt, dass Musik kei­ne Lösung ist, rappst du an dich selbst ge­rich­tet: "Du bist un­be­sieg­bar durch Gleichgültigkeit". Natürlich ist das al­les wie­der iro­ni­sch ge­meint, aber denk­st du, dass es vie­le Menschen da drau­ßen gibt, die dei­ne Aussagen kom­plett miss­ver­ste­hen?

Alligatoah: Das sind ja Aussagen, mit de­nen ich mi­ch selbst sehr in­ten­siv be­schäf­ti­ge – nicht nur, weil ich sie ab­wer­ten oder kri­ti­sie­ren möch­te, son­dern weil ich die­se Gedanken auch von mir ken­ne und mit die­sen Dämonen sel­ber zu kämp­fen ha­be. Das ist das, was ich am Anfang ge­sagt ha­be. Auch ich ste­he manch­mal vor Punkten, an de­nen ich sa­ge: Okay, ich kann mi­ch aus ei­ner Konfliktsituation her­aus­ret­ten, in­dem ich ein­fach Gleichgültigkeit an­wen­de und so­mit be­trifft mi­ch die Problematik nicht mehr. Aber der Grundtenor auf die­sem Song ist ja ein Schwall an dunk­len Geistern, die ich da auf­ko­chen las­se. Es fällt mir schwer zu glau­ben, dass je­mand dem fol­gen könn­te oder die­sen Geist hei­ligt.

MZEE​.com: Wenn dir ein Fan jetzt Props für ge­n­au sol­che Lines gibt und dir sa­gen wür­de, dass er eben­die­sen Standpunkt ver­tritt – wie wür­dest du re­agie­ren? Würdest du ihm er­klä­ren, dass er den Song miss­ver­stan­den hat?

Alligatoah: Selbst wenn ich mit ei­ner Zeile, die nicht aus mei­ner Perspektive, son­dern ei­ner Rolle ge­spro­chen ist, je­man­den tref­fe, ihn da­durch an­spre­che und si­ch der­je­ni­ge da­mit iden­ti­fi­zie­ren kann, ist das et­was, was die­ser Zeile recht gibt und sie le­gi­ti­miert. Es be­weist nur, dass so et­was exis­tiert – und da­mit ist das für mi­ch ei­ne Art Schulterklopfen be­zie­hungs­wei­se ei­ne Bestätigung, dass ich zu­min­dest auf dem rich­ti­gen Dampfer war. (grin­st)

MZEE​.com: Kann man Kunst über­haupt miss­ver­ste­hen oder sind in dei­nen Augen auch Interpretationen er­laubt, die ge­n­au dem ent­ge­gen­wir­ken, was du aus­drü­cken möch­test?

Alligatoah: Na ja … (über­legt) Klar. Richtig. Ja zu al­lem. (grin­st) Wahrscheinlich soll­te man das auch so ste­hen las­sen und dann dürf­test du in­ter­pre­tie­ren. Das ist ja das Schöne an Kunst: Dass im­mer zwei da­zu­ge­hö­ren – der Sender und der Empfänger der Nachricht. Und was der Sender raus­schickt, ist viel­leicht et­was ganz an­de­res als das, was beim Empfänger an­kommt. Aber das Kunstwerk hat we­der der Sender no­ch der Empfänger für si­ch ge­pach­tet, son­dern ist das, was aus dem Zwischenspiel ent­steht und ei­ne drit­te neu­tra­le Person viel­leicht se­hen wür­de, wenn sie si­ch die­ses Zwischenspiel an­guckt. Da glau­be ich dran.

MZEE​.com: Nehmen wir mal an, du wür­dest der Ironie und dem Schauspielrap ent­sa­gen und de­in nächs­tes Album wür­de si­ch kom­plett mit dei­ner ei­ge­nen Person und dei­nen Erlebnissen be­fas­sen. Also: Alligatoah wird zum Realkeeper. Würde dir das no­ch je­mand ab­neh­men? Wie wür­dest du das an­stel­len? Geht das über­haupt no­ch oder bist du da­für schon zu tief in der Ironie-​Ecke drin?

Alligatoah: (grin­st) Ich weiß, was du mein­st, muss in die Frage aber doch kurz rein­grät­schen, weil man das Gefühl be­kom­men könn­te, dass ich kei­ne erns­ten Songs schrei­be. Ich füh­le mi­ch nicht iro­ni­sch er­ha­ben und so viel Ironie, wie man mir zu­spricht, ist da dann eben doch nicht. Es ist ein­fach nur ein Schauspiel und da­mit doch no­ch mal et­was an­de­res als Ironie, wür­de ich sa­gen. Ein Schauspieler ist ja nicht iro­ni­sch, nur weil er ei­ne Rolle in ei­nem Film spielt. Wenn ich jetzt sa­gen wür­de: "Ich mach' ei­nen Song aus mei­ner Perspektive, der von mir und mei­nem Leben han­delt", dann wür­de ich das höchst­wahr­schein­li­ch fer­tig­brin­gen und mi­ch da­vor nicht scheu­en. Aber ich wür­de es nie­mals "Alligatoah" nen­nen und un­ter dem Gewand ver­kau­fen, das ich mir an­ge­zo­gen ha­be. Das wä­re nicht der rich­ti­ge Spielplatz für die­se Art von Gedanken. Ob so­was al­ler­dings je­mals pas­sie­ren wird, wa­ge ich zu be­zwei­feln – ich füh­le mi­ch sehr wohl in mei­nem ak­tu­el­len Gewand und es ist mir auch mit der schau­spie­le­ri­schen Art durch­aus mög­li­ch, sehr viel von mei­ner Persönlichkeit in die Texte rein­zu­ste­cken. Und zwar so, wie es mei­ner Persönlichkeit ent­spricht: heim­li­ch und ver­steckt. (grin­st)

MZEE​.com: Hast du un­ter all den Songs, die du im letz­ten Jahrzehnt auf­ge­nom­men hast – ge­ra­de zu dei­nen Anfangszeiten –, viel­leicht so­gar schon mal ei­nen "Realkeeper-​Track" ge­macht, der ex­akt dem ent­spricht, was du denk­st – ganz oh­ne Ironie? Müssen wir da mal de­in Archiv durch­fors­ten?

Alligatoah: Es gibt Musik vor Alligatoah, die nicht ver­öf­fent­licht wur­de, aber das hat­te auch gu­te Gründe. (grin­st) Witzigerweise ent­stan­den selbst die­se Songs stets aus ir­gend­wel­chen Figuren her­aus. Es gab nie ei­nen Song, den ich wirk­li­ch aus mei­ner Perspektive ge­schrie­ben ha­be. Ich ha­be da­für nie ei­nen Anlass ge­se­hen und das kam für mi­ch gar nicht in­fra­ge. Ich fand es im­mer viel span­nen­der und coo­ler, mir et­was kom­plett Fiktives aus­zu­den­ken. Mein ers­tes auf­ge­nom­me­nes Album war aus der Perspektive ei­nes Lehrers an mei­ner Schule. (grin­st) Den hab' ich da ein biss­chen ver­al­bert … Tut mir leid im Nachhinein, war ein gu­ter Lehrer.

MZEE​.com: Aber ge­ra­de im Rap wird ja sehr auf Realness ge­pocht. Du hast schon vor zehn Jahren dei­nen "Schauspielerrap" ge­macht, als es auch no­ch nicht so vie­le Imagerapper wie heu­te gab und das Thema "Realkeeping" viel­leicht so­gar no­ch wich­ti­ger war als heu­te. Hast du das nie so ge­se­hen? Warum hast du dann ge­ra­de Rap als Sprachrohr ge­wählt?

Alligatoah: Als ich Rap für mi­ch ent­deck­te, hab' ich den Realness-​Aspekt nie als Hauptaspekt an­ge­se­hen. Das geht an­de­ren viel­leicht an­ders und für die­je­ni­gen ist die­ses Realkeeping ge­n­au der Grund, wes­halb sie Rap ma­chen. Für mi­ch war das aber über­haupt nicht das, was mi­ch fas­zi­niert hat oder was ich ma­chen woll­te, weil der Rap, den ich ge­se­hen ha­be, eben auch schon sehr über­zeich­net war. Voller über­spitz­ter Gewaltbilder, die ich als Junge vom Dorf im­mer als eher ab­surd und un­wirk­li­ch er­lebt ha­be. Was mir am Rappen eher ge­fal­len hat, war die Möglichkeit, sehr viel in ei­nem Song sa­gen zu kön­nen. Natürlich kann man auch in an­de­ren Musikrichtungen sehr viel sa­gen, aber die Textdichte und Menge an Worten, die man in ei­nen Song packt, ist im Rap sehr groß. Und was mi­ch dar­über hin­aus no­ch sehr fas­zi­niert hat, ist eben der Aspekt, dass man si­ch sehr stark pro­fi­liert und als das Bessere dar­stellt. Dass man die­se klas­si­sche männ­li­che Neandertaler-​Logik ver­folgt: "Du bist schei­ße, ich bin geil". Und dass man das eben auf al­le mög­li­chen Arten und Weisen un­ter­mau­ert – Battlerap, der Kampf. Daraus hat si­ch bei mir dann ent­wi­ckelt, auch an­de­re Figuren batt­len und als die Stärksten da­ste­hen zu las­sen.

Alligatoah04_by_Bastian_Harting

MZEE​.com: Natürlich wün­schen wir es dir nicht, aber: Wenn es mit der Musik ir­gend­wann nicht mehr klappt, wä­re die Schauspielerei dann ei­ne ech­te Alternative für dich? Oder wür­dest du dann lie­ber et­was ganz an­de­res ma­chen?

Alligatoah: Ich werd', den­ke ich, im­mer ir­gend­wie mein Brot in den Mund be­kom­men. Im Notfall ge­he ich da­hin zu­rück, was ich vor der kom­mer­zi­el­len Ausschlachtung mei­ner Musik ge­macht ha­be – näm­li­ch Kinokarten ab­rei­ßen oder weiß der Geier, was man eben no­ch so ma­chen kann. Ich wer­de mi­ch ir­gend­wie im­mer über Wasser hal­ten. Aber mei­ne Musik ist auch so sehr ge­wach­sen, dass ich aus dem Sumpf ver­mut­li­ch vor­er­st nicht mehr her­aus­kom­me.

MZEE​.com: Du rappst, du pro­du­zier­st, du spiel­st li­ve mit Band und Orchester und wirst von al­len Seiten hoch­ge­lobt für dei­ne Auffassung von Kunst – hast du mu­si­ka­li­sch no­ch Ziele?

Alligatoah: Ja, ich wür­de ger­ne Trompete spie­len kön­nen.

MZEE​.com: Welche Instrumente spiel­st du ei­gent­li­ch?

Alligatoah: Eigentlich kann ich nur Gitarre spie­len, aber ich spie­le trotz­dem auch al­le an­de­ren Instrumente. Man kann's ja ver­su­chen und wenn man Glück hat, kriegt man die rich­ti­gen Töne zur rich­ti­gen Zeit raus. Aber ich bin auf je­den Fall fas­zi­niert von Trompeten. Die ge­fal­len mir gut. (grin­st) Vielleicht lern' ich das jetzt.

MZEE​.com: Kommen da­her auch die Posaunen auf je­des Tourplakat? Auf dei­nem ak­tu­el­len, auf dei­nem letz­ten …

Alligatoah: Stimmt. Das ist jetzt na­tür­li­ch schon fast et­was Psychologisches und steckt schon die gan­ze Zeit in mir, aber das be­mer­ke ich auch ge­ra­de er­st. (lacht) Die Plakate de­si­gne ich im­mer mit mei­nem Grafiker zu­sam­men und wahr­schein­li­ch sag' ich dann ir­gend­wann: "Mach hier no­ch mal ein paar Trompeten drauf." Und dann hab' ich es aber auch schon wie­der ver­ges­sen, weil es un­ter­be­wusst ein­fließt. Gut zu wis­sen.

MZEE​.com: Stichwort "Karriere": Seit dei­nem letz­ten Album "Triebwerke" und ins­be­son­de­re der Single "Willst du" ist vie­les pas­siert und als hät­test du es mit dem Song "Meine Band" vor­her­ge­se­hen: Die Fans strei­ten dar­um, wer dich län­ger kennt und wie sehr du dich ver­än­dert hast. Was be­kommst du heut­zu­ta­ge no­ch an Feedback von Fans der ers­ten Stunde mit?

Alligatoah: Man liest es hin und wie­der mal und bei ei­ni­gen sind die Kommentare meist auch mit et­was Wehmut ver­bun­den. So ist das na­tür­li­ch im­mer, wenn man da­mals et­was ge­mocht hat – wie zum Beispiel die ers­ten Songs, die ich ge­macht ha­be. Dann möch­te man die­ses Gefühl na­tür­li­ch ger­ne zu­rück­ha­ben und er­in­nert si­ch an sei­ne Jugend oder ei­ne ge­wis­se Phase sei­nes Lebens. Interessant ist aber auch, dass die­ses "Die-​alten-​Sachen-​Mögen" wie­der­um nur ein Trend ist, der auch von neu­en Fans sehr stark prak­ti­ziert wird. Sogar die ganz jun­gen, die ge­ra­de er­st da­zu­ge­kom­men sind, schrei­ben manch­mal schon ganz mu­tig so­was wie: "Mach doch mal so­was wie 'StRW' da­mals, das war no­ch geil." Dann gu­ck' ich mir an, wer das schreibt, und den­ke mir: "Damals warst du vier, du kann­st da no­ch nicht da­bei ge­we­sen sein, das stimmt vor­ne und hin­ten nicht, das hast du dir aus­ge­dacht!" (lacht) Aber so ist der Trend und das ist in dem Fall ein­fach ei­ne amü­san­te Beobachtung.

MZEE​.com: Wir ha­ben mal nach ne­ga­ti­vem Feedback ge­sucht …

Alligatoah: (grin­st) Ah, kommt jetzt et­was Disslike-​Mäßiges?

MZEE​.com: Eher das Gegenteil. Unsere er­s­te Anlaufstelle war na­tür­li­ch YouTube, aber selbst dort hält si­ch das in Grenzen. Da liest man dann eher Fragen wie: "Wie kann ich mi­ch so zu ei­nem Mann hin­ge­zo­gen füh­len, oh­ne ihn zu ken­nen und oh­ne schwul zu sein?" Wenn du jetzt mal selbst ei­nen bös­ar­ti­gen Kommentar ge­gen dich schrei­ben müss­test – wie wür­de der aus­se­hen? Wofür kann man dich dei­ner Meinung nach rich­tig kri­ti­sie­ren und was wür­de dich tref­fen?

Alligatoah: Ich be­zeich­ne mi­ch selbst auch ger­ne als mei­nen här­tes­ten Kritiker. Das ist das, was mir das Leben manch­mal leich­ter macht, weil ich mi­ch so nicht von Kritik von au­ßen her­un­ter­zie­hen oder be­herr­schen las­se. Ich weiß, dass mein ei­ge­ner Anspruch an mi­ch meist no­ch hö­her ist als die Erwartungen, die an­de­re viel­leicht an mi­ch stel­len. Natürlich ha­be ich Kritikpunkte, die mi­ch be­schäf­ti­gen, ver­fol­gen und mir schweiß­durch­trie­be­ne Nächte be­rei­ten … Aber wie das eben so ist mit in­ne­ren Dämonen: Die muss man mit si­ch selbst aus­tra­gen und des­we­gen wür­de ich als ne­ga­ti­ven Kommentar un­ter ei­nes mei­ner Videos viel­leicht ein­fach ei­nen viel­sa­gen­den Mittelfinger-​Smiley pos­ten. Ist dann Kunst – da kann je­der zu sa­gen, was er hin­ein­in­ter­pre­tiert. (grin­st)

MZEE​.com: Zum Abschluss: Wie du selbst schon fest­ge­stellt hast, ist Musik kei­ne Lösung. Wir schät­zen dich al­ler­dings so ein, dass du sehr wohl no­ch ei­nen an­de­ren Lösungsansatz für die Probleme die­ser Welt hast, auch wenn er ver­mut­li­ch sehr uto­pi­sch ist. An die­ser Stelle darfst du un­se­ren Lesern no­ch mit­tei­len, wie je­der ein­zel­ne da­zu bei­tra­gen kann, die Welt zu ei­nem bes­se­ren Ort zu ma­chen.

Alligatoah: Na ja, das kann ich eben nicht – das kann ei­gent­li­ch nur je­der für si­ch selbst her­aus­fin­den. Es gibt nicht "die Welt", son­dern Tausende, und je­der lebt in sei­ner ei­ge­nen Welt, in sei­ner ei­ge­nen Wahrnehmung, in sei­ner ei­ge­nen Wahrheit und hat sei­ne ei­ge­nen Ideen, wie man die­se Realtität, die man selbst wahr­nimmt, für si­ch und an­de­re bes­ser ma­chen kann. Insofern kann ich ei­gent­li­ch nur je­dem ans Herz le­gen, in si­ch selbst hin­ein­zu­hö­ren und her­aus­zu­fin­den, was die ei­ge­ne Welt ver­bes­sert, oh­ne da­bei die Welt der an­de­ren zu ver­schlech­tern und zu viel Schaden an­zu­rich­ten. Denn Schaden rich­ten wir den gan­zen Tag an. Machen wir uns nichts vor: Jeder von uns rich­tet den gan­zen Tag Schaden an und viel­leicht hilft es schon, wenn man ver­sucht, die­sen Schaden zu mi­ni­mie­ren.

MZEE​.com: Hast du no­ch ein paar ab­schlie­ßen­de Worte?

Alligatoah: (über­legt) Worte soll­ten nichts ab­schlie­ßen, son­dern im­mer ei­ne of­fe­ne Tür sein und ein­la­den.

(Pascal Ambros)