TapefabrikBerlin-343

"Untergrund aus Prinzip" – die Tapefabrik

HipHop gleich Rap – oder? Zugegeben: Rapmusik nimmt ei­nen gro­ßen Teil der Subkultur ein, was wohl auch ein Stück weit am stark an­ge­stie­ge­nen "me­dia­len Hype" der letz­ten Jahre liegt. Doch in Zeiten, in de­nen Sprechgesang re­gel­mä­ßig die Charts an­führt, rückt der ur­sprüng­li­che Community-​Gedanke – zu­min­dest ober­fläch­lich be­trach­tet – zu­se­hends in den Hintergrund. Dabei gibt es nach wie vor ge­nug Menschen, de­ren Schaffen fernab von Booth und MPC statt­fin­det und die ih­rer­seits ei­nen nicht un­er­heb­li­chen Beitrag zur HipHop-​Kultur leis­ten. In dem MZEE.com-Format "Das hat mit HipHop was zu tun" wol­len wir eben­diese Leute zu Wort kom­men las­sen, die sich in ir­gend­ei­ner Form, viel­leicht so­gar aus ei­ner tat­säch­li­chen Leidenschaft her­aus, mit HipHop aus­ein­an­der­set­zen, als "Nicht-​Rapper" je­doch sel­ten im Rampenlicht ste­hen.

 

Keine Frage, Deutschrap ist zur­zeit in al­ler Munde. Die durch "Official HD"-Videos ge­prägte Außenwirkung be­schränkt sich da­bei je­doch über­wie­gend auf ver­zerrt nu­schelnde Jünglinge und Reimsalven feu­ernde Stiernacken. Sprechgesang tra­di­tio­nel­ler Machart hat sich in­des größ­ten­teils in den un­kom­mer­zi­el­len "Untergrund" zu­rück­ge­zo­gen. Dort hat in den letz­ten Jahren im­mer wie­der eine Veranstaltung für Aufsehen ge­sorgt: die Wiesbadener "Tapefabrik". Durch Events mit teils atem­be­rau­ben­dem Line-​Up, ei­ge­nen Samplern auf Vinyl oder die enge Zusammenarbeit mit den Künstlern – die Tapefabrik ist "Untergrund aus Prinzip". Wahrscheinlich ist in die­sem Zusammenhang dem ein oder an­de­ren Rap-​Connaisseur auch Maximilian Schneider-​Ludorff ein Begriff. Der 27-​Jährige ist näm­lich nicht nur Gründer und Geschäftsführer der Tapefabrik, son­dern auch pri­vat be­geis­ter­ter HipHop-​Fan. So be­tei­ligt er sich bei­spiels­weise am Blog "Daily Rap" und un­ter­stützt das Kontext Wiesbaden in der Programmgestaltung. Doch wie kam es dazu, dass aus der pri­va­ten Passion ein gan­zes Festival wurde?

Vor vier Jahren be­ginnt Maximilian mit ei­ni­gen Freunden, die bis da­hin an ei­nem ge­mein­sa­men Bandprojekt ge­ar­bei­tet ha­ben, die Planung für ein HipHop-​Konzert in Wiesbaden. Ohne die Arbeit in der Band fehlt den Beteiligten eine Möglichkeit, die ei­ge­nen Talente ein­zu­set­zen und sich lei­den­schaft­lich der Musik zu wid­men. Somit muss für diese Leidenschaft eine neue Heimat ge­fun­den wer­den. Die Marschrichtung ist von Anfang an klar: Die Lieblingsmusik der da­ma­li­gen Limburger – über­wie­gend im Bereich des Untergrund-​Raps – soll eine Bühne be­kom­men.

10953966_933214793363483_2627957909708503592_o

Maximilian Schneider-​Ludorff, Kopf der Tapefabrik.

Das Konzept der Tapefabrik weicht spür­bar von ver­gleich­ba­ren Veranstaltungen ab: Von Beginn an wird viel Wert auf ein en­ges Verhältnis zu den Musikern ge­legt so­wie auf ein run­des Angebot, das in al­len Bereichen auf Qualität setzt. Mit dem Kulturzentrum Schlachthof in Wiesbaden fin­det sich eine Institution, bei der man mit dem "Do-it-yourself"-Gedanken ver­traut ist und den "ur­sprüng­li­chen" HipHop-​Spirit un­ter­stützt. Das er­ste Tapefabrik-​Festival wird vor al­lem durch lie­be­volle Kleinarbeit und per­sön­li­che Kontakte zu Künstlern mög­lich ge­macht. Somit über­zeugt die Veranstaltung durch ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches Booking jen­seits von Kommerz und Popkultur, des­sen enorme Breite un­ter Kennern Anklang fin­det und das Festival re­gel­mä­ßig zu ei­nem Szenetreff macht – fast wie in al­ten Tagen.

Was man an­ge­sichts des­sen kaum ver­mu­ten würde: Nach wie vor tre­ten aus­schließ­lich Künstler auf, mit de­nen die Veranstalter "et­was an­fan­gen kön­nen". Außerdem be­sit­zen die Künstler selbst eine ge­wisse Haltung zur Musik, wel­che sich vor al­lem da­durch aus­zeich­net, dass nicht der Kommerz im Vordergrund steht, son­dern die künst­le­ri­sche Selbstverwirklichung. "Ein Farid Bang zum Beispiel würde bei uns nie­mals statt­fin­den", be­rich­tet Maximilian Schneider-​Ludorff.  Das werde nicht pas­sie­ren, weil diese Musik nicht zu dem passe, was die Tapefabrik mit ih­rem Booking-​Konzept dar­stel­len will. Einige Acts er­hal­ten mit der Tapefabrik eine Plattform, der sie nicht nur re­gel­mä­ßige Auftritte ver­dan­ken – in Wiesbaden fin­den im­mer wie­der auch Gigs ein­zel­ner Künstler statt –, son­dern auch eine so­lide Hörerschaft. Rapper wie elo­Quent oder Edgar Wasser er­wer­ben wohl auch dank des Events und der von den Auftritten im Internet ver­öf­fent­lich­ten Videos über­re­gio­nale Bekanntheit und den Respekt in der Szene – oder wer­den von Bookern an­de­rer Events erst ent­deckt.

Flyer zum sechs­ten Tapefabrik-​Festival am 15.05.2015.

Diese Einstellung ist im hoch­kom­mer­zi­el­len Musikbusiness wohl als ein­zig­ar­tig zu be­zeich­nen. Doch sie macht es auch mög­lich, dass Maximilian und seine Mitarbeiter Gruppen wie ABS, Spezializtz oder Creutzfeld & Jakob auf ein­mal wie­der auf ei­ner Bühne ste­hen las­sen. Viele Künstler sind ob die­ses Spirits froh, Teil der Tapefabrik sein zu dür­fen. So neh­men viele lange Wege und ge­ringe Gagen in Kauf, um in Wiesbaden auf­zu­tre­ten. Das führt auch dazu, dass die Tapefabrik im Januar 2014 eine ei­gene Schallplatte prä­sen­tie­ren kann, auf der aus­schließ­lich Interpreten aus dem Line-​Up ver­tre­ten sind – teil­weise mit ex­klu­si­ven Tracks. 2015 folgt dann die zweite Auflage. Auf der Tapefabrik #6 in Berlin gibt es Shirts aus Kollaborations-​Projekten ver­schie­de­ner Künstler mit der Tapefabrik zu er­wer­ben, wäh­rend Schaufel und Spaten ihr Albumrelease fei­ern und Slowy & 12Vince eine strengs­tens li­mi­tierte EP an den Mann brin­gen. Überhaupt merkt man der Tapefabrik an, dass hier nichts nur auf­grund des Geldes be­wegt wird. Dennoch ist das Team um Maximilian so am­bi­tio­niert, dass das Festival 2015 in sei­nem vier­ten Jahr an gleich zwei neuen Locations statt­fin­det. Das be­deu­tet be­son­ders ein fi­nan­zi­el­les Wagnis: Im Vergleich zum Vorjahr sind die Zuschauerzahlen 2015 in Wiesbaden eher be­schei­den und auch der Vorverkauf für die Berliner Ausgabe ver­läuft eher schlep­pend. Maximilian bleibt trotz der erns­ten Lage idea­lis­ti­sch: "Wir wä­ren, glaube ich, je­der­zeit dazu in der Lage, ein Festival zu ma­chen, bei dem wir sa­gen kön­nen: 'Auf je­den Fall, da müs­sen wir uns keine Sorgen ma­chen, weil wir große Künstler ha­ben, zu de­nen so­wieso Leute kom­men.'" Die Tapefabrik exis­tiere sei­ner Meinung nach, da es ein Publikum gibt, das ge­nau diese Art von Musik fei­ert. "Diese Leute tra­gen die Tapefabrik, sie sind die Tapefabrik."

Für Kenner des Festivals ist diese Einstellung durch­aus ver­ständ­lich. Statt pö­beln­der Atzen mit Neonbrillen oder Swag-​Schönlingen im 1.000 Euro-​Outfit steht die Tapefabrik für tie­fen­ent­spannte Leute, die er­kenn­bar der Musik we­gen zu den Events kom­men und da­für oft in ei­nem un­be­heiz­ten Kleinbus oder ei­ner über­füll­ten Bahn durchs halbe Land fah­ren. "Wenn man auf an­dere Festivals geht, sieht man viele Besucher, die da auf Randale aus sind und Party ma­chen wol­len und viel trin­ken … Bei uns ist das nicht so. Die Leute har­mo­nie­ren ein­fach un­glaub­lich gut: auf der Bühne, vor der Bühne, hin­ter der Bühne. Ich finde, dass das auf vie­len an­de­ren Festivals fehlt", re­flek­tiert Kai, ein Booker der Tapefabrik.

Flyer zur "Beerdigung" der Tapefabrik am 20.09.2015.

Dennoch: Zum Berliner Tapefabrik-​Festival kom­men nicht an­satz­weise so viele Gäste wie er­hofft. Statt des Beginns ei­ner Expansion hat die­ses Event die Tapefabrik fi­nan­zi­ell so stark aus dem Gleichgewicht ge­bracht, dass sie schließ­lich Insolvenz an­mel­den muss. Doch wer denkt, dies sei das Ende, irrt ge­wal­tig: Bereits am 20. September wird in Wiesbaden eine "Beerdigung" aus­ge­rich­tet und die Tapefabrik kann noch ein­mal zei­gen, was sie zu bie­ten hat. Neben Konzerten be­freun­de­ter Künstler rich­tet das Splash!-Mag ei­nen Beatfight aus, das Live-​Battle-​Format "Don't let the la­bel la­bel you" bringt vier Rapper mit.

Nach die­sem vor­erst letz­ten Lebenszeichen des Tapefabrik-​Projekts steht des­sen Zukunft wei­ter­hin in den Sternen. Haben die Einnahmen von der "Beerdigung" ge­reicht, um das Projekt zu kon­so­li­die­ren? Wird es dem­nächst in Wiesbaden oder ir­gend­wie, ir­gendwo, ir­gend­wann eine wei­tere Ausgabe ge­ben? Wird sich das Konzept än­dern, be­son­ders an­ge­sichts der doch über­schau­ba­ren Szene im deut­schen Rap-​Untergrund? Wir wis­sen es nicht und bis­lang hält sich die Tapefabrik of­fi­zi­ell be­deckt. Es wäre schade, en­dete das Projekt nun. Doch zu­min­dest um Maximilian wird man sich keine Sorgen ma­chen müs­sen, denn wie er be­reits in Berlin wusste: "Sollte sich her­aus­stel­len, dass es für diese Art von Festival kei­nen Raum oder keine Luft nach oben gibt, wird die Tapefabrik ir­gend­wann nicht mehr exis­tie­ren. Und das ist in Ordnung. Ich je­den­falls werde mich dann ei­nem an­de­ren Projekt wid­men, das mei­ner Leidenschaft ent­spricht".

(Jonathan Rogg)
(Fotos: Fabian Pöhland)