Februar 2016: Nimo und Pillath

"Okay – was habe ich ver­passt?" Eine Fra­ge, der wohl je­der von uns schon ­mal begeg­net ist. Egal, ob man sie selbst ge­stellt hat oder mit ihr kon­fron­tiert wur­de. Manch­mal kommt ein­fach der Zeit­punkt, an dem man sich vor al­lem ei­nes wünscht: "Bringt mich doch mal auf den neu­es­ten Stand!" Doch wie ant­wor­tet man dar­auf? Was hält man für beson­ders erwäh­nens­wert? Es ist schwer, eine kur­ze, aber voll­stän­dige Ant­wort dar­auf zu fin­den. Wie misst man über­haupt Rele­vanz? An media­lem Hype? Am Über­ra­schungs­fak­tor? Oder doch an dem musi­ka­li­schen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das al­les, redu­ziert auf zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ein Release, das vor al­lem im Unter­grund auf Zuspruch gesto­ßen ist, und ei­nes, das in der brei­ten Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wur­de. Zwei Wer­ke, die wir nicht unbe­dingt gut fin­den müs­sen, aber eine ge­wisse Rele­vanz oder eine Bedeu­tung jeg­li­cher Art für die hie­sige Rapland­schaft besit­zen. Zwei Wer­ke, die am Ende des Monats vor al­lem ei­nes aus­sa­gen: "Hört, hört! Genau das habt ihr ver­passt!"

 

 

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Nimo – Habe­e­beee

Nimos Erfolg über­schrei­tet jetzt schon den vie­ler sei­ner bedeu­tend erfah­re­ne­ren und älte­ren Kol­le­gen. Kein Wun­der, schließ­lich ent­stammt er Celo & Abdis Talent­schmie­de 385ideal, wel­che wie­der­um Haft­be­fehls Label Azz­lackz ent­sprun­gen ist. Bes­se­re Vor­aus­set­zun­gen für einen erfolg­rei­chen Start als deut­scher Stra­ßen­rap­per kann man sich aktu­ell nur schwer vor­stel­len.

"Habe­e­beee" ist so ziem­lich das Gegen­teil von dem, was man vor zehn Jah­ren noch unter einem Mix­tape ver­stan­den hat. Hier gibt es kei­ne Song­skiz­zen, kei­ne Free­styles auf Ami­beats und auch kei­ne Aus­schuss­wa­re, die nicht gut genug für das eigent­li­che Album ist. Die gut aus­pro­du­zier­ten Beats rei­chen vom New York-​Sound der spä­ten 90er über ori­en­ta­li­sche Melo­di­en bis hin zu ame­ri­ka­nisch und fran­zö­sisch gefärb­tem Trap. Die Instru­men­tals berappt Nimo tech­nisch ver­siert und abwechs­lungs­reich. Er gehört zu einer Gene­ra­ti­on an Stra­ßen­rap­pern, die bereits mit musi­ka­li­schen Vor­bil­dern wie Haft­be­fehl auf­ge­wach­sen sind – und das hört man ihm auch an. Er switcht mit einer Selbst­ver­ständ­lich­keit zwi­schen Schrift­spra­che und Stra­ßen­s­lang, dass man mei­nen könn­te, er habe bereits im Kin­der­gar­ten so gespro­chen. Sein sprach­li­ches Talent trös­tet auch ein wenig dar­über hin­weg, dass er lei­der nicht gera­de mit einer beson­ders ein­dring­li­chen Rap­stim­me geseg­net wur­de. Die­se ist eher hoch als tief, jedoch nicht hoch genug, um sie als beson­ders cha­rak­te­ris­tisch bezeich­nen zu kön­nen. Auch die Inhal­te, die der Leon­ber­ger prä­sen­tiert, stel­len kei­nes­wegs ein Novum dar. Es han­delt sich um die klas­si­sche Geschich­te des Jun­gen von der Stra­ße, der dunk­le Täler durch­läuft, in denen ihn die Umstän­de dazu zwin­gen, kri­mi­nell zu wer­den. In der Musik sieht er schließ­lich eine Chan­ce zum Aus­tritt aus dem Dun­kel, ohne jedoch den Stre­et­li­fe­style kom­plett hin­ter sich las­sen zu kön­nen und wol­len. Man kann den Jun­gen von der Stra­ße holen, die Stra­ße jedoch nicht aus dem Jun­gen. So weit, so gewöhn­lich. Was ihn jedoch von vie­len ver­gleich­ba­ren Kol­le­gen der Zunft unter­schei­det, ist der simp­le Fakt, dass er Unmen­gen an Cha­ris­ma besitzt, wodurch man ihm sei­ne Geschich­ten auch abkauft und ger­ne dabei zuhört, wie er sie vor­trägt.

"Habe­e­beee" bie­tet genü­gend Mate­ri­al in Album­qua­li­tät, um Nimos wach­sen­de Fan­schar bis zu sei­nem offi­zi­el­len Debüt bei der Stan­ge zu hal­ten. Wer die bis­he­ri­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen aus den Häu­sern 385ideal und Azz­lackz moch­te, wird an "Habe­e­beee" sei­ne hel­le Freu­de haben. Sicher­lich gibt es im Fall von Nimo jedoch noch genü­gend Platz nach oben, schließ­lich hat er gera­de erst sei­ne Jah­re als Teen­ager hin­ter sich gebracht. Man darf also gespannt sein, ob das jun­ge Talent zu einer fes­ten Grö­ße der Sze­ne her­an­wach­sen wird.

(Stef­fen Bau­er)

 

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Pil­lath – Onkel Pil­lo

Han­ni und Nan­ni, Bat­man und Robin, Ketch­up und Mayo. Es gibt Duos, die in unse­ren Köp­fen so fest ver­an­kert sind, dass man kaum einen der bei­den Namen über die Lip­pen bringt, ohne den ande­ren aus­spre­chen zu wol­len. So kam es auch, dass die wie­der­be­leb­te Solo­kar­rie­re Sna­gas gleich­zei­tig die Fans sei­nes Part­ners Pil­lath auf­hor­chen ließ. Was dar­auf­hin zunächst nur als ein ein­zel­ner Free­track geplant war, mit dem "Onkel Pil­lo" die Hörer für ihre jah­re­lan­ge Treue beschen­ken woll­te, ent­wi­ckel­te sich schnell zu einem gesam­ten Album. Ein Werk, das trotz der vie­len akti­ven und inak­ti­ven Jah­re das Solo­de­büt des HipHop-​Schwergewichts dar­stellt – wobei "Schwer­ge­wicht" längst nicht mehr auf Pil­laths Kör­per bezo­gen wer­den kann.

Wel­pen­schutz braucht das Urge­stein trotz des ers­ten Allein­gangs aber kei­nen, schließ­lich hat der "Prinz des Potts" schon "Rap­per platt gemacht, als ihr noch Poké­mons gesam­melt habt". Mit dem "Rapshit" der Jun­gen mit­hal­ten? "Gar kein Pro­blem". Denn Pil­lo kann weit mehr als bis­si­ge Pun­ch­li­nes und wit­zi­gen "Auf die Fresse"-Rap. Das Gesamt­werk zeich­net sich zusätz­lich durch eine groß­ar­ti­ge musi­ka­li­sche Unter­ma­lung – unter ande­rem von Gorex, Joshi­mi­xu, Juh-​Dee und Abaz – und äußerst talen­tier­te Fea­ture­gäs­te wie RE:, Manu­ell­sen und natür­lich Sna­ga aus. Den­noch sind auch die Solo­tracks auf "Onkel Pil­lo" immer "etwas Gutes" und bie­ten von humo­ris­ti­schem Batt­lerap bis zu nach­denk­li­chem Sto­ry­tel­ling so ziem­lich alles, was das Herz begehrt.

Dass der Ruhr­pott­ler sich mit die­sem ers­ten eige­nen Album nicht sofort den Sta­tus des sze­ne­prä­gen­den All­roun­ders zurück­holt, ist klar. Dass er aber defi­ni­tiv "auf dem rich­ti­gen Weg" ist, jedoch genau­so. Egal, ob es für Pil­lath erst mal solo wei­ter­geht oder doch die Reuni­on mit Sna­ga folgt – die Fans kön­nen sicher sein, dass "Onkel Pil­lo" alles ande­re als ein­ge­ros­tet ist. Vor allem wis­sen sie nun aber auch, dass der Rap­per nicht nur neben einem Part­ner eine gute Figur macht, son­dern der Namen Pil­lath auch pro­blem­los für sich allei­ne ste­hen kann.

(Dani­el Fersch)