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Vega & Bosca

"Old love ne­ver rosts"– der von Bosca kor­rekt über­setzte Titel des neuen Freunde von Niemand-​Releases "Alte Liebe ros­tet nicht", das so­eben von Vega und Bosca auf den Deutschrap-​Markt ge­wor­fen wurde, schließt ei­nes der wohl span­nends­ten Interviews, das das noch junge MZEE.com-Magazin bis­her zu bie­ten hat. Aber fan­gen wir vorne an: Wir ba­ten die bei­den sehr gut auf­ge­leg­ten Rapper aus dem Frankfurter Raum kürz­lich zum Gespräch – kurz nach Release der ers­ten ge­mein­sa­men Platte und kurz vor Bekanntgabe des Charteinstiegs auf Platz vier. Aus dem ei­gent­lich halb­stün­dig ge­plan­ten Interview wur­den schnell ein paar Stunden, in de­nen man von den üb­li­chen schlech­ten Witzen zu po­li­ti­schen Themen über­ging und ei­nige sehr in­ter­es­sante Statements vom Stapel ließ. So spra­chen wir be­reits zu Beginn des Interviews über Themen wie "Taten, die man gerne zu­rück­neh­men würde", die Schlüsselfigur von Vegas Karriere so­wie den Entstehungsprozess der Platte, gin­gen über zu mie­sen Kommentaren im Internet, Social Media-​Kanälen und Spotify, um schluss­end­lich bei ak­tu­el­ler Politik zu lan­den. Wir er­fuh­ren, ob die deut­sche Rapszene "po­li­ti­sch ge­nug" ist, was Vega und Bosca zur ak­tu­el­len po­li­ti­schen Situation und der Rolle der Medien in Deutschland zu sa­gen ha­ben und wie sie die Silversternacht in Köln be­ur­tei­len. So sehr wir im Nachhinein ver­such­ten, dem Interview eine er­träg­li­che Länge zu ge­ben, so schwer ta­ten wir uns da­bei auch – der fes­ten Überzeugung, das Ganze et­was län­ger und euch lie­ber sel­ber wäh­len zu las­sen, wel­chen Teil ihr gerne le­sen möch­tet. In die­sem Sinne: Nehmt euch ein we­nig Zeit, holt euch ei­nen Tee und dann viel Spaß.

MZEE​.com: Euer Album be­ginnt mit ei­nem Zitat, mit dem wir auch gerne in un­ser Interview ein­stei­gen wür­den: "Es gibt zwei Sachen, die man nicht zu­rück­neh­men kann: Kugeln, die man ab­feu­ert, und Worte, die man sagt." Gibt es in eu­ren mu­si­ka­li­schen Karrieren Entscheidungen, Taten oder Worte, die Ihr im Nachhinein gerne zu­rück­neh­men wür­det?

Vega: Unendlich viele. (grinst) Meine Karriere ist ge­prägt von Taten, die ich gerne zu­rück­neh­men würde. Sagen wir mal so: In den letz­ten Jahren, ge­rade auch die Zeit um "Vincent" und "Nero" rum, ha­ben wir uns ja Industie-​intern nicht nur Freunde ge­macht. Da gab es schon eine Menge Leute, die ab­ge­turnt von uns wa­ren, weil wir ein paar Sachen nicht so geil ge­macht ha­ben, nicht so zu­ver­läs­sig wa­ren und uns stel­len­weise be­nom­men ha­ben wie die Axt im Wald. Jetzt, aus ei­ner pro­fes­sio­nel­le­ren Sicht ge­se­hen, wo ich äl­ter und wei­ser bin, würde ich da ei­ni­ges an­ders ma­chen.

Bosca: Bei mir ist es das kom­plette Gegenteil. Ehrlich ge­sagt stehe ich nach wie vor zu je­dem Schritt mei­ner Karriere. Da gibt es we­der Worte noch Taten, die ich wirk­lich zu­rück­neh­men würde … Ich bin ei­gen­lich recht zu­frie­den.

MZEE​.com: Und was war die je­weils be­ste Entscheidung, die ihr je in Bezug auf eure Musik ge­trof­fen habt? Oder an­ders: Ohne wel­che gra­vie­rende Entscheidung, au­ßer viel­leicht das Rappen zu ler­nen, wärt ihr heute nicht an dem Punkt, an dem ihr seid?

Vega: Worauf ich re­la­tiv stolz bin, ist, dass ich mich bei al­len Aufgaben, die ich zu ver­tei­len hab', im­mer in mei­nem Umfeld um­schaue und ver­su­che, al­les Family-​Business-​mäßig zu hal­ten. Zum Beispiel, als Bosca da­mals an­ge­fan­gen hat zu mi­schen und bei Weitem nicht auf dem Level war, auf dem er jetzt ist. Dass ich ihm da­mals trotz­dem ge­sagt hab': "Du kannst die Releases ma­chen", und be­reit war, Qualitätseinbußen da­für hin­zu­neh­men, in­dem ich je­man­den auf­baue, der mir na­he­steht und in mei­nem Umfeld ist. Und ihm auch die Möglichkeit gebe, an mei­nen Projekten mit zu wach­sen. Dann zum Beispiel die letz­ten Videos – die hat meine Frau mit ih­rem Cousin ge­dreht. Das wa­ren auch die ers­ten vier, fünf Videos, die sie ge­macht ha­ben. Das sind auf je­den Fall Sachen, auf die ich stolz bin und ich hab' Bock, Leute aus mei­nem di­rek­ten Umfeld auf­zu­bauen und ei­nen ei­ge­nen Kreis zu ent­wi­ckeln. (über­legt) Hat das die Frage an­satz­weise be­ant­wor­tet?

MZEE​.com: Du hast eine grund­sätz­li­che Einstellung auf­ge­führt – kannst du das den­noch auf ei­nen ein­zel­nen Punkt run­ter­bre­chen?

Vega: Das ist bei uns na­tür­lich ein kras­ser Zwiespalt: Ohne Hadi El-​Dor wäre ich nicht an dem Punkt, an dem ich jetzt bin. Hadi ist je­mand, der mir im ers­ten Moment sehr, sehr viele Vorteile und da­nach aber auch Nachteile ge­bracht hat. Er war auf je­den Fall eine Schlüsselfigur in mei­ner Karriere.

Bosca: Bei mir zum Beispiel war ein un­glaub­lich wich­ti­ger Punkt, dass ich nach mei­nem Fachabi, für das ich eine Ausbildung oder ein Praktikum ge­braucht hätte, um es ab­zu­schlie­ßen, die Entscheidung ge­trof­fen hab', bei Emonex ein halb­jäh­ri­ges Praktikum zu ma­chen. Natürlich hätte ich auch die Möglichkeit ge­habt, ir­gendwo ei­nen Bürojob zu ma­chen. Ich hab' aber ge­sagt: Nee, ich geh' in diese Richtung und mach' ein Praktikum im Studio. Hätte ich das nicht ge­macht, wäre auf je­den Fall gar nichts pas­siert.

Vega: Das Problem bei mir ist, dass ich das schon seit zehn Jahren ma­che. Mein ers­tes Release kam 2006. Ich hatte schon viele Meilenstein-​Entscheidungen in mei­nem Leben, die viel ver­än­dert ha­ben … Aber wenn ich ei­nen be­nen­nen muss, dann war es auf je­den Fall der Moment, als ich bei Buckwheats Music un­zu­frie­den war und mit Seppo nicht mehr klar­ge­kom­men bin. Der Moment, in dem ich ge­sagt hab': Ich will mein ei­ge­nes Label grün­den. Dann hab' ich Butterfly Music ge­macht, was dann in den Arsch ge­gan­gen ist. Dann hab' ich M8 Musik ge­macht, was dann in den Arsch ge­gan­gen ist. Und dann hab' ich Freunde von Niemand ge­macht.

MZEE​.com: Ich würde gerne kurz daran an­schlie­ßen, dass du eben ge­sagt hast, Hadi El-​Dor sei eine Schlüsselfigur für deine Karriere ge­we­sen. Glaubst du, dass es noch mal je­man­den ge­ben kann, der eine so große Rolle in Bezug auf deine Karriere spielt?

Vega: (über­legt) Ich glaube, auf die­sem Level wird das nicht mehr pas­sie­ren. Es kann sein, dass noch mal je­mand kommt, der das Ganze auf eine neue Ebene bringt. Aber es wird nie­mals so krass sein wie die­ser Sprung da­mals: von gar nichts zu Top 5 in den Charts. Das war ein­fach so ein kras­ser Umschwung. Es kann na­tür­lich sein – auch wenn es mich wun­dern würde –, dass je­mand kommt, der so ein Mastermind ist, so­dass ich auf ein­mal 100 000 CDs ver­kaufe. Aber ich glaube, es wäre nie so krass, wie es da­mals war.

MZEE​.com: Apropos "Punkt, an dem ihr heute seid": Vor Kurzem habt ihr euer ers­tes ge­mein­sa­mes Album na­mens "Alte Liebe ros­tet nicht" re­least. Welche Gefühle ha­ben grund­sätz­lich die Entstehung der Platte be­glei­tet?

Bosca: Die ers­ten Gefühle wa­ren bei mir auf je­den Fall Angst, das ging dann über in Euphorie und zwi­schen­zeit­lich Trauer … ging über in Glück und zu­letzt Ungewissheit.

Vega: Was?! Wegen was hast du denn ge­trau­ert?!

Bosca: Na, das hatte mit dem Album jetzt nichts zu tun. Eher im pri­va­ten Sinne, als dass es jetzt ei­nen Bezug zum Album hatte.

MZEE​.com: Ich dachte schon, du warst trau­rig, weil du mit die­sem Vega 'ne Platte auf­neh­men muss­test. (alle la­chen)

Bosca: Nee, nee. Auf gar kei­nen Fall! Die Gefühle, die ich jetzt be­schrie­ben hab', wa­ren eher eine Mischung aus "auf das Album be­zo­gen" und pri­vat; sie hat­ten aber trotz­dem ei­nen Einfluss auf mich. Natürlich hatte ich die ganze Zeit ober Bock, an dem Album zu ar­bei­ten, das ist voll­kom­men klar. Die pri­va­ten Gefühle sind aber für das Album viel wich­ti­ger, weil sie ja auch Einfluss auf meine Musik ha­ben.

Vega: Bei mir war es so: Ich hatte am Anfang eine ge­wisse Vorfreude und Gelassenheit, aber auch eine Art Euphorie. Und zum Ende hin ist al­les sehr stres­sig ge­wor­den, weil ich in der Release- und Promophase sehr ein­ge­spannt war. Ansonsten na­tür­lich ober­geil, ei­nes mei­ner Lieblingsalben. Eigentlich ist es vom Gesamtwerk her, mit den Videos und al­lem drum und dran, mein Lieblingsalbum. Nicht vom mu­si­ka­li­schen Werk an sich, son­dern das ge­samte Produkt. Wie es gra­fi­sch um­ge­setzt wurde, das Cover, die Videos, der Sound … die Art und Weise, wie daran ge­ar­bei­tet wurde, und die be­vor­ste­hende Tour.

MZEE​.com: Wie muss man sich denn die Zusammenarbeit von zwei Künstlern vor­stel­len, die die Karriere des an­de­ren schon seit Jahren be­glei­tet ha­ben? Weiß man von Grund auf, wie der an­dere tickt, so­dass al­les rei­bungs­los ab­läuft?

Bosca: Es war schon an­ders als sonst. Vor al­lem, weil meine Herangehensweise auf je­den Fall eine an­dere ist als die von Vega. Ich bin auf je­den Fall ei­nen Tick ex­pe­ri­men­tier­freu­di­ger und leich­ter zu­frie­den­zu­stel­len. Ich bin happy mit dem, was schon mal ge­macht wurde, und denke mir: Cool, mal ein biss­chen Drüberhören. Und der V ist schon über-​kritisch. Er war die halbe Produktionszeit sehr un­zu­frie­den mit der Musik. Das kann man, glaube ich, jetzt auch schon mal sa­gen. Er war sich auf je­den Fall nicht so si­cher, ob das jetzt wirk­lich so ist, wie er es sich vor­ge­stellt hat. Aber für mich war es die ganze Zeit so. Ich war mir si­cher und hab' ge­sagt: "Wart mal ab, Alter. Das wird gut!" Es gab auf je­den Fall schon Diskrepanzen zwi­schen uns in die­ser Schaffensphase.

MZEE​.com: Habt ihr euch ge­gen­sei­tig be­ein­flusst, was eure Texte an­geht? Lasst ihr euch grund­sätz­lich freie Hand oder än­dert ihr stel­len­weise Texte, die der an­dere kri­ti­siert?

Bosca: Ich sag' mal so – wenn mir was nicht ge­fal­len hat, dann hab' ich schon ge­sagt: "Ganz ehr­lich, da komm' ich nicht mit klar! Das werd' ich ein­fach nicht fer­tig­brin­gen." Und auf der an­de­ren Seite war es auch so, dass er Sachen von mir ge­hört und ge­sagt hat: "Ey, ich feier' das nicht!"

MZEE​.com: Was pas­siert dann da­mit?

Bosca: Na ja, das schmod­dert auf un­se­rem Rechner rum.

MZEE​.com: Das heißt: Was ei­ner nicht gut fin­det, kommt nicht auf die Platte.

Bosca: Zumindest nicht auf diese. (lacht) Es gibt an­ge­fan­gene Sachen, die auf je­den Fall stark sind und bei de­nen man denkt: "Okay, die ma­che ich auf je­den Fall al­leine fer­tig!" Deshalb gibt es üb­ri­gens auch ei­nen Solosong von mir auf der Platte. Weil er ge­sagt hat: "Das ist nicht so mein Ding." Und der Rest wird halt weg­ge­schmis­sen.

MZEE​.com: Schreibt ihr auch ge­mein­sam an Texten, zum Beispiel an Hooks?

Vega: Ja, an den Hooks ha­ben wir ei­gent­lich im­mer zu­sam­men ge­schrie­ben. Wobei Bosca die­ses Mal auch ein paar Hooks ganz al­lein ge­schrie­ben hat. Dass er und ich aber an ei­nem Part zu­sam­men ge­schrie­ben ha­ben, gab es nur bei dem Track, bei dem wir die ganze Zeit ab­wech­selnd rap­pen. Ansonsten schreibt er nicht in mei­nem Part rum und ich nicht in sei­nem. Das ist für mich aber auch ein kom­plet­tes Unding – ich kann gar nicht ver­ste­hen, dass ir­gend­je­mand so­was macht.

MZEE​.com: Es gibt Leute, die ma­chen Kollabo-​Alben und der eine schreibt alle Texte. (alle la­chen)

Bosca: Wo gibt's denn das?! (grinst)

Vega: Da gibt es Leute, die ma­chen keine Kollabo-​Alben und ein an­de­rer schreibt alle Texte.

Bosca: Es gibt Leute, die dis­sen auf ih­ren ei­ge­nen Alben die Leute, die auf dem Album ge­fea­turet sind und alle Texte ge­schrie­ben ha­ben. (alle la­chen) Es gibt sehr lus­tige Leute.

MZEE​.com: Hattet ihr grund­sätz­lich das Gefühl, Kompromisse ein­ge­hen zu müs­sen, um eine ge­mein­same Platte ma­chen zu kön­nen?

Bosca: Absolut. Es gibt ja Leute, die der Meinung sind, dass un­sere Sachen eh alle gleich klin­gen. Aber man hat an­fangs stark ge­merkt, dass man Kompromisse ein­ge­hen muss. Zwei der drei Videosingles sind auf je­den Fall Kompromisse. Bei bei­den war es so, dass ich den Beat nicht ge­wählt hätte, weil ich dachte, ich krieg' den Part dar­auf nicht so stark hin. Und V hat dann vor­ge­legt und es mus­ste fer­tig wer­den. Also mus­ste ich den Kompromiss ein­ge­hen und mich drauf ein­las­sen. Und um­ge­kehrt gab es das auf je­den Fall ge­nauso.

MZEE​.com: Apropos "eure Sachen klin­gen alle gleich". Ich er­in­nere mich an Zeiten, in de­nen es den Hörern auf Featuretracks von euch schwer fiel, eure Stimmen aus­ein­an­der­zu­hal­ten. Nun habt ihr kürz­lich ge­sagt, dass ihr für das Album ei­nen gu­ten Mittelweg zwi­schen eu­ren Stilrichtungen ge­fun­den habt. Was ist denn der Unterschied zwi­schen ty­pi­schem Vega- und ty­pi­schem Bosca-​Sound?

Bosca: Mein Sound ist et­was eu­pho­ri­scher und deut­li­cher trei­ben­der. Ich glaube auch, ein klei­nes Stück po­si­ti­ver. Und Vegas Sound ist viel sphä­ri­scher, mäch­ti­ger, grö­ßer und häu­fig deut­lich trau­ri­ger. Und dass wir uns stimm­lich ähn­lich an­hö­ren, ist na­tür­lich eine Tatsache. Auf dem Album hört man ja meine Range von "ganz schnell und hoch" bis zu "sehr lang­sam und tief". Und das ist halt nun mal, wie meine Stimme klingt. Und wenn die sich ähn­lich an­hört wie Vegas, der auch diese Range hat, was willst du dann ma­chen?!

Vega: Wir klin­gen ähn­lich – wie frü­her auch Bushido und Fler auf "Carlo Cokxxx Nutten". Das Problem ist, wenn man eine ähn­li­che Stimmfarbe hat und ei­nen ähn­li­chen Wortschatz be­nutzt, be­kommt man schnell die Problematik, die wir ha­ben. Aber ich sag' mal so: Es gibt ja Schlimmeres für Bosca, als mit ei­nem der bes­ten Rapper der Welt ver­gli­chen zu wer­den. (alle la­chen) Aber wenn man sagt, Bosca und ich klin­gen gleich, müsste man ei­gent­lich auch sa­gen: Xatar, SSIO, Plusmacher und Schwesta Ewa klin­gen gleich. Weil sie alle die glei­chen Beats be­nut­zen, ei­nen ähn­li­chen Flow und den­sel­ben Wortschatz ha­ben. Das ist ge­nau das, was Bosca und ich ma­chen. Nur mit dem Unterschied, dass sie alle an­dere Stimmfarben ha­ben. Und Boscas und meine Stimmen sind halt sehr ähn­lich.

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MZEE​.com: Witzigerweise kann man ja Rapper in Deutschland oft ei­nem Camp zu­ord­nen, wenn man mal ge­hört hat, wie sie rap­pen. Wenn du ei­nen Track von ei­nem un­be­kann­ten Rapper von den Azzlackz hörst, weißt du als Rapkenner sehr si­cher, wo er hin­ge­hört. Ich finde diese Alleinstellungsmerkmale der ein­zel­nen Camps ei­gent­lich sehr cool. 

Bosca: Natürlich. Ich würde gerne noch mal was zu dem Thema da­vor sa­gen – dass die Leute fin­den, dass wir gleich klin­gen: Es gibt auch Leute, die ha­ten ein­fach gern. Die gu­cken sich zum Beispiel un­ser Video an. Meistens stört sie dann schon, dass die­ses Video exis­tiert und sie kein Video ha­ben. Dann müs­sen sie ir­gend­was schrei­ben, um das für sich sel­ber schlecht zu re­den. Und wenn die Mucke dann gut ist und sie nichts da­ge­gen sa­gen kön­nen und ge­gen die Beats auch nicht, weil die Beats auch gut sind, und sie dann nicht mal mehr schrei­ben kön­nen, dass der Vega fett ist, weil er nicht mehr fett ist, dann müs­sen sie halt sa­gen: "Ja, die Stimmen, die klin­gen echt voll ähn­lich."

MZEE​.com: Apropos "ha­ten und fett". Stimmt es, dass Leute sich, nach­dem du ab­ge­nom­men hast, dar­über "be­schwert" ha­ben, dass du nicht mehr dick bist?

Vega: Ich glaube, sie wa­ren ein biss­chen auf dem sar­kas­ti­schen Film, so: "Öh, der ist ja gar nicht mehr fett, ist ja lang­wei­lig, jetzt wis­sen wir nicht mehr, was wir sa­gen sol­len." Aber für mich ist das Thema lang­sam echt an­stren­gend. Ich war na­tür­lich krass fett, das steht au­ßer Frage. Und ich war auch gar nicht mal so hüb­sch. Aber es war an­stren­gend, wenn ich Musik raus­ge­bracht hab', die emo­tio­nal so wich­tig war. Für mich sel­ber und, ich glaube, auch für an­dere Leute. Vielleicht über­schätze ich mich da auch. Aber ich meine halt, dass meine Musik für junge Leute in Deutschland ein­fach wich­tig ist. Und ich glaub', dass es viele Künstler gibt, bei de­nen das nicht so ist. Klingt jetzt viel­leicht auch ar­ro­gant. Auf je­den Fall fand ich es dann sehr müh­sam, wenn Leute nur ge­schrie­ben ha­ben: "Boah, der ist fett", und: "Der Fettsack."

MZEE​.com: Kommen wir mal auf den Inhalt der Platte zu spre­chen. Was ist in eu­ren Augen in­halt­lich der wich­tigste Track von "Alte Liebe ros­tet nicht"?

Bosca: "Alle Kameras an". Aus dem Grund, dass er op­ti­mal ins ak­tu­elle Zeitgeschehen passt. Noch op­ti­ma­ler als da­mals, als er ge­schrie­ben wurde. Sogar ei­gent­lich ein biss­chen zu­kunfts­wei­send. Aus dem Grund, dass da Themen an­ge­spro­chen und mei­ner Meinung nach sehr auf den Punkt ge­bracht wer­den, die mo­men­tan wich­ti­ger sind denn je.

MZEE​.com: Und was ist euer je­wei­li­ger Lieblingstrack?

Vega: "MoselXKaiser" auf je­den Fall.

Bosca: Bei mir ist es "Mit oder ge­gen uns". Irgendwie mag ich das Feeling von dem Song ex­trem krass.

MZEE​.com: Gehen wir mal weg von eu­rem Album hin zu an­de­ren ak­tu­el­len Platten. Wenn man eure Social Media-​Kanäle be­ob­ach­tet, sieht man, dass ihr viele Deutschrap-​Alben kauft und dann Album und Kassenzettel in die Kamera hal­tet. Wollt ihr ge­ne­rell die Szene sup­por­ten oder kauft ihr nur Platten von Leuten, die ihr per­sön­lich oder mu­si­ka­li­sch fei­ert?

Vega: Ohne über­trei­ben zu wol­len, glaube ich ehr­lich ge­sagt, dass ich der Grund da­für bin, dass alle an­de­ren deut­schen Rapper das jetzt auch ma­chen. Ich hab' das auf je­den Fall schon ge­macht, als an­dere Leute das noch nicht ge­macht ha­ben. Wobei es mir ein­fach wich­tig ist, ge­nau das den Leuten vor­zu­le­ben und ih­nen die Wertigkeit ei­ner CD nä­her­zu­brin­gen. Ich kaufe mir oft auch CDs von Künstlern, die ich gar nicht mal so krass feier'. Weil ich es mir ein­fach kau­fen muss, wenn ich es hö­ren will. Das ist für mich die lo­gi­sche Konsequenz. Wenn ich von ei­nem Album vor­her drei Singles ge­hört hab', die ich kom­plett Schmutz fand, dann kauf' ich das Album na­tür­lich auch nicht. Aber wenn mich die Musik so neu­gie­rig ge­macht hat, dass ich mir die Platte mal kom­plett an­hö­ren möchte, dann schon. Ich finde, es ist ein­fach wich­tig, dass man den Leuten zeigt, wie wert­voll Musik ist. Ich habe auch oft ge­le­sen, dass Leute jetzt ge­schrie­ben ha­ben: "Ja, elf, zwölf Songs für 17 Euro – das ist schon sehr teuer und lohnt sich nicht." Aber du musst dir ein­fach mal über­le­gen: Die Leute ge­ben bei Mc Donald's 13 Euro aus, um sich mit ir­gend­ei­ner Gülle voll­zu­stop­fen, die ih­ren Körper ver­gif­tet. Und auf der an­de­ren Seite be­schwe­ren sie sich, 17 Euro für ein Stück Musik aus­zu­ge­ben, wo eine kom­plette, kleine Maschinerie manch­mal zwei Jahre dran ge­ar­bei­tet hat, sich den Kopf dar­über zer­bro­chen und nachts wach­ge­le­gen hat für Ideen, für ein Album … Wo rich­tige Künstler am Start wa­ren beim Artwork und den Videos. Und das ei­nen im bes­ten Fall viel­leicht ein, zwei Jahre be­glei­tet. Das hört sich jetzt viel­leicht be­hin­dert an, aber: Wenn ein Album am Ende des Tages gut ist, wäre es mei­ner Meinung nach auch nicht viel, wenn es hun­dert Euro kos­tet. Wenn ich das Moses-​Album "Geteiltes Leid 3" jetzt so ken­nen würde, wie ich es kenne, und man mir sa­gen würde: "Du musst 130 Euro da­für zah­len" – ich schwör' dir, ich würde 130 Euro da­für be­zah­len. Weil es das voll­kom­men wert ist.

MZEE​.com: Das Problem ist aber, dass nicht je­der Mensch, der viel­leicht 15 Jahre alt ist und von sei­nem Taschengeld lebt, sich noch Musik leis­ten könnte, wenn Alben 130 Euro kos­ten.

Vega: Aber 15-​Jährige kön­nen sich auch für 130 Euro im Monat Weed und Schnaps kau­fen.

MZEE​.com: (lacht) Alle. Die ma­chen das alle.

Bosca: Na ja, aber die schrei­ben ja auch nicht: "Oh fuck, ich bin to­des­broke, ich kann es mir nicht leis­ten, weil ich mir nicht mal was zu Essen kau­fen kann." Die Leute, die sich be­schwe­ren, die ma­chen mir meis­tens nicht den Eindruck, dass sie zu we­nig Geld ha­ben. Das ist auch was an­de­res. Wenn je­mand wirk­lich keine Patte hat, soll er sich das scheiß Album il­le­gal run­ter­la­den. Oder sich Spotify ho­len und es da ein­fach mit ein biss­chen Werbung da­zwi­schen hö­ren. Da kriegt der Künstler we­nigs­tens noch was. Aber an­sons­ten sehe ich das ge­nauso wie V, dass es krass ist, wie we­nig Wertigkeit die Leute darin se­hen. Außerdem will ich nicht wis­sen, wie viel Geld die Leute für Schuhe aus­ge­ben, die bei Weitem nach drei Monaten nicht mehr so schön sind wie am Anfang und nach ei­nem Jahr weg­ge­schmis­sen wer­den. Die Alben, die ich mir in mei­ner Jugend ge­holt hab', hab' ich heute noch im Schrank und kann sie ho­len, wenn ich mal wie­der Bock hab' auf den Flash. Sowas gibt mir kein an­de­rer Gebrauchsgegenstand.

Vega: Das mit Spotify sehe ich üb­ri­gens nicht so wie Bosca.

MZEE​.com: Darauf wollte ich auch noch hin­aus. Wie geht ihr denn da­mit um, wenn Leute sich das Ganze auf Spotify an­hö­ren und ihr be­kommt 0,003 Cent oder so?!

Bosca: Mir ist die Version na­tür­lich lie­ber, als wenn Leute sich das für 0,0 Euro run­ter­la­den und ich 0,0 Euro be­komme. Insgesamt ha­ben die Leute da lei­der eine fal­sche Vorstellung von. Ich che­cke manch­mal auch Alben auf die Schnelle bei Spotify, wenn ich sie mir eh ge­kauft habe. Wir ha­ben heute in der Stadt ei­nen Jungen ge­trof­fen, der wollte ein Foto ha­ben. Und wir mein­ten: "Und, auch schon Album ge­checkt?" Und er meinte: "Ja ja, schon bei Spotify ge­holt!" (lacht) Das ist na­tür­lich so ein Marketingding. Die Plattformen zei­gen nach au­ßen hin, dass sie den Künstlern was Gutes tun. Aber die Ausschüttungen, die be­trie­ben wer­den, die sind das Problem. Nicht die Plattformen an sich.

Vega: Richtig. An und für sich ist das al­les schön und gut. Aber es müs­sen auf je­den Fall mo­de­rate Verteilungsschlüssel ge­fun­den wer­den. Vielleicht muss das Ganze teu­rer wer­den im mo­nat­li­chen Gebrauch. Statt 10 Euro 30 Euro. Und dann muss mehr Geld an die Künstler ver­teilt wer­den.

MZEE​.com: Kommen wir zu­rück zum Albenkauf. Welche Alben ha­ben euch denn im ver­gan­ge­nen Jahr so rich­tig be­ein­druckt?

Bosca: Ehrlich ge­sagt nicht viel. Vielleicht noch das Yelawolf-​Album, bei dem ich ein paar Flashs ge­kriegt hab'. Aber als gan­zes Album muss ich ehr­lich sa­gen, dass es letz­tes Jahr nichts gab, was mich wirk­lich ge­flasht hat.

Vega: Ich fand das Blut & Kasse-​Album gut. Aber dass ich ei­nen Überflash ge­kriegt hab' wie frü­her, das war das letzte Mal bei Moses. Dem Sido-​Album konnte ich ein paar gute Dinger ab­ge­win­nen. Aber es gab nichts, was mich so rich­tig um­ge­hauen hat.

Bosca: Es kommt mei­ner Meinung nach dazu, dass die Qualität der Deutschrap-​Alben in den letz­ten Jahren ra­pide ab­ge­nom­men hat. Vielleicht ha­ben die Leute des­we­gen auch so ein ko­mi­sches Empfinden dazu. Weil sie meis­tens ein Album mit 16 Songs be­kom­men, von de­nen man sechs erst mal gna­den­los nach zwei Sekunden weg­skippt. Ist ja klar, dass die Werigkeit dann ver­lo­ren geht.

MZEE​.com: Wo wir ge­rade schon von an­de­ren Rappern spre­chen … Auf ei­ni­gen Songs von "Alte Liebe ros­tet nicht" hört man Zeilen wie "Die PEGIDA be­kommt aufs Maul“ oder "FFM bleibt na­zi­frei" – in Hinblick auf die Diskussionen der letz­ten Zeit wür­den wir gerne wis­sen, ob die deut­sche Rapszene in eu­ren Augen po­li­ti­sch ge­nug ist.

Bosca: Meiner Meinung nach ist die Deutschrapszene ein­fach pseu­do­po­li­ti­sch. Erstens mal: po­li­ti­sch ge­nug? Auf je­den Fall: Nein. Wenn ich sehe, dass Rapper po­li­ti­sch wer­den, fin­det das meis­tens im Zuge ih­rer Albumpromotion statt und en­det dann auch wie­der ganz schnell, nach­dem das Album drau­ßen ist. Und zwei­tens: Es ist die­ses ty­pi­sch Pressepolitische, dem ge­folgt wird. Es ist die­ses Schwarz-​Weiß-​Gemale – es gibt Schwarz und es gibt Weiß. Aber dass wirk­lich hin­ter­fragt wird und man Themen an­geht, pas­siert mei­ner Meinung nach nicht. Es gibt aber auch kaum Leute, de­nen ich das zu­traue und von de­nen ich das er­warte. Und es gibt eine Menge Leute, bei de­nen ich eher froh bin, dass sie so un­po­li­ti­sch blei­ben.

Vega: Ich sehe es ge­nauso wie Bosca, dass deut­scher Rap viel zu un­po­li­ti­sch ist. Was aber da­mit zu­sam­men­hängt, dass die Leute ge­ne­rell un­in­for­miert sind und keine Meinung ha­ben. Wenn du eine Meinung hast, bist du ja au­to­ma­ti­sch po­li­ti­sch. Aber viele sche­ren sich ei­nen Teufel drum und wer­den dann na­tür­lich auch un­po­li­ti­sch in ih­ren Songs.

MZEE​.com: Ein Track, der in die­sem Kontext in den letz­ten Wochen im­mer wie­der dis­ku­tiert wurde, ist "Walther" von Absztrakkt. Habt ihr euch den Track denn an­ge­hört?

Vega: Nein, aber ein Freund hat mir heute Morgen da­von er­zählt. Generell muss man sa­gen, dass die Leute in Deutschland bei ge­wis­sen Themen oft sehr über­emp­find­lich sind. Ich finde, man muss sehr vor­sich­tig sein, wo­bei wir ge­rade in Frankfurt ei­nen ge­wis­sen Sarkasmus ha­ben und ver­mut­lich nicht al­les, was wir sa­gen, im­mer über­trie­ben po­li­ti­sch kor­rekt ist. Wenn man meine Musik hört, könnte man mir auch frau­en­feind­li­che Sachen vor­wer­fen, ob­wohl ich über­haupt nicht frau­en­feind­lich bin. Aber ich sag' trotz­dem die ganze Zeit "Fotze" und so­was. Die Leute wol­len mich auch die ganze Zeit in ein Anti-​Homosexualitäts-​Lager ste­cken, ob­wohl ich über­haupt nicht so denke. Ich würde heute aber auch ge­wisse Sachen nicht mehr so sa­gen wie frü­her, weil ich weiß, was das für Reaktionen her­vor­ruft – und ich das für mein Dasein als Künstler nicht ha­ben möchte. Ich denke, wie ge­sagt, dass man nicht al­les so über­emp­find­lich se­hen darf. Aber ich muss mir den Song auf je­den Fall mal an­hö­ren.

MZEE​.com: Denkt ihr, dass viele deut­sche Rapper auch des­halb keine ein­deu­tige po­li­ti­sche Haltung ein­neh­men, weil sie Angst ha­ben, ihre Fans da­mit vor den Kopf zu sto­ßen?

Bosca: Ehrlich ge­sagt glaube ich ein­fach, dass viele sich darum ein­fach gar nicht sche­ren. Sondern, dass sich die meis­ten deut­schen Rapper, be­son­ders die er­folg­rei­chen, am meis­ten darum sche­ren, wie sie noch mehr Geld ma­chen kön­nen.

MZEE​.com: Das ist ganz schön trau­rig, ehr­lich ge­sagt.

Bosca: Natürlich ist das trau­rig. Wobei, was heißt "trau­rig"?! Ich denk' mir im­mer, das ist so­wieso das, was un­ser gan­zes "Freunde von Niemand"-Ding ver­folgt. Auch wenn man sich sel­ber im­mer wie­der er­wischt, wie man in der Woche nach Relase die Trendcharts ver­folgt, ob­wohl es ei­gent­lich egal sein sollte, weil das dem Album nicht zu­gu­te­kommt. Oder mit der Musik nichts zu tun hat. Aber ins­ge­samt ist das Einzige, was man tun kann, sich da­von ab­gren­zen und man sel­ber zu sein, die an­de­ren sein las­sen.

Vega: Es ist grund­sätz­lich wich­tig, dass Rap und HipHop als Kultur eine Meinung hat und zum Nachdenken an­stößt. Und auch kri­ti­sch ist. Auch selbst­kri­ti­sch ist. Das Problem ist, das ein Großteil der Thematiken un­ter den viel­leicht fünf­zehn er­folg­reichs­ten Rappern da­mit rein gar nichts mehr zu tun hat. Es geht um Straßensachen, Rumprollerei, Geld und so­was. Worum es bei uns ja bis zu ei­nem ge­wis­sen Teil auch geht. Wir ha­ben halt glück­li­cher­weise noch die­sen Gegenpol. Wir ha­ben auch "AntiCops" raus­ge­bracht, der ein Battlerapsong ist mit 'ner Straßenattitude, auf dem wir auch mal sinn­lo­sere Sachen sa­gen. Aber wenn man sich das Album an­hört, dann kriegt man auch die an­dere Faccette ab. Und das fehlt lei­der vie­len an­de­ren er­folg­rei­chen Rappern. (über­legt) Eigentlich al­len. Bis auf de­nen, die ich nicht mag. So wie zum Beispiel … Fatoni. (lacht) Ich glaub', der macht so­was auch. Nein, K.I.Z macht das auch sehr krass.

Bosca: Die sind zum Beispiel sehr wich­tig. Aber das Problem ist, dass sie zum Teil so mas­sen­kom­pa­ti­bel sind, dass es die Leute teil­weise schon wie­der nicht mehr che­cken. Aber das ist na­tür­lich nicht die Schuld von K.I.Z. Grundsätzlich kommt auch dazu, dass wir mit der Mucke von vie­len an­de­ren ein­fach gar nichts an­fan­gen kön­nen.

MZEE​.com: Und wie nehmt ihr mo­men­tan – ab­seits der Deutschrapszene – die viel dis­ku­tierte, po­li­ti­sche Situation in Deutschland wahr? Hat euer per­sön­li­ches Interesse an ta­ges­ak­tu­el­ler Politik im letz­ten Jahr zu­ge­nom­men?

Bosca: Bei mir hat das Interesse auf je­den Fall ex­trem zu­ge­nom­men. Ich lese sehr viel und bin in­ter­es­siert. Aber ich geb' keine große Meinung dazu ab, wie man auf Facebook zum Beispiel sieht. Das ist et­was, was ich eh nicht be­ein­flus­sen kann, was mich bis jetzt auch in keins­ter Form be­ein­flusst hat. Und des­halb nehme ich das ein­fach erst­mal so hin.

Vega: (lacht) Eben zwei Stunden dar­über re­den, wie wich­tig es ist, dass man eine Meinung hat und dann ein­fach sa­gen: "Mir ist das ei­gent­lich scheiß­egal, ich nehm' das al­les so hin."

Bosca: Nee, nee, nee. Es gibt Dinge, zu de­nen hab' ich 'ne Meinung und die tu' ich dann auch kund. Und es gibt Dinge, zu de­nen hab' ich nicht un­be­dingt 'ne Meinung, weil sie mich ein­fach nicht be­tref­fen … und dann halte ich mich dazu auch be­deckt. (über­legt) Welche ak­tu­elle po­li­ti­sche Lage meint ihr ei­gent­lich ge­nau?!

MZEE​.com: Die Lage in Deutschland, zum Beispiel die Flüchtli …

Bosca: (un­ter­bricht) Die Terrorgefahr? Das Flüchtlingsaufkommen? …

MZEE​.com: Das sind ja al­les Themen, die Zusammenhänge ha­ben. Waffenexporte, Kriege, Terror, Flüchtlinge – das ist ja na­hezu ein Thema, wenn man so will. 

Vega: Eigentlich ist das nicht ein Thema, son­dern wird von den Medien zu ei­nem Thema ge­macht – das ist die Problematik. Die Flüchtlinge ha­ben mit der Terrorgefahr schlicht und er­grei­fend gar nichts zu tun. Aber die Medien möch­ten das so ver­kau­fen, um ein­fach Panik zu ma­chen.

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MZEE​.com: Ich glaube, du ver­stehst das ge­rade ein biss­chen fal­sch. Natürlich geht die Terrorgefahr nicht von Flüchtlingen aus. Sondern un­ter an­de­rem von den Leuten, vor de­nen auch Flüchtlinge flüch­ten.

Bosca: Zumindest die Flüchtlinge aus Syrien.

Vega: Das Problem ist doch auch, dass die Medien das al­les krass ver­dre­hen und Hektik ma­chen. Die Leute ha­ben Angst vor Terroranschlägen, weil Flüchtlinge kom­men, was kom­plett ab­surd ist. Weil die ge­nauso we­nig mit Terroranschlägen zu tun ha­ben, wie sie mit der Geschichte in Köln zu tun ha­ben. Da ma­chen ir­gend­wel­che Handtaschendiebe, ir­gend­wel­che Gangs ihre Versammlungen, wie es sie über­all in Europa gibt. Das gab es auch in Stockholm und Paris. Vielleicht nicht in die­sem Ausmaß, wie das jetzt in Köln war, dass sich tau­send Leute ge­trof­fen ha­ben. Aber es gab im­mer schon mal 100er-, 200er-​Gruppen, die Leute ab­zie­hen. Natürlich wird das auch von Banden ge­nutzt, dass hier ge­rade in Deutschland we­gen den Flüchtlingsgeschichten Tohuwabohu ist. Und na­tür­lich nut­zen wel­che auch den Flüchtlingsstrom, um dann nach Deutschland zu kom­men und Leute ab­zu­zie­hen. Das al­les ist auf je­den Fall ein sehr tie­fes Thema, bei dem man echt in­for­miert sein muss. Glücklicherweise habe ich ein, zwei Leute, von de­nen ich viele Informationen be­komme – un­ter an­de­rem auch un­se­ren Labelmanager Andy, der sehr be­le­sen und in­for­miert ist.

Bosca: Ich möchte noch mal was zu mei­ner Aussage von eben sa­gen. Der V hat na­tür­lich schon recht, dass das jetzt von mir ein biss­chen ge­gen­sätz­lich klang. Also, zum Thema: "Was sagst du zur po­li­ti­schen Lage?" – wenn wir das jetzt mal auf die an­kom­men­den Flüchtlinge be­zie­hen. Die Leute er­war­ten im­mer von ei­nem, dass man be­ant­wor­tet, ob das jetzt gut oder schlecht ist, dass Flüchtlinge kom­men. Ich denke, dass man das ak­tu­ell über­haupt nicht sa­gen kann. Man weiß es ein­fach nicht. Das wird sich ir­gend­wann schon zei­gen, ob das jetzt gut oder schlecht war. Aber das kann man jetzt ein­fach nicht sa­gen. Jetzt ist es so und man muss das so hin­neh­men. Wie ge­sagt: Mich be­trifft das auch ein­fach gar nicht. Und das war auch das, was ich vor­hin meinte mit der Schwarz-​Weiß-​Malerei. Die Leute wol­len im­mer, dass man ent­we­der sagt: "Scheiß Flüchtlinge, die sol­len alle blei­ben, wo sie sind!", oder das kom­plette Gegenteil: "Alle her, alle her, al­les su­per!" Aber es ist doch ein­fach so, dass es sich im Laufe der Jahre zei­gen wird, wie sich das ent­wi­ckelt. Und ob sich da­durch für das zwi­schen­mensch­li­che Leben et­was Positives ent­wi­ckelt oder eben nicht.

MZEE​.com: Wie er­geht es euch denn im Zuge der po­li­ti­schen Thematik mo­men­tan in so­zia­len Netzwerken? Gruselt es euch auch manch­mal vor den gan­zen Statements und Kommentaren, die stel­len­weise raus­po­saunt wer­den?

Bosca: Auf je­den Fall. Mich gru­selt es ehr­lich ge­sagt auch vor der Meinung von vie­len Leuten, weil so viel Schwachsinn da­bei ist und je­der auch noch sei­nen Scheiß dazu ab­ge­ben kann. Und weil mir auch die Thematiken lang­sam to­tal auf die Nerven ge­hen, weil al­les voll da­von ist. Du sitzt beim Essen im Restaurant und hörst Leute ne­benan ir­gend­ei­nen Mist von sich ge­ben, weil je­der meint, dass er ge­rade mit­re­den müsste.

Vega: Bei mir ist es so­weit ge­gan­gen, dass ich Leute bei Facebook ge­löscht hab'. Da gab es echt schlimme, un­re­flek­tierte und dumme Leute.

Bosca: Dumm wa­ren die Leute schon im­mer, sie hat­ten frü­her nur nicht die Möglichkeit, ihre Dummheit so in die Welt hin­aus­zu­tra­gen. Von den in­tel­li­gen­tes­ten Leute, die ich kenne, die die dif­fe­ren­zier­tes­ten Meinung ab­ge­ben, habe ich üb­ri­gens bis­her nicht ei­nen ein­zi­gen Kommentar on­line ge­se­hen.

Vega: In drei Bundesländern gab es doch jetzt diese Hochrechnung, wo­nach die AfD um die 14 Prozent hatte. Das ist auf je­den Fall keine gute Entwicklung. Die Leute soll­ten sich echt über­le­gen, ob sie das ha­ben wol­len.

MZEE​.com: Wurdet ihr bis­her ei­gent­lich in kei­nem an­de­ren Interview zu po­li­ti­schen Themen be­fragt?

Bosca: Wir wur­den ehr­lich ge­sagt bis­her sehr spär­lich be­fragt. Meistens nicht sehr tief­ge­hend, aber das liegt, glaube ich, daran, dass das po­li­ti­sche Interesse in die­ser Szene so ge­ring ist. Und man lie­ber auf Plattitüden aus ist als auf ernst­hafte Gespräche.

MZEE​.com: Kommen wir mal kurz auf das all­ge­meine Thema "Kunst" zu spre­chen. Wenn man sich eure Instagram-​Profile und Videos mal an­schaut, sieht man, dass ihr in den letz­ten Monaten viel auf Reisen wart. Seid ihr an an­de­ren Formen von Kunst au­ßer­halb der Rapszene in­ter­es­siert und guckt euch viel­leicht auch im Urlaub mal die ein oder an­dere Kirche oder ein Museum an?

Vega: Auf je­den Fall. Wir ha­ben im Urlaub jetzt al­ler­dings kein Museum be­sucht. Das letzte Museum, das ich be­sucht habe, war lus­ti­ger­weise das Naturkundemuseum in Wien. Das habe ich mit Prinz Pi be­sucht, als er, RAF und ich das Video zu "Schwarze Sonne" vom RAF-​Album da­mals ge­dreht ha­ben … Lustig, dass du das eben ge­nannt hast, denn für diese Kirchen-​Geschichte in­ter­es­siere ich mich auf je­den Fall. Als ich in Rom war … ach, das stimmt ja gar nicht! Das letzte Museum, in dem ich war, war das Vatikan-​Museum. Ansonsten war ich jetzt auch im Colosseum. Und in der Sacre Coeur in Paris. Außerdem war ich viel in Bangkok in den Tempeln un­ter­wegs. Ich weiß nicht, ob man das Kunst nen­nen kann. Aber na­tür­lich gibt es viel Decken-, Glaskunst und so­was in Kirchen und Tempeln. (über­legt) Also, dass ich mal in ein Museum ge­gan­gen bin, in dem wirk­lich nur Bilder hän­gen – das hab' ich noch nicht ge­macht. Ich glaube, Bosca und ich fei­ern auch eher Streetart-​Sachen und so­was.

Bosca: Ja … Für mich ist der Flair ei­ner Stadt beim Reisen viel wich­ti­ger. Ein biss­chen das Gefühl der Stadt, der Leute und der Umgebung auf­zu­sau­gen. Ich per­sön­lich bin auch eher so ein Landschafts-​Hopper. Wenn ich ir­gendwo neu bin, dann ver­su­che ich meis­tens, mir ei­nen Platz zu su­chen, von dem aus ich eine geile Aussicht hab'. Das mag ich ein­fach über­trie­ben gerne. Diese kul­tu­rel­len Geschichten, Kirchen und Museen be­sich­ti­gen, da hab' ich ir­gend­wie 'nen Knacks ab­ge­kriegt durch Urlaube mit mei­nen Eltern. Das ist ir­gend­wie gar nicht mein Film. Aber ich mag schöne Plätze über­trie­ben gern.

MZEE​.com: Zu gu­ter Letzt würde ich gerne wis­sen, wie es um eu­ren Freund Face steht. Soweit ich es on­line mit­be­kom­men habe, sitzt er seit Längerem an neuer Musik. Könnt ihr mehr dazu sa­gen?

Bosca: Er ver­sucht auf je­den Fall, hier und da ein Lied zu ma­chen. Ob dar­aus ein Projekt wird? Das weiß, glaub' ich, nur der liebe Herrgott.

Vega: Ich glaube, er hat schon sechs, sie­ben Songs ge­macht. Er hat aber gar nicht im Hinterkopf, ob er was da­mit ma­chen will, son­dern macht das ein­fach ohne Druck, weil er Bock drauf hat. Er ist auf je­den Fall ge­ne­rell am Muckemachen.

Bosca: Und er ist auf je­den Fall wie­der mehr denn je in un­se­ren Kreisen un­ter­wegs. Wir hof­fen na­tür­lich nach wie vor, dass das ir­gend­wann un­wei­ger­lich dazu führt, dass da doch noch eine Platte kommt.

MZEE​.com: Das war's auch schon mit dem viel zu lan­gen Interview. (grinst) Wie im­mer dürft ihr zum Ende gerne sa­gen, was ihr noch zu sa­gen habt.

Vega: Ich würd' sa­gen: Ich danke auf je­den Fall je­dem, der sich das al­les bis zum Schluss durch­ge­le­sen hat … (grinst) Und be­reit ist, ein Interview zu le­sen, das the­ma­ti­sch viel­leicht ein biss­chen här­tere Kost ist. Und ich danke euch, dass ihr sol­che Interviews führt. Und wer noch nicht in "Alte Liebe ros­tet nicht" rein­ge­hört hat, der sollte das auf je­den Fall mal tun.

Bosca: Old love ne­ver rosts.

(Florence Bader & Fabian Thomas)
(Fotos von Kevlic Winehouse)