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Vega & Bosca

"Old love ne­ver rosts"– der von Bosca kor­rekt über­setz­te Titel des neu­en Freunde von Niemand-​Releases "Alte Liebe ros­tet nicht", das so­eben von Vega und Bosca auf den Deutschrap-​Markt ge­wor­fen wur­de, schließt ei­nes der wohl span­nends­ten Interviews, das das no­ch jun­ge MZEE.com-Magazin bis­her zu bie­ten hat. Aber fan­gen wir vor­ne an: Wir ba­ten die bei­den sehr gut auf­ge­leg­ten Rapper aus dem Frankfurter Raum kürz­li­ch zum Gespräch – kurz nach Release der ers­ten ge­mein­sa­men Platte und kurz vor Bekanntgabe des Charteinstiegs auf Platz vier. Aus dem ei­gent­li­ch halb­stün­dig ge­plan­ten Interview wur­den schnell ein paar Stunden, in de­nen man von den üb­li­chen schlech­ten Witzen zu po­li­ti­schen Themen über­ging und ei­ni­ge sehr in­ter­es­san­te Statements vom Stapel ließ. So spra­chen wir be­reits zu Beginn des Interviews über Themen wie "Taten, die man ger­ne zu­rück­neh­men wür­de", die Schlüsselfigur von Vegas Karriere so­wie den Entstehungsprozess der Platte, gin­gen über zu mie­sen Kommentaren im Internet, Social Media-​Kanälen und Spotify, um schluss­end­li­ch bei ak­tu­el­ler Politik zu lan­den. Wir er­fuh­ren, ob die deut­sche Rapszene "po­li­ti­sch ge­nug" ist, was Vega und Bosca zur ak­tu­el­len po­li­ti­schen Situation und der Rolle der Medien in Deutschland zu sa­gen ha­ben und wie sie die Silversternacht in Köln be­ur­tei­len. So sehr wir im Nachhinein ver­such­ten, dem Interview ei­ne er­träg­li­che Länge zu ge­ben, so schwer ta­ten wir uns da­bei auch – der fes­ten Überzeugung, das Ganze et­was län­ger und eu­ch lie­ber sel­ber wäh­len zu las­sen, wel­chen Teil ihr ger­ne le­sen möch­tet. In die­sem Sinne: Nehmt eu­ch ein we­nig Zeit, holt eu­ch ei­nen Tee und dann viel Spaß.

MZEE​.com: Euer Album be­ginnt mit ei­nem Zitat, mit dem wir auch ger­ne in un­ser Interview ein­stei­gen wür­den: "Es gibt zwei Sachen, die man nicht zu­rück­neh­men kann: Kugeln, die man ab­feu­ert, und Worte, die man sagt." Gibt es in eu­ren mu­si­ka­li­schen Karrieren Entscheidungen, Taten oder Worte, die Ihr im Nachhinein ger­ne zu­rück­neh­men wür­det?

Vega: Unendlich vie­le. (grin­st) Meine Karriere ist ge­prägt von Taten, die ich ger­ne zu­rück­neh­men wür­de. Sagen wir mal so: In den letz­ten Jahren, ge­ra­de auch die Zeit um "Vincent" und "Nero" rum, ha­ben wir uns ja Industie-​intern nicht nur Freunde ge­macht. Da gab es schon ei­ne Menge Leute, die ab­ge­turnt von uns wa­ren, weil wir ein paar Sachen nicht so geil ge­macht ha­ben, nicht so zu­ver­läs­sig wa­ren und uns stel­len­wei­se be­nom­men ha­ben wie die Axt im Wald. Jetzt, aus ei­ner pro­fes­sio­nel­le­ren Sicht ge­se­hen, wo ich äl­ter und wei­ser bin, wür­de ich da ei­ni­ges an­ders ma­chen.

Bosca: Bei mir ist es das kom­plet­te Gegenteil. Ehrlich ge­sagt ste­he ich nach wie vor zu je­dem Schritt mei­ner Karriere. Da gibt es we­der Worte no­ch Taten, die ich wirk­li­ch zu­rück­neh­men wür­de … Ich bin ei­gen­li­ch recht zu­frie­den.

MZEE​.com: Und was war die je­weils be­s­te Entscheidung, die ihr je in Bezug auf eu­re Musik ge­trof­fen habt? Oder an­ders: Ohne wel­che gra­vie­ren­de Entscheidung, au­ßer viel­leicht das Rappen zu ler­nen, wärt ihr heu­te nicht an dem Punkt, an dem ihr seid?

Vega: Worauf ich re­la­tiv stolz bin, ist, dass ich mi­ch bei al­len Aufgaben, die ich zu ver­tei­len hab', im­mer in mei­nem Umfeld um­schaue und ver­su­che, al­les Family-​Business-​mäßig zu hal­ten. Zum Beispiel, als Bosca da­mals an­ge­fan­gen hat zu mi­schen und bei Weitem nicht auf dem Level war, auf dem er jetzt ist. Dass ich ihm da­mals trotz­dem ge­sagt hab': "Du kann­st die Releases ma­chen", und be­reit war, Qualitätseinbußen da­für hin­zu­neh­men, in­dem ich je­man­den auf­baue, der mir na­he­steht und in mei­nem Umfeld ist. Und ihm auch die Möglichkeit ge­be, an mei­nen Projekten mit zu wach­sen. Dann zum Beispiel die letz­ten Videos – die hat mei­ne Frau mit ih­rem Cousin ge­dreht. Das wa­ren auch die ers­ten vier, fünf Videos, die sie ge­macht ha­ben. Das sind auf je­den Fall Sachen, auf die ich stolz bin und ich hab' Bock, Leute aus mei­nem di­rek­ten Umfeld auf­zu­bau­en und ei­nen ei­ge­nen Kreis zu ent­wi­ckeln. (über­legt) Hat das die Frage an­satz­wei­se be­ant­wor­tet?

MZEE​.com: Du hast ei­ne grund­sätz­li­che Einstellung auf­ge­führt – kann­st du das den­no­ch auf ei­nen ein­zel­nen Punkt run­ter­bre­chen?

Vega: Das ist bei uns na­tür­li­ch ein kras­ser Zwiespalt: Ohne Hadi El-​Dor wä­re ich nicht an dem Punkt, an dem ich jetzt bin. Hadi ist je­mand, der mir im ers­ten Moment sehr, sehr vie­le Vorteile und da­na­ch aber auch Nachteile ge­bracht hat. Er war auf je­den Fall ei­ne Schlüsselfigur in mei­ner Karriere.

Bosca: Bei mir zum Beispiel war ein un­glaub­li­ch wich­ti­ger Punkt, dass ich nach mei­nem Fachabi, für das ich ei­ne Ausbildung oder ein Praktikum ge­braucht hät­te, um es ab­zu­schlie­ßen, die Entscheidung ge­trof­fen hab', bei Emonex ein halb­jäh­ri­ges Praktikum zu ma­chen. Natürlich hät­te ich auch die Möglichkeit ge­habt, ir­gend­wo ei­nen Bürojob zu ma­chen. Ich hab' aber ge­sagt: Nee, ich geh' in die­se Richtung und mach' ein Praktikum im Studio. Hätte ich das nicht ge­macht, wä­re auf je­den Fall gar nichts pas­siert.

Vega: Das Problem bei mir ist, dass ich das schon seit zehn Jahren ma­che. Mein ers­tes Release kam 2006. Ich hat­te schon vie­le Meilenstein-​Entscheidungen in mei­nem Leben, die viel ver­än­dert ha­ben … Aber wenn ich ei­nen be­nen­nen muss, dann war es auf je­den Fall der Moment, als ich bei Buckwheats Music un­zu­frie­den war und mit Seppo nicht mehr klar­ge­kom­men bin. Der Moment, in dem ich ge­sagt hab': Ich will mein ei­ge­nes Label grün­den. Dann hab' ich Butterfly Music ge­macht, was dann in den Arsch ge­gan­gen ist. Dann hab' ich M8 Musik ge­macht, was dann in den Arsch ge­gan­gen ist. Und dann hab' ich Freunde von Niemand ge­macht.

MZEE​.com: Ich wür­de ger­ne kurz dar­an an­schlie­ßen, dass du eben ge­sagt hast, Hadi El-​Dor sei ei­ne Schlüsselfigur für dei­ne Karriere ge­we­sen. Glaubst du, dass es no­ch mal je­man­den ge­ben kann, der ei­ne so gro­ße Rolle in Bezug auf dei­ne Karriere spielt?

Vega: (über­legt) Ich glau­be, auf die­sem Level wird das nicht mehr pas­sie­ren. Es kann sein, dass no­ch mal je­mand kommt, der das Ganze auf ei­ne neue Ebene bringt. Aber es wird nie­mals so krass sein wie die­ser Sprung da­mals: von gar nichts zu Top 5 in den Charts. Das war ein­fach so ein kras­ser Umschwung. Es kann na­tür­li­ch sein – auch wenn es mi­ch wun­dern wür­de –, dass je­mand kommt, der so ein Mastermind ist, so­dass ich auf ein­mal 100 000 CDs ver­kau­fe. Aber ich glau­be, es wä­re nie so krass, wie es da­mals war.

MZEE​.com: Apropos "Punkt, an dem ihr heu­te seid": Vor Kurzem habt ihr eu­er ers­tes ge­mein­sa­mes Album na­mens "Alte Liebe ros­tet nicht" re­least. Welche Gefühle ha­ben grund­sätz­li­ch die Entstehung der Platte be­glei­tet?

Bosca: Die ers­ten Gefühle wa­ren bei mir auf je­den Fall Angst, das ging dann über in Euphorie und zwi­schen­zeit­li­ch Trauer … ging über in Glück und zu­letzt Ungewissheit.

Vega: Was?! Wegen was hast du denn ge­trau­ert?!

Bosca: Na, das hat­te mit dem Album jetzt nichts zu tun. Eher im pri­va­ten Sinne, als dass es jetzt ei­nen Bezug zum Album hat­te.

MZEE​.com: Ich dach­te schon, du warst trau­rig, weil du mit die­sem Vega 'ne Platte auf­neh­men muss­test. (al­le la­chen)

Bosca: Nee, nee. Auf gar kei­nen Fall! Die Gefühle, die ich jetzt be­schrie­ben hab', wa­ren eher ei­ne Mischung aus "auf das Album be­zo­gen" und pri­vat; sie hat­ten aber trotz­dem ei­nen Einfluss auf mi­ch. Natürlich hat­te ich die gan­ze Zeit ober Bock, an dem Album zu ar­bei­ten, das ist voll­kom­men klar. Die pri­va­ten Gefühle sind aber für das Album viel wich­ti­ger, weil sie ja auch Einfluss auf mei­ne Musik ha­ben.

Vega: Bei mir war es so: Ich hat­te am Anfang ei­ne ge­wis­se Vorfreude und Gelassenheit, aber auch ei­ne Art Euphorie. Und zum Ende hin ist al­les sehr stres­sig ge­wor­den, weil ich in der Release- und Promophase sehr ein­ge­spannt war. Ansonsten na­tür­li­ch ober­geil, ei­nes mei­ner Lieblingsalben. Eigentlich ist es vom Gesamtwerk her, mit den Videos und al­lem drum und dran, mein Lieblingsalbum. Nicht vom mu­si­ka­li­schen Werk an si­ch, son­dern das ge­sam­te Produkt. Wie es gra­fi­sch um­ge­setzt wur­de, das Cover, die Videos, der Sound … die Art und Weise, wie dar­an ge­ar­bei­tet wur­de, und die be­vor­ste­hen­de Tour.

MZEE​.com: Wie muss man si­ch denn die Zusammenarbeit von zwei Künstlern vor­stel­len, die die Karriere des an­de­ren schon seit Jahren be­glei­tet ha­ben? Weiß man von Grund auf, wie der an­de­re tickt, so­dass al­les rei­bungs­los ab­läuft?

Bosca: Es war schon an­ders als son­st. Vor al­lem, weil mei­ne Herangehensweise auf je­den Fall ei­ne an­de­re ist als die von Vega. Ich bin auf je­den Fall ei­nen Tick ex­pe­ri­men­tier­freu­di­ger und leich­ter zu­frie­den­zu­stel­len. Ich bin hap­py mit dem, was schon mal ge­macht wur­de, und den­ke mir: Cool, mal ein biss­chen Drüberhören. Und der V ist schon über-​kritisch. Er war die hal­be Produktionszeit sehr un­zu­frie­den mit der Musik. Das kann man, glau­be ich, jetzt auch schon mal sa­gen. Er war si­ch auf je­den Fall nicht so si­cher, ob das jetzt wirk­li­ch so ist, wie er es si­ch vor­ge­stellt hat. Aber für mi­ch war es die gan­ze Zeit so. Ich war mir si­cher und hab' ge­sagt: "Wart mal ab, Alter. Das wird gut!" Es gab auf je­den Fall schon Diskrepanzen zwi­schen uns in die­ser Schaffensphase.

MZEE​.com: Habt ihr eu­ch ge­gen­sei­tig be­ein­flusst, was eu­re Texte an­geht? Lasst ihr eu­ch grund­sätz­li­ch freie Hand oder än­dert ihr stel­len­wei­se Texte, die der an­de­re kri­ti­siert?

Bosca: Ich sag' mal so – wenn mir was nicht ge­fal­len hat, dann hab' ich schon ge­sagt: "Ganz ehr­li­ch, da komm' ich nicht mit klar! Das werd' ich ein­fach nicht fer­tig­brin­gen." Und auf der an­de­ren Seite war es auch so, dass er Sachen von mir ge­hört und ge­sagt hat: "Ey, ich fei­er' das nicht!"

MZEE​.com: Was pas­siert dann da­mit?

Bosca: Na ja, das schmod­dert auf un­se­rem Rechner rum.

MZEE​.com: Das heißt: Was ei­ner nicht gut fin­det, kommt nicht auf die Platte.

Bosca: Zumindest nicht auf die­se. (lacht) Es gibt an­ge­fan­ge­ne Sachen, die auf je­den Fall stark sind und bei de­nen man denkt: "Okay, die ma­che ich auf je­den Fall al­lei­ne fer­tig!" Deshalb gibt es üb­ri­gens auch ei­nen Solosong von mir auf der Platte. Weil er ge­sagt hat: "Das ist nicht so mein Ding." Und der Rest wird halt weg­ge­schmis­sen.

MZEE​.com: Schreibt ihr auch ge­mein­sam an Texten, zum Beispiel an Hooks?

Vega: Ja, an den Hooks ha­ben wir ei­gent­li­ch im­mer zu­sam­men ge­schrie­ben. Wobei Bosca die­ses Mal auch ein paar Hooks ganz al­lein ge­schrie­ben hat. Dass er und ich aber an ei­nem Part zu­sam­men ge­schrie­ben ha­ben, gab es nur bei dem Track, bei dem wir die gan­ze Zeit ab­wech­selnd rap­pen. Ansonsten schreibt er nicht in mei­nem Part rum und ich nicht in sei­nem. Das ist für mi­ch aber auch ein kom­plet­tes Unding – ich kann gar nicht ver­ste­hen, dass ir­gend­je­mand so­was macht.

MZEE​.com: Es gibt Leute, die ma­chen Kollabo-​Alben und der ei­ne schreibt al­le Texte. (al­le la­chen)

Bosca: Wo gibt's denn das?! (grin­st)

Vega: Da gibt es Leute, die ma­chen kei­ne Kollabo-​Alben und ein an­de­rer schreibt al­le Texte.

Bosca: Es gibt Leute, die dis­sen auf ih­ren ei­ge­nen Alben die Leute, die auf dem Album ge­fea­tur­et sind und al­le Texte ge­schrie­ben ha­ben. (al­le la­chen) Es gibt sehr lus­ti­ge Leute.

MZEE​.com: Hattet ihr grund­sätz­li­ch das Gefühl, Kompromisse ein­ge­hen zu müs­sen, um ei­ne ge­mein­sa­me Platte ma­chen zu kön­nen?

Bosca: Absolut. Es gibt ja Leute, die der Meinung sind, dass un­se­re Sachen eh al­le gleich klin­gen. Aber man hat an­fangs stark ge­merkt, dass man Kompromisse ein­ge­hen muss. Zwei der drei Videosingles sind auf je­den Fall Kompromisse. Bei bei­den war es so, dass ich den Beat nicht ge­wählt hät­te, weil ich dach­te, ich krieg' den Part dar­auf nicht so stark hin. Und V hat dann vor­ge­legt und es mus­s­te fer­tig wer­den. Also mus­s­te ich den Kompromiss ein­ge­hen und mi­ch drauf ein­las­sen. Und um­ge­kehrt gab es das auf je­den Fall ge­nauso.

MZEE​.com: Apropos "eu­re Sachen klin­gen al­le gleich". Ich er­in­ne­re mi­ch an Zeiten, in de­nen es den Hörern auf Featuretracks von eu­ch schwer fiel, eu­re Stimmen aus­ein­an­der­zu­hal­ten. Nun habt ihr kürz­li­ch ge­sagt, dass ihr für das Album ei­nen gu­ten Mittelweg zwi­schen eu­ren Stilrichtungen ge­fun­den habt. Was ist denn der Unterschied zwi­schen ty­pi­schem Vega- und ty­pi­schem Bosca-​Sound?

Bosca: Mein Sound ist et­was eu­pho­ri­scher und deut­li­cher trei­ben­der. Ich glau­be auch, ein klei­nes Stück po­si­ti­ver. Und Vegas Sound ist viel sphä­ri­scher, mäch­ti­ger, grö­ßer und häu­fig deut­li­ch trau­ri­ger. Und dass wir uns stimm­li­ch ähn­li­ch an­hö­ren, ist na­tür­li­ch ei­ne Tatsache. Auf dem Album hört man ja mei­ne Range von "ganz schnell und hoch" bis zu "sehr lang­sam und tief". Und das ist halt nun mal, wie mei­ne Stimme klingt. Und wenn die si­ch ähn­li­ch an­hört wie Vegas, der auch die­se Range hat, was will­st du dann ma­chen?!

Vega: Wir klin­gen ähn­li­ch – wie frü­her auch Bushido und Fler auf "Carlo Cokxxx Nutten". Das Problem ist, wenn man ei­ne ähn­li­che Stimmfarbe hat und ei­nen ähn­li­chen Wortschatz be­nutzt, be­kommt man schnell die Problematik, die wir ha­ben. Aber ich sag' mal so: Es gibt ja Schlimmeres für Bosca, als mit ei­nem der bes­ten Rapper der Welt ver­gli­chen zu wer­den. (al­le la­chen) Aber wenn man sagt, Bosca und ich klin­gen gleich, müss­te man ei­gent­li­ch auch sa­gen: Xatar, SSIO, Plusmacher und Schwesta Ewa klin­gen gleich. Weil sie al­le die glei­chen Beats be­nut­zen, ei­nen ähn­li­chen Flow und den­sel­ben Wortschatz ha­ben. Das ist ge­n­au das, was Bosca und ich ma­chen. Nur mit dem Unterschied, dass sie al­le an­de­re Stimmfarben ha­ben. Und Boscas und mei­ne Stimmen sind halt sehr ähn­li­ch.

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MZEE​.com: Witzigerweise kann man ja Rapper in Deutschland oft ei­nem Camp zu­ord­nen, wenn man mal ge­hört hat, wie sie rap­pen. Wenn du ei­nen Track von ei­nem un­be­kann­ten Rapper von den Azzlackz hör­st, weißt du als Rapkenner sehr si­cher, wo er hin­ge­hört. Ich fin­de die­se Alleinstellungsmerkmale der ein­zel­nen Camps ei­gent­li­ch sehr cool. 

Bosca: Natürlich. Ich wür­de ger­ne no­ch mal was zu dem Thema da­vor sa­gen – dass die Leute fin­den, dass wir gleich klin­gen: Es gibt auch Leute, die ha­ten ein­fach gern. Die gu­cken si­ch zum Beispiel un­ser Video an. Meistens stört sie dann schon, dass die­ses Video exis­tiert und sie kein Video ha­ben. Dann müs­sen sie ir­gend­was schrei­ben, um das für si­ch sel­ber schlecht zu re­den. Und wenn die Mucke dann gut ist und sie nichts da­ge­gen sa­gen kön­nen und ge­gen die Beats auch nicht, weil die Beats auch gut sind, und sie dann nicht mal mehr schrei­ben kön­nen, dass der Vega fett ist, weil er nicht mehr fett ist, dann müs­sen sie halt sa­gen: "Ja, die Stimmen, die klin­gen echt voll ähn­li­ch."

MZEE​.com: Apropos "ha­ten und fett". Stimmt es, dass Leute si­ch, nach­dem du ab­ge­nom­men hast, dar­über "be­schwert" ha­ben, dass du nicht mehr dick bist?

Vega: Ich glau­be, sie wa­ren ein biss­chen auf dem sar­kas­ti­schen Film, so: "Öh, der ist ja gar nicht mehr fett, ist ja lang­wei­lig, jetzt wis­sen wir nicht mehr, was wir sa­gen sol­len." Aber für mi­ch ist das Thema lang­sam echt an­stren­gend. Ich war na­tür­li­ch krass fett, das steht au­ßer Frage. Und ich war auch gar nicht mal so hüb­sch. Aber es war an­stren­gend, wenn ich Musik raus­ge­bracht hab', die emo­tio­nal so wich­tig war. Für mi­ch sel­ber und, ich glau­be, auch für an­de­re Leute. Vielleicht über­schät­ze ich mi­ch da auch. Aber ich mei­ne halt, dass mei­ne Musik für jun­ge Leute in Deutschland ein­fach wich­tig ist. Und ich glaub', dass es vie­le Künstler gibt, bei de­nen das nicht so ist. Klingt jetzt viel­leicht auch ar­ro­gant. Auf je­den Fall fand ich es dann sehr müh­sam, wenn Leute nur ge­schrie­ben ha­ben: "Boah, der ist fett", und: "Der Fettsack."

MZEE​.com: Kommen wir mal auf den Inhalt der Platte zu spre­chen. Was ist in eu­ren Augen in­halt­li­ch der wich­tigs­te Track von "Alte Liebe ros­tet nicht"?

Bosca: "Alle Kameras an". Aus dem Grund, dass er op­ti­mal ins ak­tu­el­le Zeitgeschehen passt. Noch op­ti­ma­ler als da­mals, als er ge­schrie­ben wur­de. Sogar ei­gent­li­ch ein biss­chen zu­kunfts­wei­send. Aus dem Grund, dass da Themen an­ge­spro­chen und mei­ner Meinung nach sehr auf den Punkt ge­bracht wer­den, die mo­men­tan wich­ti­ger sind denn je.

MZEE​.com: Und was ist eu­er je­wei­li­ger Lieblingstrack?

Vega: "MoselXKaiser" auf je­den Fall.

Bosca: Bei mir ist es "Mit oder ge­gen uns". Irgendwie mag ich das Feeling von dem Song ex­trem krass.

MZEE​.com: Gehen wir mal weg von eu­rem Album hin zu an­de­ren ak­tu­el­len Platten. Wenn man eu­re Social Media-​Kanäle be­ob­ach­tet, sieht man, dass ihr vie­le Deutschrap-​Alben kauft und dann Album und Kassenzettel in die Kamera hal­tet. Wollt ihr ge­ne­rell die Szene sup­por­ten oder kauft ihr nur Platten von Leuten, die ihr per­sön­li­ch oder mu­si­ka­li­sch fei­ert?

Vega: Ohne über­trei­ben zu wol­len, glau­be ich ehr­li­ch ge­sagt, dass ich der Grund da­für bin, dass al­le an­de­ren deut­schen Rapper das jetzt auch ma­chen. Ich hab' das auf je­den Fall schon ge­macht, als an­de­re Leute das no­ch nicht ge­macht ha­ben. Wobei es mir ein­fach wich­tig ist, ge­n­au das den Leuten vor­zu­le­ben und ih­nen die Wertigkeit ei­ner CD nä­her­zu­brin­gen. Ich kau­fe mir oft auch CDs von Künstlern, die ich gar nicht mal so krass fei­er'. Weil ich es mir ein­fach kau­fen muss, wenn ich es hö­ren will. Das ist für mi­ch die lo­gi­sche Konsequenz. Wenn ich von ei­nem Album vor­her drei Singles ge­hört hab', die ich kom­plett Schmutz fand, dann kauf' ich das Album na­tür­li­ch auch nicht. Aber wenn mi­ch die Musik so neu­gie­rig ge­macht hat, dass ich mir die Platte mal kom­plett an­hö­ren möch­te, dann schon. Ich fin­de, es ist ein­fach wich­tig, dass man den Leuten zeigt, wie wert­voll Musik ist. Ich ha­be auch oft ge­le­sen, dass Leute jetzt ge­schrie­ben ha­ben: "Ja, elf, zwölf Songs für 17 Euro – das ist schon sehr teu­er und lohnt si­ch nicht." Aber du mus­st dir ein­fach mal über­le­gen: Die Leute ge­ben bei Mc Donald's 13 Euro aus, um si­ch mit ir­gend­ei­ner Gülle voll­zu­stop­fen, die ih­ren Körper ver­gif­tet. Und auf der an­de­ren Seite be­schwe­ren sie si­ch, 17 Euro für ein Stück Musik aus­zu­ge­ben, wo ei­ne kom­plet­te, klei­ne Maschinerie manch­mal zwei Jahre dran ge­ar­bei­tet hat, si­ch den Kopf dar­über zer­bro­chen und nachts wach­ge­le­gen hat für Ideen, für ein Album … Wo rich­ti­ge Künstler am Start wa­ren beim Artwork und den Videos. Und das ei­nen im bes­ten Fall viel­leicht ein, zwei Jahre be­glei­tet. Das hört si­ch jetzt viel­leicht be­hin­dert an, aber: Wenn ein Album am Ende des Tages gut ist, wä­re es mei­ner Meinung nach auch nicht viel, wenn es hun­dert Euro kos­tet. Wenn ich das Moses-​Album "Geteiltes Leid 3" jetzt so ken­nen wür­de, wie ich es ken­ne, und man mir sa­gen wür­de: "Du mus­st 130 Euro da­für zah­len" – ich schwör' dir, ich wür­de 130 Euro da­für be­zah­len. Weil es das voll­kom­men wert ist.

MZEE​.com: Das Problem ist aber, dass nicht je­der Mensch, der viel­leicht 15 Jahre alt ist und von sei­nem Taschengeld lebt, si­ch no­ch Musik leis­ten könn­te, wenn Alben 130 Euro kos­ten.

Vega: Aber 15-​Jährige kön­nen si­ch auch für 130 Euro im Monat Weed und Schnaps kau­fen.

MZEE​.com: (lacht) Alle. Die ma­chen das al­le.

Bosca: Na ja, aber die schrei­ben ja auch nicht: "Oh fuck, ich bin to­des­bro­ke, ich kann es mir nicht leis­ten, weil ich mir nicht mal was zu Essen kau­fen kann." Die Leute, die si­ch be­schwe­ren, die ma­chen mir meis­tens nicht den Eindruck, dass sie zu we­nig Geld ha­ben. Das ist auch was an­de­res. Wenn je­mand wirk­li­ch kei­ne Patte hat, soll er si­ch das scheiß Album il­le­gal run­ter­la­den. Oder si­ch Spotify ho­len und es da ein­fach mit ein biss­chen Werbung da­zwi­schen hö­ren. Da kriegt der Künstler we­nigs­tens no­ch was. Aber an­sons­ten se­he ich das ge­nauso wie V, dass es krass ist, wie we­nig Wertigkeit die Leute dar­in se­hen. Außerdem will ich nicht wis­sen, wie viel Geld die Leute für Schuhe aus­ge­ben, die bei Weitem nach drei Monaten nicht mehr so schön sind wie am Anfang und nach ei­nem Jahr weg­ge­schmis­sen wer­den. Die Alben, die ich mir in mei­ner Jugend ge­holt hab', hab' ich heu­te no­ch im Schrank und kann sie ho­len, wenn ich mal wie­der Bock hab' auf den Flash. Sowas gibt mir kein an­de­rer Gebrauchsgegenstand.

Vega: Das mit Spotify se­he ich üb­ri­gens nicht so wie Bosca.

MZEE​.com: Darauf woll­te ich auch no­ch hin­aus. Wie geht ihr denn da­mit um, wenn Leute si­ch das Ganze auf Spotify an­hö­ren und ihr be­kommt 0,003 Cent oder so?!

Bosca: Mir ist die Version na­tür­li­ch lie­ber, als wenn Leute si­ch das für 0,0 Euro run­ter­la­den und ich 0,0 Euro be­kom­me. Insgesamt ha­ben die Leute da lei­der ei­ne fal­sche Vorstellung von. Ich che­cke manch­mal auch Alben auf die Schnelle bei Spotify, wenn ich sie mir eh ge­kauft ha­be. Wir ha­ben heu­te in der Stadt ei­nen Jungen ge­trof­fen, der woll­te ein Foto ha­ben. Und wir mein­ten: "Und, auch schon Album ge­checkt?" Und er mein­te: "Ja ja, schon bei Spotify ge­holt!" (lacht) Das ist na­tür­li­ch so ein Marketingding. Die Plattformen zei­gen nach au­ßen hin, dass sie den Künstlern was Gutes tun. Aber die Ausschüttungen, die be­trie­ben wer­den, die sind das Problem. Nicht die Plattformen an si­ch.

Vega: Richtig. An und für si­ch ist das al­les schön und gut. Aber es müs­sen auf je­den Fall mo­de­ra­te Verteilungsschlüssel ge­fun­den wer­den. Vielleicht muss das Ganze teu­rer wer­den im mo­nat­li­chen Gebrauch. Statt 10 Euro 30 Euro. Und dann muss mehr Geld an die Künstler ver­teilt wer­den.

MZEE​.com: Kommen wir zu­rück zum Albenkauf. Welche Alben ha­ben eu­ch denn im ver­gan­ge­nen Jahr so rich­tig be­ein­druckt?

Bosca: Ehrlich ge­sagt nicht viel. Vielleicht no­ch das Yelawolf-​Album, bei dem ich ein paar Flashs ge­kriegt hab'. Aber als gan­zes Album muss ich ehr­li­ch sa­gen, dass es letz­tes Jahr nichts gab, was mi­ch wirk­li­ch ge­flasht hat.

Vega: Ich fand das Blut & Kasse-​Album gut. Aber dass ich ei­nen Überflash ge­kriegt hab' wie frü­her, das war das letz­te Mal bei Moses. Dem Sido-​Album konn­te ich ein paar gu­te Dinger ab­ge­win­nen. Aber es gab nichts, was mi­ch so rich­tig um­ge­hau­en hat.

Bosca: Es kommt mei­ner Meinung nach da­zu, dass die Qualität der Deutschrap-​Alben in den letz­ten Jahren ra­pi­de ab­ge­nom­men hat. Vielleicht ha­ben die Leute des­we­gen auch so ein ko­mi­sches Empfinden da­zu. Weil sie meis­tens ein Album mit 16 Songs be­kom­men, von de­nen man sechs er­st mal gna­den­los nach zwei Sekunden weg­skippt. Ist ja klar, dass die Werigkeit dann ver­lo­ren geht.

MZEE​.com: Wo wir ge­ra­de schon von an­de­ren Rappern spre­chen … Auf ei­ni­gen Songs von "Alte Liebe ros­tet nicht" hört man Zeilen wie "Die PEGIDA be­kommt aufs Maul“ oder "FFM bleibt na­zi­frei" – in Hinblick auf die Diskussionen der letz­ten Zeit wür­den wir ger­ne wis­sen, ob die deut­sche Rapszene in eu­ren Augen po­li­ti­sch ge­nug ist.

Bosca: Meiner Meinung nach ist die Deutschrapszene ein­fach pseu­do­po­li­ti­sch. Erstens mal: po­li­ti­sch ge­nug? Auf je­den Fall: Nein. Wenn ich se­he, dass Rapper po­li­ti­sch wer­den, fin­det das meis­tens im Zuge ih­rer Albumpromotion statt und en­det dann auch wie­der ganz schnell, nach­dem das Album drau­ßen ist. Und zwei­tens: Es ist die­ses ty­pi­sch Pressepolitische, dem ge­folgt wird. Es ist die­ses Schwarz-​Weiß-​Gemale – es gibt Schwarz und es gibt Weiß. Aber dass wirk­li­ch hin­ter­fragt wird und man Themen an­geht, pas­siert mei­ner Meinung nach nicht. Es gibt aber auch kaum Leute, de­nen ich das zu­traue und von de­nen ich das er­war­te. Und es gibt ei­ne Menge Leute, bei de­nen ich eher froh bin, dass sie so un­po­li­ti­sch blei­ben.

Vega: Ich se­he es ge­nauso wie Bosca, dass deut­scher Rap viel zu un­po­li­ti­sch ist. Was aber da­mit zu­sam­men­hängt, dass die Leute ge­ne­rell un­in­for­miert sind und kei­ne Meinung ha­ben. Wenn du ei­ne Meinung hast, bist du ja au­to­ma­ti­sch po­li­ti­sch. Aber vie­le sche­ren si­ch ei­nen Teufel drum und wer­den dann na­tür­li­ch auch un­po­li­ti­sch in ih­ren Songs.

MZEE​.com: Ein Track, der in die­sem Kontext in den letz­ten Wochen im­mer wie­der dis­ku­tiert wur­de, ist "Walther" von Absztrakkt. Habt ihr eu­ch den Track denn an­ge­hört?

Vega: Nein, aber ein Freund hat mir heu­te Morgen da­von er­zählt. Generell muss man sa­gen, dass die Leute in Deutschland bei ge­wis­sen Themen oft sehr über­emp­find­li­ch sind. Ich fin­de, man muss sehr vor­sich­tig sein, wo­bei wir ge­ra­de in Frankfurt ei­nen ge­wis­sen Sarkasmus ha­ben und ver­mut­li­ch nicht al­les, was wir sa­gen, im­mer über­trie­ben po­li­ti­sch kor­rekt ist. Wenn man mei­ne Musik hört, könn­te man mir auch frau­en­feind­li­che Sachen vor­wer­fen, ob­wohl ich über­haupt nicht frau­en­feind­li­ch bin. Aber ich sag' trotz­dem die gan­ze Zeit "Fotze" und so­was. Die Leute wol­len mi­ch auch die gan­ze Zeit in ein Anti-​Homosexualitäts-​Lager ste­cken, ob­wohl ich über­haupt nicht so den­ke. Ich wür­de heu­te aber auch ge­wis­se Sachen nicht mehr so sa­gen wie frü­her, weil ich weiß, was das für Reaktionen her­vor­ruft – und ich das für mein Dasein als Künstler nicht ha­ben möch­te. Ich den­ke, wie ge­sagt, dass man nicht al­les so über­emp­find­li­ch se­hen darf. Aber ich muss mir den Song auf je­den Fall mal an­hö­ren.

MZEE​.com: Denkt ihr, dass vie­le deut­sche Rapper auch des­halb kei­ne ein­deu­ti­ge po­li­ti­sche Haltung ein­neh­men, weil sie Angst ha­ben, ih­re Fans da­mit vor den Kopf zu sto­ßen?

Bosca: Ehrlich ge­sagt glau­be ich ein­fach, dass vie­le si­ch dar­um ein­fach gar nicht sche­ren. Sondern, dass si­ch die meis­ten deut­schen Rapper, be­son­ders die er­folg­rei­chen, am meis­ten dar­um sche­ren, wie sie no­ch mehr Geld ma­chen kön­nen.

MZEE​.com: Das ist ganz schön trau­rig, ehr­li­ch ge­sagt.

Bosca: Natürlich ist das trau­rig. Wobei, was heißt "trau­rig"?! Ich denk' mir im­mer, das ist so­wie­so das, was un­ser gan­zes "Freunde von Niemand"-Ding ver­folgt. Auch wenn man si­ch sel­ber im­mer wie­der er­wischt, wie man in der Woche nach Relase die Trendcharts ver­folgt, ob­wohl es ei­gent­li­ch egal sein soll­te, weil das dem Album nicht zu­gu­te­kommt. Oder mit der Musik nichts zu tun hat. Aber ins­ge­samt ist das Einzige, was man tun kann, si­ch da­von ab­gren­zen und man sel­ber zu sein, die an­de­ren sein las­sen.

Vega: Es ist grund­sätz­li­ch wich­tig, dass Rap und HipHop als Kultur ei­ne Meinung hat und zum Nachdenken an­stößt. Und auch kri­ti­sch ist. Auch selbst­kri­ti­sch ist. Das Problem ist, das ein Großteil der Thematiken un­ter den viel­leicht fünf­zehn er­folg­reichs­ten Rappern da­mit rein gar nichts mehr zu tun hat. Es geht um Straßensachen, Rumprollerei, Geld und so­was. Worum es bei uns ja bis zu ei­nem ge­wis­sen Teil auch geht. Wir ha­ben halt glück­li­cher­wei­se no­ch die­sen Gegenpol. Wir ha­ben auch "AntiCops" raus­ge­bracht, der ein Battlerapsong ist mit 'ner Straßenattitude, auf dem wir auch mal sinn­lo­se­re Sachen sa­gen. Aber wenn man si­ch das Album an­hört, dann kriegt man auch die an­de­re Faccette ab. Und das fehlt lei­der vie­len an­de­ren er­folg­rei­chen Rappern. (über­legt) Eigentlich al­len. Bis auf de­nen, die ich nicht mag. So wie zum Beispiel … Fatoni. (lacht) Ich glaub', der macht so­was auch. Nein, K.I.Z macht das auch sehr krass.

Bosca: Die sind zum Beispiel sehr wich­tig. Aber das Problem ist, dass sie zum Teil so mas­sen­kom­pa­ti­bel sind, dass es die Leute teil­wei­se schon wie­der nicht mehr che­cken. Aber das ist na­tür­li­ch nicht die Schuld von K.I.Z. Grundsätzlich kommt auch da­zu, dass wir mit der Mucke von vie­len an­de­ren ein­fach gar nichts an­fan­gen kön­nen.

MZEE​.com: Und wie nehmt ihr mo­men­tan – ab­seits der Deutschrapszene – die viel dis­ku­tier­te, po­li­ti­sche Situation in Deutschland wahr? Hat eu­er per­sön­li­ches Interesse an ta­ges­ak­tu­el­ler Politik im letz­ten Jahr zu­ge­nom­men?

Bosca: Bei mir hat das Interesse auf je­den Fall ex­trem zu­ge­nom­men. Ich le­se sehr viel und bin in­ter­es­siert. Aber ich geb' kei­ne gro­ße Meinung da­zu ab, wie man auf Facebook zum Beispiel sieht. Das ist et­was, was ich eh nicht be­ein­flus­sen kann, was mi­ch bis jetzt auch in keins­ter Form be­ein­flusst hat. Und des­halb neh­me ich das ein­fach erst­mal so hin.

Vega: (lacht) Eben zwei Stunden dar­über re­den, wie wich­tig es ist, dass man ei­ne Meinung hat und dann ein­fach sa­gen: "Mir ist das ei­gent­li­ch scheiß­egal, ich nehm' das al­les so hin."

Bosca: Nee, nee, nee. Es gibt Dinge, zu de­nen hab' ich 'ne Meinung und die tu' ich dann auch kund. Und es gibt Dinge, zu de­nen hab' ich nicht un­be­dingt 'ne Meinung, weil sie mi­ch ein­fach nicht be­tref­fen … und dann hal­te ich mi­ch da­zu auch be­deckt. (über­legt) Welche ak­tu­el­le po­li­ti­sche Lage meint ihr ei­gent­li­ch ge­n­au?!

MZEE​.com: Die Lage in Deutschland, zum Beispiel die Flüchtli …

Bosca: (un­ter­bricht) Die Terrorgefahr? Das Flüchtlingsaufkommen? …

MZEE​.com: Das sind ja al­les Themen, die Zusammenhänge ha­ben. Waffenexporte, Kriege, Terror, Flüchtlinge – das ist ja na­he­zu ein Thema, wenn man so will. 

Vega: Eigentlich ist das nicht ein Thema, son­dern wird von den Medien zu ei­nem Thema ge­macht – das ist die Problematik. Die Flüchtlinge ha­ben mit der Terrorgefahr schlicht und er­grei­fend gar nichts zu tun. Aber die Medien möch­ten das so ver­kau­fen, um ein­fach Panik zu ma­chen.

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MZEE​.com: Ich glau­be, du ver­stehst das ge­ra­de ein biss­chen fal­sch. Natürlich geht die Terrorgefahr nicht von Flüchtlingen aus. Sondern un­ter an­de­rem von den Leuten, vor de­nen auch Flüchtlinge flüch­ten.

Bosca: Zumindest die Flüchtlinge aus Syrien.

Vega: Das Problem ist doch auch, dass die Medien das al­les krass ver­dre­hen und Hektik ma­chen. Die Leute ha­ben Angst vor Terroranschlägen, weil Flüchtlinge kom­men, was kom­plett ab­surd ist. Weil die ge­nauso we­nig mit Terroranschlägen zu tun ha­ben, wie sie mit der Geschichte in Köln zu tun ha­ben. Da ma­chen ir­gend­wel­che Handtaschendiebe, ir­gend­wel­che Gangs ih­re Versammlungen, wie es sie über­all in Europa gibt. Das gab es auch in Stockholm und Paris. Vielleicht nicht in die­sem Ausmaß, wie das jetzt in Köln war, dass si­ch tau­send Leute ge­trof­fen ha­ben. Aber es gab im­mer schon mal 100er-, 200er-​Gruppen, die Leute ab­zie­hen. Natürlich wird das auch von Banden ge­nutzt, dass hier ge­ra­de in Deutschland we­gen den Flüchtlingsgeschichten Tohuwabohu ist. Und na­tür­li­ch nut­zen wel­che auch den Flüchtlingsstrom, um dann nach Deutschland zu kom­men und Leute ab­zu­zie­hen. Das al­les ist auf je­den Fall ein sehr tie­fes Thema, bei dem man echt in­for­miert sein muss. Glücklicherweise ha­be ich ein, zwei Leute, von de­nen ich vie­le Informationen be­kom­me – un­ter an­de­rem auch un­se­ren Labelmanager Andy, der sehr be­le­sen und in­for­miert ist.

Bosca: Ich möch­te no­ch mal was zu mei­ner Aussage von eben sa­gen. Der V hat na­tür­li­ch schon recht, dass das jetzt von mir ein biss­chen ge­gen­sätz­li­ch klang. Also, zum Thema: "Was sagst du zur po­li­ti­schen Lage?" – wenn wir das jetzt mal auf die an­kom­men­den Flüchtlinge be­zie­hen. Die Leute er­war­ten im­mer von ei­nem, dass man be­ant­wor­tet, ob das jetzt gut oder schlecht ist, dass Flüchtlinge kom­men. Ich den­ke, dass man das ak­tu­ell über­haupt nicht sa­gen kann. Man weiß es ein­fach nicht. Das wird si­ch ir­gend­wann schon zei­gen, ob das jetzt gut oder schlecht war. Aber das kann man jetzt ein­fach nicht sa­gen. Jetzt ist es so und man muss das so hin­neh­men. Wie ge­sagt: Mich be­trifft das auch ein­fach gar nicht. Und das war auch das, was ich vor­hin mein­te mit der Schwarz-​Weiß-​Malerei. Die Leute wol­len im­mer, dass man ent­we­der sagt: "Scheiß Flüchtlinge, die sol­len al­le blei­ben, wo sie sind!", oder das kom­plet­te Gegenteil: "Alle her, al­le her, al­les su­per!" Aber es ist doch ein­fach so, dass es si­ch im Laufe der Jahre zei­gen wird, wie si­ch das ent­wi­ckelt. Und ob si­ch da­durch für das zwi­schen­mensch­li­che Leben et­was Positives ent­wi­ckelt oder eben nicht.

MZEE​.com: Wie er­geht es eu­ch denn im Zuge der po­li­ti­schen Thematik mo­men­tan in so­zia­len Netzwerken? Gruselt es eu­ch auch manch­mal vor den gan­zen Statements und Kommentaren, die stel­len­wei­se raus­po­saunt wer­den?

Bosca: Auf je­den Fall. Mich gru­selt es ehr­li­ch ge­sagt auch vor der Meinung von vie­len Leuten, weil so viel Schwachsinn da­bei ist und je­der auch no­ch sei­nen Scheiß da­zu ab­ge­ben kann. Und weil mir auch die Thematiken lang­sam to­tal auf die Nerven ge­hen, weil al­les voll da­von ist. Du sitzt beim Essen im Restaurant und hör­st Leute ne­ben­an ir­gend­ei­nen Mist von si­ch ge­ben, weil je­der meint, dass er ge­ra­de mit­re­den müss­te.

Vega: Bei mir ist es so­weit ge­gan­gen, dass ich Leute bei Facebook ge­löscht hab'. Da gab es echt schlim­me, un­re­flek­tier­te und dum­me Leute.

Bosca: Dumm wa­ren die Leute schon im­mer, sie hat­ten frü­her nur nicht die Möglichkeit, ih­re Dummheit so in die Welt hin­aus­zu­tra­gen. Von den in­tel­li­gen­tes­ten Leute, die ich ken­ne, die die dif­fe­ren­zier­tes­ten Meinung ab­ge­ben, ha­be ich üb­ri­gens bis­her nicht ei­nen ein­zi­gen Kommentar on­line ge­se­hen.

Vega: In drei Bundesländern gab es doch jetzt die­se Hochrechnung, wo­nach die AfD um die 14 Prozent hat­te. Das ist auf je­den Fall kei­ne gu­te Entwicklung. Die Leute soll­ten si­ch echt über­le­gen, ob sie das ha­ben wol­len.

MZEE​.com: Wurdet ihr bis­her ei­gent­li­ch in kei­nem an­de­ren Interview zu po­li­ti­schen Themen be­fragt?

Bosca: Wir wur­den ehr­li­ch ge­sagt bis­her sehr spär­li­ch be­fragt. Meistens nicht sehr tief­ge­hend, aber das liegt, glau­be ich, dar­an, dass das po­li­ti­sche Interesse in die­ser Szene so ge­ring ist. Und man lie­ber auf Plattitüden aus ist als auf ernst­haf­te Gespräche.

MZEE​.com: Kommen wir mal kurz auf das all­ge­mei­ne Thema "Kunst" zu spre­chen. Wenn man si­ch eu­re Instagram-​Profile und Videos mal an­schaut, sieht man, dass ihr in den letz­ten Monaten viel auf Reisen wart. Seid ihr an an­de­ren Formen von Kunst au­ßer­halb der Rapszene in­ter­es­siert und guckt eu­ch viel­leicht auch im Urlaub mal die ein oder an­de­re Kirche oder ein Museum an?

Vega: Auf je­den Fall. Wir ha­ben im Urlaub jetzt al­ler­dings kein Museum be­sucht. Das letz­te Museum, das ich be­sucht ha­be, war lus­ti­ger­wei­se das Naturkundemuseum in Wien. Das ha­be ich mit Prinz Pi be­sucht, als er, RAF und ich das Video zu "Schwarze Sonne" vom RAF-​Album da­mals ge­dreht ha­ben … Lustig, dass du das eben ge­nannt hast, denn für die­se Kirchen-​Geschichte in­ter­es­sie­re ich mi­ch auf je­den Fall. Als ich in Rom war … ach, das stimmt ja gar nicht! Das letz­te Museum, in dem ich war, war das Vatikan-​Museum. Ansonsten war ich jetzt auch im Colosseum. Und in der Sacre Coeur in Paris. Außerdem war ich viel in Bangkok in den Tempeln un­ter­wegs. Ich weiß nicht, ob man das Kunst nen­nen kann. Aber na­tür­li­ch gibt es viel Decken-, Glaskunst und so­was in Kirchen und Tempeln. (über­legt) Also, dass ich mal in ein Museum ge­gan­gen bin, in dem wirk­li­ch nur Bilder hän­gen – das hab' ich no­ch nicht ge­macht. Ich glau­be, Bosca und ich fei­ern auch eher Streetart-​Sachen und so­was.

Bosca: Ja … Für mi­ch ist der Flair ei­ner Stadt beim Reisen viel wich­ti­ger. Ein biss­chen das Gefühl der Stadt, der Leute und der Umgebung auf­zu­sau­gen. Ich per­sön­li­ch bin auch eher so ein Landschafts-​Hopper. Wenn ich ir­gend­wo neu bin, dann ver­su­che ich meis­tens, mir ei­nen Platz zu su­chen, von dem aus ich ei­ne gei­le Aussicht hab'. Das mag ich ein­fach über­trie­ben ger­ne. Diese kul­tu­rel­len Geschichten, Kirchen und Museen be­sich­ti­gen, da hab' ich ir­gend­wie 'nen Knacks ab­ge­kriegt durch Urlaube mit mei­nen Eltern. Das ist ir­gend­wie gar nicht mein Film. Aber ich mag schö­ne Plätze über­trie­ben gern.

MZEE​.com: Zu gu­ter Letzt wür­de ich ger­ne wis­sen, wie es um eu­ren Freund Face steht. Soweit ich es on­line mit­be­kom­men ha­be, sitzt er seit Längerem an neu­er Musik. Könnt ihr mehr da­zu sa­gen?

Bosca: Er ver­sucht auf je­den Fall, hier und da ein Lied zu ma­chen. Ob dar­aus ein Projekt wird? Das weiß, glaub' ich, nur der lie­be Herrgott.

Vega: Ich glau­be, er hat schon sechs, sie­ben Songs ge­macht. Er hat aber gar nicht im Hinterkopf, ob er was da­mit ma­chen will, son­dern macht das ein­fach oh­ne Druck, weil er Bock drauf hat. Er ist auf je­den Fall ge­ne­rell am Muckemachen.

Bosca: Und er ist auf je­den Fall wie­der mehr denn je in un­se­ren Kreisen un­ter­wegs. Wir hof­fen na­tür­li­ch nach wie vor, dass das ir­gend­wann un­wei­ger­li­ch da­zu führt, dass da doch no­ch ei­ne Platte kommt.

MZEE​.com: Das war's auch schon mit dem viel zu lan­gen Interview. (grin­st) Wie im­mer dürft ihr zum Ende ger­ne sa­gen, was ihr no­ch zu sa­gen habt.

Vega: Ich würd' sa­gen: Ich dan­ke auf je­den Fall je­dem, der si­ch das al­les bis zum Schluss durch­ge­le­sen hat … (grin­st) Und be­reit ist, ein Interview zu le­sen, das the­ma­ti­sch viel­leicht ein biss­chen här­te­re Kost ist. Und ich dan­ke eu­ch, dass ihr sol­che Interviews führt. Und wer no­ch nicht in "Alte Liebe ros­tet nicht" rein­ge­hört hat, der soll­te das auf je­den Fall mal tun.

Bosca: Old love ne­ver rosts.

(Florence Bader & Fabian Thomas)
(Fotos von Kevlic Winehouse)