vega-bosca-2016-2

Vega & Bosca

"Old love never rosts"– der von Bos­ca kor­rekt über­setz­te Titel des neu­en Freun­de von Niemand-​Releases "Alte Lie­be ros­tet nicht", das soeben von Vega und Bos­ca auf den Deutschrap-​Markt gewor­fen wur­de, schließt eines der wohl span­nends­ten Inter­views, das das noch jun­ge MZEE.com-Magazin bis­her zu bie­ten hat. Aber fan­gen wir vor­ne an: Wir baten die bei­den sehr gut auf­ge­leg­ten Rap­per aus dem Frank­fur­ter Raum kürz­lich zum Gespräch – kurz nach Release der ers­ten gemein­sa­men Plat­te und kurz vor Bekannt­ga­be des Char­tein­stiegs auf Platz vier. Aus dem eigent­lich halb­stün­dig geplan­ten Inter­view wur­den schnell ein paar Stun­den, in denen man von den übli­chen schlech­ten Wit­zen zu poli­ti­schen The­men über­ging und eini­ge sehr inter­es­san­te State­ments vom Sta­pel ließ. So spra­chen wir bereits zu Beginn des Inter­views über The­men wie "Taten, die man ger­ne zurück­neh­men wür­de", die Schlüs­sel­fi­gur von Vegas Kar­rie­re sowie den Ent­ste­hungs­pro­zess der Plat­te, gin­gen über zu mie­sen Kom­men­ta­ren im Inter­net, Soci­al Media-​Kanälen und Spo­ti­fy, um schluss­end­lich bei aktu­el­ler Poli­tik zu lan­den. Wir erfuh­ren, ob die deut­sche Rap­sze­ne "poli­tisch genug" ist, was Vega und Bos­ca zur aktu­el­len poli­ti­schen Situa­ti­on und der Rol­le der Medi­en in Deutsch­land zu sagen haben und wie sie die Sil­ver­ster­nacht in Köln beur­tei­len. So sehr wir im Nach­hin­ein ver­such­ten, dem Inter­view eine erträg­li­che Län­ge zu geben, so schwer taten wir uns dabei auch – der fes­ten Über­zeu­gung, das Gan­ze etwas län­ger und euch lie­ber sel­ber wäh­len zu las­sen, wel­chen Teil ihr ger­ne lesen möch­tet. In die­sem Sin­ne: Nehmt euch ein wenig Zeit, holt euch einen Tee und dann viel Spaß.

MZEE​.com: Euer Album beginnt mit einem Zitat, mit dem wir auch ger­ne in unser Inter­view ein­stei­gen wür­den: "Es gibt zwei Sachen, die man nicht zurück­neh­men kann: Kugeln, die man abfeu­ert, und Wor­te, die man sagt." Gibt es in euren musi­ka­li­schen Kar­rie­ren Ent­schei­dun­gen, Taten oder Wor­te, die Ihr im Nach­hin­ein ger­ne zurück­neh­men wür­det?

Vega: Unend­lich vie­le. (grinst) Mei­ne Kar­rie­re ist geprägt von Taten, die ich ger­ne zurück­neh­men wür­de. Sagen wir mal so: In den letz­ten Jah­ren, gera­de auch die Zeit um "Vin­cent" und "Nero" rum, haben wir uns ja Industie-​intern nicht nur Freun­de gemacht. Da gab es schon eine Men­ge Leu­te, die abge­turnt von uns waren, weil wir ein paar Sachen nicht so geil gemacht haben, nicht so zuver­läs­sig waren und uns stel­len­wei­se benom­men haben wie die Axt im Wald. Jetzt, aus einer pro­fes­sio­nel­le­ren Sicht gese­hen, wo ich älter und wei­ser bin, wür­de ich da eini­ges anders machen.

Bos­ca: Bei mir ist es das kom­plet­te Gegen­teil. Ehr­lich gesagt ste­he ich nach wie vor zu jedem Schritt mei­ner Kar­rie­re. Da gibt es weder Wor­te noch Taten, die ich wirk­lich zurück­neh­men wür­de … Ich bin eigen­lich recht zufrie­den.

MZEE​.com: Und was war die jeweils bes­te Ent­schei­dung, die ihr je in Bezug auf eure Musik getrof­fen habt? Oder anders: Ohne wel­che gra­vie­ren­de Ent­schei­dung, außer viel­leicht das Rap­pen zu ler­nen, wärt ihr heu­te nicht an dem Punkt, an dem ihr seid?

Vega: Wor­auf ich rela­tiv stolz bin, ist, dass ich mich bei allen Auf­ga­ben, die ich zu ver­tei­len hab', immer in mei­nem Umfeld umschaue und ver­su­che, alles Family-​Business-​mäßig zu hal­ten. Zum Bei­spiel, als Bos­ca damals ange­fan­gen hat zu mischen und bei Wei­tem nicht auf dem Level war, auf dem er jetzt ist. Dass ich ihm damals trotz­dem gesagt hab': "Du kannst die Relea­ses machen", und bereit war, Qua­li­täts­ein­bu­ßen dafür hin­zu­neh­men, indem ich jeman­den auf­baue, der mir nahe­steht und in mei­nem Umfeld ist. Und ihm auch die Mög­lich­keit gebe, an mei­nen Pro­jek­ten mit zu wach­sen. Dann zum Bei­spiel die letz­ten Vide­os – die hat mei­ne Frau mit ihrem Cou­sin gedreht. Das waren auch die ers­ten vier, fünf Vide­os, die sie gemacht haben. Das sind auf jeden Fall Sachen, auf die ich stolz bin und ich hab' Bock, Leu­te aus mei­nem direk­ten Umfeld auf­zu­bau­en und einen eige­nen Kreis zu ent­wi­ckeln. (über­legt) Hat das die Fra­ge ansatz­wei­se beant­wor­tet?

MZEE​.com: Du hast eine grund­sätz­li­che Ein­stel­lung auf­ge­führt – kannst du das den­noch auf einen ein­zel­nen Punkt run­ter­bre­chen?

Vega: Das ist bei uns natür­lich ein kras­ser Zwie­spalt: Ohne Hadi El-​Dor wäre ich nicht an dem Punkt, an dem ich jetzt bin. Hadi ist jemand, der mir im ers­ten Moment sehr, sehr vie­le Vor­tei­le und danach aber auch Nach­tei­le gebracht hat. Er war auf jeden Fall eine Schlüs­sel­fi­gur in mei­ner Kar­rie­re.

Bos­ca: Bei mir zum Bei­spiel war ein unglaub­lich wich­ti­ger Punkt, dass ich nach mei­nem Fach­abi, für das ich eine Aus­bil­dung oder ein Prak­ti­kum gebraucht hät­te, um es abzu­schlie­ßen, die Ent­schei­dung getrof­fen hab', bei Emonex ein halb­jäh­ri­ges Prak­ti­kum zu machen. Natür­lich hät­te ich auch die Mög­lich­keit gehabt, irgend­wo einen Büro­job zu machen. Ich hab' aber gesagt: Nee, ich geh' in die­se Rich­tung und mach' ein Prak­ti­kum im Stu­dio. Hät­te ich das nicht gemacht, wäre auf jeden Fall gar nichts pas­siert.

Vega: Das Pro­blem bei mir ist, dass ich das schon seit zehn Jah­ren mache. Mein ers­tes Release kam 2006. Ich hat­te schon vie­le Meilenstein-​Entscheidungen in mei­nem Leben, die viel ver­än­dert haben … Aber wenn ich einen benen­nen muss, dann war es auf jeden Fall der Moment, als ich bei Buck­wheats Music unzu­frie­den war und mit Sep­po nicht mehr klar­ge­kom­men bin. Der Moment, in dem ich gesagt hab': Ich will mein eige­nes Label grün­den. Dann hab' ich But­ter­fly Music gemacht, was dann in den Arsch gegan­gen ist. Dann hab' ich M8 Musik gemacht, was dann in den Arsch gegan­gen ist. Und dann hab' ich Freun­de von Nie­mand gemacht.

MZEE​.com: Ich wür­de ger­ne kurz dar­an anschlie­ßen, dass du eben gesagt hast, Hadi El-​Dor sei eine Schlüs­sel­fi­gur für dei­ne Kar­rie­re gewe­sen. Glaubst du, dass es noch mal jeman­den geben kann, der eine so gro­ße Rol­le in Bezug auf dei­ne Kar­rie­re spielt?

Vega: (über­legt) Ich glau­be, auf die­sem Level wird das nicht mehr pas­sie­ren. Es kann sein, dass noch mal jemand kommt, der das Gan­ze auf eine neue Ebe­ne bringt. Aber es wird nie­mals so krass sein wie die­ser Sprung damals: von gar nichts zu Top 5 in den Charts. Das war ein­fach so ein kras­ser Umschwung. Es kann natür­lich sein – auch wenn es mich wun­dern wür­de –, dass jemand kommt, der so ein Mas­ter­mind ist, sodass ich auf ein­mal 100 000 CDs ver­kau­fe. Aber ich glau­be, es wäre nie so krass, wie es damals war.

MZEE​.com: Apro­pos "Punkt, an dem ihr heu­te seid": Vor Kur­zem habt ihr euer ers­tes gemein­sa­mes Album namens "Alte Lie­be ros­tet nicht" releast. Wel­che Gefüh­le haben grund­sätz­lich die Ent­ste­hung der Plat­te beglei­tet?

Bos­ca: Die ers­ten Gefüh­le waren bei mir auf jeden Fall Angst, das ging dann über in Eupho­rie und zwi­schen­zeit­lich Trau­er … ging über in Glück und zuletzt Unge­wiss­heit.

Vega: Was?! Wegen was hast du denn getrau­ert?!

Bos­ca: Na, das hat­te mit dem Album jetzt nichts zu tun. Eher im pri­va­ten Sin­ne, als dass es jetzt einen Bezug zum Album hat­te.

MZEE​.com: Ich dach­te schon, du warst trau­rig, weil du mit die­sem Vega 'ne Plat­te auf­neh­men muss­test. (alle lachen)

Bos­ca: Nee, nee. Auf gar kei­nen Fall! Die Gefüh­le, die ich jetzt beschrie­ben hab', waren eher eine Mischung aus "auf das Album bezo­gen" und pri­vat; sie hat­ten aber trotz­dem einen Ein­fluss auf mich. Natür­lich hat­te ich die gan­ze Zeit ober Bock, an dem Album zu arbei­ten, das ist voll­kom­men klar. Die pri­va­ten Gefüh­le sind aber für das Album viel wich­ti­ger, weil sie ja auch Ein­fluss auf mei­ne Musik haben.

Vega: Bei mir war es so: Ich hat­te am Anfang eine gewis­se Vor­freu­de und Gelas­sen­heit, aber auch eine Art Eupho­rie. Und zum Ende hin ist alles sehr stres­sig gewor­den, weil ich in der Release- und Pro­mo­pha­se sehr ein­ge­spannt war. Ansons­ten natür­lich ober­geil, eines mei­ner Lieb­lings­al­ben. Eigent­lich ist es vom Gesamt­werk her, mit den Vide­os und allem drum und dran, mein Lieb­lings­al­bum. Nicht vom musi­ka­li­schen Werk an sich, son­dern das gesam­te Pro­dukt. Wie es gra­fisch umge­setzt wur­de, das Cover, die Vide­os, der Sound … die Art und Wei­se, wie dar­an gear­bei­tet wur­de, und die bevor­ste­hen­de Tour.

MZEE​.com: Wie muss man sich denn die Zusam­men­ar­beit von zwei Künst­lern vor­stel­len, die die Kar­rie­re des ande­ren schon seit Jah­ren beglei­tet haben? Weiß man von Grund auf, wie der ande­re tickt, sodass alles rei­bungs­los abläuft?

Bos­ca: Es war schon anders als sonst. Vor allem, weil mei­ne Her­an­ge­hens­wei­se auf jeden Fall eine ande­re ist als die von Vega. Ich bin auf jeden Fall einen Tick expe­ri­men­tier­freu­di­ger und leich­ter zufrie­den­zu­stel­len. Ich bin hap­py mit dem, was schon mal gemacht wur­de, und den­ke mir: Cool, mal ein biss­chen Drü­ber­hö­ren. Und der V ist schon über-​kritisch. Er war die hal­be Pro­duk­ti­ons­zeit sehr unzu­frie­den mit der Musik. Das kann man, glau­be ich, jetzt auch schon mal sagen. Er war sich auf jeden Fall nicht so sicher, ob das jetzt wirk­lich so ist, wie er es sich vor­ge­stellt hat. Aber für mich war es die gan­ze Zeit so. Ich war mir sicher und hab' gesagt: "Wart mal ab, Alter. Das wird gut!" Es gab auf jeden Fall schon Dis­kre­pan­zen zwi­schen uns in die­ser Schaf­fens­pha­se.

MZEE​.com: Habt ihr euch gegen­sei­tig beein­flusst, was eure Tex­te angeht? Lasst ihr euch grund­sätz­lich freie Hand oder ändert ihr stel­len­wei­se Tex­te, die der ande­re kri­ti­siert?

Bos­ca: Ich sag' mal so – wenn mir was nicht gefal­len hat, dann hab' ich schon gesagt: "Ganz ehr­lich, da komm' ich nicht mit klar! Das werd' ich ein­fach nicht fer­tig­brin­gen." Und auf der ande­ren Sei­te war es auch so, dass er Sachen von mir gehört und gesagt hat: "Ey, ich fei­er' das nicht!"

MZEE​.com: Was pas­siert dann damit?

Bos­ca: Na ja, das schmod­dert auf unse­rem Rech­ner rum.

MZEE​.com: Das heißt: Was einer nicht gut fin­det, kommt nicht auf die Plat­te.

Bos­ca: Zumin­dest nicht auf die­se. (lacht) Es gibt ange­fan­ge­ne Sachen, die auf jeden Fall stark sind und bei denen man denkt: "Okay, die mache ich auf jeden Fall allei­ne fer­tig!" Des­halb gibt es übri­gens auch einen Solo­song von mir auf der Plat­te. Weil er gesagt hat: "Das ist nicht so mein Ding." Und der Rest wird halt weg­ge­schmis­sen.

MZEE​.com: Schreibt ihr auch gemein­sam an Tex­ten, zum Bei­spiel an Hooks?

Vega: Ja, an den Hooks haben wir eigent­lich immer zusam­men geschrie­ben. Wobei Bos­ca die­ses Mal auch ein paar Hooks ganz allein geschrie­ben hat. Dass er und ich aber an einem Part zusam­men geschrie­ben haben, gab es nur bei dem Track, bei dem wir die gan­ze Zeit abwech­selnd rap­pen. Ansons­ten schreibt er nicht in mei­nem Part rum und ich nicht in sei­nem. Das ist für mich aber auch ein kom­plet­tes Unding – ich kann gar nicht ver­ste­hen, dass irgend­je­mand sowas macht.

MZEE​.com: Es gibt Leu­te, die machen Kollabo-​Alben und der eine schreibt alle Tex­te. (alle lachen)

Bos­ca: Wo gibt's denn das?! (grinst)

Vega: Da gibt es Leu­te, die machen kei­ne Kollabo-​Alben und ein ande­rer schreibt alle Tex­te.

Bos­ca: Es gibt Leu­te, die dis­sen auf ihren eige­nen Alben die Leu­te, die auf dem Album gefea­turet sind und alle Tex­te geschrie­ben haben. (alle lachen) Es gibt sehr lus­ti­ge Leu­te.

MZEE​.com: Hat­tet ihr grund­sätz­lich das Gefühl, Kom­pro­mis­se ein­ge­hen zu müs­sen, um eine gemein­sa­me Plat­te machen zu kön­nen?

Bos­ca: Abso­lut. Es gibt ja Leu­te, die der Mei­nung sind, dass unse­re Sachen eh alle gleich klin­gen. Aber man hat anfangs stark gemerkt, dass man Kom­pro­mis­se ein­ge­hen muss. Zwei der drei Video­sin­gles sind auf jeden Fall Kom­pro­mis­se. Bei bei­den war es so, dass ich den Beat nicht gewählt hät­te, weil ich dach­te, ich krieg' den Part dar­auf nicht so stark hin. Und V hat dann vor­ge­legt und es muss­te fer­tig wer­den. Also muss­te ich den Kom­pro­miss ein­ge­hen und mich drauf ein­las­sen. Und umge­kehrt gab es das auf jeden Fall genau­so.

MZEE​.com: Apro­pos "eure Sachen klin­gen alle gleich". Ich erin­ne­re mich an Zei­ten, in denen es den Hörern auf Fea­turetracks von euch schwer fiel, eure Stim­men aus­ein­an­der­zu­hal­ten. Nun habt ihr kürz­lich gesagt, dass ihr für das Album einen guten Mit­tel­weg zwi­schen euren Stil­rich­tun­gen gefun­den habt. Was ist denn der Unter­schied zwi­schen typi­schem Vega- und typi­schem Bosca-​Sound?

Bos­ca: Mein Sound ist etwas eupho­ri­scher und deut­li­cher trei­ben­der. Ich glau­be auch, ein klei­nes Stück posi­ti­ver. Und Vegas Sound ist viel sphä­ri­scher, mäch­ti­ger, grö­ßer und häu­fig deut­lich trau­ri­ger. Und dass wir uns stimm­lich ähn­lich anhö­ren, ist natür­lich eine Tat­sa­che. Auf dem Album hört man ja mei­ne Ran­ge von "ganz schnell und hoch" bis zu "sehr lang­sam und tief". Und das ist halt nun mal, wie mei­ne Stim­me klingt. Und wenn die sich ähn­lich anhört wie Vegas, der auch die­se Ran­ge hat, was willst du dann machen?!

Vega: Wir klin­gen ähn­lich – wie frü­her auch Bushi­do und Fler auf "Car­lo Cokxxx Nut­ten". Das Pro­blem ist, wenn man eine ähn­li­che Stimm­far­be hat und einen ähn­li­chen Wort­schatz benutzt, bekommt man schnell die Pro­ble­ma­tik, die wir haben. Aber ich sag' mal so: Es gibt ja Schlim­me­res für Bos­ca, als mit einem der bes­ten Rap­per der Welt ver­gli­chen zu wer­den. (alle lachen) Aber wenn man sagt, Bos­ca und ich klin­gen gleich, müss­te man eigent­lich auch sagen: Xatar, SSIO, Plus­ma­cher und Schwesta Ewa klin­gen gleich. Weil sie alle die glei­chen Beats benut­zen, einen ähn­li­chen Flow und den­sel­ben Wort­schatz haben. Das ist genau das, was Bos­ca und ich machen. Nur mit dem Unter­schied, dass sie alle ande­re Stimm­far­ben haben. Und Bos­cas und mei­ne Stim­men sind halt sehr ähn­lich.

vega-bosca-2016-titelbild

MZEE​.com: Wit­zi­ger­wei­se kann man ja Rap­per in Deutsch­land oft einem Camp zuord­nen, wenn man mal gehört hat, wie sie rap­pen. Wenn du einen Track von einem unbe­kann­ten Rap­per von den Azz­lackz hörst, weißt du als Rap­ken­ner sehr sicher, wo er hin­ge­hört. Ich fin­de die­se Allein­stel­lungs­merk­ma­le der ein­zel­nen Camps eigent­lich sehr cool.

Bos­ca: Natür­lich. Ich wür­de ger­ne noch mal was zu dem The­ma davor sagen – dass die Leu­te fin­den, dass wir gleich klin­gen: Es gibt auch Leu­te, die haten ein­fach gern. Die gucken sich zum Bei­spiel unser Video an. Meis­tens stört sie dann schon, dass die­ses Video exis­tiert und sie kein Video haben. Dann müs­sen sie irgend­was schrei­ben, um das für sich sel­ber schlecht zu reden. Und wenn die Mucke dann gut ist und sie nichts dage­gen sagen kön­nen und gegen die Beats auch nicht, weil die Beats auch gut sind, und sie dann nicht mal mehr schrei­ben kön­nen, dass der Vega fett ist, weil er nicht mehr fett ist, dann müs­sen sie halt sagen: "Ja, die Stim­men, die klin­gen echt voll ähn­lich."

MZEE​.com: Apro­pos "haten und fett". Stimmt es, dass Leu­te sich, nach­dem du abge­nom­men hast, dar­über "beschwert" haben, dass du nicht mehr dick bist?

Vega: Ich glau­be, sie waren ein biss­chen auf dem sar­kas­ti­schen Film, so: "Öh, der ist ja gar nicht mehr fett, ist ja lang­wei­lig, jetzt wis­sen wir nicht mehr, was wir sagen sol­len." Aber für mich ist das The­ma lang­sam echt anstren­gend. Ich war natür­lich krass fett, das steht außer Fra­ge. Und ich war auch gar nicht mal so hübsch. Aber es war anstren­gend, wenn ich Musik raus­ge­bracht hab', die emo­tio­nal so wich­tig war. Für mich sel­ber und, ich glau­be, auch für ande­re Leu­te. Viel­leicht über­schät­ze ich mich da auch. Aber ich mei­ne halt, dass mei­ne Musik für jun­ge Leu­te in Deutsch­land ein­fach wich­tig ist. Und ich glaub', dass es vie­le Künst­ler gibt, bei denen das nicht so ist. Klingt jetzt viel­leicht auch arro­gant. Auf jeden Fall fand ich es dann sehr müh­sam, wenn Leu­te nur geschrie­ben haben: "Boah, der ist fett", und: "Der Fett­sack."

MZEE​.com: Kom­men wir mal auf den Inhalt der Plat­te zu spre­chen. Was ist in euren Augen inhalt­lich der wich­tigs­te Track von "Alte Lie­be ros­tet nicht"?

Bos­ca: "Alle Kame­ras an". Aus dem Grund, dass er opti­mal ins aktu­el­le Zeit­ge­sche­hen passt. Noch opti­ma­ler als damals, als er geschrie­ben wur­de. Sogar eigent­lich ein biss­chen zukunfts­wei­send. Aus dem Grund, dass da The­men ange­spro­chen und mei­ner Mei­nung nach sehr auf den Punkt gebracht wer­den, die momen­tan wich­ti­ger sind denn je.

MZEE​.com: Und was ist euer jewei­li­ger Lieb­lings­track?

Vega: "MoselX­Kai­ser" auf jeden Fall.

Bos­ca: Bei mir ist es "Mit oder gegen uns". Irgend­wie mag ich das Fee­ling von dem Song extrem krass.

MZEE​.com: Gehen wir mal weg von eurem Album hin zu ande­ren aktu­el­len Plat­ten. Wenn man eure Soci­al Media-​Kanäle beob­ach­tet, sieht man, dass ihr vie­le Deutschrap-​Alben kauft und dann Album und Kas­sen­zet­tel in die Kame­ra hal­tet. Wollt ihr gene­rell die Sze­ne sup­por­ten oder kauft ihr nur Plat­ten von Leu­ten, die ihr per­sön­lich oder musi­ka­lisch fei­ert?

Vega: Ohne über­trei­ben zu wol­len, glau­be ich ehr­lich gesagt, dass ich der Grund dafür bin, dass alle ande­ren deut­schen Rap­per das jetzt auch machen. Ich hab' das auf jeden Fall schon gemacht, als ande­re Leu­te das noch nicht gemacht haben. Wobei es mir ein­fach wich­tig ist, genau das den Leu­ten vor­zu­le­ben und ihnen die Wer­tig­keit einer CD näher­zu­brin­gen. Ich kau­fe mir oft auch CDs von Künst­lern, die ich gar nicht mal so krass fei­er'. Weil ich es mir ein­fach kau­fen muss, wenn ich es hören will. Das ist für mich die logi­sche Kon­se­quenz. Wenn ich von einem Album vor­her drei Sin­gles gehört hab', die ich kom­plett Schmutz fand, dann kauf' ich das Album natür­lich auch nicht. Aber wenn mich die Musik so neu­gie­rig gemacht hat, dass ich mir die Plat­te mal kom­plett anhö­ren möch­te, dann schon. Ich fin­de, es ist ein­fach wich­tig, dass man den Leu­ten zeigt, wie wert­voll Musik ist. Ich habe auch oft gele­sen, dass Leu­te jetzt geschrie­ben haben: "Ja, elf, zwölf Songs für 17 Euro – das ist schon sehr teu­er und lohnt sich nicht." Aber du musst dir ein­fach mal über­le­gen: Die Leu­te geben bei Mc Donald's 13 Euro aus, um sich mit irgend­ei­ner Gül­le voll­zu­stop­fen, die ihren Kör­per ver­gif­tet. Und auf der ande­ren Sei­te beschwe­ren sie sich, 17 Euro für ein Stück Musik aus­zu­ge­ben, wo eine kom­plet­te, klei­ne Maschi­ne­rie manch­mal zwei Jah­re dran gear­bei­tet hat, sich den Kopf dar­über zer­bro­chen und nachts wach­ge­le­gen hat für Ide­en, für ein Album … Wo rich­ti­ge Künst­ler am Start waren beim Art­work und den Vide­os. Und das einen im bes­ten Fall viel­leicht ein, zwei Jah­re beglei­tet. Das hört sich jetzt viel­leicht behin­dert an, aber: Wenn ein Album am Ende des Tages gut ist, wäre es mei­ner Mei­nung nach auch nicht viel, wenn es hun­dert Euro kos­tet. Wenn ich das Moses-​Album "Geteil­tes Leid 3" jetzt so ken­nen wür­de, wie ich es ken­ne, und man mir sagen wür­de: "Du musst 130 Euro dafür zah­len" – ich schwör' dir, ich wür­de 130 Euro dafür bezah­len. Weil es das voll­kom­men wert ist.

MZEE​.com: Das Pro­blem ist aber, dass nicht jeder Mensch, der viel­leicht 15 Jah­re alt ist und von sei­nem Taschen­geld lebt, sich noch Musik leis­ten könn­te, wenn Alben 130 Euro kos­ten.

Vega: Aber 15-​Jährige kön­nen sich auch für 130 Euro im Monat Weed und Schnaps kau­fen.

MZEE​.com: (lacht) Alle. Die machen das alle.

Bos­ca: Na ja, aber die schrei­ben ja auch nicht: "Oh fuck, ich bin todes­bro­ke, ich kann es mir nicht leis­ten, weil ich mir nicht mal was zu Essen kau­fen kann." Die Leu­te, die sich beschwe­ren, die machen mir meis­tens nicht den Ein­druck, dass sie zu wenig Geld haben. Das ist auch was ande­res. Wenn jemand wirk­lich kei­ne Pat­te hat, soll er sich das scheiß Album ille­gal run­ter­la­den. Oder sich Spo­ti­fy holen und es da ein­fach mit ein biss­chen Wer­bung dazwi­schen hören. Da kriegt der Künst­ler wenigs­tens noch was. Aber ansons­ten sehe ich das genau­so wie V, dass es krass ist, wie wenig Wer­tig­keit die Leu­te dar­in sehen. Außer­dem will ich nicht wis­sen, wie viel Geld die Leu­te für Schu­he aus­ge­ben, die bei Wei­tem nach drei Mona­ten nicht mehr so schön sind wie am Anfang und nach einem Jahr weg­ge­schmis­sen wer­den. Die Alben, die ich mir in mei­ner Jugend geholt hab', hab' ich heu­te noch im Schrank und kann sie holen, wenn ich mal wie­der Bock hab' auf den Flash. Sowas gibt mir kein ande­rer Gebrauchs­ge­gen­stand.

Vega: Das mit Spo­ti­fy sehe ich übri­gens nicht so wie Bos­ca.

MZEE​.com: Dar­auf woll­te ich auch noch hin­aus. Wie geht ihr denn damit um, wenn Leu­te sich das Gan­ze auf Spo­ti­fy anhö­ren und ihr bekommt 0,003 Cent oder so?!

Bos­ca: Mir ist die Ver­si­on natür­lich lie­ber, als wenn Leu­te sich das für 0,0 Euro run­ter­la­den und ich 0,0 Euro bekom­me. Ins­ge­samt haben die Leu­te da lei­der eine fal­sche Vor­stel­lung von. Ich che­cke manch­mal auch Alben auf die Schnel­le bei Spo­ti­fy, wenn ich sie mir eh gekauft habe. Wir haben heu­te in der Stadt einen Jun­gen getrof­fen, der woll­te ein Foto haben. Und wir mein­ten: "Und, auch schon Album gecheckt?" Und er mein­te: "Ja ja, schon bei Spo­ti­fy geholt!" (lacht) Das ist natür­lich so ein Mar­ke­ting­ding. Die Platt­for­men zei­gen nach außen hin, dass sie den Künst­lern was Gutes tun. Aber die Aus­schüt­tun­gen, die betrie­ben wer­den, die sind das Pro­blem. Nicht die Platt­for­men an sich.

Vega: Rich­tig. An und für sich ist das alles schön und gut. Aber es müs­sen auf jeden Fall mode­ra­te Ver­tei­lungs­schlüs­sel gefun­den wer­den. Viel­leicht muss das Gan­ze teu­rer wer­den im monat­li­chen Gebrauch. Statt 10 Euro 30 Euro. Und dann muss mehr Geld an die Künst­ler ver­teilt wer­den.

MZEE​.com: Kom­men wir zurück zum Alben­kauf. Wel­che Alben haben euch denn im ver­gan­ge­nen Jahr so rich­tig beein­druckt?

Bos­ca: Ehr­lich gesagt nicht viel. Viel­leicht noch das Yelawolf-​Album, bei dem ich ein paar Flashs gekriegt hab'. Aber als gan­zes Album muss ich ehr­lich sagen, dass es letz­tes Jahr nichts gab, was mich wirk­lich geflasht hat.

Vega: Ich fand das Blut & Kasse-​Album gut. Aber dass ich einen Über­flash gekriegt hab' wie frü­her, das war das letz­te Mal bei Moses. Dem Sido-​Album konn­te ich ein paar gute Din­ger abge­win­nen. Aber es gab nichts, was mich so rich­tig umge­hau­en hat.

Bos­ca: Es kommt mei­ner Mei­nung nach dazu, dass die Qua­li­tät der Deutschrap-​Alben in den letz­ten Jah­ren rapi­de abge­nom­men hat. Viel­leicht haben die Leu­te des­we­gen auch so ein komi­sches Emp­fin­den dazu. Weil sie meis­tens ein Album mit 16 Songs bekom­men, von denen man sechs erst mal gna­den­los nach zwei Sekun­den weg­s­kippt. Ist ja klar, dass die Werig­keit dann ver­lo­ren geht.

MZEE​.com: Wo wir gera­de schon von ande­ren Rap­pern spre­chen … Auf eini­gen Songs von "Alte Lie­be ros­tet nicht" hört man Zei­len wie "Die PEGIDA bekommt aufs Maul“ oder "FFM bleibt nazi­frei" – in Hin­blick auf die Dis­kus­sio­nen der letz­ten Zeit wür­den wir ger­ne wis­sen, ob die deut­sche Rap­sze­ne in euren Augen poli­tisch genug ist.

Bos­ca: Mei­ner Mei­nung nach ist die Deutschrap­sze­ne ein­fach pseu­do­po­li­tisch. Ers­tens mal: poli­tisch genug? Auf jeden Fall: Nein. Wenn ich sehe, dass Rap­per poli­tisch wer­den, fin­det das meis­tens im Zuge ihrer Album­pro­mo­ti­on statt und endet dann auch wie­der ganz schnell, nach­dem das Album drau­ßen ist. Und zwei­tens: Es ist die­ses typisch Pres­se­po­li­ti­sche, dem gefolgt wird. Es ist die­ses Schwarz-​Weiß-​Gemale – es gibt Schwarz und es gibt Weiß. Aber dass wirk­lich hin­ter­fragt wird und man The­men angeht, pas­siert mei­ner Mei­nung nach nicht. Es gibt aber auch kaum Leu­te, denen ich das zutraue und von denen ich das erwar­te. Und es gibt eine Men­ge Leu­te, bei denen ich eher froh bin, dass sie so unpo­li­tisch blei­ben.

Vega: Ich sehe es genau­so wie Bos­ca, dass deut­scher Rap viel zu unpo­li­tisch ist. Was aber damit zusam­men­hängt, dass die Leu­te gene­rell unin­for­miert sind und kei­ne Mei­nung haben. Wenn du eine Mei­nung hast, bist du ja auto­ma­tisch poli­tisch. Aber vie­le sche­ren sich einen Teu­fel drum und wer­den dann natür­lich auch unpo­li­tisch in ihren Songs.

MZEE​.com: Ein Track, der in die­sem Kon­text in den letz­ten Wochen immer wie­der dis­ku­tiert wur­de, ist "Walt­her" von Absz­trakkt. Habt ihr euch den Track denn ange­hört?

Vega: Nein, aber ein Freund hat mir heu­te Mor­gen davon erzählt. Gene­rell muss man sagen, dass die Leu­te in Deutsch­land bei gewis­sen The­men oft sehr über­emp­find­lich sind. Ich fin­de, man muss sehr vor­sich­tig sein, wobei wir gera­de in Frank­furt einen gewis­sen Sar­kas­mus haben und ver­mut­lich nicht alles, was wir sagen, immer über­trie­ben poli­tisch kor­rekt ist. Wenn man mei­ne Musik hört, könn­te man mir auch frau­en­feind­li­che Sachen vor­wer­fen, obwohl ich über­haupt nicht frau­en­feind­lich bin. Aber ich sag' trotz­dem die gan­ze Zeit "Fot­ze" und sowas. Die Leu­te wol­len mich auch die gan­ze Zeit in ein Anti-​Homosexualitäts-​Lager ste­cken, obwohl ich über­haupt nicht so den­ke. Ich wür­de heu­te aber auch gewis­se Sachen nicht mehr so sagen wie frü­her, weil ich weiß, was das für Reak­tio­nen her­vor­ruft – und ich das für mein Dasein als Künst­ler nicht haben möch­te. Ich den­ke, wie gesagt, dass man nicht alles so über­emp­find­lich sehen darf. Aber ich muss mir den Song auf jeden Fall mal anhö­ren.

MZEE​.com: Denkt ihr, dass vie­le deut­sche Rap­per auch des­halb kei­ne ein­deu­ti­ge poli­ti­sche Hal­tung ein­neh­men, weil sie Angst haben, ihre Fans damit vor den Kopf zu sto­ßen?

Bos­ca: Ehr­lich gesagt glau­be ich ein­fach, dass vie­le sich dar­um ein­fach gar nicht sche­ren. Son­dern, dass sich die meis­ten deut­schen Rap­per, beson­ders die erfolg­rei­chen, am meis­ten dar­um sche­ren, wie sie noch mehr Geld machen kön­nen.

MZEE​.com: Das ist ganz schön trau­rig, ehr­lich gesagt.

Bos­ca: Natür­lich ist das trau­rig. Wobei, was heißt "trau­rig"?! Ich denk' mir immer, das ist sowie­so das, was unser gan­zes "Freun­de von Niemand"-Ding ver­folgt. Auch wenn man sich sel­ber immer wie­der erwischt, wie man in der Woche nach Rela­se die Trend­charts ver­folgt, obwohl es eigent­lich egal sein soll­te, weil das dem Album nicht zugu­te­kommt. Oder mit der Musik nichts zu tun hat. Aber ins­ge­samt ist das Ein­zi­ge, was man tun kann, sich davon abgren­zen und man sel­ber zu sein, die ande­ren sein las­sen.

Vega: Es ist grund­sätz­lich wich­tig, dass Rap und Hip­Hop als Kul­tur eine Mei­nung hat und zum Nach­den­ken anstößt. Und auch kri­tisch ist. Auch selbst­kri­tisch ist. Das Pro­blem ist, das ein Groß­teil der The­ma­ti­ken unter den viel­leicht fünf­zehn erfolg­reichs­ten Rap­pern damit rein gar nichts mehr zu tun hat. Es geht um Stra­ßen­sa­chen, Rum­prol­lerei, Geld und sowas. Wor­um es bei uns ja bis zu einem gewis­sen Teil auch geht. Wir haben halt glück­li­cher­wei­se noch die­sen Gegen­pol. Wir haben auch "Anti­Cops" raus­ge­bracht, der ein Batt­lerap­song ist mit 'ner Stra­ßen­at­ti­tu­de, auf dem wir auch mal sinn­lo­se­re Sachen sagen. Aber wenn man sich das Album anhört, dann kriegt man auch die ande­re Fac­cet­te ab. Und das fehlt lei­der vie­len ande­ren erfolg­rei­chen Rap­pern. (über­legt) Eigent­lich allen. Bis auf denen, die ich nicht mag. So wie zum Bei­spiel … Fato­ni. (lacht) Ich glaub', der macht sowas auch. Nein, K.I.Z macht das auch sehr krass.

Bos­ca: Die sind zum Bei­spiel sehr wich­tig. Aber das Pro­blem ist, dass sie zum Teil so mas­sen­kom­pa­ti­bel sind, dass es die Leu­te teil­wei­se schon wie­der nicht mehr che­cken. Aber das ist natür­lich nicht die Schuld von K.I.Z. Grund­sätz­lich kommt auch dazu, dass wir mit der Mucke von vie­len ande­ren ein­fach gar nichts anfan­gen kön­nen.

MZEE​.com: Und wie nehmt ihr momen­tan – abseits der Deutschrap­sze­ne – die viel dis­ku­tier­te, poli­ti­sche Situa­ti­on in Deutsch­land wahr? Hat euer per­sön­li­ches Inter­es­se an tages­ak­tu­el­ler Poli­tik im letz­ten Jahr zuge­nom­men?

Bos­ca: Bei mir hat das Inter­es­se auf jeden Fall extrem zuge­nom­men. Ich lese sehr viel und bin inter­es­siert. Aber ich geb' kei­ne gro­ße Mei­nung dazu ab, wie man auf Face­book zum Bei­spiel sieht. Das ist etwas, was ich eh nicht beein­flus­sen kann, was mich bis jetzt auch in keins­ter Form beein­flusst hat. Und des­halb neh­me ich das ein­fach erst­mal so hin.

Vega: (lacht) Eben zwei Stun­den dar­über reden, wie wich­tig es ist, dass man eine Mei­nung hat und dann ein­fach sagen: "Mir ist das eigent­lich scheiß­egal, ich nehm' das alles so hin."

Bos­ca: Nee, nee, nee. Es gibt Din­ge, zu denen hab' ich 'ne Mei­nung und die tu' ich dann auch kund. Und es gibt Din­ge, zu denen hab' ich nicht unbe­dingt 'ne Mei­nung, weil sie mich ein­fach nicht betref­fen … und dann hal­te ich mich dazu auch bedeckt. (über­legt) Wel­che aktu­el­le poli­ti­sche Lage meint ihr eigent­lich genau?!

MZEE​.com: Die Lage in Deutsch­land, zum Bei­spiel die Flücht­li …

Bos­ca: (unter­bricht) Die Ter­ror­ge­fahr? Das Flücht­lings­auf­kom­men? …

MZEE​.com: Das sind ja alles The­men, die Zusam­men­hän­ge haben. Waf­fen­ex­por­te, Krie­ge, Ter­ror, Flücht­lin­ge – das ist ja nahe­zu ein The­ma, wenn man so will.

Vega: Eigent­lich ist das nicht ein The­ma, son­dern wird von den Medi­en zu einem The­ma gemacht – das ist die Pro­ble­ma­tik. Die Flücht­lin­ge haben mit der Ter­ror­ge­fahr schlicht und ergrei­fend gar nichts zu tun. Aber die Medi­en möch­ten das so ver­kau­fen, um ein­fach Panik zu machen.

vega-bosca-2016-3

MZEE​.com: Ich glau­be, du ver­stehst das gera­de ein biss­chen falsch. Natür­lich geht die Ter­ror­ge­fahr nicht von Flücht­lin­gen aus. Son­dern unter ande­rem von den Leu­ten, vor denen auch Flücht­lin­ge flüch­ten.

Bos­ca: Zumin­dest die Flücht­lin­ge aus Syri­en.

Vega: Das Pro­blem ist doch auch, dass die Medi­en das alles krass ver­dre­hen und Hek­tik machen. Die Leu­te haben Angst vor Ter­ror­an­schlä­gen, weil Flücht­lin­ge kom­men, was kom­plett absurd ist. Weil die genau­so wenig mit Ter­ror­an­schlä­gen zu tun haben, wie sie mit der Geschich­te in Köln zu tun haben. Da machen irgend­wel­che Hand­ta­schen­die­be, irgend­wel­che Gangs ihre Ver­samm­lun­gen, wie es sie über­all in Euro­pa gibt. Das gab es auch in Stock­holm und Paris. Viel­leicht nicht in die­sem Aus­maß, wie das jetzt in Köln war, dass sich tau­send Leu­te getrof­fen haben. Aber es gab immer schon mal 100er-, 200er-​Gruppen, die Leu­te abzie­hen. Natür­lich wird das auch von Ban­den genutzt, dass hier gera­de in Deutsch­land wegen den Flücht­lings­ge­schich­ten Tohu­wa­bo­hu ist. Und natür­lich nut­zen wel­che auch den Flücht­lings­strom, um dann nach Deutsch­land zu kom­men und Leu­te abzu­zie­hen. Das alles ist auf jeden Fall ein sehr tie­fes The­ma, bei dem man echt infor­miert sein muss. Glück­li­cher­wei­se habe ich ein, zwei Leu­te, von denen ich vie­le Infor­ma­tio­nen bekom­me – unter ande­rem auch unse­ren Label­ma­na­ger Andy, der sehr bele­sen und infor­miert ist.

Bos­ca: Ich möch­te noch mal was zu mei­ner Aus­sa­ge von eben sagen. Der V hat natür­lich schon recht, dass das jetzt von mir ein biss­chen gegen­sätz­lich klang. Also, zum The­ma: "Was sagst du zur poli­ti­schen Lage?" – wenn wir das jetzt mal auf die ankom­men­den Flücht­lin­ge bezie­hen. Die Leu­te erwar­ten immer von einem, dass man beant­wor­tet, ob das jetzt gut oder schlecht ist, dass Flücht­lin­ge kom­men. Ich den­ke, dass man das aktu­ell über­haupt nicht sagen kann. Man weiß es ein­fach nicht. Das wird sich irgend­wann schon zei­gen, ob das jetzt gut oder schlecht war. Aber das kann man jetzt ein­fach nicht sagen. Jetzt ist es so und man muss das so hin­neh­men. Wie gesagt: Mich betrifft das auch ein­fach gar nicht. Und das war auch das, was ich vor­hin mein­te mit der Schwarz-​Weiß-​Malerei. Die Leu­te wol­len immer, dass man ent­we­der sagt: "Scheiß Flücht­lin­ge, die sol­len alle blei­ben, wo sie sind!", oder das kom­plet­te Gegen­teil: "Alle her, alle her, alles super!" Aber es ist doch ein­fach so, dass es sich im Lau­fe der Jah­re zei­gen wird, wie sich das ent­wi­ckelt. Und ob sich dadurch für das zwi­schen­mensch­li­che Leben etwas Posi­ti­ves ent­wi­ckelt oder eben nicht.

MZEE​.com: Wie ergeht es euch denn im Zuge der poli­ti­schen The­ma­tik momen­tan in sozia­len Netz­wer­ken? Gru­selt es euch auch manch­mal vor den gan­zen State­ments und Kom­men­ta­ren, die stel­len­wei­se raus­po­saunt wer­den?

Bos­ca: Auf jeden Fall. Mich gru­selt es ehr­lich gesagt auch vor der Mei­nung von vie­len Leu­ten, weil so viel Schwach­sinn dabei ist und jeder auch noch sei­nen Scheiß dazu abge­ben kann. Und weil mir auch die The­ma­ti­ken lang­sam total auf die Ner­ven gehen, weil alles voll davon ist. Du sitzt beim Essen im Restau­rant und hörst Leu­te neben­an irgend­ei­nen Mist von sich geben, weil jeder meint, dass er gera­de mit­re­den müss­te.

Vega: Bei mir ist es soweit gegan­gen, dass ich Leu­te bei Face­book gelöscht hab'. Da gab es echt schlim­me, unre­flek­tier­te und dum­me Leu­te.

Bos­ca: Dumm waren die Leu­te schon immer, sie hat­ten frü­her nur nicht die Mög­lich­keit, ihre Dumm­heit so in die Welt hin­aus­zu­tra­gen. Von den intel­li­gen­tes­ten Leu­te, die ich ken­ne, die die dif­fe­ren­zier­tes­ten Mei­nung abge­ben, habe ich übri­gens bis­her nicht einen ein­zi­gen Kom­men­tar online gese­hen.

Vega: In drei Bun­des­län­dern gab es doch jetzt die­se Hoch­rech­nung, wonach die AfD um die 14 Pro­zent hat­te. Das ist auf jeden Fall kei­ne gute Ent­wick­lung. Die Leu­te soll­ten sich echt über­le­gen, ob sie das haben wol­len.

MZEE​.com: Wur­det ihr bis­her eigent­lich in kei­nem ande­ren Inter­view zu poli­ti­schen The­men befragt?

Bos­ca: Wir wur­den ehr­lich gesagt bis­her sehr spär­lich befragt. Meis­tens nicht sehr tief­ge­hend, aber das liegt, glau­be ich, dar­an, dass das poli­ti­sche Inter­es­se in die­ser Sze­ne so gering ist. Und man lie­ber auf Plat­ti­tü­den aus ist als auf ernst­haf­te Gesprä­che.

MZEE​.com: Kom­men wir mal kurz auf das all­ge­mei­ne The­ma "Kunst" zu spre­chen. Wenn man sich eure Instagram-​Profile und Vide­os mal anschaut, sieht man, dass ihr in den letz­ten Mona­ten viel auf Rei­sen wart. Seid ihr an ande­ren For­men von Kunst außer­halb der Rap­sze­ne inter­es­siert und guckt euch viel­leicht auch im Urlaub mal die ein oder ande­re Kir­che oder ein Muse­um an?

Vega: Auf jeden Fall. Wir haben im Urlaub jetzt aller­dings kein Muse­um besucht. Das letz­te Muse­um, das ich besucht habe, war lus­ti­ger­wei­se das Natur­kun­de­mu­se­um in Wien. Das habe ich mit Prinz Pi besucht, als er, RAF und ich das Video zu "Schwar­ze Son­ne" vom RAF-​Album damals gedreht haben … Lus­tig, dass du das eben genannt hast, denn für die­se Kirchen-​Geschichte inter­es­sie­re ich mich auf jeden Fall. Als ich in Rom war … ach, das stimmt ja gar nicht! Das letz­te Muse­um, in dem ich war, war das Vatikan-​Museum. Ansons­ten war ich jetzt auch im Colos­se­um. Und in der Sac­re Coeur in Paris. Außer­dem war ich viel in Bang­kok in den Tem­peln unter­wegs. Ich weiß nicht, ob man das Kunst nen­nen kann. Aber natür­lich gibt es viel Decken-, Glas­kunst und sowas in Kir­chen und Tem­peln. (über­legt) Also, dass ich mal in ein Muse­um gegan­gen bin, in dem wirk­lich nur Bil­der hän­gen – das hab' ich noch nicht gemacht. Ich glau­be, Bos­ca und ich fei­ern auch eher Streetart-​Sachen und sowas.

Bos­ca: Ja … Für mich ist der Flair einer Stadt beim Rei­sen viel wich­ti­ger. Ein biss­chen das Gefühl der Stadt, der Leu­te und der Umge­bung auf­zu­sau­gen. Ich per­sön­lich bin auch eher so ein Landschafts-​Hopper. Wenn ich irgend­wo neu bin, dann ver­su­che ich meis­tens, mir einen Platz zu suchen, von dem aus ich eine gei­le Aus­sicht hab'. Das mag ich ein­fach über­trie­ben ger­ne. Die­se kul­tu­rel­len Geschich­ten, Kir­chen und Muse­en besich­ti­gen, da hab' ich irgend­wie 'nen Knacks abge­kriegt durch Urlau­be mit mei­nen Eltern. Das ist irgend­wie gar nicht mein Film. Aber ich mag schö­ne Plät­ze über­trie­ben gern.

MZEE​.com: Zu guter Letzt wür­de ich ger­ne wis­sen, wie es um euren Freund Face steht. Soweit ich es online mit­be­kom­men habe, sitzt er seit Län­ge­rem an neu­er Musik. Könnt ihr mehr dazu sagen?

Bos­ca: Er ver­sucht auf jeden Fall, hier und da ein Lied zu machen. Ob dar­aus ein Pro­jekt wird? Das weiß, glaub' ich, nur der lie­be Herr­gott.

Vega: Ich glau­be, er hat schon sechs, sie­ben Songs gemacht. Er hat aber gar nicht im Hin­ter­kopf, ob er was damit machen will, son­dern macht das ein­fach ohne Druck, weil er Bock drauf hat. Er ist auf jeden Fall gene­rell am Mucke­ma­chen.

Bos­ca: Und er ist auf jeden Fall wie­der mehr denn je in unse­ren Krei­sen unter­wegs. Wir hof­fen natür­lich nach wie vor, dass das irgend­wann unwei­ger­lich dazu führt, dass da doch noch eine Plat­te kommt.

MZEE​.com: Das war's auch schon mit dem viel zu lan­gen Inter­view. (grinst) Wie immer dürft ihr zum Ende ger­ne sagen, was ihr noch zu sagen habt.

Vega: Ich würd' sagen: Ich dan­ke auf jeden Fall jedem, der sich das alles bis zum Schluss durch­ge­le­sen hat … (grinst) Und bereit ist, ein Inter­view zu lesen, das the­ma­tisch viel­leicht ein biss­chen här­te­re Kost ist. Und ich dan­ke euch, dass ihr sol­che Inter­views führt. Und wer noch nicht in "Alte Lie­be ros­tet nicht" rein­ge­hört hat, der soll­te das auf jeden Fall mal tun.

Bos­ca: Old love never rosts.

(Flo­rence Bader & Fabi­an Tho­mas)
(Fotos von Kev­lic Wine­hou­se)