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Dezember 2015: M.A.M und Kollegah

"Okay – was habe ich ver­passt?" Eine Frage, der wohl jeder von uns schon ­mal begeg­net ist. Egal, ob man sie selbst gestellt hat oder mit ihr kon­fron­tiert wurde. Manch­mal kommt ein­fach der Zeit­punkt, an dem man sich vor allem eines wünscht: "Bringt mich doch mal auf den neu­es­ten Stand!" Doch wie ant­wor­tet man dar­auf? Was hält man für beson­ders erwäh­nens­wert? Es ist schwer, eine kurze, aber voll­stän­dige Ant­wort dar­auf zu fin­den. Wie misst man über­haupt Rele­vanz? An media­lem Hype? Am Über­ra­schungs­fak­tor? Oder doch an dem musi­ka­li­schen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das alles, redu­ziert auf zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ein Release, das vor allem im Unter­grund auf Zuspruch gesto­ßen ist, und eines, das in der brei­ten Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wurde. Zwei Werke, die wir nicht unbe­dingt gut fin­den müs­sen, aber eine gewisse Rele­vanz oder eine Bedeu­tung jeg­li­cher Art für die hie­sige Rapland­schaft besit­zen. Zwei Werke, die am Ende des Monats vor allem eines aus­sa­gen: "Hört, hört! Genau das habt ihr verpasst!"

 

M.A.M

M.A.M – Alchemist

"Ich ertrage eure Konzerte nur mit laufendem iPod" ("Treu") – eine Punchline, wahrscheinlich so alt wie HipHop selbst. Natürlich immer variierend und häufig sogar kreativ vorgetragen, doch die Kernaussage bleibt stets dieselbe. Viel zu oft sind Rapper, die solche 08/15-Floskeln in ihren Text einfließen lassen, selbst im Duden unter "Standard" zu finden und weisen auch musikalisch nichts Einzigartiges auf ... Aber bei Mohammed Ali Malik, kurz M.A.M, ist das anders. Ja, komplett anders, könnte man sagen.

"Treu" fällt nämlich auf seiner "Alchemist"-EP konzeptionell etwas aus der Reihe. M.A.M ist kein Battlerapper und der gefühlt letzte Mensch, der andere Künstler mit Worten diffamieren will. Eher er selbst ist auf der Sinnsuche und stellt sich die Frage, wohin die Reise wohl gehen könnte. Doch trotz all der Zweifel am eigenen Handeln strahlen seine Texte eine einzigartige Aura aus, die positiv wie beruhigend wirkt. Der Rapper zeigt, dass der Weg immer irgendwohin führt und er die Zukunft auf sich zukommen lässt, anstatt sie zwanghaft bestimmen zu wollen. Was oft klischeebelastet klingen kann, setzt M.A.M musikalisch und textlich hochklassig um.

Da sich Malik als 812 auch selbst produziert, bekommt man das Gefühl, der Künstler wisse genau, wohin sein Sound gehen muss. Ganz ruhige Snare-Drums, der säuselnde Frauenchor und die synthetischen Klänge im Hintergrund – das wirkt bereits jetzt klasse abgestimmt und musikalisch eigenständig. Einen Sound, wie ihn der Hamburger bietet, hat man hierzulande noch nicht gehört. Keine Selbstverständlichkeit für einen Musiker, der noch am Anfang der Karriere steht. "Schon so viele Songs geschrieben, du wirst deine Chance kriegen" ("Konfusion") – für uns ist er schon einmal die Entdeckung des Dezembers. Mal sehen, ob er seine Chancen schon 2016 nutzen kann. Das Talent dafür hat M.A.M allemal.

(Sven Aumiller)

 

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Kollegah – Zuhältertape Vol. 4

"Und wenn du das hier feierst, wart' erst mal auf 'Zuhältertape 4'". Im Zuge des im Oktober erschienenen Videos zu "Genozid" kündigte Kollegah die Fortsetzung der "Zuhältertape"-Reihe an. Seit dem ersten Teil hat sich für den Rapper einiges verändert, was Ansehen und Wahrnehmung durch die Szene, aber auch Stil und Inhalt seiner Texte angeht. Ist die Rückkehr zu besagter Serie, die zuletzt vor sechs Jahren Zuwachs bekam, ein Rückschritt?

Vom jungen Proll, bei dem Erfolg und teure Uhren mehr Wunsch denn Wahrheit waren, entwickelte sich Kollegah zum gestandenen Musiker mit Platin-Auszeichnung. Wo andere fürchten würden, ihre mittlerweile auch im Mainstream vertretene Klientel könnte von früheren Inhalten abgeschreckt werden, fährt "der Boss" ganz bewusst und auffälliger denn je die "Pimp-Schiene". Mit kinoreifer Promophase und dem Verkauf auch außerhalb des labeleigenen Shops zieht er Teil vier so groß auf, ohne sich inhaltlich von den Vorgängern zu distanzieren. Noch immer wird "der Sohn einer Hure – so einer Hure" beschimpft, "tropische Tierpelze" getragen und die Hook als zeitsparende Maßnahme durch "Schusswaffengeräusche" ersetzt. All dies in der gewohnten, technikfokussierten Art. Dem mittlerweile vorhandenen Erfolg entsprechend jedoch auf Hochglanz poliert. Wer mit Kollegah also zuvor nichts anfangen konnte, wird auch dem neuen "Zuhältertape" wenig abgewinnen können, Fans dagegen kommen wie immer auf ihre Kosten. Und auch jüngst gewonnene Hörer scheinen Gefallen am "alten Kolle" gefunden zu haben, konnte sich das Tape doch Platz 1 der deutschen Album-Charts sichern.

Wirklich innovativ ist das neueste Kollegah-Release also nicht. Soll es aber auch nicht sein. Stattdessen geht es um die Fortsetzung der Anfänge, aufgewertet mit hochwertiger Soundästhetik und technischer Versiertheit. Oder, um aus "Blutdiamanten" zu zitieren: "'Zuhältertape 4' – seit zehn Jahren derselbe Sound. Ich erfind' das Rad nicht neu, doch hau' paar Platinfelgen drauf".

(Daniel Fersch)