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Sadi Gent

Geht es um den Inhalt von Sadi Gents Texten, macht Wikipedia es sich re­la­tiv ein­fach: "Seine Musik the­ma­ti­siert vor al­lem Selbstzweifel und Sinnsuche", heißt es dort im Artikel über den Berliner Rapper. Was sich tat­säch­lich hin­ter der Kunst des Bombenprodukt-​Signings ver­birgt, ist al­ler­dings viel tief­grei­fen­der und auch gen­re­tech­ni­sch lässt sich Sadi Gent nur schwer ein­ord­nen. Mit sei­nem Debütalbum "Bis Dato" machte er sich 2013 ei­nen Namen in Kennerkreisen der Deutschrapszene, mit dem Nachfolger "Mintgold" ge­lang in die­sem Jahr so­gar der Sprung in die Albumcharts und Unabhängigkeit von an­de­ren Jobs – Musik ist nicht nur Sadis Leben, son­dern auch sein Beruf. Wir tra­fen uns mit dem Rapper zum Interview, um über seine Kunst, die ewige Suche nach dem Sinn des Lebens und auf sei­ner Checkliste ste­hende Reiseziele zu spre­chen. 

MZEE​.com: Auf Wikipedia heißt es, deine Musik the­ma­ti­siere "Selbstzweifel und Sinnsuche". Kann man das so ste­hen las­sen?

Sadi Gent: (grinst) In dem Wikipedia-​Artikel ste­hen auf je­den Fall auch ein paar fal­sche Sachen. Aber ja, mit­un­ter kann man das schon so ste­hen las­sen. Natürlich kann man meine Musik jetzt nicht mit ei­nem Satz er­klä­ren und ich finde es eh im­mer sehr schwie­rig, Musik mit Worten zu be­schrei­ben …

MZEE​.com: Wenn wir uns jetzt mal kurz den gan­zen ver­schie­de­nen Subgenres der Deutschraplandschaft zu­wen­den: Gibt es da ei­nen Bereich, in den du deine Musik denn ein­ord­nen wür­dest?

Sadi Gent: Ich kenne mich mit die­sen gan­zen Schubladen ehr­lich ge­sagt gar nicht so aus. Ich höre ab und an von Leuten, dass sie mich in Richtung Conscious-​Rap ein­ord­nen. Und ein paar ord­nen mich an­geb­lich auch in Richtung Cloud-​Rap ein. In der Regel ist es al­ler­dings nicht so oft der Fall, dass Cloud-​Rap so tief­grün­dig ist. Aber vom gan­zen Sound und vom Style her habe ich das tat­säch­lich schon ein paar Mal ge­hört.

MZEE​.com: Eigentlich ist das, was du machst, doch ein biss­chen ei­gen­stän­di­ger.

Sadi Gent: Ja, ich finde, es ist völ­lig au­ßer Konkurrenz und was ganz Eigenes. Da bin ich auch ex­trem stolz drauf.

MZEE​.com: Genauso wie dein Künstlername. 

Sadi Gent: (grinst) Ja, so ei­nen lan­gen Künstlernamen hat auch kei­ner. Außer Pippi Langstrumpf …

MZEE​.com: Gehen wir also von den Themen "Selbstzweifel und Sinnsuche" aus: Was ist der für dich wich­tigste Song, den du je über diese bei­den Themen ge­schrie­ben hast?

Sadi Gent: Oha. Ganz schön schwie­rige Frage. Ich habe schon so viele Songs ge­macht, da kann ich das gar nicht wirk­lich sa­gen. In Hinblick auf "Mintgold" würde ich viel­leicht den Track "Zwilling" neh­men, weil er sehr per­sön­lich ge­ra­ten ist. Da steckt ein ge­wis­ser Selbstzweifel drin und eine Ahnungslosigkeit, die viel­leicht auch un­ter dem Thema "Sinnsuche" ab­ge­stem­pelt wer­den könnte. Ich glaube, ich könnte aber auch noch ein paar an­dere Songs nen­nen …

MZEE​.com: Hast du denn all­ge­mein ge­se­hen ei­nen ab­so­lu­ten Lieblingssong von dir selbst?

Sadi Gent: Oft ist es so, dass ich ei­nen neuen Song auf­nehme und ge­rade den dann be­son­ders gut finde. Das hält dann eine Woche an und da­nach werfe ich mein Augenmerk wie­der auf ei­nen an­de­ren Song, den ich fünf Monate vor­her auf­ge­nom­men habe, und ent­de­cke den für mich neu. Ich kann aber auf je­den Fall sa­gen, dass meine Lieblingsongs von mir "Schwarz und Weiß", "Lebensmüde", "Wendeltreppe" und "Wir se­hen uns das nächste Mal be­stimmt" sind.

MZEE​.com: Wir hat­ten ges­tern je­man­den im Interview, der meinte, dass sein neu­es­ter Track im­mer so­lange sein ei­ge­nes Lieblingslied ist, bis er wie­der ei­nen neuen ge­macht hat.

Sadi Gent: So ist es bei mir tat­säch­lich auch oft. Manchmal nehme ich aber auch Songs auf, bei de­nen ich schnell merke: Oh, das war nichts, das ver­ges­sen wir mal schnell – das ist nicht pas­siert. (grinst)

MZEE​.com: Kommen wir noch mal zu­rück auf das Thema "Sinnsuche": Glaubst du, dass man tat­säch­lich an ei­nen Punkt kom­men kann, an dem man "den Sinn" ge­fun­den hat und so­mit ganz bei sich ist? Oder meinst du, die Sinnsuche ist ein ewi­ger und nie en­den­der Prozess und der Sinn kann sich stän­dig ver­än­dern und neu de­fi­nie­ren?

Sadi Gent: Also, ich ten­diere tatsäch­lich zu Letzterem, weil man sich ste­tig in Bezug auf Denkmuster und Ansprüche ver­än­dert und wei­ter­ent­wi­ckelt. Auch all­ge­mein geis­tig ge­se­hen. Gerade die ei­gene Einstellung zu ge­wis­sen Dingen än­dert sich stän­dig – ich denke, das hat je­der schon ein­mal mit­er­lebt. Deswegen glaube ich, dass es ein fort­wäh­ren­der Prozess ist. Manchmal denkt man zum Beispiel, man hat den Sinn in et­was ge­fun­den und dann fällt ei­nem doch wie­der et­was Neues ein. Ich glaube, das ist auch das, was das Leben vor­an­treibt. Denn wenn man ir­gend­wann den Sinn ge­fun­den hätte, wäre das viel­leicht so­gar schade, weil man dann mög­li­cher­weise gar kei­nen Antrieb mehr hat. So nach dem Motto: "Ich bin an­ge­kom­men und das war jetzt der Sinn. Ich hab' ihn ge­fun­den. Das Level ist ge­schafft und das Spiel ist durch­ge­spielt."

MZEE​.com: Wenn man sich deine Musik mal ge­nauer an­hört, be­kommt man mit, dass du sehr wan­del­bar bist und viel aus­pro­biert hast. Zwischen "Auf-​der-​Straße-​leben" oder "Eine-​Wohnung-​haben" zum Beispiel. Das wirkt für mich schon so, als wäre die Sinnsuche ein Thema in dei­nem Leben, oder?

Sadi Gent: Vielleicht ein klei­nes biss­chen. Aber an­sons­ten bin ich ein­fach nur ein ex­trem to­le­ran­ter und of­fe­ner Mensch. Es gibt so vie­les auf die­ser Welt, was man ma­chen kann und das es zu ent­de­cken gibt. Ich bin halt sehr neu­gie­rig und wiss­be­gie­rig und stürze mich gern in das große Becken des Lebens. Das möchte ich in vol­len Zügen aus­kos­ten und des­we­gen muss ich ganz schön viel er­le­ben und ent­de­cken und für mich dann auch aus­ma­chen, was mir be­son­ders gut ge­fällt. Manchmal er­kenne ich dann: Och nee, das war nichts, aber schön, dass ich es mal aus­pro­biert hab'. Ich be­reue auch nichts – das finde ich ganz wich­tig.

MZEE​.com: Könntest du dir denn vor­stel­len, dass dein Leben im Zuge des­sen in fünf Jahren kom­plett an­ders aus­sieht als heute?

Sadi Gent: Das kann schon gut sein. Es gibt halt im­mer Pfeiler im Leben, die blei­ben. Im Großen und Ganzen ist das bei mir die Musik.

MZEE​.com: Ist denn in Deutschland le­ben auch ein Pfeiler?

Sadi Gent: Nee. Ich glaube, das will ich auch gar nicht. Ich denke, dass ich ein Mensch bin, den es auf kurze oder lange Sicht weg­zieht. Ich muss ir­gendwo an­ders hin. Ich hab' wirk­lich Hummeln im Hintern und kann hier nicht blei­ben. Ich finde es ganz ent­spannt, hier seine Leute zu tref­fen, aber das ist auch das Einzige, was mich hier hält. Nicht, in Deutschland zu le­ben, son­dern der Kreis an lie­ben Leuten, die man um sich herum hat und die man dann ein­fach ver­mis­sen würde. Ich hatte letz­tens ein Gespräch mit ei­nem Atzen dar­über, was ich al­les ver­mis­sen würde, wenn ich von Berlin weg­zie­hen würde. Ich meine, ich bin ja hier ge­bo­ren wor­den und auf­ge­wach­sen. Und ich hab' ganz lange über­legt, aber mir ist nichts ein­ge­fal­len.

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MZEE​.com: Hast du denn nicht so eine Art "Heimatgefühl“? Fast je­der Mensch hat doch eine ge­wisse Verbundenheit zu dem Ort, an dem er auf­ge­wach­sen ist.

Sadi Gent: Es gib ein paar Plätze, die ich gerne mag. Wenn ich daran vor­bei­laufe, kom­men auch Erinnerungen hoch. Das finde ich ganz schön, aber ich muss das nicht un­be­dingt ha­ben. Ich glaube, das liegt auch daran, dass Berlin so eine rie­sige Stadt ist, in der al­les an­onym und schnell­le­big ist. Wenn du in ei­nem Kiez wohnst, dann ver­än­dert er sich in­ner­halb von sechs Monaten schon fast kom­plett. Dadurch kann man sich viel­leicht auch nicht mehr so krass an ge­wisse Sachen ge­wöh­nen. Also, ich würde wohl tat­säch­lich nichts ver­mis­sen, au­ßer meine Leute.

MZEE​.com: Hast du ei­gent­lich mal ein paar Jahre im Ausland ver­bracht?

Sadi Gent: Nee, eben nicht. Ich glaube, dass es mich viel­leicht des­we­gen auch so kit­zelt, weil ich das noch nicht aus­pro­biert hab'. Ich habe so viele Freunde, die mal für ein hal­bes Jahr in Australien oder Neuseeland wa­ren oder ein­fach mal in Singapur ge­lebt ha­ben. Ein Freund von mir ist zum Beispiel Perser und hat lange Zeit im Iran ge­chillt. Ich finde das er­staun­lich … Es gibt so viele ver­lo­ckende Orte und krasse Plätze, das find' ich wirk­lich ein biss­chen be­nei­dens­wert.

MZEE​.com: Du hast mal in ei­nem Interview da­von ge­re­det, eine mu­si­ka­li­sche Vision zu ha­ben, wel­cher du dich mit dei­nem letz­ten Album "Mintgold" ein Stück an­ge­nä­hert hast. Sind deine Alben dem­nach Schritte ei­nes Entwicklungsprozesses, an des­sen Ende dann hof­fent­lich eine ver­wirk­lichte Vision ste­hen wird?

Sadi Gent: Das ist, glaube ich, ähn­lich wie mit der Sinnsuche … Ich hab' eine ge­wisse Vision von ei­nem Soundbild. Im Grunde komme ich dem Ganzen schon im­mer sehr nahe, wenn ich ein neues Album ma­che. Aber ich merke, dass ich manch­mal auch Bock habe, et­was kom­plett an­de­res zu ma­chen. Es stimmt also nur be­dingt. Ich hab' ei­nen Leitfaden in mei­ner Musik, den ich, glaube ich, im­mer ir­gendwo mit ein­hal­ten wer­den. Das ist die­ses ganz Sphärische, Trippige, biss­chen Futuristische, Synthesizer-​lastige. Diese gan­zen elek­tro­ni­schen Elemente … Es kann trotz­dem al­les noch mal kom­plett an­ders wer­den. Deshalb kann ich das nur ganz schwer sa­gen.

MZEE​.com: Wie gehst du denn all­ge­mein an deine Produktionen heran – mit ei­nem Konzept oder nach ei­ner spon­ta­nen Idee be­zie­hungs­weise ei­nem Gefühl?

Sadi Gent: Letzteres ist es ei­gent­lich. Ich habeine Affinität zu ge­wis­sen Sounds. Und die Musik, die ich pri­vat höre, be­ein­flusst mich auch sehr. Davon lasse ich mich dann zwar in­spi­rie­ren, aber es kommt im­mer aus mei­nem Bauch her­aus. Ich ma­che das also schon nach Gefühl. Ich kann das gar nicht an­ders. Es wird dann so, wie es am Ende wird … das ist ein sehr wei­ser Satz! (grinst)

MZEE​.com: Bist du denn je­mand, der 30 Tracks macht und sich dann die bes­ten da­von für ein Album her­aus­sucht?

Sadi Gent: Manchmal ist das so, ja. Aber manch­mal habe ich auch Glück, ma­che 15, 16 Songs am Stück, find' da­von alle bis auf zwei oder drei rich­tig gut und dann ist das Album im Kasten. Bei "Bis Dato" war es aber bei­spiels­weise so, dass sich über drei Jahre sehr viele Songs an­ge­sam­melt hat­ten und ich zwi­schen­durch dann auch mal ein paar ver­ges­sen habe. Meines Erachtens nach habe ich aber am Ende die bes­ten ge­nom­men … Manchmal ist die­ses Songsmachen aber auch wie ein Glücksspiel. Auch, wenn ich mich an Beats setze. Manchmal kommt was Geiles bei raus und manch­mal sitze ich stun­den­lang da, ver­irre mich und am nächs­ten Tag höre ich rein: Alter, was hast du ge­raucht?! Was ist das denn, Dickerchen?! Das kommt schon auch vor.

MZEE​.com: Ist die Musik denn mo­men­tan dein Beruf?

Sadi Gent: Ja, ich ma­che das haupt­be­ruf­lich.

MZEE​.com: Muss man sich das so vor­stel­len, dass du ganz stre­ber­haft mor­gens um acht aus dem Bett springst, ins Studio flitzt und di­rekt an­fängst zu schrei­ben? Oder hast du auch mal eine Woche gar kei­nen Bock und gehst erst ein paar Tage spä­ter wie­der rein?

Sadi Gent: Ja, ge­nau so. Manchmal chille ich dann auch zwei Wochen, ma­che viel Party und sammle Eindrücke. Ab und an muss man raus­kom­men, was er­le­ben, sich un­ter freiem Himmel ei­nen Kopf ma­chen und ein paar Ideen sam­meln. Eigentlich bin ich mit mei­nem Kopf non-​stop am Arbeiten – egal, wo ich bin. Ich denke im­mer daran, ir­gend­was in meine Musik ein­flie­ßen zu las­sen, was fast schon krank­haft ist. Es sieht für an­dere Leute oft so aus, als würde ich nur ab­hän­gen. Die den­ken, ich chill' nur …

MZEE​.com: Und du denkst: "Ich war den gan­zen Tag auf der Arbeit". 

Sadi Gent: Ja. Geistig bin ich non-​stop auf der Arbeit. Ich sammle Eindrücke und Ideen. Manchmal kriege ich auch ein schlech­tes Gewissen, wenn län­ger nichts Richtiges da­bei rum­ge­kom­men ist. Dann habe ich Druck und das ist so ähn­lich, wie es wäh­rend mei­ner Studienzeit war… ein biss­chen un­cool, dass man sich so ge­zwun­gen fühlt und dau­ernd denkt: Ich muss mich jetzt aber mal 'ne Woche ein­sper­ren und was ma­chen.

MZEE​.com: Schreibst du deine Texte im Studio?

Sadi Gent: Das Ding ist, dass ich ein Homestudio habe. Ich hab' mir zu Hause al­les ein­ge­rich­tet, des­we­gen bin ich sehr fle­xi­bel. Ich kann auf­ste­hen und bin schon da. Dann setz' ich mich an den Rechner und bau' die Beats oder schreib' ir­gend­wel­che Texte. Das ist echt sehr läs­sig.

MZEE​.com: Hast du denn so ein pro­fes­sio­nel­les Studio zu Hause, dass du da auch deine letzte Platte auf­ge­nom­men hast?

Sadi Gent: Nee, zu Hause sammle ich die Skizzen, ma­che ein paar Aufnahmen, um zu tes­ten, ob es funk­tio­nie­ren kann und mir ge­fällt. Vieles ver­werfe ich dann noch mal, so­dass es nicht mal zur rich­ti­gen Aufnahme kommt. Ich pro­du­ziere die Beats zu Hause aus, schreibe die Texte fer­tig und wenn die Skizze steht, gehe ich zu Konrad Janz oder Herzog ins Studio und nehme meine Sachen dann da fix auf.

MZEE​.com: Wenn man sich deine teils sehr me­lan­cho­li­sch an­ge­hauchte Musik an­hört und al­ter­na­tiv deine po­si­tive Art auf Facebook be­trach­tet, fragt man sich, wer der Mensch hin­ter Sadi Gent wirk­lich ist. Ist die Musik viel­leicht der Kanal, über den ein ei­gent­lich le­bens­fro­her Sadi Gent sein tiefs­tes Inneres mit der Außenwelt tei­len kann?

Sadi Gent: Musik war schon im­mer eine Art Therapie für mich. Ich bin ein Mensch, der es nie wirk­lich auf die Reihe be­kom­men hat, über sehr per­sön­li­che Dinge zu re­den oder Probleme mit Hilfe von Gesprächen aus dem Weg zu räu­men. Ich schreibe sol­che Sachen lie­ber nie­der und ver­ar­beite sie in Songs. Ich höre auch sehr gerne me­lan­cho­li­sche Musik, die muss auch nicht zwangs­läu­fig trau­rig sein. Wenn ich Musik ma­che, be­sinne ich mich auf Themen und Fragen, die in mei­nem Kopf sind, wenn ich al­leine bin. In Gesellschaft sehe ich kei­nen wirk­li­chen Sinn darin, miss­mu­tig zu sein – da will ich mit mei­nen Leuten Spaß ha­ben. Ich bin ein sehr ent­spann­ter Mensch und denke, das Leben ist nun mal dazu da, um Spaß zu ha­ben. Und Kunst ist eben auch dazu da, ge­wisse Sachen zu ver­ar­bei­ten – egal, ob sie ge­sell­schafts­kri­ti­sch und per­sön­lich sind oder ei­nen ein­fach um­ge­ben. Es muss nicht im­mer al­les me­lan­cho­li­sch sein, aber ich finde es cool, wenn es durch­dacht ist.

MZEE​.com: Findest du, dass der Prozess, Kunst zu er­schaf­fen, manch­mal auch et­was Einsames mit sich bringt?

Sadi Gent: Total. Wenn man sich wirk­lich aufs Musikmachen ein­lässt und das ernst meint, dann ist man sehr viel für sich. Man be­schäf­tigt sich sehr mit sich selbst, weil man stun­den­lang zu Hause sitzt und nur Musik macht. Wenn du auch noch pro­du­zierst und nicht nur schreibst, dann op­ferst du viel Zeit. Zumindest, wenn du es ernst meinst, denn dann wird aus dem Hobby eine Art Berufung. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man in ei­ner Band ist, viel zu­sam­men probt und die Songs viel­leicht auch ge­mein­sam schreibt. Aber bei je­dem, der glaubt, ein wirk­li­cher, ei­gen­stän­di­ger Künstler zu sein, hat das Ganze et­was Einsames. Man be­gibt sich ein Stück in eine an­dere Welt, die un­ge­wiss ist. Während alle an­de­ren in dei­nem Umfeld den "nor­ma­len" oder ver­nünf­ti­ge­ren Weg wäh­len, sagst du: "Nee, ich seh' mich so krass als Künstler, dass ich das nicht kann. Ich kann das nicht mit mir selbst ver­ein­ba­ren." Das ist nicht so leicht. Ich hab' auch viele ge­se­hen, die daran ka­putt ge­gan­gen sind.

MZEE​.com: Glaubst du, dass man als Künstler au­to­ma­ti­sch mehr re­flek­tiert?

Sadi Gent: Ich glaube schon. Was ein Künstler mit sich brin­gen muss, ist, dass er sehr sen­si­bel ist. Es gibt auch sehr sen­si­ble Menschen, die keine Künstler sind und al­les ge­nauso stark wahr­neh­men und re­flek­tie­ren. Aber ich habe noch nie ei­nen Künstler ken­nen­ge­lernt, der nicht sen­si­bel ist. Feinfühlig, auf­merk­sam, be­ob­ach­tend. Ich kenne kei­nen, der sich nicht viel mit sei­nen Gedanken be­schäf­tigt.

MZEE​.com: Wir würden gerne mal über den Track "Alle Mania" spre­chen. Darauf rappst du: "Ich weiß im­mer noch nicht ge­nau, wo mein Ziel liegt. Denn wo ich hin will, weiß ich auch nicht so recht." Bezieht sich diese Aussage spe­zi­ell auf deine Musik oder auf dein Leben im Allgemeinen?

Sadi Gent: Eigentlich auf mein Leben im Allgemeinen. Ich bin sprung­haft, ma­che pha­sen­weise viel Party und denke: Boah, das ist das Geilste der Welt. Dann ver­misse ich auch wie­der die Natur – das Rauskommen und biss­chen was se­hen. Und Reisen bringt halt auch im­mer mit sich, dass man nicht ge­nau weiß, wo man hin will, weil man so vie­les se­hen möchte und es so vie­les gleich­zei­tig gibt. Vielleicht werde ich das auch nie wis­sen …

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MZEE​.com: Glaubst du denn, dass es so wich­tig ist, ein Ziel zu ha­ben? Vielleicht ist es auch ein­fach nur von der Gesellschaft ge­ge­ben, im­mer zu den­ken, man müsse auf et­was hin­ar­bei­ten.

Sadi Gent: Ich glaube auch … Ein Ziel kann sich je­der selbst set­zen, aber eine Existenz bringt lei­der mit sich, dass man sich fi­nan­zi­ell ab­si­chern muss. Wenn du rei­sen willst, musst du auch den gan­zen bü­ro­kra­ti­schen Kram mit­ma­chen – und das ist nicht ganz so ein­fach. Ich finde es nicht so wich­tig, aber man sollte schon ge­wisse Vorhaben ha­ben. Es gibt auch Leute, die nur vor sich hin­ve­ge­tie­ren, und da denke ich mir manch­mal schon – auch wenn das sehr hart klingt: Wo ist die Lebensberechtigung?! Da kriegst du ein Leben ge­schenkt und die Leute ma­chen nichts. Da wird mir rich­tig schlecht. Da werde ich trau­rig und denke mir: Was ist da los?! Wenn ich Menschen sehe, die sich ge­hen las­sen, wahr­schein­lich nur auf Hartz IV ab­cra­cken, die ganze Zeit in der Butze chil­len und da­mit zu­frie­den sind – und das war's. Und das dann je­den Tag aufs Neue. Routine ist auch was ganz Gefährliches. Deswegen habe ich mich wohl auch dazu ent­schie­den, Künstler zu wer­den. Weil ich viel Abwechslung brau­che. Routine macht den Geist auch lahm, es tö­tet ei­nen ir­gendwo und macht ei­nen me­cha­ni­sch. Man ver­gisst, nach­zu­den­ken und man macht al­les au­to­ma­ti­sch. Das ist nicht das, was das Leben mit sich brin­gen sollte.

MZEE​.com: Dann ist es für dich wahr­schein­lich eine Horrorvorstellung, mor­gens auf­zu­ste­hen, auf die Arbeit zu ge­hen, wie­der heim­zu­kom­men und je­den Tag den glei­chen Ablauf zu ha­ben.

Sadi Gent: Das ist ganz schlimm. Ich hab' ja auch viel ge­ar­bei­tet. Ich habe in vie­len Bereichen meine Erfahrungen ge­sam­melt, so ist es nicht. Natürlich habe ich das auch ge­macht, um her­aus­zu­fin­den, ob ich da­von viel­leicht was ganz geil fin­den könnte, aber es hat mir im­mer wie­der ge­zeigt, dass ich das nicht kann. Ich habe ein Problem mit Autoritäten. Ich kriege ei­nen flauen Magen und Schweißausbrüche, wenn ich mor­gens auf­stehe und weiß: Ich muss jetzt wie­der zur Arbeit … Wenn man dann da ist, legt sich das ein biss­chen. Aber die­ses Hinlegen und daann daran den­ken, dass man in fünf Stunden wie­der zur Arbeit muss, das macht mich fer­tig. Das kann ich nicht.

MZEE​.com: Kommen wir doch noch mal zu­rück auf das wun­der­schöne Thema "Reisen".

Sadi Gent: Ja, su­per. Das ist ein sehr schö­nes Thema. (lä­chelt) Ich will viel rei­sen! Eigentlich möchte ich nichts an­de­res ma­chen in mei­nem Leben. Und Mucke. Aber un­ter­wegs kann man ja auch Mucke ma­chen. Voll geil.

MZEE​.com: Sich mit an­de­ren Menschen, Kulturen oder Gegenden aus­ein­an­der­zu­set­zen ist ja auch im­mer eine Art "Horizonterweiterung".

Sadi Gent: Absolut! Jedes Mal. Immer wie­der neue Bilder ein­zu­sam­meln, Dinge, die man noch nie ge­se­hen hat – das ist un­glaub­lich er­fri­schend.

MZEE​.com: Ist es so, dass das Thema "Fernweh" eine große Rolle in dei­nem Leben spielt?

Sadi Gent: Fernweh ist im­mer da. Vielleicht hat das auch den Grund, den ich in mei­nem Song "Zwilling" ein biss­chen the­ma­ti­siert habe: Auch wenn ich ein Mensch bin, der viele Freunde hat, fühle ich mich oft ein biss­chen al­leine. Vielleicht, weil ich ei­nen Zwilling ver­lo­ren habe oder so­was. Manchmal kann ich Menschen nicht so nah an mich ran­las­sen. Ich hab' da echt Schwierigkeiten mit, viel­leicht, weil ich auch im­mer eine Art Verlustangst habe … (über­legt) Das ist ja ge­rade wie beim Psychiater hier. Wahnsinn. (alle la­chen) Aber das ist geil! Also: Fernweh spielt schon eine rie­sige Rolle.

MZEE​.com: Reisen wird oft auf das Alter ver­scho­ben, wenn man dann mal Geld hat, in Rente ist oder die Kinder groß sind. Findest du das ver­werf­lich? Sollte man die­sem Bedürfnis di­rekt nach­ge­hen?

Sadi Gent: Finde ich schon. Ich habe mich letz­tens mit mei­nem Vater un­ter­hal­ten. Er ist ein sehr au­to­ri­tä­rer Mensch, vor dem ich rie­si­gen Respekt habe und zu dem ich auf­bli­cke. Und er be­kommt ja jetzt mit, was ich so ge­leis­tet hab' … Meine Eltern mein­ten am Anfang na­tür­lich: "Mach doch was Vernünftiges", aber sie ha­ben mich trotz­dem im­mer un­ter­stützt und ge­sagt: "Wenn es das ist, was du ma­chen willst, dann mach's." Ich hab dann doch noch mein Abitur und mein Studium ge­macht, um meine Eltern ein biss­chen zu­frie­den­zu­stel­len. Mein Vater hat mir eben nun er­zählt, dass er jetzt sieht, wie ich lebe und die letz­ten Jahre ge­lebt habe und er dar­über un­fass­bar er­freut ist. Weil er sieht: "Ey! Er macht das, was ich nicht ge­macht habe. Er reist rum, guckt sich ver­schie­dene Städte an und ist im­mer un­ter­wegs." Dieses ganze Auf-​Festivals-​Sein, live spie­len, durch Deutschland und Österreich tou­ren … ein­fach rich­tig Gas ge­ben, un­ter­wegs sein und in jun­gen Jahren viel se­hen. Da hat er mir ge­sagt: "Hey, du machst al­les rich­tig. Ich geh' jetzt auf die sech­zig zu und habe manch­mal das Gefühl, dass ich sehr viel ver­passt habe, weil ich zu schnell in Routine ver­fal­len bin. Vielleicht habe ich mir das lange nicht ein­ge­stan­den, aber: Es ist al­les cool, was du da ge­rade machst." Das hat mir auch ei­nen klei­nen Push ge­ge­ben. Ich kann das gut nach­voll­zie­hen, dass man sich denkt: "Ich muss jetzt erst mal 'ne Familie grün­den und 20 Jahre ar­bei­ten, aber dann …" Aber es ist na­tür­lich kom­plett an­ders, wenn man von 20 bis 30 un­ter­wegs ist, reist und sich mit Leuten con­nec­ted, als wenn man das mit 60 macht.

MZEE​.com: Man hat zwar spä­ter auch an­dere Möglichkeiten – ge­rade wenn man mehr Geld und Zeit hat –, aber merkt, dass man viel ver­passt hat, weil man ein­fach äl­ter ge­wor­den ist.

Sadi Gent: Voll. Das ist auch meine größte Angst, am Ende sa­gen zu müs­sen: "Ich hab' die letz­ten Jahre nur ge­ackert und mich selbst ein biss­chen ver­ges­sen. Ich hab' nicht mal die Zeit ge­habt, das Geld aus­zu­ge­ben, das ich ver­dient habe. Und was hab' ich ge­macht? Nichts. Ich hab' das al­les ver­passt." Und auf ein­mal holt es dich ein. Ich denke, je­der kennt das Gefühl, wenn man ein biss­chen be­un­ru­higt ist. Das ist es, glaube ich – mal hun­dert. Ich habe mich auch viel mit äl­te­ren Herrschaften und Obdachlosen un­ter­hal­ten, weil mich das sehr in­ter­es­siert. Da sind teil­weise sehr in­tel­li­gente Menschen da­bei ge­we­sen. Erfrischenderweise ha­ben mir auch ein paar er­zählt, dass sie krasse Jobs ge­macht ha­ben – und ir­gend­wann ha­ben sie sich ge­dacht: "Scheiß' drauf! Ich will mit mei­nen Atzen chil­len, hier sit­zen und die Sonne ge­nie­ßen." Die ha­ben sich für das Leben ent­schie­den und fin­den das cool. Das fand ich krass. So: "Wow, er zieht das durch und ist voll zu­frie­den." Einer hat ge­strahlt und mir ge­sagt: "Die Leute sind freund­lich und ich bin ein hel­ler Kopf." Und dann hat er mir noch ein paar Bücher emp­foh­len. Auch an­dere äl­tere Herrschaften ha­ben mir ge­sagt: "Ja, es gibt vie­les, was ich be­reue. Mach' und er­leb', so viel du kannst, wenn du jung bist." Ich hab' mich ja auch ab­ge­si­chert, in­dem ich mein Abitur und das Studium ge­macht habe, so­dass ich mich im Notfall auch ir­gendwo be­wer­ben könnte.

MZEE​.com: Zum Abschluss würde wir gerne noch wis­sen, an wel­chen Ort du gerne mal rei­sen wür­dest? Hast du dir Reiseziele ge­setzt, die in dei­nem Leben auf je­den Fall noch ab­ge­hakt wer­den müs­sen?

Sadi Gent: Ja. Die Palauinseln will ich mir rein­zie­hen. Mikronesien. Und Roraima. Venezuela ist das. Aber da hab' ich ein biss­chen Angst vor. Und na­tür­lich reizt mich Thailand ge­ne­rell sehr, ge­nauso wie Malaysia und Singapur. Asien reizt mich all­ge­mein. Ich will auch nach Indien – das will ich mir al­les rein­zie­hen! Auf der an­de­ren Seite habe ich auch Bock, mir Australien an­zu­se­hen und ich will un­be­dingt nach Tokio. Diese Stadt fas­zi­niert mich ir­gend­wie. Japan ge­ne­rell … Amerika will ich auch se­hen – auch wenn ich nicht so ein rie­si­ger Freund von Amerika bin. Aber al­lein schon, weil man das al­les aus den gan­zen Filmen kennt … Und: Ich war noch nie in New York, ich war noch nie­mals auf Hawaii … (grinst) Zazaza, meine Lieben. Da geht ei­ni­ges!

(Florence Bader & Kristina Scheuner)
(Fotos von Kai Bernstein)