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Sadi Gent

Geht es um den Inhalt von Sadi Gents Texten, macht Wikipedia es sich relativ einfach: "Seine Musik thematisiert vor allem Selbstzweifel und Sinnsuche", heißt es dort im Artikel über den Berliner Rapper. Was sich tatsächlich hinter der Kunst des Bombenprodukt-Signings verbirgt, ist allerdings viel tiefgreifender und auch genretechnisch lässt sich Sadi Gent nur schwer einordnen. Mit seinem Debütalbum "Bis Dato" machte er sich 2013 einen Namen in Kennerkreisen der Deutschrapszene, mit dem Nachfolger "Mintgold" gelang in diesem Jahr sogar der Sprung in die Albumcharts und Unabhängigkeit von anderen Jobs – Musik ist nicht nur Sadis Leben, sondern auch sein Beruf. Wir trafen uns mit dem Rapper zum Interview, um über seine Kunst, die ewige Suche nach dem Sinn des Lebens und auf seiner Checkliste stehende Reiseziele zu sprechen. 

MZEE.com: Auf Wikipedia heißt es, deine Musik thematisiere "Selbstzweifel und Sinnsuche". Kann man das so stehen lassen?

Sadi Gent: (grinst) In dem Wikipedia-Artikel stehen auf jeden Fall auch ein paar falsche Sachen. Aber ja, mitunter kann man das schon so stehen lassen. Natürlich kann man meine Musik jetzt nicht mit einem Satz erklären und ich finde es eh immer sehr schwierig, Musik mit Worten zu beschreiben ...

MZEE.com: Wenn wir uns jetzt mal kurz den ganzen verschiedenen Subgenres der Deutschraplandschaft zuwenden: Gibt es da einen Bereich, in den du deine Musik denn einordnen würdest?

Sadi Gent: Ich kenne mich mit diesen ganzen Schubladen ehrlich gesagt gar nicht so aus. Ich höre ab und an von Leuten, dass sie mich in Richtung Conscious-Rap einordnen. Und ein paar ordnen mich angeblich auch in Richtung Cloud-Rap ein. In der Regel ist es allerdings nicht so oft der Fall, dass Cloud-Rap so tiefgründig ist. Aber vom ganzen Sound und vom Style her habe ich das tatsächlich schon ein paar Mal gehört.

MZEE.com: Eigentlich ist das, was du machst, doch ein bisschen eigenständiger.

Sadi Gent: Ja, ich finde, es ist völlig außer Konkurrenz und was ganz Eigenes. Da bin ich auch extrem stolz drauf.

MZEE.com: Genauso wie dein Künstlername.

Sadi Gent: (grinst) Ja, so einen langen Künstlernamen hat auch keiner. Außer Pippi Langstrumpf …

MZEE.com: Gehen wir also von den Themen "Selbstzweifel und Sinnsuche" aus: Was ist der für dich wichtigste Song, den du je über diese beiden Themen geschrieben hast?

Sadi Gent: Oha. Ganz schön schwierige Frage. Ich habe schon so viele Songs gemacht, da kann ich das gar nicht wirklich sagen. In Hinblick auf "Mintgold" würde ich vielleicht den Track "Zwilling" nehmen, weil er sehr persönlich geraten ist. Da steckt ein gewisser Selbstzweifel drin und eine Ahnungslosigkeit, die vielleicht auch unter dem Thema "Sinnsuche" abgestempelt werden könnte. Ich glaube, ich könnte aber auch noch ein paar andere Songs nennen ...

MZEE.com: Hast du denn allgemein gesehen einen absoluten Lieblingssong von dir selbst?

Sadi Gent: Oft ist es so, dass ich einen neuen Song aufnehme und gerade den dann besonders gut finde. Das hält dann eine Woche an und danach werfe ich mein Augenmerk wieder auf einen anderen Song, den ich fünf Monate vorher aufgenommen habe, und entdecke den für mich neu. Ich kann aber auf jeden Fall sagen, dass meine Lieblingsongs von mir "Schwarz und Weiß", "Lebensmüde", "Wendeltreppe" und "Wir sehen uns das nächste Mal bestimmt" sind.

MZEE.com: Wir hatten gestern jemanden im Interview, der meinte, dass sein neuester Track immer solange sein eigenes Lieblingslied ist, bis er wieder einen neuen gemacht hat.

Sadi Gent: So ist es bei mir tatsächlich auch oft. Manchmal nehme ich aber auch Songs auf, bei denen ich schnell merke: Oh, das war nichts, das vergessen wir mal schnell – das ist nicht passiert. (grinst)

MZEE.com: Kommen wir noch mal zurück auf das Thema "Sinnsuche": Glaubst du, dass man tatsächlich an einen Punkt kommen kann, an dem man "den Sinn" gefunden hat und somit ganz bei sich ist? Oder meinst du, die Sinnsuche ist ein ewiger und nie endender Prozess und der Sinn kann sich ständig verändern und neu definieren?

Sadi Gent: Also, ich tendiere tatsächlich zu Letzterem, weil man sich stetig in Bezug auf Denkmuster und Ansprüche verändert und weiterentwickelt. Auch allgemein geistig gesehen. Gerade die eigene Einstellung zu gewissen Dingen ändert sich ständig – ich denke, das hat jeder schon einmal miterlebt. Deswegen glaube ich, dass es ein fortwährender Prozess ist. Manchmal denkt man zum Beispiel, man hat den Sinn in etwas gefunden und dann fällt einem doch wieder etwas Neues ein. Ich glaube, das ist auch das, was das Leben vorantreibt. Denn wenn man irgendwann den Sinn gefunden hätte, wäre das vielleicht sogar schade, weil man dann möglicherweise gar keinen Antrieb mehr hat. So nach dem Motto: "Ich bin angekommen und das war jetzt der Sinn. Ich hab' ihn gefunden. Das Level ist geschafft und das Spiel ist durchgespielt."

MZEE.com: Wenn man sich deine Musik mal genauer anhört, bekommt man mit, dass du sehr wandelbar bist und viel ausprobiert hast. Zwischen "Auf-der-Straße-leben" oder "Eine-Wohnung-haben" zum Beispiel. Das wirkt für mich schon so, als wäre die Sinnsuche ein Thema in deinem Leben, oder?

Sadi Gent: Vielleicht ein kleines bisschen. Aber ansonsten bin ich einfach nur ein extrem toleranter und offener Mensch. Es gibt so vieles auf dieser Welt, was man machen kann und das es zu entdecken gibt. Ich bin halt sehr neugierig und wissbegierig und stürze mich gern in das große Becken des Lebens. Das möchte ich in vollen Zügen auskosten und deswegen muss ich ganz schön viel erleben und entdecken und für mich dann auch ausmachen, was mir besonders gut gefällt. Manchmal erkenne ich dann: Och nee, das war nichts, aber schön, dass ich es mal ausprobiert hab'. Ich bereue auch nichts – das finde ich ganz wichtig.

MZEE.com: Könntest du dir denn vorstellen, dass dein Leben im Zuge dessen in fünf Jahren komplett anders aussieht als heute?

Sadi Gent: Das kann schon gut sein. Es gibt halt immer Pfeiler im Leben, die bleiben. Im Großen und Ganzen ist das bei mir die Musik.

MZEE.com: Ist denn in Deutschland leben auch ein Pfeiler?

Sadi Gent: Nee. Ich glaube, das will ich auch gar nicht. Ich denke, dass ich ein Mensch bin, den es auf kurze oder lange Sicht wegzieht. Ich muss irgendwo anders hin. Ich hab' wirklich Hummeln im Hintern und kann hier nicht bleiben. Ich finde es ganz entspannt, hier seine Leute zu treffen, aber das ist auch das Einzige, was mich hier hält. Nicht, in Deutschland zu leben, sondern der Kreis an lieben Leuten, die man um sich herum hat und die man dann einfach vermissen würde. Ich hatte letztens ein Gespräch mit einem Atzen darüber, was ich alles vermissen würde, wenn ich von Berlin wegziehen würde. Ich meine, ich bin ja hier geboren worden und aufgewachsen. Und ich hab' ganz lange überlegt, aber mir ist nichts eingefallen.

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MZEE.com: Hast du denn nicht so eine Art "Heimatgefühl“? Fast jeder Mensch hat doch eine gewisse Verbundenheit zu dem Ort, an dem er aufgewachsen ist.

Sadi Gent: Es gib ein paar Plätze, die ich gerne mag. Wenn ich daran vorbeilaufe, kommen auch Erinnerungen hoch. Das finde ich ganz schön, aber ich muss das nicht unbedingt haben. Ich glaube, das liegt auch daran, dass Berlin so eine riesige Stadt ist, in der alles anonym und schnelllebig ist. Wenn du in einem Kiez wohnst, dann verändert er sich innerhalb von sechs Monaten schon fast komplett. Dadurch kann man sich vielleicht auch nicht mehr so krass an gewisse Sachen gewöhnen. Also, ich würde wohl tatsächlich nichts vermissen, außer meine Leute.

MZEE.com: Hast du eigentlich mal ein paar Jahre im Ausland verbracht?

Sadi Gent: Nee, eben nicht. Ich glaube, dass es mich vielleicht deswegen auch so kitzelt, weil ich das noch nicht ausprobiert hab'. Ich habe so viele Freunde, die mal für ein halbes Jahr in Australien oder Neuseeland waren oder einfach mal in Singapur gelebt haben. Ein Freund von mir ist zum Beispiel Perser und hat lange Zeit im Iran gechillt. Ich finde das erstaunlich ... Es gibt so viele verlockende Orte und krasse Plätze, das find' ich wirklich ein bisschen beneidenswert.

MZEE.com: Du hast mal in einem Interview davon geredet, eine musikalische Vision zu haben, welcher du dich mit deinem letzten Album "Mintgold" ein Stück angenähert hast. Sind deine Alben demnach Schritte eines Entwicklungsprozesses, an dessen Ende dann hoffentlich eine verwirklichte Vision stehen wird?

Sadi Gent: Das ist, glaube ich, ähnlich wie mit der Sinnsuche ... Ich hab' eine gewisse Vision von einem Soundbild. Im Grunde komme ich dem Ganzen schon immer sehr nahe, wenn ich ein neues Album mache. Aber ich merke, dass ich manchmal auch Bock habe, etwas komplett anderes zu machen. Es stimmt also nur bedingt. Ich hab' einen Leitfaden in meiner Musik, den ich, glaube ich, immer irgendwo mit einhalten werden. Das ist dieses ganz Sphärische, Trippige, bisschen Futuristische, Synthesizer-lastige. Diese ganzen elektronischen Elemente ... Es kann trotzdem alles noch mal komplett anders werden. Deshalb kann ich das nur ganz schwer sagen.

MZEE.com: Wie gehst du denn allgemein an deine Produktionen heran – mit einem Konzept oder nach einer spontanen Idee beziehungsweise einem Gefühl?

Sadi Gent: Letzteres ist es eigentlich. Ich habeine Affinität zu gewissen Sounds. Und die Musik, die ich privat höre, beeinflusst mich auch sehr. Davon lasse ich mich dann zwar inspirieren, aber es kommt immer aus meinem Bauch heraus. Ich mache das also schon nach Gefühl. Ich kann das gar nicht anders. Es wird dann so, wie es am Ende wird … das ist ein sehr weiser Satz! (grinst)

MZEE.com: Bist du denn jemand, der 30 Tracks macht und sich dann die besten davon für ein Album heraussucht?

Sadi Gent: Manchmal ist das so, ja. Aber manchmal habe ich auch Glück, mache 15, 16 Songs am Stück, find' davon alle bis auf zwei oder drei richtig gut und dann ist das Album im Kasten. Bei "Bis Dato" war es aber beispielsweise so, dass sich über drei Jahre sehr viele Songs angesammelt hatten und ich zwischendurch dann auch mal ein paar vergessen habe. Meines Erachtens nach habe ich aber am Ende die besten genommen … Manchmal ist dieses Songsmachen aber auch wie ein Glücksspiel. Auch, wenn ich mich an Beats setze. Manchmal kommt was Geiles bei raus und manchmal sitze ich stundenlang da, verirre mich und am nächsten Tag höre ich rein: Alter, was hast du geraucht?! Was ist das denn, Dickerchen?! Das kommt schon auch vor.

MZEE.com: Ist die Musik denn momentan dein Beruf?

Sadi Gent: Ja, ich mache das hauptberuflich.

MZEE.com: Muss man sich das so vorstellen, dass du ganz streberhaft morgens um acht aus dem Bett springst, ins Studio flitzt und direkt anfängst zu schreiben? Oder hast du auch mal eine Woche gar keinen Bock und gehst erst ein paar Tage später wieder rein?

Sadi Gent: Ja, genau so. Manchmal chille ich dann auch zwei Wochen, mache viel Party und sammle Eindrücke. Ab und an muss man rauskommen, was erleben, sich unter freiem Himmel einen Kopf machen und ein paar Ideen sammeln. Eigentlich bin ich mit meinem Kopf non-stop am Arbeiten – egal, wo ich bin. Ich denke immer daran, irgendwas in meine Musik einfließen zu lassen, was fast schon krankhaft ist. Es sieht für andere Leute oft so aus, als würde ich nur abhängen. Die denken, ich chill' nur ...

MZEE.com: Und du denkst: "Ich war den ganzen Tag auf der Arbeit".

Sadi Gent: Ja. Geistig bin ich non-stop auf der Arbeit. Ich sammle Eindrücke und Ideen. Manchmal kriege ich auch ein schlechtes Gewissen, wenn länger nichts Richtiges dabei rumgekommen ist. Dann habe ich Druck und das ist so ähnlich, wie es während meiner Studienzeit war… ein bisschen uncool, dass man sich so gezwungen fühlt und dauernd denkt: Ich muss mich jetzt aber mal 'ne Woche einsperren und was machen.

MZEE.com: Schreibst du deine Texte im Studio?

Sadi Gent: Das Ding ist, dass ich ein Homestudio habe. Ich hab' mir zu Hause alles eingerichtet, deswegen bin ich sehr flexibel. Ich kann aufstehen und bin schon da. Dann setz' ich mich an den Rechner und bau' die Beats oder schreib' irgendwelche Texte. Das ist echt sehr lässig.

MZEE.com: Hast du denn so ein professionelles Studio zu Hause, dass du da auch deine letzte Platte aufgenommen hast?

Sadi Gent: Nee, zu Hause sammle ich die Skizzen, mache ein paar Aufnahmen, um zu testen, ob es funktionieren kann und mir gefällt. Vieles verwerfe ich dann noch mal, sodass es nicht mal zur richtigen Aufnahme kommt. Ich produziere die Beats zu Hause aus, schreibe die Texte fertig und wenn die Skizze steht, gehe ich zu Konrad Janz oder Herzog ins Studio und nehme meine Sachen dann da fix auf.

MZEE.com: Wenn man sich deine teils sehr melancholisch angehauchte Musik anhört und alternativ deine positive Art auf Facebook betrachtet, fragt man sich, wer der Mensch hinter Sadi Gent wirklich ist. Ist die Musik vielleicht der Kanal, über den ein eigentlich lebensfroher Sadi Gent sein tiefstes Inneres mit der Außenwelt teilen kann?

Sadi Gent: Musik war schon immer eine Art Therapie für mich. Ich bin ein Mensch, der es nie wirklich auf die Reihe bekommen hat, über sehr persönliche Dinge zu reden oder Probleme mit Hilfe von Gesprächen aus dem Weg zu räumen. Ich schreibe solche Sachen lieber nieder und verarbeite sie in Songs. Ich höre auch sehr gerne melancholische Musik, die muss auch nicht zwangsläufig traurig sein. Wenn ich Musik mache, besinne ich mich auf Themen und Fragen, die in meinem Kopf sind, wenn ich alleine bin. In Gesellschaft sehe ich keinen wirklichen Sinn darin, missmutig zu sein – da will ich mit meinen Leuten Spaß haben. Ich bin ein sehr entspannter Mensch und denke, das Leben ist nun mal dazu da, um Spaß zu haben. Und Kunst ist eben auch dazu da, gewisse Sachen zu verarbeiten – egal, ob sie gesellschaftskritisch und persönlich sind oder einen einfach umgeben. Es muss nicht immer alles melancholisch sein, aber ich finde es cool, wenn es durchdacht ist.

MZEE.com: Findest du, dass der Prozess, Kunst zu erschaffen, manchmal auch etwas Einsames mit sich bringt?

Sadi Gent: Total. Wenn man sich wirklich aufs Musikmachen einlässt und das ernst meint, dann ist man sehr viel für sich. Man beschäftigt sich sehr mit sich selbst, weil man stundenlang zu Hause sitzt und nur Musik macht. Wenn du auch noch produzierst und nicht nur schreibst, dann opferst du viel Zeit. Zumindest, wenn du es ernst meinst, denn dann wird aus dem Hobby eine Art Berufung. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man in einer Band ist, viel zusammen probt und die Songs vielleicht auch gemeinsam schreibt. Aber bei jedem, der glaubt, ein wirklicher, eigenständiger Künstler zu sein, hat das Ganze etwas Einsames. Man begibt sich ein Stück in eine andere Welt, die ungewiss ist. Während alle anderen in deinem Umfeld den "normalen" oder vernünftigeren Weg wählen, sagst du: "Nee, ich seh' mich so krass als Künstler, dass ich das nicht kann. Ich kann das nicht mit mir selbst vereinbaren." Das ist nicht so leicht. Ich hab' auch viele gesehen, die daran kaputt gegangen sind.

MZEE.com: Glaubst du, dass man als Künstler automatisch mehr reflektiert?

Sadi Gent: Ich glaube schon. Was ein Künstler mit sich bringen muss, ist, dass er sehr sensibel ist. Es gibt auch sehr sensible Menschen, die keine Künstler sind und alles genauso stark wahrnehmen und reflektieren. Aber ich habe noch nie einen Künstler kennengelernt, der nicht sensibel ist. Feinfühlig, aufmerksam, beobachtend. Ich kenne keinen, der sich nicht viel mit seinen Gedanken beschäftigt.

MZEE.com: Wir würden gerne mal über den Track "Alle Mania" sprechen. Darauf rappst du: "Ich weiß immer noch nicht genau, wo mein Ziel liegt. Denn wo ich hin will, weiß ich auch nicht so recht." Bezieht sich diese Aussage speziell auf deine Musik oder auf dein Leben im Allgemeinen?

Sadi Gent: Eigentlich auf mein Leben im Allgemeinen. Ich bin sprunghaft, mache phasenweise viel Party und denke: Boah, das ist das Geilste der Welt. Dann vermisse ich auch wieder die Natur – das Rauskommen und bisschen was sehen. Und Reisen bringt halt auch immer mit sich, dass man nicht genau weiß, wo man hin will, weil man so vieles sehen möchte und es so vieles gleichzeitig gibt. Vielleicht werde ich das auch nie wissen ...

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MZEE.com: Glaubst du denn, dass es so wichtig ist, ein Ziel zu haben? Vielleicht ist es auch einfach nur von der Gesellschaft gegeben, immer zu denken, man müsse auf etwas hinarbeiten.

Sadi Gent: Ich glaube auch … Ein Ziel kann sich jeder selbst setzen, aber eine Existenz bringt leider mit sich, dass man sich finanziell absichern muss. Wenn du reisen willst, musst du auch den ganzen bürokratischen Kram mitmachen – und das ist nicht ganz so einfach. Ich finde es nicht so wichtig, aber man sollte schon gewisse Vorhaben haben. Es gibt auch Leute, die nur vor sich hinvegetieren, und da denke ich mir manchmal schon – auch wenn das sehr hart klingt: Wo ist die Lebensberechtigung?! Da kriegst du ein Leben geschenkt und die Leute machen nichts. Da wird mir richtig schlecht. Da werde ich traurig und denke mir: Was ist da los?! Wenn ich Menschen sehe, die sich gehen lassen, wahrscheinlich nur auf Hartz IV abcracken, die ganze Zeit in der Butze chillen und damit zufrieden sind – und das war's. Und das dann jeden Tag aufs Neue. Routine ist auch was ganz Gefährliches. Deswegen habe ich mich wohl auch dazu entschieden, Künstler zu werden. Weil ich viel Abwechslung brauche. Routine macht den Geist auch lahm, es tötet einen irgendwo und macht einen mechanisch. Man vergisst, nachzudenken und man macht alles automatisch. Das ist nicht das, was das Leben mit sich bringen sollte.

MZEE.com: Dann ist es für dich wahrscheinlich eine Horrorvorstellung, morgens aufzustehen, auf die Arbeit zu gehen, wieder heimzukommen und jeden Tag den gleichen Ablauf zu haben.

Sadi Gent: Das ist ganz schlimm. Ich hab' ja auch viel gearbeitet. Ich habe in vielen Bereichen meine Erfahrungen gesammelt, so ist es nicht. Natürlich habe ich das auch gemacht, um herauszufinden, ob ich davon vielleicht was ganz geil finden könnte, aber es hat mir immer wieder gezeigt, dass ich das nicht kann. Ich habe ein Problem mit Autoritäten. Ich kriege einen flauen Magen und Schweißausbrüche, wenn ich morgens aufstehe und weiß: Ich muss jetzt wieder zur Arbeit ... Wenn man dann da ist, legt sich das ein bisschen. Aber dieses Hinlegen und daann daran denken, dass man in fünf Stunden wieder zur Arbeit muss, das macht mich fertig. Das kann ich nicht.

MZEE.com: Kommen wir doch noch mal zurück auf das wunderschöne Thema "Reisen".

Sadi Gent: Ja, super. Das ist ein sehr schönes Thema. (lächelt) Ich will viel reisen! Eigentlich möchte ich nichts anderes machen in meinem Leben. Und Mucke. Aber unterwegs kann man ja auch Mucke machen. Voll geil.

MZEE.com: Sich mit anderen Menschen, Kulturen oder Gegenden auseinanderzusetzen ist ja auch immer eine Art "Horizonterweiterung".

Sadi Gent: Absolut! Jedes Mal. Immer wieder neue Bilder einzusammeln, Dinge, die man noch nie gesehen hat – das ist unglaublich erfrischend.

MZEE.com: Ist es so, dass das Thema "Fernweh" eine große Rolle in deinem Leben spielt?

Sadi Gent: Fernweh ist immer da. Vielleicht hat das auch den Grund, den ich in meinem Song "Zwilling" ein bisschen thematisiert habe: Auch wenn ich ein Mensch bin, der viele Freunde hat, fühle ich mich oft ein bisschen alleine. Vielleicht, weil ich einen Zwilling verloren habe oder sowas. Manchmal kann ich Menschen nicht so nah an mich ranlassen. Ich hab' da echt Schwierigkeiten mit, vielleicht, weil ich auch immer eine Art Verlustangst habe ... (überlegt) Das ist ja gerade wie beim Psychiater hier. Wahnsinn. (alle lachen) Aber das ist geil! Also: Fernweh spielt schon eine riesige Rolle.

MZEE.com: Reisen wird oft auf das Alter verschoben, wenn man dann mal Geld hat, in Rente ist oder die Kinder groß sind. Findest du das verwerflich? Sollte man diesem Bedürfnis direkt nachgehen?

Sadi Gent: Finde ich schon. Ich habe mich letztens mit meinem Vater unterhalten. Er ist ein sehr autoritärer Mensch, vor dem ich riesigen Respekt habe und zu dem ich aufblicke. Und er bekommt ja jetzt mit, was ich so geleistet hab' … Meine Eltern meinten am Anfang natürlich: "Mach doch was Vernünftiges", aber sie haben mich trotzdem immer unterstützt und gesagt: "Wenn es das ist, was du machen willst, dann mach's." Ich hab dann doch noch mein Abitur und mein Studium gemacht, um meine Eltern ein bisschen zufriedenzustellen. Mein Vater hat mir eben nun erzählt, dass er jetzt sieht, wie ich lebe und die letzten Jahre gelebt habe und er darüber unfassbar erfreut ist. Weil er sieht: "Ey! Er macht das, was ich nicht gemacht habe. Er reist rum, guckt sich verschiedene Städte an und ist immer unterwegs." Dieses ganze Auf-Festivals-Sein, live spielen, durch Deutschland und Österreich touren … einfach richtig Gas geben, unterwegs sein und in jungen Jahren viel sehen. Da hat er mir gesagt: "Hey, du machst alles richtig. Ich geh' jetzt auf die sechzig zu und habe manchmal das Gefühl, dass ich sehr viel verpasst habe, weil ich zu schnell in Routine verfallen bin. Vielleicht habe ich mir das lange nicht eingestanden, aber: Es ist alles cool, was du da gerade machst." Das hat mir auch einen kleinen Push gegeben. Ich kann das gut nachvollziehen, dass man sich denkt: "Ich muss jetzt erst mal 'ne Familie gründen und 20 Jahre arbeiten, aber dann ..." Aber es ist natürlich komplett anders, wenn man von 20 bis 30 unterwegs ist, reist und sich mit Leuten connected, als wenn man das mit 60 macht.

MZEE.com: Man hat zwar später auch andere Möglichkeiten – gerade wenn man mehr Geld und Zeit hat –, aber merkt, dass man viel verpasst hat, weil man einfach älter geworden ist.

Sadi Gent: Voll. Das ist auch meine größte Angst, am Ende sagen zu müssen: "Ich hab' die letzten Jahre nur geackert und mich selbst ein bisschen vergessen. Ich hab' nicht mal die Zeit gehabt, das Geld auszugeben, das ich verdient habe. Und was hab' ich gemacht? Nichts. Ich hab' das alles verpasst." Und auf einmal holt es dich ein. Ich denke, jeder kennt das Gefühl, wenn man ein bisschen beunruhigt ist. Das ist es, glaube ich – mal hundert. Ich habe mich auch viel mit älteren Herrschaften und Obdachlosen unterhalten, weil mich das sehr interessiert. Da sind teilweise sehr intelligente Menschen dabei gewesen. Erfrischenderweise haben mir auch ein paar erzählt, dass sie krasse Jobs gemacht haben – und irgendwann haben sie sich gedacht: "Scheiß' drauf! Ich will mit meinen Atzen chillen, hier sitzen und die Sonne genießen." Die haben sich für das Leben entschieden und finden das cool. Das fand ich krass. So: "Wow, er zieht das durch und ist voll zufrieden." Einer hat gestrahlt und mir gesagt: "Die Leute sind freundlich und ich bin ein heller Kopf." Und dann hat er mir noch ein paar Bücher empfohlen. Auch andere ältere Herrschaften haben mir gesagt: "Ja, es gibt vieles, was ich bereue. Mach' und erleb', so viel du kannst, wenn du jung bist." Ich hab' mich ja auch abgesichert, indem ich mein Abitur und das Studium gemacht habe, sodass ich mich im Notfall auch irgendwo bewerben könnte.

MZEE.com: Zum Abschluss würde wir gerne noch wissen, an welchen Ort du gerne mal reisen würdest? Hast du dir Reiseziele gesetzt, die in deinem Leben auf jeden Fall noch abgehakt werden müssen?

Sadi Gent: Ja. Die Palauinseln will ich mir reinziehen. Mikronesien. Und Roraima. Venezuela ist das. Aber da hab' ich ein bisschen Angst vor. Und natürlich reizt mich Thailand generell sehr, genauso wie Malaysia und Singapur. Asien reizt mich allgemein. Ich will auch nach Indien – das will ich mir alles reinziehen! Auf der anderen Seite habe ich auch Bock, mir Australien anzusehen und ich will unbedingt nach Tokio. Diese Stadt fasziniert mich irgendwie. Japan generell ... Amerika will ich auch sehen – auch wenn ich nicht so ein riesiger Freund von Amerika bin. Aber allein schon, weil man das alles aus den ganzen Filmen kennt … Und: Ich war noch nie in New York, ich war noch niemals auf Hawaii … (grinst) Zazaza, meine Lieben. Da geht einiges!

(Florence Bader & Kristina Scheuner)
(Fotos von Kai Bernstein)