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Sadi Gent

Geht es um den Inhalt von Sadi Gents Texten, macht Wikipedia es si­ch re­la­tiv ein­fach: "Seine Musik the­ma­ti­siert vor al­lem Selbstzweifel und Sinnsuche", heißt es dort im Artikel über den Berliner Rapper. Was si­ch tat­säch­li­ch hin­ter der Kunst des Bombenprodukt-​Signings ver­birgt, ist al­ler­dings viel tief­grei­fen­der und auch gen­re­tech­ni­sch lässt si­ch Sadi Gent nur schwer ein­ord­nen. Mit sei­nem Debütalbum "Bis Dato" mach­te er si­ch 2013 ei­nen Namen in Kennerkreisen der Deutschrapszene, mit dem Nachfolger "Mintgold" ge­lang in die­sem Jahr so­gar der Sprung in die Albumcharts und Unabhängigkeit von an­de­ren Jobs – Musik ist nicht nur Sadis Leben, son­dern auch sein Beruf. Wir tra­fen uns mit dem Rapper zum Interview, um über sei­ne Kunst, die ewi­ge Suche nach dem Sinn des Lebens und auf sei­ner Checkliste ste­hen­de Reiseziele zu spre­chen. 

MZEE​.com: Auf Wikipedia heißt es, dei­ne Musik the­ma­ti­sie­re "Selbstzweifel und Sinnsuche". Kann man das so ste­hen las­sen?

Sadi Gent: (grin­st) In dem Wikipedia-​Artikel ste­hen auf je­den Fall auch ein paar fal­sche Sachen. Aber ja, mit­un­ter kann man das schon so ste­hen las­sen. Natürlich kann man mei­ne Musik jetzt nicht mit ei­nem Satz er­klä­ren und ich fin­de es eh im­mer sehr schwie­rig, Musik mit Worten zu be­schrei­ben …

MZEE​.com: Wenn wir uns jetzt mal kurz den gan­zen ver­schie­de­nen Subgenres der Deutschraplandschaft zu­wen­den: Gibt es da ei­nen Bereich, in den du dei­ne Musik denn ein­ord­nen wür­dest?

Sadi Gent: Ich ken­ne mi­ch mit die­sen gan­zen Schubladen ehr­li­ch ge­sagt gar nicht so aus. Ich hö­re ab und an von Leuten, dass sie mi­ch in Richtung Conscious-​Rap ein­ord­nen. Und ein paar ord­nen mi­ch an­geb­li­ch auch in Richtung Cloud-​Rap ein. In der Regel ist es al­ler­dings nicht so oft der Fall, dass Cloud-​Rap so tief­grün­dig ist. Aber vom gan­zen Sound und vom Style her ha­be ich das tat­säch­li­ch schon ein paar Mal ge­hört.

MZEE​.com: Eigentlich ist das, was du machst, doch ein biss­chen ei­gen­stän­di­ger.

Sadi Gent: Ja, ich fin­de, es ist völ­lig au­ßer Konkurrenz und was ganz Eigenes. Da bin ich auch ex­trem stolz drauf.

MZEE​.com: Genauso wie de­in Künstlername. 

Sadi Gent: (grin­st) Ja, so ei­nen lan­gen Künstlernamen hat auch kei­ner. Außer Pippi Langstrumpf …

MZEE​.com: Gehen wir al­so von den Themen "Selbstzweifel und Sinnsuche" aus: Was ist der für dich wich­tigs­te Song, den du je über die­se bei­den Themen ge­schrie­ben hast?

Sadi Gent: Oha. Ganz schön schwie­ri­ge Frage. Ich ha­be schon so vie­le Songs ge­macht, da kann ich das gar nicht wirk­li­ch sa­gen. In Hinblick auf "Mintgold" wür­de ich viel­leicht den Track "Zwilling" neh­men, weil er sehr per­sön­li­ch ge­ra­ten ist. Da steckt ein ge­wis­ser Selbstzweifel drin und ei­ne Ahnungslosigkeit, die viel­leicht auch un­ter dem Thema "Sinnsuche" ab­ge­stem­pelt wer­den könn­te. Ich glau­be, ich könn­te aber auch no­ch ein paar an­de­re Songs nen­nen …

MZEE​.com: Hast du denn all­ge­mein ge­se­hen ei­nen ab­so­lu­ten Lieblingssong von dir selbst?

Sadi Gent: Oft ist es so, dass ich ei­nen neu­en Song auf­neh­me und ge­ra­de den dann be­son­ders gut fin­de. Das hält dann ei­ne Woche an und da­na­ch wer­fe ich mein Augenmerk wie­der auf ei­nen an­de­ren Song, den ich fünf Monate vor­her auf­ge­nom­men ha­be, und ent­de­cke den für mi­ch neu. Ich kann aber auf je­den Fall sa­gen, dass mei­ne Lieblingsongs von mir "Schwarz und Weiß", "Lebensmüde", "Wendeltreppe" und "Wir se­hen uns das nächs­te Mal be­stimmt" sind.

MZEE​.com: Wir hat­ten ges­tern je­man­den im Interview, der mein­te, dass sein neu­es­ter Track im­mer so­lan­ge sein ei­ge­nes Lieblingslied ist, bis er wie­der ei­nen neu­en ge­macht hat.

Sadi Gent: So ist es bei mir tat­säch­li­ch auch oft. Manchmal neh­me ich aber auch Songs auf, bei de­nen ich schnell mer­ke: Oh, das war nichts, das ver­ges­sen wir mal schnell – das ist nicht pas­siert. (grin­st)

MZEE​.com: Kommen wir no­ch mal zu­rück auf das Thema "Sinnsuche": Glaubst du, dass man tat­säch­li­ch an ei­nen Punkt kom­men kann, an dem man "den Sinn" ge­fun­den hat und so­mit ganz bei si­ch ist? Oder mein­st du, die Sinnsuche ist ein ewi­ger und nie en­den­der Prozess und der Sinn kann si­ch stän­dig ver­än­dern und neu de­fi­nie­ren?

Sadi Gent: Also, ich ten­die­re tatsäch­li­ch zu Letzterem, weil man si­ch ste­tig in Bezug auf Denkmuster und Ansprüche ver­än­dert und wei­ter­ent­wi­ckelt. Auch all­ge­mein geis­tig ge­se­hen. Gerade die ei­ge­ne Einstellung zu ge­wis­sen Dingen än­dert si­ch stän­dig – ich den­ke, das hat je­der schon ein­mal mit­er­lebt. Deswegen glau­be ich, dass es ein fort­wäh­ren­der Prozess ist. Manchmal denkt man zum Beispiel, man hat den Sinn in et­was ge­fun­den und dann fällt ei­nem doch wie­der et­was Neues ein. Ich glau­be, das ist auch das, was das Leben vor­an­treibt. Denn wenn man ir­gend­wann den Sinn ge­fun­den hät­te, wä­re das viel­leicht so­gar scha­de, weil man dann mög­li­cher­wei­se gar kei­nen Antrieb mehr hat. So nach dem Motto: "Ich bin an­ge­kom­men und das war jetzt der Sinn. Ich hab' ihn ge­fun­den. Das Level ist ge­schafft und das Spiel ist durch­ge­spielt."

MZEE​.com: Wenn man si­ch dei­ne Musik mal ge­nau­er an­hört, be­kommt man mit, dass du sehr wan­del­bar bist und viel aus­pro­biert hast. Zwischen "Auf-​der-​Straße-​leben" oder "Eine-​Wohnung-​haben" zum Beispiel. Das wirkt für mi­ch schon so, als wä­re die Sinnsuche ein Thema in dei­nem Leben, oder?

Sadi Gent: Vielleicht ein klei­nes biss­chen. Aber an­sons­ten bin ich ein­fach nur ein ex­trem to­le­ran­ter und of­fe­ner Mensch. Es gibt so vie­les auf die­ser Welt, was man ma­chen kann und das es zu ent­de­cken gibt. Ich bin halt sehr neu­gie­rig und wiss­be­gie­rig und stür­ze mi­ch gern in das gro­ße Becken des Lebens. Das möch­te ich in vol­len Zügen aus­kos­ten und des­we­gen muss ich ganz schön viel er­le­ben und ent­de­cken und für mi­ch dann auch aus­ma­chen, was mir be­son­ders gut ge­fällt. Manchmal er­ken­ne ich dann: Och nee, das war nichts, aber schön, dass ich es mal aus­pro­biert hab'. Ich be­reue auch nichts – das fin­de ich ganz wich­tig.

MZEE​.com: Könntest du dir denn vor­stel­len, dass de­in Leben im Zuge des­sen in fünf Jahren kom­plett an­ders aus­sieht als heu­te?

Sadi Gent: Das kann schon gut sein. Es gibt halt im­mer Pfeiler im Leben, die blei­ben. Im Großen und Ganzen ist das bei mir die Musik.

MZEE​.com: Ist denn in Deutschland le­ben auch ein Pfeiler?

Sadi Gent: Nee. Ich glau­be, das will ich auch gar nicht. Ich den­ke, dass ich ein Mensch bin, den es auf kur­ze oder lan­ge Sicht weg­zieht. Ich muss ir­gend­wo an­ders hin. Ich hab' wirk­li­ch Hummeln im Hintern und kann hier nicht blei­ben. Ich fin­de es ganz ent­spannt, hier sei­ne Leute zu tref­fen, aber das ist auch das Einzige, was mi­ch hier hält. Nicht, in Deutschland zu le­ben, son­dern der Kreis an lie­ben Leuten, die man um si­ch her­um hat und die man dann ein­fach ver­mis­sen wür­de. Ich hat­te letz­tens ein Gespräch mit ei­nem Atzen dar­über, was ich al­les ver­mis­sen wür­de, wenn ich von Berlin weg­zie­hen wür­de. Ich mei­ne, ich bin ja hier ge­bo­ren wor­den und auf­ge­wach­sen. Und ich hab' ganz lan­ge über­legt, aber mir ist nichts ein­ge­fal­len.

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MZEE​.com: Hast du denn nicht so ei­ne Art "Heimatgefühl“? Fast je­der Mensch hat doch ei­ne ge­wis­se Verbundenheit zu dem Ort, an dem er auf­ge­wach­sen ist.

Sadi Gent: Es gib ein paar Plätze, die ich ger­ne mag. Wenn ich dar­an vor­bei­lau­fe, kom­men auch Erinnerungen hoch. Das fin­de ich ganz schön, aber ich muss das nicht un­be­dingt ha­ben. Ich glau­be, das liegt auch dar­an, dass Berlin so ei­ne rie­si­ge Stadt ist, in der al­les an­onym und schnell­le­big ist. Wenn du in ei­nem Kiez wohn­st, dann ver­än­dert er si­ch in­ner­halb von sechs Monaten schon fast kom­plett. Dadurch kann man si­ch viel­leicht auch nicht mehr so krass an ge­wis­se Sachen ge­wöh­nen. Also, ich wür­de wohl tat­säch­li­ch nichts ver­mis­sen, au­ßer mei­ne Leute.

MZEE​.com: Hast du ei­gent­li­ch mal ein paar Jahre im Ausland ver­bracht?

Sadi Gent: Nee, eben nicht. Ich glau­be, dass es mi­ch viel­leicht des­we­gen auch so kit­zelt, weil ich das no­ch nicht aus­pro­biert hab'. Ich ha­be so vie­le Freunde, die mal für ein hal­bes Jahr in Australien oder Neuseeland wa­ren oder ein­fach mal in Singapur ge­lebt ha­ben. Ein Freund von mir ist zum Beispiel Perser und hat lan­ge Zeit im Iran ge­chillt. Ich fin­de das er­staun­li­ch … Es gibt so vie­le ver­lo­cken­de Orte und kras­se Plätze, das find' ich wirk­li­ch ein biss­chen be­nei­dens­wert.

MZEE​.com: Du hast mal in ei­nem Interview da­von ge­re­det, ei­ne mu­si­ka­li­sche Vision zu ha­ben, wel­cher du dich mit dei­nem letz­ten Album "Mintgold" ein Stück an­ge­nä­hert hast. Sind dei­ne Alben dem­nach Schritte ei­nes Entwicklungsprozesses, an des­sen Ende dann hof­fent­li­ch ei­ne ver­wirk­lich­te Vision ste­hen wird?

Sadi Gent: Das ist, glau­be ich, ähn­li­ch wie mit der Sinnsuche … Ich hab' ei­ne ge­wis­se Vision von ei­nem Soundbild. Im Grunde kom­me ich dem Ganzen schon im­mer sehr na­he, wenn ich ein neu­es Album ma­che. Aber ich mer­ke, dass ich manch­mal auch Bock ha­be, et­was kom­plett an­de­res zu ma­chen. Es stimmt al­so nur be­dingt. Ich hab' ei­nen Leitfaden in mei­ner Musik, den ich, glau­be ich, im­mer ir­gend­wo mit ein­hal­ten wer­den. Das ist die­ses ganz Sphärische, Trippige, biss­chen Futuristische, Synthesizer-​lastige. Diese gan­zen elek­tro­ni­schen Elemente … Es kann trotz­dem al­les no­ch mal kom­plett an­ders wer­den. Deshalb kann ich das nur ganz schwer sa­gen.

MZEE​.com: Wie gehst du denn all­ge­mein an dei­ne Produktionen her­an – mit ei­nem Konzept oder nach ei­ner spon­ta­nen Idee be­zie­hungs­wei­se ei­nem Gefühl?

Sadi Gent: Letzteres ist es ei­gent­li­ch. Ich habei­ne Affinität zu ge­wis­sen Sounds. Und die Musik, die ich pri­vat hö­re, be­ein­flusst mi­ch auch sehr. Davon las­se ich mi­ch dann zwar in­spi­rie­ren, aber es kommt im­mer aus mei­nem Bauch her­aus. Ich ma­che das al­so schon nach Gefühl. Ich kann das gar nicht an­ders. Es wird dann so, wie es am Ende wird … das ist ein sehr wei­ser Satz! (grin­st)

MZEE​.com: Bist du denn je­mand, der 30 Tracks macht und si­ch dann die bes­ten da­von für ein Album her­aus­sucht?

Sadi Gent: Manchmal ist das so, ja. Aber manch­mal ha­be ich auch Glück, ma­che 15, 16 Songs am Stück, find' da­von al­le bis auf zwei oder drei rich­tig gut und dann ist das Album im Kasten. Bei "Bis Dato" war es aber bei­spiels­wei­se so, dass si­ch über drei Jahre sehr vie­le Songs an­ge­sam­melt hat­ten und ich zwi­schen­durch dann auch mal ein paar ver­ges­sen ha­be. Meines Erachtens nach ha­be ich aber am Ende die bes­ten ge­nom­men … Manchmal ist die­ses Songsmachen aber auch wie ein Glücksspiel. Auch, wenn ich mi­ch an Beats set­ze. Manchmal kommt was Geiles bei raus und manch­mal sit­ze ich stun­den­lang da, ver­ir­re mi­ch und am nächs­ten Tag hö­re ich rein: Alter, was hast du ge­raucht?! Was ist das denn, Dickerchen?! Das kommt schon auch vor.

MZEE​.com: Ist die Musik denn mo­men­tan de­in Beruf?

Sadi Gent: Ja, ich ma­che das haupt­be­ruf­li­ch.

MZEE​.com: Muss man si­ch das so vor­stel­len, dass du ganz stre­ber­haft mor­gens um acht aus dem Bett springst, ins Studio flitzt und di­rekt an­fängst zu schrei­ben? Oder hast du auch mal ei­ne Woche gar kei­nen Bock und gehst er­st ein paar Tage spä­ter wie­der rein?

Sadi Gent: Ja, ge­n­au so. Manchmal chil­le ich dann auch zwei Wochen, ma­che viel Party und samm­le Eindrücke. Ab und an muss man raus­kom­men, was er­le­ben, si­ch un­ter frei­em Himmel ei­nen Kopf ma­chen und ein paar Ideen sam­meln. Eigentlich bin ich mit mei­nem Kopf non-​stop am Arbeiten – egal, wo ich bin. Ich den­ke im­mer dar­an, ir­gend­was in mei­ne Musik ein­flie­ßen zu las­sen, was fast schon krank­haft ist. Es sieht für an­de­re Leute oft so aus, als wür­de ich nur ab­hän­gen. Die den­ken, ich chill' nur …

MZEE​.com: Und du denk­st: "Ich war den gan­zen Tag auf der Arbeit". 

Sadi Gent: Ja. Geistig bin ich non-​stop auf der Arbeit. Ich samm­le Eindrücke und Ideen. Manchmal krie­ge ich auch ein schlech­tes Gewissen, wenn län­ger nichts Richtiges da­bei rum­ge­kom­men ist. Dann ha­be ich Druck und das ist so ähn­li­ch, wie es wäh­rend mei­ner Studienzeit war… ein biss­chen un­cool, dass man si­ch so ge­zwun­gen fühlt und dau­ernd denkt: Ich muss mi­ch jetzt aber mal 'ne Woche ein­sper­ren und was ma­chen.

MZEE​.com: Schreibst du dei­ne Texte im Studio?

Sadi Gent: Das Ding ist, dass ich ein Homestudio ha­be. Ich hab' mir zu Hause al­les ein­ge­rich­tet, des­we­gen bin ich sehr fle­xi­bel. Ich kann auf­ste­hen und bin schon da. Dann setz' ich mi­ch an den Rechner und bau' die Beats oder schreib' ir­gend­wel­che Texte. Das ist echt sehr läs­sig.

MZEE​.com: Hast du denn so ein pro­fes­sio­nel­les Studio zu Hause, dass du da auch dei­ne letz­te Platte auf­ge­nom­men hast?

Sadi Gent: Nee, zu Hause samm­le ich die Skizzen, ma­che ein paar Aufnahmen, um zu tes­ten, ob es funk­tio­nie­ren kann und mir ge­fällt. Vieles ver­wer­fe ich dann no­ch mal, so­dass es nicht mal zur rich­ti­gen Aufnahme kommt. Ich pro­du­zie­re die Beats zu Hause aus, schrei­be die Texte fer­tig und wenn die Skizze steht, ge­he ich zu Konrad Janz oder Herzog ins Studio und neh­me mei­ne Sachen dann da fix auf.

MZEE​.com: Wenn man si­ch dei­ne teils sehr me­lan­cho­li­sch an­ge­hauch­te Musik an­hört und al­ter­na­tiv dei­ne po­si­ti­ve Art auf Facebook be­trach­tet, fragt man si­ch, wer der Mensch hin­ter Sadi Gent wirk­li­ch ist. Ist die Musik viel­leicht der Kanal, über den ein ei­gent­li­ch le­bens­fro­her Sadi Gent sein tiefs­tes Inneres mit der Außenwelt tei­len kann?

Sadi Gent: Musik war schon im­mer ei­ne Art Therapie für mi­ch. Ich bin ein Mensch, der es nie wirk­li­ch auf die Reihe be­kom­men hat, über sehr per­sön­li­che Dinge zu re­den oder Probleme mit Hilfe von Gesprächen aus dem Weg zu räu­men. Ich schrei­be sol­che Sachen lie­ber nie­der und ver­ar­bei­te sie in Songs. Ich hö­re auch sehr ger­ne me­lan­cho­li­sche Musik, die muss auch nicht zwangs­läu­fig trau­rig sein. Wenn ich Musik ma­che, be­sin­ne ich mi­ch auf Themen und Fragen, die in mei­nem Kopf sind, wenn ich al­lei­ne bin. In Gesellschaft se­he ich kei­nen wirk­li­chen Sinn dar­in, miss­mu­tig zu sein – da will ich mit mei­nen Leuten Spaß ha­ben. Ich bin ein sehr ent­spann­ter Mensch und den­ke, das Leben ist nun mal da­zu da, um Spaß zu ha­ben. Und Kunst ist eben auch da­zu da, ge­wis­se Sachen zu ver­ar­bei­ten – egal, ob sie ge­sell­schafts­kri­ti­sch und per­sön­li­ch sind oder ei­nen ein­fach um­ge­ben. Es muss nicht im­mer al­les me­lan­cho­li­sch sein, aber ich fin­de es cool, wenn es durch­dacht ist.

MZEE​.com: Findest du, dass der Prozess, Kunst zu er­schaf­fen, manch­mal auch et­was Einsames mit si­ch bringt?

Sadi Gent: Total. Wenn man si­ch wirk­li­ch aufs Musikmachen ein­lässt und das ern­st meint, dann ist man sehr viel für si­ch. Man be­schäf­tigt si­ch sehr mit si­ch selbst, weil man stun­den­lang zu Hause sitzt und nur Musik macht. Wenn du auch no­ch pro­du­zier­st und nicht nur schreib­st, dann op­fer­st du viel Zeit. Zumindest, wenn du es ern­st mein­st, denn dann wird aus dem Hobby ei­ne Art Berufung. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man in ei­ner Band ist, viel zu­sam­men probt und die Songs viel­leicht auch ge­mein­sam schreibt. Aber bei je­dem, der glaubt, ein wirk­li­cher, ei­gen­stän­di­ger Künstler zu sein, hat das Ganze et­was Einsames. Man be­gibt si­ch ein Stück in ei­ne an­de­re Welt, die un­ge­wiss ist. Während al­le an­de­ren in dei­nem Umfeld den "nor­ma­len" oder ver­nünf­ti­ge­ren Weg wäh­len, sagst du: "Nee, ich seh' mi­ch so krass als Künstler, dass ich das nicht kann. Ich kann das nicht mit mir selbst ver­ein­ba­ren." Das ist nicht so leicht. Ich hab' auch vie­le ge­se­hen, die dar­an ka­putt ge­gan­gen sind.

MZEE​.com: Glaubst du, dass man als Künstler au­to­ma­ti­sch mehr re­flek­tiert?

Sadi Gent: Ich glau­be schon. Was ein Künstler mit si­ch brin­gen muss, ist, dass er sehr sen­si­bel ist. Es gibt auch sehr sen­si­ble Menschen, die kei­ne Künstler sind und al­les ge­nauso stark wahr­neh­men und re­flek­tie­ren. Aber ich ha­be no­ch nie ei­nen Künstler ken­nen­ge­lernt, der nicht sen­si­bel ist. Feinfühlig, auf­merk­sam, be­ob­ach­tend. Ich ken­ne kei­nen, der si­ch nicht viel mit sei­nen Gedanken be­schäf­tigt.

MZEE​.com: Wir würden ger­ne mal über den Track "Alle Mania" spre­chen. Darauf rappst du: "Ich weiß im­mer no­ch nicht ge­n­au, wo mein Ziel liegt. Denn wo ich hin will, weiß ich auch nicht so recht." Bezieht si­ch die­se Aussage spe­zi­ell auf dei­ne Musik oder auf de­in Leben im Allgemeinen?

Sadi Gent: Eigentlich auf mein Leben im Allgemeinen. Ich bin sprung­haft, ma­che pha­sen­wei­se viel Party und den­ke: Boah, das ist das Geilste der Welt. Dann ver­mis­se ich auch wie­der die Natur – das Rauskommen und biss­chen was se­hen. Und Reisen bringt halt auch im­mer mit si­ch, dass man nicht ge­n­au weiß, wo man hin will, weil man so vie­les se­hen möch­te und es so vie­les gleich­zei­tig gibt. Vielleicht wer­de ich das auch nie wis­sen …

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MZEE​.com: Glaubst du denn, dass es so wich­tig ist, ein Ziel zu ha­ben? Vielleicht ist es auch ein­fach nur von der Gesellschaft ge­ge­ben, im­mer zu den­ken, man müs­se auf et­was hin­ar­bei­ten.

Sadi Gent: Ich glau­be auch … Ein Ziel kann si­ch je­der selbst set­zen, aber ei­ne Existenz bringt lei­der mit si­ch, dass man si­ch fi­nan­zi­ell ab­si­chern muss. Wenn du rei­sen will­st, mus­st du auch den gan­zen bü­ro­kra­ti­schen Kram mit­ma­chen – und das ist nicht ganz so ein­fach. Ich fin­de es nicht so wich­tig, aber man soll­te schon ge­wis­se Vorhaben ha­ben. Es gibt auch Leute, die nur vor si­ch hin­ve­ge­tie­ren, und da den­ke ich mir manch­mal schon – auch wenn das sehr hart klingt: Wo ist die Lebensberechtigung?! Da kriegst du ein Leben ge­schenkt und die Leute ma­chen nichts. Da wird mir rich­tig schlecht. Da wer­de ich trau­rig und den­ke mir: Was ist da los?! Wenn ich Menschen se­he, die si­ch ge­hen las­sen, wahr­schein­li­ch nur auf Hartz IV ab­cra­cken, die gan­ze Zeit in der Butze chil­len und da­mit zu­frie­den sind – und das war's. Und das dann je­den Tag aufs Neue. Routine ist auch was ganz Gefährliches. Deswegen ha­be ich mi­ch wohl auch da­zu ent­schie­den, Künstler zu wer­den. Weil ich viel Abwechslung brau­che. Routine macht den Geist auch lahm, es tö­tet ei­nen ir­gend­wo und macht ei­nen me­cha­ni­sch. Man ver­gisst, nach­zu­den­ken und man macht al­les au­to­ma­ti­sch. Das ist nicht das, was das Leben mit si­ch brin­gen soll­te.

MZEE​.com: Dann ist es für dich wahr­schein­li­ch ei­ne Horrorvorstellung, mor­gens auf­zu­ste­hen, auf die Arbeit zu ge­hen, wie­der heim­zu­kom­men und je­den Tag den glei­chen Ablauf zu ha­ben.

Sadi Gent: Das ist ganz schlimm. Ich hab' ja auch viel ge­ar­bei­tet. Ich ha­be in vie­len Bereichen mei­ne Erfahrungen ge­sam­melt, so ist es nicht. Natürlich ha­be ich das auch ge­macht, um her­aus­zu­fin­den, ob ich da­von viel­leicht was ganz geil fin­den könn­te, aber es hat mir im­mer wie­der ge­zeigt, dass ich das nicht kann. Ich ha­be ein Problem mit Autoritäten. Ich krie­ge ei­nen flau­en Magen und Schweißausbrüche, wenn ich mor­gens auf­ste­he und weiß: Ich muss jetzt wie­der zur Arbeit … Wenn man dann da ist, legt si­ch das ein biss­chen. Aber die­ses Hinlegen und daann dar­an den­ken, dass man in fünf Stunden wie­der zur Arbeit muss, das macht mi­ch fer­tig. Das kann ich nicht.

MZEE​.com: Kommen wir doch no­ch mal zu­rück auf das wun­der­schö­ne Thema "Reisen".

Sadi Gent: Ja, su­per. Das ist ein sehr schö­nes Thema. (lä­chelt) Ich will viel rei­sen! Eigentlich möch­te ich nichts an­de­res ma­chen in mei­nem Leben. Und Mucke. Aber un­ter­wegs kann man ja auch Mucke ma­chen. Voll geil.

MZEE​.com: Sich mit an­de­ren Menschen, Kulturen oder Gegenden aus­ein­an­der­zu­set­zen ist ja auch im­mer ei­ne Art "Horizonterweiterung".

Sadi Gent: Absolut! Jedes Mal. Immer wie­der neue Bilder ein­zu­sam­meln, Dinge, die man no­ch nie ge­se­hen hat – das ist un­glaub­li­ch er­fri­schend.

MZEE​.com: Ist es so, dass das Thema "Fernweh" ei­ne gro­ße Rolle in dei­nem Leben spielt?

Sadi Gent: Fernweh ist im­mer da. Vielleicht hat das auch den Grund, den ich in mei­nem Song "Zwilling" ein biss­chen the­ma­ti­siert ha­be: Auch wenn ich ein Mensch bin, der vie­le Freunde hat, füh­le ich mi­ch oft ein biss­chen al­lei­ne. Vielleicht, weil ich ei­nen Zwilling ver­lo­ren ha­be oder so­was. Manchmal kann ich Menschen nicht so nah an mi­ch ran­las­sen. Ich hab' da echt Schwierigkeiten mit, viel­leicht, weil ich auch im­mer ei­ne Art Verlustangst ha­be … (über­legt) Das ist ja ge­ra­de wie beim Psychiater hier. Wahnsinn. (al­le la­chen) Aber das ist geil! Also: Fernweh spielt schon ei­ne rie­si­ge Rolle.

MZEE​.com: Reisen wird oft auf das Alter ver­scho­ben, wenn man dann mal Geld hat, in Rente ist oder die Kinder groß sind. Findest du das ver­werf­li­ch? Sollte man die­sem Bedürfnis di­rekt nach­ge­hen?

Sadi Gent: Finde ich schon. Ich ha­be mi­ch letz­tens mit mei­nem Vater un­ter­hal­ten. Er ist ein sehr au­to­ri­tä­rer Mensch, vor dem ich rie­si­gen Respekt ha­be und zu dem ich auf­bli­cke. Und er be­kommt ja jetzt mit, was ich so ge­leis­tet hab' … Meine Eltern mein­ten am Anfang na­tür­li­ch: "Mach doch was Vernünftiges", aber sie ha­ben mi­ch trotz­dem im­mer un­ter­stützt und ge­sagt: "Wenn es das ist, was du ma­chen will­st, dann mach's." Ich hab dann doch no­ch mein Abitur und mein Studium ge­macht, um mei­ne Eltern ein biss­chen zu­frie­den­zu­stel­len. Mein Vater hat mir eben nun er­zählt, dass er jetzt sieht, wie ich le­be und die letz­ten Jahre ge­lebt ha­be und er dar­über un­fass­bar er­freut ist. Weil er sieht: "Ey! Er macht das, was ich nicht ge­macht ha­be. Er reist rum, guckt si­ch ver­schie­de­ne Städte an und ist im­mer un­ter­wegs." Dieses gan­ze Auf-​Festivals-​Sein, li­ve spie­len, durch Deutschland und Österreich tou­ren … ein­fach rich­tig Gas ge­ben, un­ter­wegs sein und in jun­gen Jahren viel se­hen. Da hat er mir ge­sagt: "Hey, du machst al­les rich­tig. Ich geh' jetzt auf die sech­zig zu und ha­be manch­mal das Gefühl, dass ich sehr viel ver­passt ha­be, weil ich zu schnell in Routine ver­fal­len bin. Vielleicht ha­be ich mir das lan­ge nicht ein­ge­stan­den, aber: Es ist al­les cool, was du da ge­ra­de machst." Das hat mir auch ei­nen klei­nen Push ge­ge­ben. Ich kann das gut nach­voll­zie­hen, dass man si­ch denkt: "Ich muss jetzt er­st mal 'ne Familie grün­den und 20 Jahre ar­bei­ten, aber dann …" Aber es ist na­tür­li­ch kom­plett an­ders, wenn man von 20 bis 30 un­ter­wegs ist, reist und si­ch mit Leuten con­nec­ted, als wenn man das mit 60 macht.

MZEE​.com: Man hat zwar spä­ter auch an­de­re Möglichkeiten – ge­ra­de wenn man mehr Geld und Zeit hat –, aber merkt, dass man viel ver­passt hat, weil man ein­fach äl­ter ge­wor­den ist.

Sadi Gent: Voll. Das ist auch mei­ne größ­te Angst, am Ende sa­gen zu müs­sen: "Ich hab' die letz­ten Jahre nur ge­ackert und mi­ch selbst ein biss­chen ver­ges­sen. Ich hab' nicht mal die Zeit ge­habt, das Geld aus­zu­ge­ben, das ich ver­dient ha­be. Und was hab' ich ge­macht? Nichts. Ich hab' das al­les ver­passt." Und auf ein­mal holt es dich ein. Ich den­ke, je­der kennt das Gefühl, wenn man ein biss­chen be­un­ru­higt ist. Das ist es, glau­be ich – mal hun­dert. Ich ha­be mi­ch auch viel mit äl­te­ren Herrschaften und Obdachlosen un­ter­hal­ten, weil mi­ch das sehr in­ter­es­siert. Da sind teil­wei­se sehr in­tel­li­gen­te Menschen da­bei ge­we­sen. Erfrischenderweise ha­ben mir auch ein paar er­zählt, dass sie kras­se Jobs ge­macht ha­ben – und ir­gend­wann ha­ben sie si­ch ge­dacht: "Scheiß' drauf! Ich will mit mei­nen Atzen chil­len, hier sit­zen und die Sonne ge­nie­ßen." Die ha­ben si­ch für das Leben ent­schie­den und fin­den das cool. Das fand ich krass. So: "Wow, er zieht das durch und ist voll zu­frie­den." Einer hat ge­strahlt und mir ge­sagt: "Die Leute sind freund­li­ch und ich bin ein hel­ler Kopf." Und dann hat er mir no­ch ein paar Bücher emp­foh­len. Auch an­de­re äl­te­re Herrschaften ha­ben mir ge­sagt: "Ja, es gibt vie­les, was ich be­reue. Mach' und er­leb', so viel du kann­st, wenn du jung bist." Ich hab' mi­ch ja auch ab­ge­si­chert, in­dem ich mein Abitur und das Studium ge­macht ha­be, so­dass ich mi­ch im Notfall auch ir­gend­wo be­wer­ben könn­te.

MZEE​.com: Zum Abschluss wür­de wir ger­ne no­ch wis­sen, an wel­chen Ort du ger­ne mal rei­sen wür­dest? Hast du dir Reiseziele ge­setzt, die in dei­nem Leben auf je­den Fall no­ch ab­ge­hakt wer­den müs­sen?

Sadi Gent: Ja. Die Palauinseln will ich mir rein­zie­hen. Mikronesien. Und Roraima. Venezuela ist das. Aber da hab' ich ein biss­chen Angst vor. Und na­tür­li­ch reizt mi­ch Thailand ge­ne­rell sehr, ge­nauso wie Malaysia und Singapur. Asien reizt mi­ch all­ge­mein. Ich will auch nach Indien – das will ich mir al­les rein­zie­hen! Auf der an­de­ren Seite ha­be ich auch Bock, mir Australien an­zu­se­hen und ich will un­be­dingt nach Tokio. Diese Stadt fas­zi­niert mi­ch ir­gend­wie. Japan ge­ne­rell … Amerika will ich auch se­hen – auch wenn ich nicht so ein rie­si­ger Freund von Amerika bin. Aber al­lein schon, weil man das al­les aus den gan­zen Filmen kennt … Und: Ich war no­ch nie in New York, ich war no­ch nie­mals auf Hawaii … (grin­st) Zazaza, mei­ne Lieben. Da geht ei­ni­ges!

(Florence Bader & Kristina Scheuner)
(Fotos von Kai Bernstein)