Falk Schacht

Fragt man nach den wohl bekanntesten Journalisten im Bereich Deutschrap, dürfte in der nachfolgenden Auflistung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Name "Falk Schacht" fallen. Bekannt durch VIVA, Mixery Raw Deluxe, JUICE, Intro et cetera zählt er seit über einem Jahrzehnt zu den renommiertesten Vertretern seiner Zunft. Der aktuelle Schritt: ein eigener Kinofilm. Nun gut – fast, denn mit Marcus Staiger hat der gebürtige Hannoveraner in "Blacktape" einen weiteren Haudegen der alten Schule an seiner Seite. Warum der Reportage-ähnliche Streifen trotz aller Anzeichen keine Mockumentary ist, wie die Dreharbeiten unter der Regie von Sékou abliefen und was der Film, der seit Kurzem über die Kinoleinwände Deutschlands flimmert, eigentlich aussagen will, verrät Falk in unserem Interview.

MZEE.com: Wir würden heute gerne über eure Mockumentary "Blacktape" reden und dementsprechend ganz am Anfang beginnen: Wo und wann entstand die Idee zu dem Film?

Falk: Da muss ich gleich eines vorwegnehmen: Wir wehren uns vehemment dagegen, dass es eine Mockumentary ist. Der Begriff ist in Deutschland leider durch "Fraktus" geprägt – aber so ist "Blacktape" nicht. "Fraktus" hatte ein Drehbuch, ist ein Studio Braun-Film und jeder hat eine Rolle gespielt. Das haben wir nicht. Alle Menschen, die du in dem Film siehst, sind sie selbst – und deshalb ist das keine Mockumentary. Es ist eine experimentelle Dokumentation. Staiger und ich wussten nicht, was auf uns zukommt – wir haben die Kontrolle komplett an Sékou (Regisseur, Anm. d. Red.) abgegeben, der sich selbst gerne als eine Art "Gamemaster" bezeichnet hat. Man könnte auch tatsächlich sagen, dass er uns im Gottmodus durchgespielt hat. Wir mussten gucken, was passiert und wie wir darauf reagieren. Es gibt davon über 150 Stunden Filmmaterial und als der Cutter am Ende alles gesichtet hatte, war er recht verzweifelt, weil er nicht wusste, wo der Film darin ist. (alle lachen) Das musste dann runtergeschnitten werden. Wie es dazu kam, war folgendermaßen: Vor drei, vier Jahren hat Sékou mich auf dem HipHop Open darauf angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, mich in einem Film selber darzustellen ... Was denkt man da wohl?! "Klar kann ich mir das vorstellen", und "In irgendeinem Spielfilm wird wohl ein Reporter gezeigt, der ein Interview macht". So wie damals MC Rene im HipHop-"Tatort". Ich hab' Sékou dann gesagt: "Ja, ich kann mir das vorstellen, aber ich muss erst wissen, was es ist". Dann hab' ich zwei, drei Jahre nichts mehr von ihm gehört. Irgendwann kam er aus dem Nichts zurück und dieses "Spiel" fing an. Da wir, wie gesagt, nicht wussten, was passieren wird, haben wir immer nur vage Andeutungen bekommen. Wir haben uns mehrfach getroffen und viel miteinander geredet. Nur nie über etwas Konkretes. Ich bin eigentlich ein Kontrollfreak, musste dafür aber echt 100 Prozent abgeben. Das ist mir am Anfang etwas schwer gefallen, irgendwann war das aber auch okay.

MZEE.com: Gab es denn ein filmisches Vorbild für "Blacktape"?

Falk: Wir hatten gar keine Entscheidungsgewalt über eine Richtung oder ein Vorbild. In diesen ganzen Prozess waren wir gar nicht involviert. Du musst dir das so vorstellen, dass wir nur Sachen gesagt bekommen haben wie: "Ihr seid um soundso viel Uhr am Hauptbahnhof und dann fahren wir Richtung Süddeutschland". Dann fährst du halt los, landest in Heidelberg im Hotel und weißt nicht, was passieren wird. "Wir treffen uns um acht Uhr, dann legen wir los" – "Aha, okay, und was machen wir?" – "Das erfährst du morgen früh". Irgendwann registrierst du, dass du Richtung Rottweil fährst und dann stehst du halt vor dem Büro, das in Deutschland den 360° Records-Shopbetrieb verwaltet. Ich war da schon zweimal und mir war in dem Moment klar, dass da jetzt Torch drin sitzt. Aber ich wusste es vorher nicht – und er auch nicht. Diese Szenen sind zum Beispiel alle nicht im Film gelandet, weil Torch keine Lust mehr hatte, mitzumachen. Aber so ist das ungefähr abgelaufen. Du bist vor vollendete Tatsachen gestellt worden und konntest in der Situation reagieren – das heißt, ich hätte auch einfach gehen können und dann wäre das halt gefilmt worden. Diese Kontrolle hatten wir.

MZEE.com: Wusstet ihr denn von Anfang an, dass der Film davon handelt, dass ihr jemanden sucht? Und werden alle Aufnahmen in "Blacktape" in der richtigen Reihenfolge gezeigt?

Falk: Die Reihenfolge stimmt schon und dass wir jemanden suchen, wussten wir auch. Wir sind nach Heidelberg gefahren, um herauszufinden, ob diese Figur echt ist oder nicht. Das war der Ansatz: "Stimmt das? Werden wir gerade verarscht oder ist das Realität?" Diese Frage hast du dir eigentlich die ganze Zeit beim Dreh gestellt. Wenn du nachts vor einer Kaserne stehst und einen Bolzenschneider in die Hand gedrückt bekommst, fragst du dich schon: "Ist das jetzt legal, illegal oder scheißegal? Was geht hier ab?!" Dann bist du auf dem Gelände eh schon total verunsichert drauf und dann kommt auch noch ein Auto vorbeigefahren. Genau diese Unsicherheit und die Reaktionen sind das, was dann auf Kamera festgehalten wird. Die Reaktionen, die du siehst, sind zu 95 Prozent echt, würde ich sagen. Es gab hier und da mal einen Moment, in dem man etwas gesagt hat, das man sonst nicht so sagen würde – das waren die Szenen, in denen Sékou meinte, dass man jetzt zum Beispiel mal übertreiben soll. Aber ansonsten ist das alles echt.

MZEE.com: Wir haben den Film gesehen, aber was du gerade erzählst, lässt ihn noch einmal komplett anders wirken. Eigentlich müsste man sich "Blacktape" mit diesem Wissen noch mal ansehen ...

Falk: Ich hab' mir den Film jetzt schon mehrfach angesehen, weil wir den ja auch vor Publikum auf verschiedenen Festivals gezeigt haben – und mir geht das selber so. Dass mir immer wieder neue Elemente auffallen und ich den Film noch mal komplett anders verstehe. Ich kann dem nur zustimmen, man muss ihn wahrscheinlich mehrfach gucken.

MZEE.com: Wart ihr in den Schnittprozess involviert oder gab es für dich und Staiger die große Überraschung bei der Premiere?

Falk: Wir waren nicht involviert. Ich habe sie dann am Ende gezwungen, mir einen Online-Link zu schicken, bevor das vor Publikum gezeigt wird. (lacht) Aber angeblich macht man das in der Filmbranche nicht. Normalerweise sieht der Darsteller das bei der Premiere. Aber das war das einzige Mal, dass ich die Kontrolle nicht abgegeben habe. Am Ende war es trotzdem egal, weil wir keinen Einfluss hatten. Vor ungefähr einem Jahr haben wir einen Rohschnitt gesehen, der auch noch ziemlich anders war als das jetzige Ergebnis. Nach dem Rohschnitt hatte ich echt etwas Schiss, weil da überhaupt kein Tempo drin war – und jetzt geht's fast schon zu schnell. Schnitt- und auch storytechnisch ist der Film jetzt sehr rasant, aber auf jeden Fall hundertmal unterhaltsamer als der Rohschnitt.

MZEE.com: Kommen wir mal auf die Produktion zu sprechen: Wie lange haben die Dreharbeiten angedauert?

Falk: Es gab vier Wochen, in denen das komplette Kernmaterial gedreht wurde. Dann gab es noch diese sogenannten "Talking Heads", also die interviewten Rapper – die wurden vor und nach diesen vier Wochen peu à peu abgefrühstückt. Da hatten Staiger und ich aber inhaltlich nichts mit zu tun, das war auch nicht Teil der Schnitzeljagd. Die haben einfach ein Interview für Sékou gegeben. Dann hatten wir ein Dreivierteljahr lang Pause, weil noch eine Sequenz geplant war, die ursprünglich auf dem Splash! stattfinden sollte. Das hat aber nicht funktioniert, also haben wir ein Dreivierteljahr später auf dem "Catch a Fire"-Konzert die Schlusssequenz nachgedreht. Aber ansonsten würde ich sagen, dass 80 von 90 Minuten des Films in diesen vier Wochen entstanden sind.

MZEE.com: War das Ende des Films von Anfang an so geplant? Oder hat sich das im Laufe der Arbeiten am Film so ergeben?

Falk: (lacht) Sagen wir mal so: Ich weiß darüber nicht alles, weil wir ja nicht informiert wurden. Aus einzelnen Reaktionen interpretiere ich aber, dass es nicht zu 100 Prozent das ist, was Sékou sich vorgestellt hat. Dass Torch zum Beispiel nicht mehr mitspielt und alles an Material zurückgezogen hat, hatte er ja auch nicht geplant. Auch hier ist es so, dass der Film sehr lebendig ist – so, wie sich das in der Realität entwickelt, findest du es im Film wieder. Das heißt: Jemand hat keinen Bock mehr, dabei zu sein, ist am Ende dann natürlich auch nicht im Film, aber das Ganze wird dokumentiert.

MZEE.com: Du hast gerade erwähnt, dass Torch Material zurückgezogen hat. Wenn man sich den Film anschaut, denkt man natürlich, das sei gestellt ...

Falk: Also, das war folgendermaßen: Auf YouTube tauchte irgendwann ein Video auf, in dem Staiger auf einem Konzert zu sehen ist. Von der Bühne durch das Publikum kommt Torch auf Staiger zu und Staiger spricht ihn an. Er sagt: "Ey, Torch! Ey!", und Torch ignoriert ihn, geht an ihm vorbei und in den Backstage. Staiger läuft hinterher, hat aber keinen Ausweis und die Securities lassen ihn nicht rein. Er wird dann ein bisschen sauer, es gibt fast noch eine Boxerei und sie schieben ihn weg. Dieses Video tauchte plötzlich auf YouTube auf, ging innerhalb von ein paar Stunden viral und hatte einige 10.000 Klicks. Die Sequenz war Teil der Doku gewesen – warum und wie auch immer sie auf YouTube gelandet ist. Auf jeden Fall war sie online und ist wieder zurückgezogen worden. Jetzt ist diese Sequenz im Film – aber nur der Ton. Das Bild ist weg und du siehst diese Tafel, auf der steht, dass Torch die Aufnahmen nicht freigegeben hat. Das ist tatsächlich passiert. Es war so, dass Staiger auf dem Weg war, Torch zu treffen – regulär sollte das im Backstage stattfinden. Aber Staiger war im Publikum, während Torch Stagediving gemacht hat und als er wieder ins Backstage wollte, ist er halt zufällig auf Staiger zugelaufen. Die Kamera lief die ganze Zeit und natürlich hat Staiger ihn dann angequatscht – das fand Torch ziemlich scheiße, der hatte da keinen Bock drauf. Ganz zum Schluss hatte Torch dann nicht einmal mehr Lust darauf, dass er zu sehen ist. Und das ist jetzt im Film.

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MZEE.com: War Torch nicht eingeweiht, dass er Staiger treffen wird?

Falk: Du siehst im Film noch andere Rapper, die für Interviews angefragt wurden. Mit denen hat Sékou sich verabredet, getroffen und sie dabei eben gefilmt. Bei Torch war das genauso eine Anfrage, ein Interview zu machen. Ob er wusste, dass Staiger dabei sein wird, weiß ich nicht. Wir waren zuvor zweimal in Rottweil, um mit ihm zu sprechen – einmal war Staiger nicht dabei, weil klar war, dass Torch ihn nicht sehen will. Ich hab' eigentlich kein Problem mit Torch, aber bei mir war das auch so, dass Sékou zuerst allein ins Haus gegangen ist und sein Interview gedreht hat. Ich hab' zwei Stunden im Auto gesessen und gewartet, dass ich endlich rein darf. (lacht)

MZEE.com: Was denkst du, warum Torch die Aufnahmen zurückgezogen hat?

Falk: Torch ist erst mal ein eigener, besonderer und sehr außergewöhnlicher Mensch. Das heißt, auf der Ebene funktioniert schon mal nicht alles normal. Ich sag' immer: "Planet Torch". Das ist ein eigener Planet. Natürlich findet er vieles von dem, was heute am Start ist, scheiße. Er redet zwar mit mir, aber auch ich krieg' immer wieder verbale Peitschenhiebe, weil ich mich als Journalist natürlich auch mit Inhalten beschäftige, die er schlecht findet. Auf eine gewisse Art und Weise pushen wir damit natürlich auch diese Inhalte, die seinen HipHop nicht repräsentieren. Und ein absolut rotes Tuch ist dann eben Staiger – nicht nur, weil er als einer der ersten diese Berliner Schule mit auf den Weg gebracht hat, die dann irgendwann zu Aggro führte, sondern auch als Person. Ich glaube wirklich, dass Torch Staiger als Person einfach nicht riechen kann. Da gibt es dann zwei Ebenen: einmal die historische und einmal die persönliche. Dann ist das halt so. Er möchte damit nicht in Verbindung gebracht werden, was ich aus seiner Sicht auch verstehen kann.

MZEE.com: Wir haben dir eine Frage von Ralf Kotthoff (MZEE.com-Geschäftsführer, Anm. d. Red.) mitgebracht: Was waren generell die Beweggründe, einen Film über deutschen HipHop zu machen? Stellt "Blacktape" die These auf, dass HipHop den Deutschen das erste Mal nach dem zweiten Weltkrieg eine breitenwirksame positive Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sprache gegeben hat und deswegen für die Jugend, aber auch die gesamte Gesellschaft sehr bedeutsam war?

Falk: Sékous Beweggrund war, dass HipHop ihm in seinem Leben sehr viel gegeben hat. Er steckt da jetzt zwar nicht mehr so drin, sondern kümmert sich mehr um das Filmische, wollte in seinem Debütfilm deutschem Rap aber auch etwas zurückgeben. Ihm in seiner neuen Tätigkeit als Regisseur sozusagen eine Plattform geben. Das war Sékous Beweggrund – wahrscheinlich noch neben tausend anderen, weil er ja ein sehr kultureller, junger Mann ist. Zu dieser These mit der Sprache und dass sich deutsche Jugendliche in einem positiven Sinne mit ihrer Kultur auseinandergesetzt haben: Das ist tatsächlich ein inhaltlich häufig in der Kommunikation nach vorne geschobener Aspekt. So beginnt diese Doku ja auch – dass Sékou den Film eigentlich darüber drehen wollte, ihm dann aber Tigon, dieser Brief und die Kassette dazwischen kommen. Die ersten 15 oder 20 Minuten gehen zwar noch in diese Richtung, in der man das aufarbeiten wollte, aber der Film handelt ja ansonsten nicht von Sprache. Fakt ist: Letztes Jahr waren von den zehn meistverkauften Tonträgern in Deutschland neun in deutscher Sprache. Und ich wette, in diesem Jahr werden es zehn sein. Ich erinnere mich, dass Heinz Rudolf Kunze 2003 noch eine Radioquote gefordert hat mit der Aussage, dass deutsche Popmusik und deutsche Sprache dem Tod geweiht sei. Ich bin immer noch für eine Quote, aber den Grund, den er genannt hat, gibt es offensichtlich nicht mehr ... Warum ist das so? Der Grund ist für mich tatsächlich Rapmusik. Rapmusik und Rapper haben in Deutschland dieses vorhandene Pop-Vers-Maß, das scheiße ist, und diese Haus-Maus-Liebe-Hiebe-Reimgrütze genommen und Grundlagenforschung betrieben, wie man das geiler machen kann. Sie haben das in den 90er Jahren perfektioniert und das haben natürlich irgendwelche Silbermonds, Julis und Revolverhelden gehört. Und die wollten zwar nicht rappen, aber sie haben versucht, diese Fähigkeit in ihre Musik aufzunehmen. Und insgesamt war es unter Jugendlichen auf dem Schulhof wieder cool, sich mit deutscher Sprache zu beschäftigen und in ihr Reime zu schreiben oder zu dichten. Das kann man alles auf deutschsprachigen Rap zurückführen. Vor 15 Jahren hieß es noch: "Amirap ist voll geil und deutsche Rapper ... ja, die sind auch ganz cool, aber Amirap ist besser". Heute ist es genau umgekehrt. Wenn du heute mit Zehn- oder Zwölfjährigen redest, sagen die: "Amirap? Nee, Haftbefehl ist geil, Marteria ist geil". Dieses Image der deutschen Sprache, dass sie uncool ist und man nichts mit ihr zu tun haben möchte, ist komplett weg. Deshalb stimmt die These, die Ralf da so empfunden hat.

MZEE.com: Reden wir mal über den Hauptprotagonisten des Films: Gab es für den Charakter Tigon ein reelles Vorbild?

Falk: Ich würde mal sagen, dass viel von Torch in dieser Figur drinsteckt, aber wenn ich mir Tigon so angucke, hat er ja eine sehr linke – um nicht zu sagen linksradikale – Haltung. Wenn er tatsächlich in einer Kaserne Unruhen mit Feuer ausgelöst hat, reden wir von einem terroristischen Akt. Und davon gibt es dann wiederum kein Vorbild im deutschen Rap. Aber ich weiß es schlichtweg nicht.

MZEE.com: Wäre es theoretisch möglich gewesen, dass Tigon eine Frau ist?

(Falk bricht in Gelächter aus)

MZEE.com: Das ist eine ernstgemeinte Frage ...

Falk: (lacht) Keine Ahnung. Auch das muss Sékou beantworten. Beginnt mit ihm eine Gender-Debatte. Das Ding ist: Es gibt ja Musik von Tigon. Es wird auch einen Soundtrack mit acht Stücken geben, auf denen man ihn rappen hört.

MZEE.com: Na ja, das wurde ja alles für diesen Film aufgenommen.

Falk: (lacht) Pass auf: In dem Film hört Staiger ja die Kassette von ihm und den Song "R-E-V-OLUTION" ... das ist Tigon! Der ist da ziemlich 80s-mäßig unterwegs und ich hab' auch Songs gehört, die mir Sékou vorgespielt hat und die nicht im Film sind. Und die sind so gut – die klingen wirklich so, als hätte es eine deutsche Boogie Down Productions gegeben und als ob jeden Moment KRS kommt und einspittet. Als ich das gehört habe, dachte ich mir auch: Alter ... diese Stimme, irgendwoher kommt mir das bekannt vor. Aber um noch einmal auf die Frage zurückzukommen: Auf jeden Fall ist dieser Tigon ein Mann, das hör' ich aus der Stimme raus. (lacht) Diesen Typen gibt es wirklich. Es gibt noch sieben andere Songs.

MZEE.com: Ihr seid in "Blacktape" zum ersten Mal als Schauspieler aktiv. Habt ihr euch das genauso vorgestellt? Wie schwierig war es zum Beispiel, die Szenen zu spielen, in denen ihr euch streitet?

Falk: Wir hatten vorher eine Art Workshop, in dem wir darauf vorbereitet wurden, dass wir 24 Stunden lang gefilmt werden und verkabelt sind. Damit du einfach locker wirst und wirklich du selbst bist. Das Skurrile an diesem Workshop war: Wir haben das in einem Castingstudio gemacht und da war auch eine junge Dame, die dort gearbeitet hat. In der Mittagspause ist sie mit dem Workshop-Leiter ins Gespräch gekommen und dabei kam heraus, dass sie Schauspielschülerin ist, mitten in der Ausbildung. Er meinte dann zu ihr: "Mach doch mit. Die beiden könnten einfach mit dir agieren". Dann wurden wir halt gepaart und es gab eine Sequenz mit der Vorgabe: Staiger sitzt auf einer Polizeiwache und neben ihm sitzt eine junge Frau, die gleich zum Verhör geladen wird. Er findet sie ganz attraktiv und versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen, weil er eigentlich Polizist ist. Die Aufgabe: "Versuch mal, dieser Person zu entlocken, warum sie hier ist – vielleicht gibt sie dir ein paar Informationen. Aber sie darf nicht merken, dass du Polizist bist. Versuch mal, ein bisschen mit ihr zu flirten". Und sie hat die Aufgabe bekommen: "Du sitzt auf einer Polizeiwache, hast überhaupt keinen Bock, da zu sein, musst zum Verhör und willst nur weg". Das waren die Instruktionen. Dann sitzen die beiden da, Staiger kommt mit ihr ins Gespräch – und das war so krass zu beobachten, weil sie tatsächlich eine Rolle gespielt hat und Staiger wirklich er selber war. Er hat zwar versucht, Informationen rauszukriegen, weil er Polizist war, aber er hat trotzdem keinen Polizisten gespielt. Er war Staiger. Diese Frau hat eine Verdächtige, die zum Verhör geladen war, gespielt und da war alles künstlich. Das war der Moment, in dem ich gesagt hab': Das ist offensichtlich der Ansatz hinter dieser ganzen Technik. Künstlich gespielt siehst du den ganzen Tag im Fernsehen – das ist der Standard. Das andere ist sozusagen das Echte. Die Situation ist zwar fiktional, aber die Person, der du zuschaust, ist echt. Und genauso ist im Grunde alles abgelaufen.

MZEE.com: Seid ihr mit eurer schauspielerischen Leistung im Nachhinein zufrieden?

Falk: Ja ... also ... Ich find' mich gut. (lacht) Ich finde das in Ordnung, was wir abgeliefert haben – sowohl von Staiger als auch von mir und allen anderen Beteiligten. Wenn man von schauspielerischer Leistung spricht: Welche Leistung steckt dahinter, sich selber darzustellen? Gar keine. Ja, manchen Menschen fällt das schwer, die können sich nicht locker machen und werden vor der Kamera nervös. Dazu sind wir aber zu alt und machen das zu lange, als dass wir das nicht könnten. Aber wir sind ja einfach nur wir selbst und ich ... mag mich eigentlich so ... wie ich bin. (lacht)

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MZEE.com: Ihr habt den Film ja auch in Berlin vor anderen Journalisten präsentiert. Wie kam das bei den Kollegen an und was hast du für Feedback erhalten?

Falk: Wir haben ganz ehrliches und realistisches Feedback bekommen. Die Leute fanden den Film sehr unterhaltsam, aber das ist auch verständlich – die kennen mich und Staiger und fanden es witzig zu sehen, wie wir wie ein altes Ehepaar da durchstolpern und uns anschreien. Das fanden sie amüsant und das ist das durchgehendste Feedback von den Leuten aus Berlin. Natürlich gibt's welche, die den Film mal besser und mal schlechter finden, aber alle, die dort waren, haben im Grunde immer hervorgehoben, dass sie das witzig fanden. Ich frage mich vielmehr, wie die Reaktionen von Leuten ausfallen werden, die uns gar nicht kennen. Wir waren auf den Hofer Filmtagen auf der Weltpremiere und da hab' ich den Film zweimal gesehen – einmal mit einem Publikum von Cineasten, die offensichtlich über 40 sind. Und da muss man schon sagen: Entweder sind die immer so oder es war ihnen vielleicht etwas zu unflätig. Gerade die Sprache und das Thema sind da eventuell zu weit weg von ihrer Realität, als dass sie da jetzt todesmäßig abgelacht haben. Einen Tag später hatten wir dann ein wesentlich jüngeres Publikum, das deutlich unter 40 Jahren war. Und diese Leute haben gleich bei der ersten Szene gelacht, als sie Thomas Gottschalk gesehen haben. Das waren vielleicht keine Cineasten und alle wesentlich jünger, aber die haben sich auf jeden Fall köstlich amüsiert. Entsprechend leb' ich mit der Interpretation, dass Menschen über 40 nichts mit dem Film anfangen können. (lacht)

MZEE.com: Was ist das Ziel, das ihr mit "Blacktape" erreichen wollt? Entstand das Projekt aus Spaß oder gibt es eine Message, die ihr vermitteln wolltet?

Falk: (lacht) Ich überlege, ob das jetzt gespoilert ist. Normalerweise müsste am Anfang des Films eine Texttafel mit einem Zitat von Heraklit sein, einem Philosophen. Ich glaube, die ist in der finalen Fassung aber nicht mehr drin. Auf jeden Fall basiert das Ganze auf einem philosophischen Prinzip von Heraklit, das besagt, dass alle kulturellen Bewegungen – vor allem, wenn sie Gegenbewegungen sind – an einem Punkt als Gegenkultur starten und dann, wenn sie es schaffen, längerlebig zu sein, irgendwann einen Punkt erreichen, an dem sie das sind, gegen das sie selbst mal losgestartet sind. Und das ist ja eine ziemlich genaue Beschreibung der HipHop-Kultur, die sich eigentlich in einem riesigen Kreislauf befindet – es gibt kein richtiges Ende. Wenn man das jetzt mal auf Deutschland bezieht, ist Cro in den Charts, gleichzeitig halten die Funkverteidiger aber die Underground- und HipHop-Fahne hoch. Da kommen natürlich immer wieder junge Leute nach, die sich auf diesen Ursprungsfilm beziehen. Das sieht man ja auch im Film. Bei dem Konzert ist so ein junger Typ, der sagt, dass er sich für die Anfänge der HipHop-Kultur interessiert und so weiter. Im Grunde ist dieses philosophische Prinzip völlig normal – es geht jeder Kulturform so, dass sie zu dem wird, was sie eigentlich nicht sein will. Das kannst du auf alles übertragen. Wir wollen als Kinder nicht so sein wie unsere Eltern, aber wenn wir dann selber Eltern sind, bemerken wir irgendwann: "Boah, Kacke, ich bin wie mein Vater, ich bin wie meine Mutter" ... und das ist das philosophische Prinzip dahinter.

MZEE.com: In Bezug auf dich und Staiger: Habt ihr vor, zukünftig weitere Projekte dieser Art gemeinsam zu realisieren?

(Falk bricht in Gelächter aus)

MZEE.com: (grinst) Unsere Fragen scheinen ja ziemlich lustig zu sein.

Falk: (lacht) Wenn ihr wüsstet! Ihr tappst die ganze Zeit auf Minen und merkt gar nicht, wie sie explodieren, aber ich merk' das und dann finde ich das sehr lustig. (grinst) Die Mine, die hier liegt: Ich hätte damit gar kein Problem und würde sehr gerne mit Staiger etwas Ähnliches machen, weil ich ihn in all seiner Eigenheit mag. Ich glaube aber, dass die Erfahrung, einen Film zu machen, nicht seine größte Freude ever war. Das hängt also sehr stark von seiner Lust und Laune ab, ob man sowas noch mal machen kann oder nicht. Ich persönlich fand die Erfahrung "Filmemachen" unfassbar geil. Es hat mir einen riesen Spaß gemacht und ich hab' überhaupt nichts dagegen, noch mal was zu machen – wer weiß.

MZEE.com: Zum Abschluss des Interviews haben wir noch ein paar Fragen aus dem MZEE-Forum, die wir dir gerne komplett unverändert stellen möchten.

Falk: Ich möchte, bevor ihr loslegt, einen herzlichen Gruß an das MZEE-Forum richten. Ich hab' euch alle lieb, ihr seid super Dudes!

MZEE.com: "Falk, Bruder, wann platzt die Deutschrap-Blase?"

Falk: Sie wird nie wieder platzen.

MZEE.com: "Ey Falk, mit was verdienst du im Moment dein Geld?"

Falk: (lacht) Dies, das, verschiedene Dinge.

MZEE.com: "Hey Falk, warum sind Rucksackrapper erfolglos?"

Falk: Weil die Menschheit dumm ist.

MZEE.com: "Wie oft liest du hier im Forum mit und schämst dich für uns?"

Falk: Ganz ehrlich? Früher regelmäßiger, seitdem ihr eine längere Pause als Medium hattet, gar nicht ... aber ich vermisse euch. (lacht)

MZEE.com: "Falk, wann präsentierst du uns endlich mal wieder eine neue Reimgeneration?"

Falk: (bricht in lautes Gelächter aus) Ja ... das würde ich gerne. Aber das liegt auch nicht an mir, da muss ja was kommen. Ich hätte das jetzt vielleicht mit der Swag-Truppe machen können. Die Deutsche Swag-Reim-... fuck it. Nächstes Mal vielleicht wieder.

MZEE.com: "Kannst du etwas mit Gangsterrap anfangen und wenn ja: von wem?"

Falk: Ja. Die Frage kommt offensichtlich von jemandem, der mir nicht auf Facebook folgt. Ich kann sehr viel mit Gangsterrap anfangen, weil ich mich locker gemacht habe. Ich steh' auf Haftbefehl, Xatar, Celo & Abdi und bin brutaler Fan von NIMO – ich find' den unfassbar. Ich hab' den live gesehen und bin instant Fan geworden. Ich finde Haze und Sinan49 ganz fresh. Und King Eazy. Das reicht doch erstmal.

MZEE.com: "Wie stehst du allgemein dazu, dass sich ausgerechnet Gangsterrap und asoziale Sachen gut verkaufen?"

Falk: Die Menschheit ist dumm. Klammer auf: Es macht ja auch Spaß. Klammer zu.

MZEE.com: "Falk: Früher hast du kritisiert, dass Rapper das Internet zu wenig als Plattform nutzen. Das hat sich in letzter Zeit sehr geändert – findest du es gut, wie es momentan läuft?"

Falk: (lacht) Ja. Klammer auf: Nein. Klammer zu. (grinst)

MZEE.com: "Was ist mit Mixery passiert?"

Falk: Nächste Frage.

MZEE.com: "Ist noch ein ähnliches Format wie Supreme geplant, eventuell auf YouTube?"

Falk: (lacht) Nein.

MZEE.com: Zum Schluss noch meine persönliche Lieblingsfrage: "Was ging dir durch den Kopf, als Olexesh seinen Echsenmenschen-Monolog rausgehauen hat und Sido Satire verbieten wollte?"

Falk: (lacht) Äh ... (bricht in lautstarkes Gelächter aus) Ich habe mich wirklich die ganze Zeit gefragt, ob Olexesh das ernst meint, im Sinne von "ob er wirklich dran glaubt". Ich weiß ja von so 'ner Scheiße auch Bescheid und habe mich mit Prä-Astronautik beschäftigt. Ich habe mich letztens ungefähr eine Stunde mit Damion "Bars Bars Bars" Davis über Prä-Astronautik und andere Zusammenhänge aus diesem Sektor unterhalten. Und auch Genetikk sind Prä-Astronautik-Fans – das ist relativ weit verbreitet. Die Frage ist nur, ob man sich dafür interessiert oder ob man ernsthaft dran glaubt. Das weiß ich bei Olexesh nicht – und um hinterher darüber zu reden, war ich weder in dem Zustand noch war dafür Zeit. Und ... Sido will Satire verbieten ... sagen wir mal so: Ich verstehe, was ihn dazu bewegt, aber er hat an der Stelle halt nicht recht. Der Grund, warum er es verbieten möchte oder schlecht findet, ist der Grund, warum Satire existiert. Fertig.

(Florence Bader & Pascal Ambros)
(Fotos von Delia Baum)