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Oktober 2015: Ahzumjot und Selfmade Records

"Okay – was habe ich verpasst?" Eine Frage, der wohl jeder von uns schon einmal begegnet ist. Egal, ob man sie selbst gestellt hat oder mit ihr konfrontiert wurde. Manchmal kommt einfach der Zeitpunkt, an dem man sich vor allem eines wünscht: "Bringt mich doch mal auf den neuesten Stand!" Doch wie antwortet man darauf? Was hält man für besonders erwähnenswert? Es ist schwer, eine kurze, aber vollständige Antwort darauf zu finden. Wie misst man überhaupt Relevanz? An medialem Hype? Am Überraschungsfaktor? Oder doch an dem musikalischen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das alles, reduziert auf zwei Veröffentlichungen. Ein Release, das vor allem im Untergrund auf Zuspruch gestoßen ist, und eines, das in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Zwei Werke, die wir nicht unbedingt gut finden müssen, aber eine gewisse Relevanz oder eine Bedeutung jeglicher Art für die hiesige Raplandschaft besitzen. Zwei Werke, die am Ende des Monats vor allem eines aussagen: "Hört, hört! Genau das habt ihr verpasst!

 

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Ahzumjot – Minus 

Eigentlich schien Ahzumjot den schon unlängst bekannten Weg zu gehen: Jahrelang in Eigenregie alles auf die Beine gestellt und sein Debütalbum vom Wohnzimmer aus verschickt, ehe dann der große Major rief. Genau diesem Ruf gefolgt, erschien erst letztes Jahr "Nix mehr egal" über Vertigo Music, dem Tochterunternehmen von Universal. Vom Bordstein zur Skyline, könnte der geneigte Deutschrap-Hörer da wohl sagen. Und 2015? Da ging es dann doch zurück. Alan Asare sitzt quasi wieder alleine auf dem Boden seiner Wohnung und packt die Rohlinge der "Minus"-EP höchstpersönlich in Briefumschläge.

Ein komplett bewusster Schritt, wie der Künstler auf dem Werk immer wieder betont. Mit den Worten von Prinz Pi entsandt, ist das Motto der musikalischen und Marketing-technischen Neuorientierung klar gesetzt: "Reduzier' mich auf das Minimum" ("Montag"). Ein Konzept, das vollends aufgeht. Zusammen mit Haus- und Hofproduzent Levon Supreme hat Ahzumjot einen einzigartigen Sound geschaffen, der seine Ursprünge sicherlich in amerikanischen Vorbildern findet. Jedoch ist das Ganze so einzigartig und fresh interpretiert, dass dies kaum auffällt. Das genaue Gegenteil von dem, was der letzte Langspieler noch versprach. Dort versuchte sich der Rapper mit epochaler Untermalung noch an der Erschaffung seines eigenen "XOXO".

Ein Rückschritt ist "Minus" damit aber sicherlich nicht. Eher die bewusste Entscheidung eines Künstlers, die Stellschrauben wieder zurückzudrehen, wenn man sich selbst verlaufen hat. Ein mutiger Weg, könnte man mit dem Major-Deal im Rücken durchaus weiter in erfolgversprechenderen Gewässern fischen. Wer seine Neuausrichtung dann noch musikalisch so konzentriert und innovativ abfeiert wie es hier gemacht wird, verdient sich seinen Platz in unserer "Hört, hört!"-Rubrik allemal. Oder, wie es Ahzumjot an "Tag Zwei" selbst so schön sagt: "Ist doch gut, 'nen Schritt zurück zu machen, wenn es nicht geklappt hat."

(Sven Aumiller)

 

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Selfmade Records – Chronik III 

Es sind inzwischen zehn Jahre vergangen, seit Flipstar und Slick One ihr Label Selfmade Records ins Leben gerufen haben. In dieser Zeit hat sich vieles getan, Selfmade ist schon längst nicht mehr das kleine Independent-Label, das es zu Gründungszeiten noch war.

Vor allem in Sachen Künstler wird eine größere Veränderung deutlich – Kollegah ist mittlerweile das Aushängeschild und während anfangs die gesignten Künstler alle eine ähnliche Schiene fuhren, ist die Auswahl an Rappern gerade mit den 257ers oder Genetikk inzwischen etwas breiter gefächert. Eines hat sich jedoch nicht gewandelt: Ab und an wird zum Vorstellen der Künstler der "Chronik"-Sampler gedroppt. Darauf zeigt jeder "Selfmader", was er denn so drauf hat – solo wie auch im Zusammenspiel mit den anderen. Wie gut das funktionieren kann, haben vor allem die ersten beiden Teile gezeigt, die noch heute äußerst beliebt sind und die Fans daher sehnsüchtig auf "Chronik III" warten ließen. Dieses Jahr war es nun endlich an der Zeit, Teil drei zu veröffentlichen und zu zeigen, wer die Chefs im Rap-Business sind. Mit wuchtigen Beats von Bazzazian, Features von SSIO und Ex-Selfmader Casper sowie endlich einigen neuen Tracks von Karate Andi.

Leider konnte der dritter Sampler im Endeffekt als Gesamtwerk nicht an seine Vorgänger anknüpfen. Den aktuellen Künstlern fehlt es einfach am nötigen Zusammenspiel, um starke Kollabotracks zu produzieren. An "Chronik III" kommt man in diesem Jahr trotzdem nicht vorbei, schließlich hat es sechs Jahre gedauert, bis die Reihe fortgesetzt wurde. Darüber hinaus gibt es für jeden Hörer mindestens einen Rapper, der auf dem Sampler überzeugen kann. Und sei es nur der SSIO-Part, der wieder einmal vieles in den Schatten stellt.

(Lukas Päckert)