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Busy Boy Jay #2 – Zahlen lü­gen nicht

Die nach­fol­gende Kolumne stellt ei­nen in un­re­gel­mä­ßi­gen Abständen er­schei­nen­den Beitrag des Autors "Busy Boy Jay" dar und ent­spricht nicht zwangs­läu­fig der Meinung der Redaktion.

 

Deutschland liebt Ordnung. Deshalb liebt Deutschland Zahlen. Zahlen sind so klar, so ein­deu­tig, so grif­fig, so fak­ti­sch, so stramm or­ga­ni­siert. Und was Deutschland liebt, liebt Deutschrap auch. Und Deutschrap hat ei­nen Haufen Zahlen im Angebot: Chartpositionen, Facebook-​Likes, Twitter- und Instagram-​Follower, YouTube-​Views … Manchmal ist so­gar die Anzahl der Hoden ei­nes Battlegegners ent­schei­dend. Und aus all die­sen Zahlen schus­tern sich dann Fans, Business-​Idioten und Journalisten eine Art all­mäch­ti­gen Relevanz-​Schlüssel – eine Gruppe prä­pu­ber­tä­rer Siebtklässlerinnen könnte ein "Sweet Boys"-Ranking nicht ak­ku­ra­ter an­le­gen.

Toll, wenn man die Welt der Rapmusik in eine Zahlen-​Ordnung brin­gen kann. Du willst et­was über Rap wis­sen? Check die Zahlen. Zahlen lü­gen nicht. Wie wich­tig ist Deutschrap in der Musiklandschaft? 16 Deutschrap-​Alben lan­de­ten bis zur Kalenderwoche 46 auf der Eins. Welcher Rapper hat die meis­ten Einheiten 2014 ver­kauft? Kollegah mit "King". Welcher Rapper hat die meis­ten Facebook-​Likes? Kay One. Was ist die meist­ver­kaufte deutsch­spra­chige Rapplatte al­ler Zeiten? Tic Tac Toes selbst­be­ti­tel­tes Debütalbum. WTF?! Wow, wow, wow, Moment mal! Tic Tac Toe?! Das ist doch 100 Jahre her! Da sah die Musiklandschaft noch an­ders aus, da ha­ben Menschen noch diese Compact Discs ge­kauft! Das zählt nicht, das ist un­fair …

Okay, blei­ben wir im Hier und Jetzt. Kay One ist der er­folg­reichste Facebooker und ver­teilt dort gerne Flirttipps aus der Steinzeit an seine 2,36 Millionen Liker. Er hat mehr Follower als Cro (2,18 Millionen), Kollegah (1,87 Millionen) oder sein Busenfreund Bushido (1,86 Millionen). Halt! Stopp! Auch das hat Rap-​ferne Gründe. Unser al­ler Lieblings-​Snitch saß in der Jury von "DSDS", ei­nem Programm für grenz­de­bile Kleinhirnakrobaten. Aus den Zuschauerinnen cas­tete er sich an­schlie­ßend in ei­ner Sendung na­mens „Prinzessin ge­sucht!“ ei­nen Haufen Bankkauffrauen und Friseusen aus Finsterrode zu­sam­men, die ihn zwar hei­ra­ten woll­ten, aber über­rascht wa­ren, dass er auch so­was wie Musik macht. Das sind keine ech­ten Fans. Okay … Aber by the way: Dass die Klicks alle ge­kauft sind, ist auch eher un­wahr­schein­lich. 85% sei­ner Follower kom­men aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auch die Like-​Explosionen un­ter sei­nen sexy Kay-​Pics spre­chen für eine hohe, echte Interaktionsquote. Zahlen lü­gen nicht!

Aber scheiß mal auf Soical Media, da ist auch ein "Tomatenkopf" wie Prinz Marcus von Anhalt der Shit. Es geht hier doch um echte Zahlen! Um Kohle! Um ver­kaufte Platten! Das macht doch ei­nen Musiker aus. Und des­we­gen ist die wich­tigste Kennzahl ei­nes deut­schen Rappers seine Chartplatzierung. Dass in die­sem Jahr schon Rapper mit circa 7.000 ver­kauf­ten Einheiten in der ers­ten Chartwoche auf die Eins ge­gan­gen sind? Geschenkt. Dass man in schwa­chen Chartwochen schon mit 1.500 ver­kauf­ten Exemplaren in die Top 20 ein­stei­gen kann? Who ca­res. Die Charts sind das Maß al­ler Dinge. Kleiner Exkurs für alle, die sich bis­her nicht da­mit be­fasst ha­ben: Die Charts wer­den so­wieso schon lange nicht mehr an­hand ver­kauf­ter Einheiten, son­dern an­hand des Umsatzes ei­nes Albums er­rech­net. Deshalb lan­den ge­rade aus dem Deutschrapgefilde häu­fig Alben auf der Eins, die in der­sel­ben Woche zwar we­ni­ger ein­zelne, da­für aber teu­rere Einheiten als Helene Fischer oder Freiwild ver­kauft ha­ben (nun gut, in die­sem Beispiel wichst es nicht die Falschen von der Eins). Deshalb gibt es ja die gan­zen Amazon-​Boxen, Premium-​Editionen und Sinnlos-​Goodies in den Pappschachteln. 45 Euro für ‘ne Box mit Shirt, Dildo, 9 Milimeter und even­tu­ell auch ei­ner CD? Das zählt wie vier iTunes-​Downloads von Helenes Album "Farbenspiel". So wird per Wunderhand ein Shirt zum Chart-​relevanten Tonträger. Aber hey: Zahlen lü­gen nicht.

Und über­haupt: Die Charts sind die Charts. Die sind krass wich­tig. Ohne eine Promophase von vier Monaten, 30 Video-​Blogs, fünf krasse Rapvideo-​Slow-​Motion-​kool-​Bewegung-​Schlampe-​mit-​Lutscher-​im-​Maul-​Abfahrten und Rooz-​Video-​Interview-​Game geht Top 10-​mäßig nix. Kurz vor Schluss wird das Friendly Fire dann mit ei­nem Unboxing-​Film oder ei­nem Mediamarkt-​Besuch ab­ge­run­det. Man be­wirbt also über zwölf bis 16 Wochen ein Produkt, das man noch gar nicht kau­fen kann. Man du­delt die fünf Hits des Albums schon mal Monate auf YouTube rauf und run­ter, bis sie sich zum Release-​Termin auf je­den Fall alt an­hö­ren. Nestlé würde nie­mals drei Monate Werbung für das neue Kinder Pinguí mit Himbeercreme ma­chen, wenn es nicht schon im Kühlregal stünde. Und schon gar nicht vor­her so viele Gratisproben ver­schi­cken, dass es ei­nem schon zum Hals raus­hängt, be­vor man über­haupt bei Edeka war. Aber Rap ist nun mal kein Schoko-​Milch-​Zuckerschock. Im Musikbusiness gel­ten an­dere Regeln. Ein Branchenkenner er­klärte mir das mal so: "Diese ewig zer­mür­ben­den Promophasen die­nen dazu, eine emo­tio­nale Bindung zum Künstler auf­zu­bauen." Und Scheiße noch mal: Es funk­tio­niert. Desto kras­ser die Promophase, desto kras­ser die Chartplatzierung. Kürzlich wurde Weekend von der ein­schlä­gi­gen HipHop-​Presse da­für ge­fei­ert, dass er sich dem Joch der ewig ner­ven­den Promophase ent­zog. Ohne große Ankündigung gab es ein hal­bes Jahr nach sei­nem Nummer-​Eins-​Charterfolg "Für im­mer Wochenende" das Mixtape "Musik für die, die nicht so gerne den­ken". Die Folge war Platz 45 … Zahlen lü­gen nicht.

Aber an die­ser Stelle sind wir ja auch schon wie­der bei der fal­schen Frage: "Wie steigt wer warum in die Charts ein?" Dabei sollte die Frage ei­gent­lich lau­ten: "Warum sollte sich die HipHop-​Community über­haupt ei­nen Dreck darum sche­ren, was in den Charts ist? Warum sollte man sich als Rap-​Fan da­für in­ter­es­sie­ren, wie viele Facebook- oder Instragram-​Follower ein Künstler hat?" Erfolg war in der deut­schen Medienlandschaft noch nie ein Indikator für Qualität. Die er­folg­reichs­ten Fernsehsendungen sind das "Dschungelcamp" und "Bauer sucht Frau". Die er­folg­reichs­ten deutsch­spra­chi­gen Musiker zur­zeit Helene Fischer und Unheilig. Und ver­dammt noch mal, der Facebook-​Rapper mit den meis­ten Likes ist KayOne! Warum also die­ser Zahlenwahnsinn, diese Klick- und Followersucht? Der Klugscheißer sagt: "Mehr ver­kauft, mehr Klicks, mehr Werbung bei mehr Followern gleich mehr Geld." Ja … stimmt aber nur zur Hälfte. Es gibt durch­aus Künstler im deut­schen Rap, die Chart-​technisch kaum in Erscheinung tre­ten – zum Beispiel Retrogott & Hulk Hodn, Edgar Wasser oder auch merk­wür­dige Dinge wie Käptn Peng –, die nie­mals in die Top 20 ein­stei­gen, aber am Ende des Tages mehr Einheiten ver­kau­fen, mehr Live Shows spie­len und zu de­ren Shows mehr Zuschauer kom­men. Ergo: Die mehr Geld ver­die­nen als viele Top 20-​Künstler. Zahlen lü­gen nicht.

Die Wahrheit ist, dass all das Zahlengewichse die ach so kom­pli­zierte Musikwelt et­was ein­fa­cher ma­chen soll. Wenn Fans das für sich brau­chen, ist das reich­lich egal. Traurig ist nur, dass die Künstler all diese Charterfolge nicht in ers­ter Line für sich oder ihre Fans kre­ieren, son­dern für die Booker, Labels und Journalisten die­ser Welt. Die wol­len an­hand der Zahlen der Künstler ihre Relevanz oder ihr Monetarisierungspotenzial ab­le­sen. Und das ist ein­fach nur arm. Gerade Labels und noch viel mehr Journalisten soll­ten doch die Expertise be­sit­zen, ei­nen Künstler an­hand sei­ner Musik oder sei­ner Livefähigkeiten und nicht an­hand sei­ner Kennzahlen zu be­ur­tei­len. Aber Fakt ist: Weder die Labels, noch die Veranstalter, noch viele Journalisten in die­sem Land ha­ben eine Vision für das, was sie tun. Ein Konzept, das sie künst­le­ri­sch nach vorne brin­gen oder er­zäh­len wol­len. Deshalb klam­mern sie sich an Zahlen, die lei­der viel we­ni­ger aus­sa­gen als sie den­ken. Das ist kein HipHop-​Problem, son­dern ein Problem der deut­schen Kunst- und Medienlandschaft an sich. Und so­lange die Rapper auf das Wohlwollen und das Chartgewichse der Veranstalter, Labels und Journalisten an­ge­wie­sen sind, so­lange sind sie ge­zwun­gen, die Ochsentour mit­zu­ma­chen. Auf die Fans und Konsumenten als Korrektiv kön­nen sie sich je­den­falls kaum ver­las­sen. Die Zahlen zei­gen: Was den Menschen am meis­ten ins Hirn ge­häm­mert wird, ist meis­tens auch am er­folg­reichs­ten. Aber viel­leicht hört sich ja doch je­mand ein­fach mal die Mucke an und schaut, was er da­bei fühlt. Tränen lü­gen näm­lich nicht.

Euer Busy Boy Jay

(Titelbild von Daily Puffy Punchlines)