Harry-Quintana-El-Camino-Cover

Harry Quintana – El Camino

"Was?! Du kennst das nicht? Sekunde, ich such' dir das mal raus." – und schon öffnet sich die Plattenkiste. Wer kennt diesen Moment nicht? Man redet über Musik und auf einmal fällt ein Name – egal, ob von einem Song, einem Künstler oder einem Album –, mit dem man nicht so recht etwas anzufangen weiß. Und plötzlich hagelt es Lobpreisungen, Hasstiraden oder Anekdoten. Gerade dann, wenn der Gesprächspartner ins Schwärmen verfällt und offen zeigt, dass ihm das Thema wichtig ist, bittet man nicht allzu selten um eine Kostprobe. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Person so sehr am Herzen zu liegen scheint. In diesem Fall – was uns so sehr am Herzen liegt: Ein Auszug aus der Musik, mit der wir etwas verbinden, die wir feiern, die uns berührt. Ein Griff in unsere Plattenkiste eben.

 

Es gibt immer wieder Kleinigkeiten, die man erst viel später bereut. Mein typisches Beispiel dafür stammt aus dem Jahr 2011, als ich das Free-Tape eines gewissen Prinz Harry herunterlud. Irgendwie verschwand "Vom Wohlstand verwahrlost" dann einfach in den Untiefen meiner iTunes-Mediathek – ungehört. Ohne ihm je die Chance gegeben zu haben, mich zu überzeugen ... Wir schreiben das Jahr 2015: Aus dem Prinzen ist mittlerweile Harry Quintana geworden. Und ich ärgere mich nun darüber, dass dieses Mixtape vor vier Jahren nicht den Weg zu meinen Ohren fand. Denn was Don Quintana heutzutage abliefert, ist vielleicht die stylishste EP, die Rap-Deutschland in diesem Jahr bisher zu hören bekam.

Schon im "Intro" ist er einfach mal zu faul, um sich neue Lines auszudenken: "Deshalb nehm' ich einfach meine alten, kein Problem, ich muss das Game ja nur verwalten." Das zeigt eigentlich schon, wie trotzig-lässig sich der Rapper auf "El Camino" schlichtweg präsentiert. Voll entfalten kann sich die EP textlich nur, wenn man sich Harrys bisheriges Schaffen zu Gemüte führt. Erst dann sieht man all die kleinen, detailverliebten Selbstbezüge, gepaart mit lustig-ignoranten Popkultur-Referenzen. Auch abseits der Battlerap-Feinkost präsentiert sich der selbsternannte Prinz stark: Mit "Kennst du das Gefühl" wird ein Thementrack abgeliefert, der von einer Liebe handelt, in der aus Routine Langeweile und Trennungsangst wird. Auch diese ganz neue Seite von Harry Quintana glänzt durch ihre Einzigartigkeit, die dem eigentlich so ausgelutschten Thema eine ganz andere Sicht, Dynamik und Spannung gibt.

Wem das alles zu viel ist, der kann "El Camino" auch einfach entspannt auf sich wirken lassen. Die halbe Stunde vergeht wie im Flug, während Harry in seinem titelgebenden Chevrolet über die Beats brettert. Lässig, leicht, irgendwie verträumt  – das beschreibt den Sound, der durch seine ungewöhnliche Machart zu gefallen weiß, vielleicht in Ansätzen. Alles wirkt irgendwie aufs Minimum reduziert und stimmig. Wer also gerne mal über den spanischen "Camino" laufen will, ist hier sicherlich auf dem rechten Weg.

(Sven Aumiller)