Gerard – Neue Welt

Ohne Gän­se­h­aut­mo­men­te wirkt die Nähe nicht warm.

Bes­ser, als Gerard es hier vor­macht, kann man sei­nen Album­ti­tel kaum wäh­len. Denn wer "Neue Welt" hört, dem offen­ba­ren sich wirk­lich musi­ka­li­sche Sphä­ren, die deut­schem Rap bis­her gänz­lich fremd waren. Der Öster­rei­cher wagt sich auf sei­nem neu­es­ten Lang­spie­ler in Berei­che vor, die irgend­wo zwi­schen Pop und Rap statt­fin­den und dadurch nie abge­nutzt oder gar lang­wei­lig klin­gen. Für Technik-​vernarrte Sil­ben­zäh­ler ist die­se "neue Welt" mit Sicher­heit nichts. Dafür fehlt Gerard mitt­ler­wei­le viel zu sehr das "MC", wel­ches sei­nen Künst­ler­na­men einst zier­te. Doch der Wahl-​Wiener weist dafür ande­re Qua­li­tä­ten auf: Die extre­me Stim­mig­keit sei­ner Plat­te ist eine davon. Selbst die Fea­tures von OK KID und Maeckes pas­sen per­fekt ins Bild eines Albums, das mit der für den Öster­rei­cher typi­schen Por­ti­on Melan­cho­lie daher­kommt.

Ein wenig hel­ler als "Blau­sicht" klingt Gerard 2015 dann aller­dings schon. Auch die Grat­wan­de­rung an der Gren­ze hin zur Phra­sen­dre­sche­rei bewäl­tigt man bes­ser als noch vor zwei Jah­ren. Nur sel­ten wirkt "Neue Welt" wirk­lich zu kit­schig. Meis­tens beweist Gerald Hoff­mann ledig­lich sein gro­ßes, lyri­sches Talent, wäh­rend er auch den hek­ti­schen Zeit­geist der Gene­ra­ti­on Y ein­zu­fan­gen weiß. Da streift man auch schon ein­mal mit sei­nem "Glück To Go" ("Hal­lo") durch die Stra­ßen, wäh­rend man in sein Han­dy "Cha­os" tippt "und die Auto­kor­rek­tur macht dar­aus 'Chan­ce'" ("Mehr als laut"). Und das trägt der Rap­per nicht ein­mal so kit­schig vor, wie es gera­de viel­leicht klin­gen mag.

Gerard bewegt sich buch­stäb­lich in eine "neue Welt", die so wohl auf kei­ner Par­ty ihren Platz fin­det. Viel­leicht mag die­se "Neue Welt" nicht für die Single-​Charts gedacht sein, fehlt doch der gehö­ri­ge Anteil an Mainstream-​Pop nach Sche­ma F. Doch das sind Zie­le, die einen Musi­ker sei­nes Kali­bers wohl auch kaum inter­es­sie­ren. Sei­ne "Neue Welt" funk­tio­niert nur, wenn man sich auch wirk­lich in sie hin­ein­ver­set­zen möch­te. Doch umso schö­ner und detail­ver­lieb­ter prä­sen­tiert sie sich, wenn man es tat­säch­lich wagt.

(Sven Aumil­ler)

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