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Chefket

Zwölf Jahre nach dem Release sei­nes Debütalbums "Chef-​Ket" fei­er­te der (fast) gleich­na­mi­ge Berliner Rapper mit Langspieler Nummer Drei in die­sem Jahr sei­nen ers­ten Charterfolg als Solokünstler. Und was für ei­nen: "Nachtmensch" presch­te di­rekt in die Top 10 der LP-​Charts vor und po­si­tio­nier­te si­ch auf ei­nem gu­ten neun­ten Platz. Während Chefket in den ver­gan­ge­nen Jahren vor­nehm­li­ch als Supportact von un­ter an­de­rem Marteria auf deut­schen Bühnen prä­sent war, dürf­te er si­ch spä­tes­tens mit der ak­tu­el­len Platte als ei­gen­stän­di­ger Künstler eta­bliert ha­ben. Doch wie­so hat das so lan­ge ge­dau­ert? Nun, gut Ding will Weile ha­ben. Ein Gespräch war uns die­se so­wie ein paar wei­te­re Fragen auf je­den Fall wert und so tra­fen wir uns mit dem "Nachtmenschen" zum Interview. Zwar bei Tag, aber das soll der Realness aus­nahms­wei­se mal kei­nen Abbruch tun.

MZEE​.com: Du rappst seit ei­ner ge­fühl­ten Ewigkeit, bist aber den­no­ch nicht für je­den Deutschrap-​Fan heut­zu­ta­ge prä­sent. Kannst du des­halb zu Beginn des Interviews die vier wich­tigs­ten Stationen dei­ner Rapkarriere bis hier­hin auf­zäh­len?

Chefket: Mein Umzug nach Berlin. Die End Of The Weak-​Battles, bei de­nen ich Deutschlandmeister und dann Vize-​Weltmeister in London ge­wor­den bin. Und dann hab' ich die FritzNacht der Talente ge­won­nen und Marteria-​Shows be­glei­tet …

MZEE​.com: Wie lan­ge liegt der letz­te Punkt zu­rück?

Chefket: Die Marteria-​Shows wa­ren no­ch bis vor Kurzem. Und ich werd' jetzt auch bei den gro­ßen Shows in Dresden und Berlin da­bei sein. Letztens in Rostock ka­men 20.000 Leute, das war auf je­den Fall ein Erlebnis. Alle wa­ren ja für Marten da – er hat­te da­vor no­ch sei­nen Fußballverein ge­ret­tet, kam zu­rück als Held und ich durf­te für ihn er­öff­nen. Das war ei­ne rie­si­ge Ehre. Als ich 2009 mei­ne Releaseparty im Festsaal Kreuzberg hat­te, war Marten auch da. Wir sa­ßen be­sof­fen in der Ecke und er hat mi­ch ge­fragt, ob ich auf sei­ne Tour mit­kom­men will. Damals wa­ren 100 Leute da. Und jetzt … Das sind ein­fach al­les kras­se Erlebnisse. Ich hab' auch eben zu eu­rem Fotografen ge­sagt, wie krass das ist. Er mein­te, er hat mi­ch vor acht Jahren als Vorgruppe von Dead Prez ge­se­hen und jetzt sieht er mi­ch hier … Ich will nicht fal­sch be­schei­den klin­gen, aber es ist schon ein biss­chen ab­surd.

MZEE​.com: Hatte denn de­in Auftritt auf dem dies­jäh­ri­gen Splash!-Festival ei­nen Meilenstein-​Charakter für dich?

Chefket: Ich weiß no­ch, dass ich 2005 zum ers­ten Mal auf dem Splash! als Gast war und ir­gend­wann mein­te: "Ich komm' er­st wie­der, wenn ich 'nen Auftritt hab'." Dann hat­te ich 2010 mei­nen ers­ten Auftritt, da­na­ch 2011 mit Marten und 2013 dann zum ers­ten Mal al­lein auf der Hauptbühne mit der "Identitäter"-EP, wo ich die Releaseparty ge­fei­ert hab'. Und jetzt no­ch mal … Ich hab' ge­merkt, wie vie­le Leute da wa­ren. Das war ein rich­tig coo­ler Moment. Teilweise ist das auch wie ein Blackout – mei­ne kom­plet­te Familie war die­ses Jahr da, des­we­gen war ich auch no­ch auf­ge­reg­ter als son­st.

MZEE​.com: Hast du mo­men­tan no­ch ein Ziel, von dem du ge­ra­de sagst: "Das in drei Jahren er­reicht zu ha­ben, wä­re der Hit"?

Chefket: Ich weiß no­ch nicht ge­n­au, wo es hin­geht. Ich ma­che ein­fach und schaue, was pas­siert. Aber ich weiß: Wenn ich nichts ma­che, bleibt al­les so wie es ist. Grundsätzlich hat­te je­des Release bis­her im Nachhinein ei­ne po­si­ti­ve Auswirkung, des­halb bin ich ge­ra­de ge­spannt. Der Lebensweg, den ich aus­ge­wählt ha­be, war zwar teil­wei­se so "Spaghetti mit Soße essen"-mäßig und ich hat­te im­mer Zweifel, ob das jetzt das Richtige war, aber es blieb im­mer span­nend. Und das ist es auch jetzt no­ch.

MZEE​.com: Und hast du auch Angst vor dem, was als Nächstes pas­sie­ren könn­te?

Chefket: Nee, Angst hab' ich kei­ne. Das Wichtigste war für mi­ch, dass ich die Musik ma­che, die ich auch sel­ber hö­ren wür­de. Ich ha­be ver­sucht, et­was Zeitloses zu schaf­fen. Und das ist mit Farhot end­li­ch ge­lun­gen. Und ich be­zweif­le, dass ich das jetzt no­ch top­pen kann.

MZEE​.com: Woran liegt es dei­ner Meinung nach, dass dich bis­her nicht je­der auf dem Schirm hat und wie emp­fin­dest du das? Nervt es dich ein we­nig oder war es eh nie de­in Ziel, der "be­kann­tes­te Rapper des Landes" zu wer­den?

Chefket: Ich weiß es ehr­li­ch ge­sagt nicht. Ich glau­be, die Leute, die si­ch für ein neu­es Album in­ter­es­siert ha­ben, ha­ben auch da­von ge­wusst. Es ist so ähn­li­ch wie bei Independent-​Filmen: Es gibt so vie­le gei­le, von de­nen man nur mit­kriegt, wenn man si­ch ein biss­chen mit der Szene be­fasst. Die Blockbuster wer­den ei­nem um die Ohren ge­wor­fen – da­für sieht man über­all Werbung. Da geht man dann ins Kino, isst sein Popcorn und vor­ne flie­gen Autos rum. Das ist gei­les Entertainment. Danach gehst du raus und hast 'nen coo­len Abend ge­habt. Aber man­che Filme, die man ent­deckt, be­wir­ken eher, dass die Leute da­na­ch still sind und über das nach­den­ken, was sie ge­ra­de ge­se­hen ha­ben. Vielleicht kann man das so be­schrei­ben, par­al­lel zu die­sen Independent-​Filmen. Wenn je­mand von mor­gens bis abends ar­bei­tet, nach Hause kommt und dann no­ch sei­ne Sachen zu er­le­di­gen hat, kann er si­ch viel­leicht nicht so mit der Szene aus­ein­an­der­set­zen und kriegt nicht un­be­dingt mit, was al­les im Underground pas­siert. Das seh' ich auch ein. Ich hab' ein­fach ge­dacht, ich ma­che so viel Mucke, bis man nicht mehr an mir vor­bei­kommt. (lacht) Das Geile war, dass ich das li­ve im­mer so rü­ber­brin­gen konn­te und si­ch auch Leute, die mi­ch no­ch nicht kann­ten, da­na­ch dach­ten: "Wow, war­um kenn' ich den no­ch nicht?" Ich bin so oft auf­ge­tre­ten, wie ich konn­te, da­mit die Leute das für si­ch mit­neh­men. So ei­ne Platte ist auch no­ch mal was an­de­res, als wenn ein Künstler auf der Bühne steht und sei­ne Persönlichkeit im Raum ver­brei­ten kann.

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MZEE​.com: Ich fand die­sen Filmvergleich ge­ra­de sehr pas­send. Es gibt ja auch Künstler, die wach­sen und viel­leicht et­was main­strea­m­i­ger wer­den, am Anfang aber auch nur ei­ne Nische be­set­zen. Ich glau­be, man muss mit sei­ner Kunst auch nicht im­mer für je­den greif­bar sein. Vermutlich ist das auch gar nicht mög­li­ch, es sei denn, du machst et­was sehr Plattes, Radio-​mäßiges, das für je­den ver­ständ­li­ch ist.

Chefket: Ich den­ke auch, dass si­ch das Zuhörverhalten ge­än­dert hat. Nicht nur bei den HipHop-​Heads, son­dern auch beim jün­ge­ren Publikum, das viel­leicht denkt: "Ich su­che jetzt mal et­was, das mehr Inhalt hat und mir et­was gibt." Dadurch, dass ich da­mit schon auf mei­ner ers­ten Platte an­ge­fan­gen ha­be, mus­s­te ich mi­ch jetzt auch nicht un­be­dingt ver­än­dern. Ich hab' ein­fach wei­ter­ge­macht und mi­ch ein biss­chen ge­stei­gert. Wenn Leute jetzt mei­ne al­te Platte ent­de­cken, den­ken sie oft, dass sie vom letz­ten Jahr ist, ge­ra­de weil da zum Beispiel auch Gesang da­bei ist. In der Zeit, in der ich das re­least ha­be, woll­te aber kei­ner ei­nen Rapper, der singt. Das war für al­le ir­gend­wie schwul. (lacht) Diese Bezeichnung kam dann im­mer, ge­nauso wie "Der ist harm­los" – ich hab' nie ver­stan­den, was die wol­len. Ich woll­te ein­fach nur gu­te Mucke ma­chen, die ich zum Beispiel auch mei­nen Eltern vor­spie­len kann. Wenn wir frü­her mit 'ner Autobatterie und Turntables Straßenmusik ge­macht ha­ben und Familien drum­her­um stan­den und zu­ge­hört ha­ben, war ich auch im­mer froh, dass ich kei­nen Scheiß er­zäh­le. Und wenn das auf klei­nen Bühnen und der Straße klappt, dann auch auf der gro­ßen Bühne. Die Leute den­ken im­mer, dass die Musik bes­ser wä­re, wenn man sie auf gro­ßen Bühnen spielt – aber es ist ei­gent­li­ch das­sel­be.

MZEE​.com: Manchmal ist aber auch das Gegenteil der Fall. Ich glau­be, dass ober­fläch­li­che­re Themen für vie­le leich­ter zu­gäng­li­ch, aber für Leute, die si­ch mehr da­mit be­schäf­ti­gen, auch ex­trem un­in­ter­es­sant sind …

Chefket: Natürlich ist ein Cro da bei­spiels­wei­se ein Phänomen. Er hat halt da­für ge­sorgt, dass HipHop in den Radios ge­spielt wird. Vorher war das nicht der Fall – ich weiß zum Beispiel, dass "Verstrahlt" von Marteria da­mals nicht im Radio lief, weil's deut­scher Rap war. Das war frü­her schon an­ders. Inzwischen hat si­ch vie­les ge­än­dert und das ist auch gut für die gan­ze Szene. Das kann man has­sen oder nicht, aber wir sind al­les Leute, die si­ch Instrumentals an­hö­ren, hin­set­zen, Reime schrei­ben und ei­nen gu­ten Song ma­chen wol­len. Ist doch okay.

MZEE​.com: Was hat Rap in die­sem Moment denn für ei­ne Bedeutung für dich? Ist das Ganze eher ein Job, ei­ne Leidenschaft oder so­gar de­in kom­plet­ter Lebensinhalt?

Chefket: Ich muss nichts ne­ben­bei ma­chen, ver­su­che aber, mei­nen Tag so pro­duk­tiv wie mög­li­ch zu ge­stal­ten. Ich bin ja we­gen der Musik nach Berlin ge­zo­gen und kon­zen­trier' mi­ch ei­gent­li­ch nur dar­auf. Ich hab' ein coo­les Umfeld, mit dem ich viel un­ter­neh­me. Ab und an bin ich dann aber auch mal im Nachtleben ver­tre­ten, um mir ei­ne Belohnung zu ge­ben, weil ich die gan­ze Zeit im Studio sit­ze. Ich ver­su­che, ei­ne coo­le Balance zu hal­ten, weil vie­le Leute auch ir­gend­wie "lost" in Berlin sind. Du kann­st da je­den Tag Party ma­chen und man merkt, dass si­ch vie­le Leute, die frü­her die Ambition hat­ten, Musik zu ma­chen, dar­in ver­lie­ren. Das kann mir wahr­schein­li­ch zum Glück nicht pas­sie­ren, weil ich mit mei­nem Ziel zu ge­setzt bin. Da bin ich ziem­li­ch spie­ßig, glau­be ich.

MZEE​.com: Aber ge­ra­de, wenn du als frei­be­ruf­li­cher Künstler ar­bei­test, muss ja auch sehr viel von dir kom­men. Gab es da schon Wochen, in de­nen du ge­sagt hast: "Ich will nicht mehr"?

Chefket: Klar gibt es die, aber das kann ich mir dann auch er­lau­ben. Das ist die­se Freiheit, die man si­ch er­kämpft hat. Ich mach' jetzt ge­ra­de Action – füh­re Interviews, hab' mei­ne Proben, spie­le Shows, pla­ne Videos … Aber dann kommt mal wie­der 'ne Zeit, in der es ein we­nig ru­hi­ger wird und man si­ch ei­ne Auszeit gön­nen kann. Man muss halt gu­cken, dass man nicht krank wird – das ist ja al­les nicht so ge­sund. Aber wenn ich se­he, wie die Leute aus mei­nem Umfeld ar­bei­ten, kann ich auf je­den Fall no­ch viel ler­nen. Im Gegensatz zu de­nen ma­che ich im­mer no­ch sehr we­nig. Daran sieht man auch, was Erfolg be­deu­tet: viel har­te Arbeit. Nicht nur Rumhängen und si­ch auf Lorbeeren aus­ru­hen. Das ist lei­den­schaft­li­ches Arbeiten an Sachen. Manchmal bin ich im Studio und weiß zu­er­st gar nicht ge­n­au, was ich ei­gent­li­ch ma­che, aber ir­gend­wann kommt dann die­ser Moment, den du er­wi­schen mus­st. Darum geht’s: um Disziplin. Aber das macht auch so krass Spaß und fühlt si­ch am Ende gar nicht mehr nach Arbeit an. Dann bist du halt zwei, drei Tage im Studio und hast nur beim Späti ir­gend­wel­che Fertiggerichte ge­ges­sen, nicht ge­duscht und hoffst, dass kei­ner kommt, weil du dich ge­ra­de so ek­lig fühl­st. (lacht) Und dann denk­st du dir: Egal, ich mach' das jetzt no­ch fer­tig. Und da­na­ch stehst du auf der Bühne und teil­st das mit den Leuten. Das ist der Flash. Nach so ei­ner Zeit bist du viel­leicht auch ein biss­chen an­ti­so­zi­al. Wenn dann Leute ins Studio kom­men, bist du voll auf­ge­regt und will­st de­nen al­les zei­gen. Du plap­per­st die gan­ze Zeit und al­le sa­gen nur: "Ist okay, komm run­ter." Aber das macht rich­tig Spaß.

MZEE​.com: Setzt du dich da manch­mal auch selbst ein we­nig un­ter Druck? Wenn du siehst, dass du mal zwei Wochen lang nichts ge­macht hast, und dir dann viel­leicht sagst, dass du jetzt mal wie­der ins Studio mus­st?

Chefket: Das ist jetzt sehr ehr­li­ch: Ich bin un­glück­li­ch, wenn ich kei­ne Mucke ma­che. Ich mer­ke, ir­gend­was stimmt nicht, und dann denk' ich: "Ja klar, Alter – ich hab' nichts ge­macht." Dann geht man ins Studio, setzt si­ch hin und merkt, wie al­les aus ei­nem raus­kommt. Nimmt auf, läuft da­mit in den Kopfhörern über die Frankfurter Allee und ist ein­fach nur hap­py, das jetzt zu hö­ren. Klar ist man im­mer glück­li­ch mit dem letz­ten Song, den man ge­macht hat, und denkt, das wä­re jetzt der be­s­te der Welt – das ver­än­dert si­ch im Nachhinein na­tür­li­ch ein biss­chen. Aber das sind auch im­mer die Aufnahmen, die man be­hält und die auf der Platte lan­den. Und dann ist die­ser gan­ze Vibe der Nacht no­ch dar­in. Man macht das al­so auch ein biss­chen für si­ch. Man ist prak­ti­sch sein ei­ge­ner Freund und schenkt si­ch was. Es geht um die Möglichkeit, aus dem Nichts et­was zu schaf­fen. Man setzt si­ch hin, macht 'nen Beat oder schreibt was und dann hast du 'nen Song, den du mit Leuten teil­st … Das ist schon was Besonderes. Und so­lan­ge ich no­ch Inspiration ha­be, will ich das auf je­den Fall ma­chen. Deswegen um­ge­be ich mi­ch auch mit Leuten, die mi­ch in­spi­rie­ren.

MZEE​.com: Mit wem zum Beispiel?

Chefket: Das sind mei­ne bes­ten Freunde. Das ist die Marsimoto- und Marteria-​Crew, wo dann Marten auch ein­fach mal vor­bei­kommt, ei­ne Pizza mit­bringt und sagt: "Spiel mal vor." Da weiß man auch ein­fach, dass man nicht al­lei­ne ist, son­dern mit ei­ner Family – al­le ma­chen Mucke und ha­ben 'nen ähn­li­chen Spirit. Das ist auf je­den Fall gut. Alleine kann man kei­ne Schlacht ge­win­nen, das geht nicht.

MZEE​.com: Lass uns mal ein biss­chen über de­in Album "Nachtmensch" spre­chen. Inwiefern un­ter­schei­det si­ch der neue Sound von dei­ner letz­ten EP "Guter Tag"?

Chefket: Bei der letz­ten EP wa­ren es no­ch meh­re­re Produzenten, die Beats bei­ge­steu­ert ha­ben. Farhot war da­mals auch schon da­bei und Nobodys Face. Nobodys Face hat­te dann aber nicht mehr so viel Zeit – er ist ja auch in der Marsimoto-​Crew und mit den Live-​Gigs be­schäf­tigt. Farhot kenn' ich schon sehr lan­ge, aber auch da dach­te ich, dass er ei­gent­li­ch kei­ne Zeit für mi­ch hat, weil der ja rich­tig kras­se Produktionen macht. Das war dann aber gar nicht der Fall. Wir wa­ren viel zu­sam­men un­ter­wegs und sind ein biss­chen in Marokko, Dänemark und Istanbul ab­ge­han­gen, ha­ben Mucke ge­hört, ge­macht, Skizzen auf­ge­nom­men … Und dann kam im­mer mehr da­zu. Er hat auch im­mer Musiker ein­ge­la­den, die Sachen da­zu ein­ge­spielt ha­ben. Ich war da­bei und hab' ein biss­chen vor­ge­summt, wie ich's ger­ne hät­te. Nach und nach hat er dann den Film ver­stan­den und ich mus­s­te gar nichts mehr sa­gen. Das kam ir­gend­wann al­les nur no­ch von sei­ner Seite und ich hät­te die gan­ze Zeit nur no­ch klat­schen kön­nen, weil es für mi­ch so voll­kom­men war. Das Ganze ist mu­si­ka­li­sch rich­tig gut fest­ge­hal­ten und or­ga­ni­sch. Frischer Sound, den ich in Deutschland lei­der nicht ken­ne, weil si­ch nie­mand so de­tail­liert mit Kleinigkeiten aus­ein­an­der­setzt, die man viel­leicht eher als Nerd wahr­nimmt.

MZEE​.com: Du hast vor­hin ge­sagt, dass du den Vibe ei­ner Nacht oft in dei­ne Songs mit­nimmst. Hast du das Gefühl, dass auch von den Städten, in de­nen ihr wart, et­was mit in die Musik ein­ge­flos­sen ist?

Chefket: Ich glau­be, da­für wa­ren wir zu kurz da. Bestimmt wa­ren Gedanken und ir­gend­wel­che Vibes da­bei, aber das kann ich gar nicht be­ant­wor­ten. Das war wohl eher un­ter­be­wusst.

MZEE​.com: Auf dem Album ist die Single "Rap & Soul" vor­zu­fin­den, auf wel­cher bei­de Stilrichtungen mit­ein­an­der kom­bi­niert wer­den. Gibt es denn ei­ne von bei­den, zu der du dich per­sön­li­ch – viel­leicht auch beim pri­va­ten Konsumieren – mehr hin­ge­zo­gen fühl­st?

Chefket: Soulmusik spricht, wie der Name schon sagt, eher die Seele an. Auch wenn man die Sprache viel­leicht nicht ver­steht. Aber wenn ich sin­ge, kann je­der wahr­neh­men, ob das jetzt ein gu­ter Gesangspart ist oder nicht, un­ab­hän­gig da­von, was ich sa­ge. Das Rapding ist dann eher ein biss­chen ver­kopf­ter – man hört mehr auf die Technik der Reime, die Punchlines und so wei­ter. Deswegen ist Soul eher das, was mir ge­fällt. Ich hab' auch im­mer ver­sucht, rap­mä­ßig zu schrei­ben, aber soul­mä­ßig zu sin­gen, so­dass es ir­gend­wie bei­des an­spricht. Damit al­le die­sen Vibe füh­len, auch, wenn ein Ami oder je­mand von den Philippinen das hört. Da hab' ich ge­merkt: Es geht um die Stimmung. Im Endeffekt kann man sa­gen, dass Soulmusik eher das ist, wo ich hin will. Aber durch Rap ist al­les ent­stan­den. Einerseits Schreiben zu kön­nen und zu ler­nen. Andererseits Dinge rich­tig zu be­nen­nen, wahr­zu­neh­men und aus­zu­drü­cken … Und bei­des zu ver­bin­den, das ist das Ziel. Früher wuss­te ich nicht, ob ich rap­pen oder sin­gen soll. Und in­zwi­schen den­ke ich: Warum muss ich mi­ch denn ent­schei­den?!

MZEE​.com: Du zähl­st auf "Rap & Soul" ei­ni­ge gro­ße Künstler auf, die si­ch mu­si­ka­li­sch zwi­schen Rap und Soul be­we­gen – hast du ei­ne be­son­de­re Bindung zu die­sen Künstlern oder dien­te ei­ner von ih­nen als Vorbild, was dei­ne ak­tu­el­le Musik an­geht?

Chefket: Eric Burdon war das Erste, was ich auf Kassette ge­hört ha­be. Ich hab' das ir­gend­wann mal be­kom­men und dach­te zu­er­st, dass er schwarz wä­re, weil man ihn auch "Blackman Burdon" ge­nannt hat. Der hat­te kras­se Songs. Zum Beispiel ei­nen, auf dem er zu­er­st be­schreibt, wie be­schis­sen al­les ist, dann blind wird, spä­ter aber wie­der se­hen kann und da­na­ch sagt, wie schön al­les ist. Der ging 15 Minuten lang – das war vor der Zeit, als Radios dann ir­gend­wann be­stimmt ha­ben, dass al­les nur no­ch drei Minuten ge­spielt wird. Das hab' ich schon sehr früh ge­hört. Und Aaron Neville. Da gab es ei­nen Song, der hieß "Hercules". Den hab' ich da­mals mit mei­ner al­ler­ers­ten Band ge­co­vert. Auf dem Track "Optimist" sing' ich so­gar ei­nen Part von ihm, in dem er be­schreibt, wie stark er sein muss. Und Bill Withers war auch so ei­ne Entdeckung. Als ich den ge­hört ha­be, dach­te ich: "Der hat so 'ne Stimme wie ich." Das war der Song "Who is he?" vom "Jackie Brown"-Soundtrack. Das hat mi­ch im­mer be­glei­tet. Und na­tür­li­ch Nas. Meine Schwester hat­te ei­ne Nas-​Platte … Diese gan­zen Leute ha­ben auf je­den Fall ei­nen gro­ßen Einfluss auf mi­ch ge­habt, aber ich sag' auch, dass al­les, was mi­ch be­ein­flusst hat, gar nicht auf ein Blatt passt. Aber es ist auf je­den Fall ein Teil da­von. Es gibt no­ch ganz vie­le an­de­re Musiker, die mi­ch da­zu in­spi­riert ha­ben, Musik zu ma­chen.

MZEE​.com: Kommen wir no­ch mal dar­auf zu­rück, dass du schon ei­ne gan­ze Weile Musik machst. Wie be­ur­teil­st du den ak­tu­el­len Status der deut­schen Rapszene?

Chefket: Ich bin ja ei­gent­li­ch er­st seit 2009 da­bei, al­so seit sechs Jahren. Da ist mei­ne er­s­te Platte raus­ge­kom­men. Das an­de­re, was ich da­vor in mei­ner Kleinstadt ge­macht ha­be, kann ich gar nicht da­zu­zäh­len. Das war halt, was man am Anfang so macht … So rich­tig hat's schon mit mei­nem Debütalbum 2009 an­ge­fan­gen, wo man mi­ch auf dem Schirm hät­te ha­ben kön­nen. Ich fin­de, in der deut­schen Rapszene gibt es zwei Lager: Beim ei­nen geht’s um Geld, beim an­de­ren um Musik. Und mit de­nen, bei de­nen es um Musik geht, hab' ich schon ge­ar­bei­tet.

MZEE​.com: Hast du das Gefühl, dass die Leute die­ser Teilszene zu­sam­men­hal­ten? Gibt es da no­ch den  grund­le­gen­den Community-​Gedanken?

Chefket: Ich seh' das eher bei den Tänzern, Produzenten und DJs. Bei den Rappern scheint al­len das Ego im Weg zu ste­hen. Bestimmt ge­he ich da­von aus, weil ich selbst so bin.

MZEE​.com: Findest Du, dass man von Glück re­den kann, wenn man die Rapszene no­ch vor dem gro­ßen Cro-​Boom mit­er­le­ben durf­te?

Chefket: Ich glau­be, den Teil da­vor ha­ben halt vor al­lem die Jüngeren nicht ge­kannt. Und die kom­men da jetzt mit rein. Es ist aber auch kei­ne Schande, nicht al­les zu ken­nen. Wenn man nicht al­le Rapper aus den 90ern kennt: What the fuck, scheiß drauf. Wir wa­ren al­le mal jung und ha­ben mit ir­gend­was an­ge­fan­gen und Dr. Alban ge­hört. Wenn das für vie­le der Zugang ist und die auch da­bei blei­ben, wenn der Hype vor­bei ist, ist das doch okay. Musik soll ja in­spi­rie­ren. Und Cro macht ja nichts Negatives. Perfekt für die jün­ge­ren Hörer.

MZEE​.com: Und wie siehst du die Zukunft von deut­schem Rap? Kannst du dir vor­stel­len, dass si­ch die Szene so ent­wi­ckelt, dass du ir­gend­wann gar kei­nen Bock mehr hast, ein Teil von ihr zu sein?

Chefket: Ich se­he in mei­ner Kristallkugel, wie die Kinder von heu­te spä­ter ih­ren Kindern HipHop frü­her na­he­brin­gen und dass ir­gend­wann al­le Nachrichtensprecher mit "Peace, ich bin raus" die Tagesschau be­en­den. Und, dass Politiker ih­re Ansprachen mit ei­nem Freestyle be­gin­nen. Dann hät­te ich kei­nen Bock mehr.

MZEE​.com: Zu gu­ter Letzt wür­den wir ger­ne no­ch ei­nes wis­sen: Macht Rap glück­li­ch?

Chefket: Meiner schon. (lacht)

(Florence Bader & Kristina Scheuner)
(Fotos von Kai Bernstein)

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