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Chefket

Zwölf Jahre nach dem Release sei­nes Debütalbums "Chef-​Ket" fei­erte der (fast) gleich­na­mige Berliner Rapper mit Langspieler Nummer Drei in die­sem Jahr sei­nen ers­ten Charterfolg als Solokünstler. Und was für ei­nen: "Nachtmensch" preschte di­rekt in die Top 10 der LP-​Charts vor und po­si­tio­nierte sich auf ei­nem gu­ten neun­ten Platz. Während Chefket in den ver­gan­ge­nen Jahren vor­nehm­lich als Supportact von un­ter an­de­rem Marteria auf deut­schen Bühnen prä­sent war, dürfte er sich spä­tes­tens mit der ak­tu­el­len Platte als ei­gen­stän­di­ger Künstler eta­bliert ha­ben. Doch wieso hat das so lange ge­dau­ert? Nun, gut Ding will Weile ha­ben. Ein Gespräch war uns diese so­wie ein paar wei­tere Fragen auf je­den Fall wert und so tra­fen wir uns mit dem "Nachtmenschen" zum Interview. Zwar bei Tag, aber das soll der Realness aus­nahms­weise mal kei­nen Abbruch tun.

MZEE​.com: Du rappst seit ei­ner ge­fühl­ten Ewigkeit, bist aber den­noch nicht für je­den Deutschrap-​Fan heut­zu­tage prä­sent. Kannst du des­halb zu Beginn des Interviews die vier wich­tigs­ten Stationen dei­ner Rapkarriere bis hier­hin auf­zäh­len?

Chefket: Mein Umzug nach Berlin. Die End Of The Weak-​Battles, bei de­nen ich Deutschlandmeister und dann Vize-​Weltmeister in London ge­wor­den bin. Und dann hab' ich die FritzNacht der Talente ge­won­nen und Marteria-​Shows be­glei­tet …

MZEE​.com: Wie lange liegt der letzte Punkt zu­rück?

Chefket: Die Marteria-​Shows wa­ren noch bis vor Kurzem. Und ich werd' jetzt auch bei den gro­ßen Shows in Dresden und Berlin da­bei sein. Letztens in Rostock ka­men 20.000 Leute, das war auf je­den Fall ein Erlebnis. Alle wa­ren ja für Marten da – er hatte da­vor noch sei­nen Fußballverein ge­ret­tet, kam zu­rück als Held und ich durfte für ihn er­öff­nen. Das war eine rie­sige Ehre. Als ich 2009 meine Releaseparty im Festsaal Kreuzberg hatte, war Marten auch da. Wir sa­ßen be­sof­fen in der Ecke und er hat mich ge­fragt, ob ich auf seine Tour mit­kom­men will. Damals wa­ren 100 Leute da. Und jetzt … Das sind ein­fach al­les krasse Erlebnisse. Ich hab' auch eben zu eu­rem Fotografen ge­sagt, wie krass das ist. Er meinte, er hat mich vor acht Jahren als Vorgruppe von Dead Prez ge­se­hen und jetzt sieht er mich hier … Ich will nicht fal­sch be­schei­den klin­gen, aber es ist schon ein biss­chen ab­surd.

MZEE​.com: Hatte denn dein Auftritt auf dem dies­jäh­ri­gen Splash!-Festival ei­nen Meilenstein-​Charakter für dich?

Chefket: Ich weiß noch, dass ich 2005 zum ers­ten Mal auf dem Splash! als Gast war und ir­gend­wann meinte: "Ich komm' erst wie­der, wenn ich 'nen Auftritt hab'." Dann hatte ich 2010 mei­nen ers­ten Auftritt, da­nach 2011 mit Marten und 2013 dann zum ers­ten Mal al­lein auf der Hauptbühne mit der "Identitäter"-EP, wo ich die Releaseparty ge­fei­ert hab'. Und jetzt noch mal … Ich hab' ge­merkt, wie viele Leute da wa­ren. Das war ein rich­tig coo­ler Moment. Teilweise ist das auch wie ein Blackout – meine kom­plette Familie war die­ses Jahr da, des­we­gen war ich auch noch auf­ge­reg­ter als sonst.

MZEE​.com: Hast du mo­men­tan noch ein Ziel, von dem du ge­rade sagst: "Das in drei Jahren er­reicht zu ha­ben, wäre der Hit"?

Chefket: Ich weiß noch nicht ge­nau, wo es hin­geht. Ich ma­che ein­fach und schaue, was pas­siert. Aber ich weiß: Wenn ich nichts ma­che, bleibt al­les so wie es ist. Grundsätzlich hatte je­des Release bis­her im Nachhinein eine po­si­tive Auswirkung, des­halb bin ich ge­rade ge­spannt. Der Lebensweg, den ich aus­ge­wählt habe, war zwar teil­weise so "Spaghetti mit Soße essen"-mäßig und ich hatte im­mer Zweifel, ob das jetzt das Richtige war, aber es blieb im­mer span­nend. Und das ist es auch jetzt noch.

MZEE​.com: Und hast du auch Angst vor dem, was als Nächstes pas­sie­ren könnte?

Chefket: Nee, Angst hab' ich keine. Das Wichtigste war für mich, dass ich die Musik ma­che, die ich auch sel­ber hö­ren würde. Ich habe ver­sucht, et­was Zeitloses zu schaf­fen. Und das ist mit Farhot end­lich ge­lun­gen. Und ich be­zweifle, dass ich das jetzt noch top­pen kann.

MZEE​.com: Woran liegt es dei­ner Meinung nach, dass dich bis­her nicht je­der auf dem Schirm hat und wie emp­fin­dest du das? Nervt es dich ein we­nig oder war es eh nie dein Ziel, der "be­kann­teste Rapper des Landes" zu wer­den?

Chefket: Ich weiß es ehr­lich ge­sagt nicht. Ich glaube, die Leute, die sich für ein neues Album in­ter­es­siert ha­ben, ha­ben auch da­von ge­wusst. Es ist so ähn­lich wie bei Independent-​Filmen: Es gibt so viele geile, von de­nen man nur mit­kriegt, wenn man sich ein biss­chen mit der Szene be­fasst. Die Blockbuster wer­den ei­nem um die Ohren ge­wor­fen – da­für sieht man über­all Werbung. Da geht man dann ins Kino, isst sein Popcorn und vorne flie­gen Autos rum. Das ist gei­les Entertainment. Danach gehst du raus und hast 'nen coo­len Abend ge­habt. Aber man­che Filme, die man ent­deckt, be­wir­ken eher, dass die Leute da­nach still sind und über das nach­den­ken, was sie ge­rade ge­se­hen ha­ben. Vielleicht kann man das so be­schrei­ben, par­al­lel zu die­sen Independent-​Filmen. Wenn je­mand von mor­gens bis abends ar­bei­tet, nach Hause kommt und dann noch seine Sachen zu er­le­di­gen hat, kann er sich viel­leicht nicht so mit der Szene aus­ein­an­der­set­zen und kriegt nicht un­be­dingt mit, was al­les im Underground pas­siert. Das seh' ich auch ein. Ich hab' ein­fach ge­dacht, ich ma­che so viel Mucke, bis man nicht mehr an mir vor­bei­kommt. (lacht) Das Geile war, dass ich das live im­mer so rü­ber­brin­gen konnte und sich auch Leute, die mich noch nicht kann­ten, da­nach dach­ten: "Wow, warum kenn' ich den noch nicht?" Ich bin so oft auf­ge­tre­ten, wie ich konnte, da­mit die Leute das für sich mit­neh­men. So eine Platte ist auch noch mal was an­de­res, als wenn ein Künstler auf der Bühne steht und seine Persönlichkeit im Raum ver­brei­ten kann.

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MZEE​.com: Ich fand die­sen Filmvergleich ge­rade sehr pas­send. Es gibt ja auch Künstler, die wach­sen und viel­leicht et­was main­strea­m­i­ger wer­den, am Anfang aber auch nur eine Nische be­set­zen. Ich glaube, man muss mit sei­ner Kunst auch nicht im­mer für je­den greif­bar sein. Vermutlich ist das auch gar nicht mög­lich, es sei denn, du machst et­was sehr Plattes, Radio-​mäßiges, das für je­den ver­ständ­lich ist.

Chefket: Ich denke auch, dass sich das Zuhörverhalten ge­än­dert hat. Nicht nur bei den HipHop-​Heads, son­dern auch beim jün­ge­ren Publikum, das viel­leicht denkt: "Ich su­che jetzt mal et­was, das mehr Inhalt hat und mir et­was gibt." Dadurch, dass ich da­mit schon auf mei­ner ers­ten Platte an­ge­fan­gen habe, mus­ste ich mich jetzt auch nicht un­be­dingt ver­än­dern. Ich hab' ein­fach wei­ter­ge­macht und mich ein biss­chen ge­stei­gert. Wenn Leute jetzt meine alte Platte ent­de­cken, den­ken sie oft, dass sie vom letz­ten Jahr ist, ge­rade weil da zum Beispiel auch Gesang da­bei ist. In der Zeit, in der ich das re­least habe, wollte aber kei­ner ei­nen Rapper, der singt. Das war für alle ir­gend­wie schwul. (lacht) Diese Bezeichnung kam dann im­mer, ge­nauso wie "Der ist harm­los" – ich hab' nie ver­stan­den, was die wol­len. Ich wollte ein­fach nur gute Mucke ma­chen, die ich zum Beispiel auch mei­nen Eltern vor­spie­len kann. Wenn wir frü­her mit 'ner Autobatterie und Turntables Straßenmusik ge­macht ha­ben und Familien drum­herum stan­den und zu­ge­hört ha­ben, war ich auch im­mer froh, dass ich kei­nen Scheiß er­zähle. Und wenn das auf klei­nen Bühnen und der Straße klappt, dann auch auf der gro­ßen Bühne. Die Leute den­ken im­mer, dass die Musik bes­ser wäre, wenn man sie auf gro­ßen Bühnen spielt – aber es ist ei­gent­lich das­selbe.

MZEE​.com: Manchmal ist aber auch das Gegenteil der Fall. Ich glaube, dass ober­fläch­li­chere Themen für viele leich­ter zu­gäng­lich, aber für Leute, die sich mehr da­mit be­schäf­ti­gen, auch ex­trem un­in­ter­es­sant sind …

Chefket: Natürlich ist ein Cro da bei­spiels­weise ein Phänomen. Er hat halt da­für ge­sorgt, dass HipHop in den Radios ge­spielt wird. Vorher war das nicht der Fall – ich weiß zum Beispiel, dass "Verstrahlt" von Marteria da­mals nicht im Radio lief, weil's deut­scher Rap war. Das war frü­her schon an­ders. Inzwischen hat sich vie­les ge­än­dert und das ist auch gut für die ganze Szene. Das kann man has­sen oder nicht, aber wir sind al­les Leute, die sich Instrumentals an­hö­ren, hin­set­zen, Reime schrei­ben und ei­nen gu­ten Song ma­chen wol­len. Ist doch okay.

MZEE​.com: Was hat Rap in die­sem Moment denn für eine Bedeutung für dich? Ist das Ganze eher ein Job, eine Leidenschaft oder so­gar dein kom­plet­ter Lebensinhalt?

Chefket: Ich muss nichts ne­ben­bei ma­chen, ver­su­che aber, mei­nen Tag so pro­duk­tiv wie mög­lich zu ge­stal­ten. Ich bin ja we­gen der Musik nach Berlin ge­zo­gen und kon­zen­trier' mich ei­gent­lich nur dar­auf. Ich hab' ein coo­les Umfeld, mit dem ich viel un­ter­nehme. Ab und an bin ich dann aber auch mal im Nachtleben ver­tre­ten, um mir eine Belohnung zu ge­ben, weil ich die ganze Zeit im Studio sitze. Ich ver­su­che, eine coole Balance zu hal­ten, weil viele Leute auch ir­gend­wie "lost" in Berlin sind. Du kannst da je­den Tag Party ma­chen und man merkt, dass sich viele Leute, die frü­her die Ambition hat­ten, Musik zu ma­chen, darin ver­lie­ren. Das kann mir wahr­schein­lich zum Glück nicht pas­sie­ren, weil ich mit mei­nem Ziel zu ge­setzt bin. Da bin ich ziem­lich spie­ßig, glaube ich.

MZEE​.com: Aber ge­rade, wenn du als frei­be­ruf­li­cher Künstler ar­bei­test, muss ja auch sehr viel von dir kom­men. Gab es da schon Wochen, in de­nen du ge­sagt hast: "Ich will nicht mehr"?

Chefket: Klar gibt es die, aber das kann ich mir dann auch er­lau­ben. Das ist diese Freiheit, die man sich er­kämpft hat. Ich mach' jetzt ge­rade Action – führe Interviews, hab' meine Proben, spiele Shows, plane Videos … Aber dann kommt mal wie­der 'ne Zeit, in der es ein we­nig ru­hi­ger wird und man sich eine Auszeit gön­nen kann. Man muss halt gu­cken, dass man nicht krank wird – das ist ja al­les nicht so ge­sund. Aber wenn ich sehe, wie die Leute aus mei­nem Umfeld ar­bei­ten, kann ich auf je­den Fall noch viel ler­nen. Im Gegensatz zu de­nen ma­che ich im­mer noch sehr we­nig. Daran sieht man auch, was Erfolg be­deu­tet: viel harte Arbeit. Nicht nur Rumhängen und sich auf Lorbeeren aus­ru­hen. Das ist lei­den­schaft­li­ches Arbeiten an Sachen. Manchmal bin ich im Studio und weiß zu­erst gar nicht ge­nau, was ich ei­gent­lich ma­che, aber ir­gend­wann kommt dann die­ser Moment, den du er­wi­schen musst. Darum geht’s: um Disziplin. Aber das macht auch so krass Spaß und fühlt sich am Ende gar nicht mehr nach Arbeit an. Dann bist du halt zwei, drei Tage im Studio und hast nur beim Späti ir­gend­wel­che Fertiggerichte ge­ges­sen, nicht ge­duscht und hoffst, dass kei­ner kommt, weil du dich ge­rade so ek­lig fühlst. (lacht) Und dann denkst du dir: Egal, ich mach' das jetzt noch fer­tig. Und da­nach stehst du auf der Bühne und teilst das mit den Leuten. Das ist der Flash. Nach so ei­ner Zeit bist du viel­leicht auch ein biss­chen an­ti­so­zial. Wenn dann Leute ins Studio kom­men, bist du voll auf­ge­regt und willst de­nen al­les zei­gen. Du plap­perst die ganze Zeit und alle sa­gen nur: "Ist okay, komm run­ter." Aber das macht rich­tig Spaß.

MZEE​.com: Setzt du dich da manch­mal auch selbst ein we­nig un­ter Druck? Wenn du siehst, dass du mal zwei Wochen lang nichts ge­macht hast, und dir dann viel­leicht sagst, dass du jetzt mal wie­der ins Studio musst?

Chefket: Das ist jetzt sehr ehr­lich: Ich bin un­glück­lich, wenn ich keine Mucke ma­che. Ich merke, ir­gend­was stimmt nicht, und dann denk' ich: "Ja klar, Alter – ich hab' nichts ge­macht." Dann geht man ins Studio, setzt sich hin und merkt, wie al­les aus ei­nem raus­kommt. Nimmt auf, läuft da­mit in den Kopfhörern über die Frankfurter Allee und ist ein­fach nur happy, das jetzt zu hö­ren. Klar ist man im­mer glück­lich mit dem letz­ten Song, den man ge­macht hat, und denkt, das wäre jetzt der be­ste der Welt – das ver­än­dert sich im Nachhinein na­tür­lich ein biss­chen. Aber das sind auch im­mer die Aufnahmen, die man be­hält und die auf der Platte lan­den. Und dann ist die­ser ganze Vibe der Nacht noch darin. Man macht das also auch ein biss­chen für sich. Man ist prak­ti­sch sein ei­ge­ner Freund und schenkt sich was. Es geht um die Möglichkeit, aus dem Nichts et­was zu schaf­fen. Man setzt sich hin, macht 'nen Beat oder schreibt was und dann hast du 'nen Song, den du mit Leuten teilst … Das ist schon was Besonderes. Und so­lange ich noch Inspiration habe, will ich das auf je­den Fall ma­chen. Deswegen um­gebe ich mich auch mit Leuten, die mich in­spi­rie­ren.

MZEE​.com: Mit wem zum Beispiel?

Chefket: Das sind meine bes­ten Freunde. Das ist die Marsimoto- und Marteria-​Crew, wo dann Marten auch ein­fach mal vor­bei­kommt, eine Pizza mit­bringt und sagt: "Spiel mal vor." Da weiß man auch ein­fach, dass man nicht al­leine ist, son­dern mit ei­ner Family – alle ma­chen Mucke und ha­ben 'nen ähn­li­chen Spirit. Das ist auf je­den Fall gut. Alleine kann man keine Schlacht ge­win­nen, das geht nicht.

MZEE​.com: Lass uns mal ein biss­chen über dein Album "Nachtmensch" spre­chen. Inwiefern un­ter­schei­det sich der neue Sound von dei­ner letz­ten EP "Guter Tag"?

Chefket: Bei der letz­ten EP wa­ren es noch meh­rere Produzenten, die Beats bei­ge­steu­ert ha­ben. Farhot war da­mals auch schon da­bei und Nobodys Face. Nobodys Face hatte dann aber nicht mehr so viel Zeit – er ist ja auch in der Marsimoto-​Crew und mit den Live-​Gigs be­schäf­tigt. Farhot kenn' ich schon sehr lange, aber auch da dachte ich, dass er ei­gent­lich keine Zeit für mich hat, weil der ja rich­tig krasse Produktionen macht. Das war dann aber gar nicht der Fall. Wir wa­ren viel zu­sam­men un­ter­wegs und sind ein biss­chen in Marokko, Dänemark und Istanbul ab­ge­han­gen, ha­ben Mucke ge­hört, ge­macht, Skizzen auf­ge­nom­men … Und dann kam im­mer mehr dazu. Er hat auch im­mer Musiker ein­ge­la­den, die Sachen dazu ein­ge­spielt ha­ben. Ich war da­bei und hab' ein biss­chen vor­ge­summt, wie ich's gerne hätte. Nach und nach hat er dann den Film ver­stan­den und ich mus­ste gar nichts mehr sa­gen. Das kam ir­gend­wann al­les nur noch von sei­ner Seite und ich hätte die ganze Zeit nur noch klat­schen kön­nen, weil es für mich so voll­kom­men war. Das Ganze ist mu­si­ka­li­sch rich­tig gut fest­ge­hal­ten und or­ga­ni­sch. Frischer Sound, den ich in Deutschland lei­der nicht kenne, weil sich nie­mand so de­tail­liert mit Kleinigkeiten aus­ein­an­der­setzt, die man viel­leicht eher als Nerd wahr­nimmt.

MZEE​.com: Du hast vor­hin ge­sagt, dass du den Vibe ei­ner Nacht oft in deine Songs mit­nimmst. Hast du das Gefühl, dass auch von den Städten, in de­nen ihr wart, et­was mit in die Musik ein­ge­flos­sen ist?

Chefket: Ich glaube, da­für wa­ren wir zu kurz da. Bestimmt wa­ren Gedanken und ir­gend­wel­che Vibes da­bei, aber das kann ich gar nicht be­ant­wor­ten. Das war wohl eher un­ter­be­wusst.

MZEE​.com: Auf dem Album ist die Single "Rap & Soul" vor­zu­fin­den, auf wel­cher beide Stilrichtungen mit­ein­an­der kom­bi­niert wer­den. Gibt es denn eine von bei­den, zu der du dich per­sön­lich – viel­leicht auch beim pri­va­ten Konsumieren – mehr hin­ge­zo­gen fühlst?

Chefket: Soulmusik spricht, wie der Name schon sagt, eher die Seele an. Auch wenn man die Sprache viel­leicht nicht ver­steht. Aber wenn ich singe, kann je­der wahr­neh­men, ob das jetzt ein gu­ter Gesangspart ist oder nicht, un­ab­hän­gig da­von, was ich sage. Das Rapding ist dann eher ein biss­chen ver­kopf­ter – man hört mehr auf die Technik der Reime, die Punchlines und so wei­ter. Deswegen ist Soul eher das, was mir ge­fällt. Ich hab' auch im­mer ver­sucht, rap­mä­ßig zu schrei­ben, aber soul­mä­ßig zu sin­gen, so­dass es ir­gend­wie bei­des an­spricht. Damit alle die­sen Vibe füh­len, auch, wenn ein Ami oder je­mand von den Philippinen das hört. Da hab' ich ge­merkt: Es geht um die Stimmung. Im Endeffekt kann man sa­gen, dass Soulmusik eher das ist, wo ich hin will. Aber durch Rap ist al­les ent­stan­den. Einerseits Schreiben zu kön­nen und zu ler­nen. Andererseits Dinge rich­tig zu be­nen­nen, wahr­zu­neh­men und aus­zu­drü­cken … Und bei­des zu ver­bin­den, das ist das Ziel. Früher wusste ich nicht, ob ich rap­pen oder sin­gen soll. Und in­zwi­schen denke ich: Warum muss ich mich denn ent­schei­den?!

MZEE​.com: Du zählst auf "Rap & Soul" ei­nige große Künstler auf, die sich mu­si­ka­li­sch zwi­schen Rap und Soul be­we­gen – hast du eine be­son­dere Bindung zu die­sen Künstlern oder diente ei­ner von ih­nen als Vorbild, was deine ak­tu­elle Musik an­geht?

Chefket: Eric Burdon war das Erste, was ich auf Kassette ge­hört habe. Ich hab' das ir­gend­wann mal be­kom­men und dachte zu­erst, dass er schwarz wäre, weil man ihn auch "Blackman Burdon" ge­nannt hat. Der hatte krasse Songs. Zum Beispiel ei­nen, auf dem er zu­erst be­schreibt, wie be­schis­sen al­les ist, dann blind wird, spä­ter aber wie­der se­hen kann und da­nach sagt, wie schön al­les ist. Der ging 15 Minuten lang – das war vor der Zeit, als Radios dann ir­gend­wann be­stimmt ha­ben, dass al­les nur noch drei Minuten ge­spielt wird. Das hab' ich schon sehr früh ge­hört. Und Aaron Neville. Da gab es ei­nen Song, der hieß "Hercules". Den hab' ich da­mals mit mei­ner al­ler­ers­ten Band ge­co­vert. Auf dem Track "Optimist" sing' ich so­gar ei­nen Part von ihm, in dem er be­schreibt, wie stark er sein muss. Und Bill Withers war auch so eine Entdeckung. Als ich den ge­hört habe, dachte ich: "Der hat so 'ne Stimme wie ich." Das war der Song "Who is he?" vom "Jackie Brown"-Soundtrack. Das hat mich im­mer be­glei­tet. Und na­tür­lich Nas. Meine Schwester hatte eine Nas-​Platte … Diese gan­zen Leute ha­ben auf je­den Fall ei­nen gro­ßen Einfluss auf mich ge­habt, aber ich sag' auch, dass al­les, was mich be­ein­flusst hat, gar nicht auf ein Blatt passt. Aber es ist auf je­den Fall ein Teil da­von. Es gibt noch ganz viele an­dere Musiker, die mich dazu in­spi­riert ha­ben, Musik zu ma­chen.

MZEE​.com: Kommen wir noch mal dar­auf zu­rück, dass du schon eine ganze Weile Musik machst. Wie be­ur­teilst du den ak­tu­el­len Status der deut­schen Rapszene?

Chefket: Ich bin ja ei­gent­lich erst seit 2009 da­bei, also seit sechs Jahren. Da ist meine er­ste Platte raus­ge­kom­men. Das an­dere, was ich da­vor in mei­ner Kleinstadt ge­macht habe, kann ich gar nicht da­zu­zäh­len. Das war halt, was man am Anfang so macht … So rich­tig hat's schon mit mei­nem Debütalbum 2009 an­ge­fan­gen, wo man mich auf dem Schirm hätte ha­ben kön­nen. Ich finde, in der deut­schen Rapszene gibt es zwei Lager: Beim ei­nen geht’s um Geld, beim an­de­ren um Musik. Und mit de­nen, bei de­nen es um Musik geht, hab' ich schon ge­ar­bei­tet.

MZEE​.com: Hast du das Gefühl, dass die Leute die­ser Teilszene zu­sam­men­hal­ten? Gibt es da noch den  grund­le­gen­den Community-​Gedanken?

Chefket: Ich seh' das eher bei den Tänzern, Produzenten und DJs. Bei den Rappern scheint al­len das Ego im Weg zu ste­hen. Bestimmt gehe ich da­von aus, weil ich selbst so bin.

MZEE​.com: Findest Du, dass man von Glück re­den kann, wenn man die Rapszene noch vor dem gro­ßen Cro-​Boom mit­er­le­ben durfte? 

Chefket: Ich glaube, den Teil da­vor ha­ben halt vor al­lem die Jüngeren nicht ge­kannt. Und die kom­men da jetzt mit rein. Es ist aber auch keine Schande, nicht al­les zu ken­nen. Wenn man nicht alle Rapper aus den 90ern kennt: What the fuck, scheiß drauf. Wir wa­ren alle mal jung und ha­ben mit ir­gend­was an­ge­fan­gen und Dr. Alban ge­hört. Wenn das für viele der Zugang ist und die auch da­bei blei­ben, wenn der Hype vor­bei ist, ist das doch okay. Musik soll ja in­spi­rie­ren. Und Cro macht ja nichts Negatives. Perfekt für die jün­ge­ren Hörer.

MZEE​.com: Und wie siehst du die Zukunft von deut­schem Rap? Kannst du dir vor­stel­len, dass sich die Szene so ent­wi­ckelt, dass du ir­gend­wann gar kei­nen Bock mehr hast, ein Teil von ihr zu sein?

Chefket: Ich sehe in mei­ner Kristallkugel, wie die Kinder von heute spä­ter ih­ren Kindern HipHop frü­her na­he­brin­gen und dass ir­gend­wann alle Nachrichtensprecher mit "Peace, ich bin raus" die Tagesschau be­en­den. Und, dass Politiker ihre Ansprachen mit ei­nem Freestyle be­gin­nen. Dann hätte ich kei­nen Bock mehr.

MZEE​.com: Zu gu­ter Letzt wür­den wir gerne noch ei­nes wis­sen: Macht Rap glück­lich?

Chefket: Meiner schon. (lacht)

(Florence Bader & Kristina Scheuner)
(Fotos von Kai Bernstein)

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