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Earl Sweatshirt – I Don't Like Shit, I Don't Go Outside

"Was?! Du kennst das nicht? Sekunde, ich such' dir das mal raus." – und schon öff­net sich die Plat­ten­kiste. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal, ob von einem Song, einem Künst­ler oder einem Album –, mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gerade dann, wenn der Gesprächs­part­ner ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm das Thema wich­tig ist, bit­tet man nicht allzu sel­ten um eine Kost­probe. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unsere Plat­ten­kiste eben.

 

Kennt ihr diese Alben, die einen direkt beim ersten Mal so richtig aus den Latschen hauen? Die einen eiskalt erwischen, einen so richtig durchschütteln und nach dem letzten Song fast schon ein wenig verdattert zurücklassen? Gänsehaut und Kloß im Hals inklusive. Solche Momente hängen von vielen Faktoren ab, da muss einfach alles stimmen. Bei mir ist das letzte Mal gar nicht so lang her: Das war die neue Earl Sweatshirt-Platte. Mein Interesse hatte das Odd Future-Nesthäkchen ja schon immer. Zwar waren mir seine ersten musikalischen Gehversuche noch zu formelhaft und zu wenig eigenständig, doch schon zu "EARL"-Zeiten konnte man das Potenzial Sweatshirts erkennen, der seinen Mentor Tyler bereits damals spielend an die Wand rappte. "Doris" ließ mich dann endgültig aufhorchen und erwies sich – auch nach jüngstem Wiederausgraben – als ziemlich gutes Album. So richtig abgeholt hat er mich aber erst mit seinem neuesten Album "I Don't Like Shit, I Don't Go Outside".

Obwohl unter den Fittichen von Major-Riese Columbia entstanden, sind Sound, Texte, Artwork, Titel und die fast schon unverschämt kurze Spielzeit von nicht einmal einer halben Stunde ein dicker Mittelfinger an die gängigen Dogmen der Musikindustrie. Die Beats – allesamt selbst gebastelt und oftmals nur Skizzen, die nicht annähernd ausproduziert wurden – sind so Lo-Fi gehalten, wie es nur irgendwie möglich ist. Ein stolperndes Drumkit schleppt sich hinter schiefes Klavierklimpern, während Earls tiefe Stimme, wahlweise desillusioniert oder richtig angepisst, stets die Kontrolle behält. Dass der Rap trotz all der verschachtelten Rhythmen und der Störgeräusche stets im Vordergrund steht, ist einem guten Mastering sowie Earls Fähigkeiten am Mikrofon zuzuschreiben. Denn solche Beats muss man erst einmal zähmen lernen. Der Albumtitel ist im Übrigen volles Programm, denn inhaltlich ist das Album eigentlich eine gerappte Depression. Der Junge ist richtig abgefuckt und das lässt er einen auch hören. Da kriegt neben der Ex, den Eltern und dem Game vor allem er selbst sein Fett weg. Ein Verzicht auf Blöße und ein Eingeständnis der eigenen Schwäche stehen hier in keinem Widerspruch zu kaltschnäuzigen Punchlines. Ein kleiner Höhepunkt ist der Part von Na'kel auf "DNA", der diesen unter dem Einfluss von LSD aufnahm – eine halbe Stunde nachdem er erfahren hatte, dass ein guter Freund von ihm unerwartet verstorben war. Noch rawer, noch direkter kann eine Emotion eigentlich gar nicht dokumentiert werden.

Auf all sowas muss man natürlich wirklich Lust haben, denn die pessimistischen Assoziationsketten Earl Sweatshirts sind sicher keine seichte Sommermusik für nebenbei. Öffnet man sich jedoch der dunklen Gedankenwelt des Rappers, so wird man mit einem Trip belohnt, der an Intensität seinesgleichen sucht.

(Christian Weins)

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