Juli 2015: Crack Ignaz und K.I.Z

"Okay – was habe ich ver­passt?" Eine Fra­ge, der wohl jeder von uns schon ein­mal begeg­net ist. Egal, ob man sie selbst gestellt hat oder mit ihr kon­fron­tiert wur­de. Manch­mal kommt ein­fach der Zeit­punkt, an dem man sich vor allem eines wünscht: "Bringt mich doch mal auf den neu­es­ten Stand!" Doch wie ant­wor­tet man dar­auf? Was hält man für beson­ders erwäh­nens­wert? Es ist schwer, eine kur­ze, aber voll­stän­di­ge Ant­wort dar­auf zu fin­den. Wie misst man über­haupt Rele­vanz? An media­lem Hype? Am Über­ra­schungs­fak­tor? Oder doch an dem musi­ka­li­schen Anspruch? In "Hört, hört!" geht es um das alles, redu­ziert auf zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen. Ein Release, das vor allem im Unter­grund auf Zuspruch gesto­ßen ist, und eines, das in der brei­ten Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wur­de. Zwei Wer­ke, die wir nicht unbe­dingt gut fin­den müs­sen, aber eine gewis­se Rele­vanz oder eine Bedeu­tung jeg­li­cher Art für die hie­si­ge Rapland­schaft besit­zen. Zwei Wer­ke, die am Ende des Monats vor allem eines aus­sa­gen: "Hört, hört! Genau das habt ihr ver­passt!"

 

ignaz

Crack Ignaz – Kirsch

"I bin der König der Alpen, auch bekannt als Aus­tri­as Swee­the­art. Der belieb­tes­te Mensch von Öster­reich. Süß wie eine Mozart­ku­gel, so die schö­nen Haa­re – du kennst mi" – ein kur­zer Aus­zug aus dem etwas älte­ren Titel "König der Alpen". Die­ser selbst­er­nann­te König hört auf den Namen Crack Ignaz. Gro­ße, mit mehr als nur einem zwin­kern­den Auge vor­ge­tra­ge­ne Wor­te von einem Typen, der mir per­sön­lich zu Beginn des Jah­res noch so gar kein Begriff war. Doch das soll­te sich im Mai ändern, als mir ein Freund die Emp­feh­lung aus­sprach. Aber wie konn­te mei­ne Reak­ti­on anders aus­fal­len, als: "Ich has­se Rap­per mit Mund­art!"

Es klingt oft­mals ein­fach abstrus und fast schon ulkig, wenn man Phra­sen abso­lut klar ver­steht und dann Pas­sa­gen kom­men, bei denen man rat­los zurück­ge­las­sen wird. Ab und an tau­chen noch bekann­te Wör­ter auf, die für das eige­ne Emp­fin­den teil­wei­se selt­sam aus­ge­spro­chen klin­gen … Und schon ste­hen einem die Fra­gen im wahrs­ten Sin­ne ins Gesicht geschrie­ben: "Was pas­siert hier eigent­lich gera­de?"

Meist ist die Ant­wort sim­pel: Kunst. Und im Fal­le von Crack Ignaz ist die­se Ant­wort mehr als gerecht­fer­tigt. Gibt man dem "König der Alpen" einen Moment Zeit – zumin­dest solan­ge, bis man sich an den Dia­lekt gewöhnt hat –, wird man mit­ge­ris­sen. Mit­ge­ris­sen von einem Typen mit jeder Men­ge ame­ri­ka­ni­scher Rap-​Einflüsse, mit Pop-​Anleihen und Swag. Von einem Künst­ler, der sei­nen Style über die Jah­re hin­weg gefun­den hat. Kein Wun­der also, dass "Kirsch" auf durch­wegs posi­ti­ve Reso­nanz stößt und von vie­ler­lei gro­ßen Künst­lern – mit­un­ter Cas­per und Sido  – posi­tiv erwähnt wird. Die­sem Album soll­te man defi­ni­tiv einen Moment sei­ner Auf­merk­sam­keit schen­ken.

(Lukas Mai­er)

 

kiz

K.I.Z – Hur­ra die Welt geht unter

"Seht, was wir erschaf­fen haben, ihr müsst uns ein­fach lie­ben – die Orsons, Trai­ler­park, 257", rappt Tarek bereits auf "Wir", dem Intro des fünf­ten K.I.Z-Lang­spie­lers. Obwohl er es sicher­lich mit einem ver­schmitz­ten Lächeln meint: An der Grund­aus­sa­ge ist schon was Wah­res dran. Die vier Ber­li­ner präg­ten eine gan­ze Gene­ra­ti­on in Rap-​Deutschland mit unver­blüm­ter Offen­heit und erbar­mungs­lo­sen Tex­ten.

2015 erstrahlt der "Bier­gar­ten Eden" von Nico, Maxim, Tarek und DJ Craft hel­ler denn je. Es ist defi­ni­tiv das Jahr der Kan­ni­ba­len in Zivil – und das auch völ­lig zurecht, ver­öf­fent­lich­ten sie doch die­sen Monat erst eines der viel­leicht wich­tigs­ten Alben des Jah­res. Her­aus sticht da natür­lich "Boom Boom Boom", die Single-​Auskopplung der Crew, in der die anhal­ten­de Flüchtlings-​Debatte mit nur einer Zei­le auf den Punkt gebracht wird: "Denkt ihr, die Flücht­lin­ge sind in Par­ty­boo­te gestie­gen – mit dem gro­ßen Traum, im Park mit Dro­gen zu dea­len?" Gene­rell ver­drängt auf dem neu­en Album die Gesell­schafts­kri­tik Iro­nie und Sar­kas­mus mehr als bei frü­he­ren K.I.Z-Ver­öf­fent­li­chun­gen. Da gibt es mit Audio88 & Yas­sin auch spon­tan den poli­ti­schen Rund­um­schlag, der mit Man­ny Marc ega­li­siert wird und in der "Rum­mel­bums­dis­co" endet.

Wer ein Album der vier Künst­ler kauft, bekommt ein­fach ein Gesamt­pa­ket an Unter­hal­tung. Gegen alles und jeden wird geschos­sen, wenn auch nur sel­ten nament­lich. Den ein oder ande­ren Moment, an dem man sich selbst an die Nase packen muss, inklu­si­ve. Allei­ne durch ihre tages­ak­tu­el­le The­men­wahl und das muti­ge Auf­grei­fen einer Debat­te, die nie­mals eine Debat­te sein dürf­te, haben sich die vier Ber­li­ner einen Platz bei "Hört, hört!" red­lichst ver­dient. Oder um es mit den Wor­ten von K.I.Z selbst auf den Punkt zu brin­gen: "Hater, da habt ihr den Salat!"

(Sven Aumil­ler)