Kendrick Lamar – To Pimp A Butterfly

"Was?! Du kennst das nicht? Sekun­de, ich such' dir das mal raus." – und schon öff­net sich die Plat­ten­kis­te. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal, ob von einem Song, einem Künst­ler oder einem Album –, mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gera­de dann, wenn der Gesprächs­part­ner ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm das The­ma wich­tig ist, bit­tet man nicht all­zu sel­ten um eine Kost­pro­be. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unse­re Plat­ten­kis­te eben.

 

"To Pimp A But­ter­fly" ist nicht das, was man sich im Vor­feld erhoff­te. "To Pimp A But­ter­fly" ist vor allen Din­gen kein halb­ga­rer Auf­guss von "good kid, m.A.A.d. City". "To Pimp A But­ter­fly" ist auch nicht das Album, wel­ches man neben­bei im Auto auf sich wir­ken lässt, wäh­rend die Land­schaft an der Fens­ter­schei­be vor­bei­fliegt.

Nein. Ken­d­rick Lamars aktu­el­les Werk ist eins der sper­rigs­ten Stü­cke der Musik­ge­schich­te. Eine Plat­te, die von ihrer Ver­schlos­sen­heit lebt. Vom schwe­ren Klang­tep­pich aus Jazz-, Soul- und G-​Funk-​Elementen bis hin zu den The­ma­ti­ken exis­tiert kei­ne Stel­le, an der man sich sei­nen Zugang nicht mit der Lupe suchen muss. Ähn­lich ver­schlos­sen wie das Welt­bild eines erz­kon­ser­va­ti­ven Wei­ßen, des­sen Ras­sen­den­ken K.Dot häu­fig in sei­nen Tex­ten kari­kiert, indem er die Andeu­tun­gen mit afro­ame­ri­ka­ni­scher Sound-​Ästhetik kop­pelt. Fin­det man dann end­lich den Schlüs­sel zum kom­ple­xen Gebil­de, das Ken­d­rick da geschaf­fen hat, offen­bart sich durch das Schloss ein Escher-​eskes Kunst­werk. Jede Trep­pe und damit jede Zei­le fin­det einen ande­ren Anfang. Und den­noch: Alles bleibt inein­an­der logisch ver­wo­ben. So mag das Gespräch mit Tupac ("Mor­tal Man") auf den ers­ten Blick kom­plett wirr wir­ken, gleich­zei­tig schließt sich jedoch der Kreis wie­der in der Remi­nis­zenz an Shakurs "Keep ya head up", in dem sich die Zei­le "The bla­cker the ber­ry, the swea­ter the juice" wie­der­fin­det. So vie­le Anspie­lun­gen, Hul­di­gun­gen, Kri­ti­ken, dass die Über­sicht schnell abhan­den kommt. Und man sich selbst in Gedan­ken ver­liert, ohne dass "To Pimp A But­ter­fly" dar­an denkt, dich wie­der auf­zu­fan­gen. K.Dot zeich­net ein so düs­te­res Bild der Welt, dass "i" gegen Ende schon mehr aus­sagt als nur der Selbst­lie­be wegen zu funk­tio­nie­ren – es wird mehr zu einem musi­ka­li­schen Licht­blick.

Für Rap ist Ken­d­rick Lamar an sich viel­leicht genau die­ser Licht­blick. Wer behaup­tet, mit "To Pimp A But­ter­fly" sei ihm hier kein wei­te­rer Genie­streich gelun­gen, der hat schlicht­weg den Schlüs­sel für sei­nen Zugang – noch – nicht gefun­den.

(Sven Aumil­ler)

Auf Tonträger kaufen: