Snaga und Pillath

Snaga & Pillath – II

"Was?! Du kennst das nicht? Sekunde, ich such' dir das mal raus." – und schon öff­net sich die Plattenkiste. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man re­det über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal, ob von ei­nem Song, ei­nem Künstler oder ei­nem Album –, mit dem man nicht so recht et­was an­zu­fan­gen weiß. Und plötz­lich ha­gelt es Lobpreisungen, Hasstiraden oder Anekdoten. Gerade dann, wenn der Gesprächspartner ins Schwärmen ver­fällt und of­fen zeigt, dass ihm das Thema wich­tig ist, bit­tet man nicht allzu sel­ten um eine Kostprobe. Die Musik setzt ein und es be­ginnt, was der Person so sehr am Herzen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Herzen liegt: Ein Auszug aus der Musik, mit der wir et­was ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns be­rührt. Ein Griff in un­sere Plattenkiste eben.

 

Plattenkiste auf. Ein Grinsen über­kommt mich, als ich den Staub von der CD wi­sche, sie ab­spiele und die ers­ten Töne ein­set­zen. "Es ist wie­der so­weit! Meine Damen und Herren, zwei Jahre des Wartens wa­ren ge­nug! S, P, Ruhrpott!" (Pillath auf "Intro"). Nicht we­ni­ger ko­los­sal und von sich selbst über­zeugt klang "II" im Jahr 2009 zum ers­ten Mal durch die Lautsprecher des Landes.

Nicht we­ni­ger als das, was man von Pretty Snaga und Big Pillath letzt­end­lich ge­wohnt war. Punchlines um Punchlines, aber­wit­zig und mit Augenzwinkern prä­sen­tiert. "Und ich fickte sie halb­tot im WC – so­lang, dass ich ver­gaß, wie gut ich an­ge­zo­gen aus­seh'" (Pillath auf "Sag es al­len"). Kombiniert mit Ausflügen in eine raue und au­then­ti­sche Melancholie, wel­che nur in den sel­tens­ten Fällen kit­schig wirkt. "Und am Ende wird je­der sa­gen, dass er's ge­wusst hat – wenn du dei­nen Kopf weg­bal­lerst und end­lich Schluss machst …" (Snaga auf "Hol mich raus"). Die Hörer woll­ten ein Album der Pottprinzen – und sie be­ka­men auch ei­nes. Denn ge­nau das war es, was man von Snaga und Pillath er­war­tet hatte: Entertainment. Und ge­rade die Art und Weise, wie die­ses Entertainment ver­packt wurde, machte ein Snaga und Pillath-Projekt am Ende des Tages so groß­ar­tig. Unübliche Reimschemata und Silbenzählerei? Alles neu­mo­di­scher Schnickschnack. Auf "II" er­war­tete den Hörer Straßenrap, wie er pu­ris­ti­scher kaum sein könnte – von ei­ner Pott-​Kollaboration, die bei­nahe so gut zu­sam­men­passt wie der FC Schalke 04 und seine Nordkurve. Doch auch wenn diese ab­so­lut har­mo­ni­sche Symbiose be­reits ein sehr ho­hes Grundniveau be­reit­stellte, wa­ren es doch ge­rade die Solobeiträge, die Akzente setz­ten und das Werk im Gesamten ab­run­de­ten.

Aber warum ragt nun ge­rade "II" aus mei­ner Plattenkiste her­aus? Die Antwort ist sim­pel: Es ragt nicht her­aus. Es war und ist ein S&P–Album, wie es ty­pi­scher nicht hätte sein kön­nen. Und ge­rade das macht das Werk so groß­ar­tig. Keine Spielereien, keine Experimente. Raue Kompromisslosigkeit trifft auf herz­li­che Selbstverliebtheit und hin­ter­lässt mich ge­gen Ende des Werks im­mer wie­der aufs Neue mit ei­nem Wunsch: Dem nach ei­nem Comeback der Konstellation Pretty Snaga und Big Pillath.

(Lukas Maier)

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